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In den vergangenen Jahren wurden Fernsehserien mit erstklassigen Besetzungen, namhaften Regisseuren, raffinierter Dramaturgie und einer großen Nähe zur Politik produziert. Der Band „Politik in Fernsehserien“ versammelt nun 18 Aufsätze und Analysen zu „House of Cards“, „Borgen“ & Co. Thomas Rothschild kann den Band nicht uneingeschränkt empfehlen.

Politik in Fernsehserien

Francis Underwood statt Trump

Fernsehserien galten traditionell mit gutem Grund als ideologisch und künstlerisch minderwertig, als trivial und seicht. Für die deutsche Variante hat Friedrich Knilli 1985 mit seiner „Unterhaltung der deutschen Fernsehfamilie“ das gültige Standardwerk geschrieben. In den vergangenen Jahren hat sich, insbesondere in den USA, auf diesem Feld einiges verändert. Es sind Serien produziert worden, die für viele Beobachter mit ihren erstklassigen Besetzungen, mit namhaften Regisseuren, mit raffinierter Dramaturgie und mit einer größeren Nähe zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, damit auch zur Politik, die Stelle des Artfilms eingenommen haben. Sogar Filmfestivals zeigen neuerdings Fernsehserien, und ernsthafte Analysen gehen ihrem Erfolg auf die Spur. Mit der Politisierung sind sie nicht mehr nur für Medienwissenschaftler, sondern auch für Politikwissenschaftler von Interesse.

Der Band „Politik in Fernsehserien“ versammelt 18 Aufsätze zum Thema. Ob man die Fernsehserien in ihrer heutigen Form der Popkultur zurechnen soll, wie es der Herausgeber in seiner Einleitung tut, ist die Frage. Mit Andy Warhol haben sie ebenso wenig gemeinsam wie mit den Beatles. Wer „The Sopranos“ als Popkultur katalogisiert, kann das ebenso gut mit dem „Paten“ tun. Damit aber verwischt man die Grenzen, die Francis Ford Coppola von Helene Fischer trennen.

Es verwundert nicht, dass mehrere Autoren nach dem Realismus, dem Realitätsgehalt der Politikserien und damit nach ihrem (didaktischen) Nutzwert fragen. Es liegt wohl auch an der spezifischen Sichtweise von, zumal europäischen, Politikwissenschaftlern – in diesem Fall eines Kollektivs von Politikmanagern der Universität Duisburg-Essen –, dass sie dazu neigen, die dänische Serie „Borgen“ zu überschätzen. Dass sie dramaturgisch und filmisch mit „The West Wing“ oder „House of Cards“, ja selbst mit dem etwas anders fokussierten „Newsroom“ konkurrieren könne, darf man wohl in Zweifel ziehen.

Eine weitere Einschränkung durch die politikwissenschaftliche Perspektive bedeutet der Verzicht auf den Blick über den Serienbereich hinaus. Dass das Durchbrechen der „vierten Wand“ „ein Alleinstellungsmerkmal von HoC [„House of Cards“, Th.R.] und der Originalserie der BBC“ sei, gilt allenfalls im Vergleich mit anderen Fernsehserien, aber weder bei Berücksichtigung der Filmgeschichte (siehe beispielsweise „Hellzapoppin‘“), noch des Theaters. Kevin Spacey selbst hat auf den Einfluss von „Richard III.“ hingewiesen. Er muss es wissen. Er hat den Schurken auf geniale Weise verkörpert, ehe er Francis Underwood (und aus dieser Rolle wegen außerkünstlerischer Verfehlungen wieder entlassen) wurde.

„Frappierend bleibt“ in der Tat, was die Autoren eines zweiten Aufsatzes über „House of Cards“ empirisch herausgefunden haben: „Dem fiktiven Charakter Frank Underwood werden – obwohl er in der Serie mehrere Morde [Prädikat fehlt, Th.R.] und auch sonst regelmäßig gegen Moral und andere Normen verstößt – konstant höhere politische wie persönliche Kompetenzen zugeschrieben als Donald Trump.“ Weniger überraschend ist das Fehlen eines Beweises, „dass ein höheres oder geringeres Maß an politischem Zynismus ein Merkmal der Zuschauer der Serie“ sei. Die Annahme, Zuschauer würden sich einen Charakterzug einer fiktiven Figur aneignen, ist nicht nur reichlich naiv, sondern widerspricht auch den Ergebnissen der Wirkungsforschung. Schon die Prämisse, „dass Zynismus für die Rezeption der Serie eine besondere Rolle spielen mag“, ist missverständlich. Soll das heißen, dass zynische Zuschauer für diese Serie prädisponiert seien? Woher hätten sie vor der Rezeption wissen können, dass ihnen die Serie mit ihrer Hauptfigur darin entgegenkommen würde? Oder soll es heißen, dass die Rezeption durch den Zynismus des Protagonisten geprägt wird? Das ist ebenso absurd, als unterstellte man „Falstaff“, dass Völlerei für die Rezeption von Verdis Oper eine besondere Rolle spiele.

Hervorgehoben sei Manfred Mais Beitrag über „Filme zwischen künstlerischer Freiheit und politischer Erkenntnis“, der, über die eigentliche Thematik des Bandes hinausgehend, einen knappen historischen Überblick von den Surrealisten und dem frühen Sowjetfilm bis zu Ken Loach bietet.

Zwei Aufsätze des Bandes widmen sich der Serie „House of Cards“

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erstellt am 25.7.2018

Niko Switek (Hg.)
Politik in Fernsehserien
Analysen und Fallstudien zu House of Cards, Borgen & Co.
402 Seiten
ISBN: 978-3-8376-4200-1
transcript Verlag, Bielefeld 2018

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