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Die oft bestaunte kulturelle Dichte in Deutschland verdankt sich nicht nur ihrer finanziellen Unterstützung, die in anderen Ländern größer und nachhaltiger ist, sondern der Initiative einzelner Persönlichkeiten, die das unbedingt wollen. Eine dieser Unternehmungen ist das Schwarzwaldfestival „Rossini in Wildbad“, dessen Aufführungen zum 30-jährigen Bestehen Hans-Klaus Jungheinrich genossen hat.

30 Jahre »Rossini in Wildbad«

Ein Herrscher der Oper

Foto: Rossini in Wildbad
Foto: Rossini in Wildbad

Unter den sommerlichen Musikfesten Mitteleuropas gibt es, neben den großen wie Salzburg, Bayreuth, Glyndebourne und Aix, die auf vielen Schultern ruhen, auch kleinere, deren Gedeihen einzelnen Personen zu verdanken ist und die mit diesen womöglich stehen und fallen. Da könnte man an Herrenchiemsee denken, die spektakulär situierte Initiative des kürzlich verstorbenen Enoch zu Guttenberg, der hier mit seinen beträchtlichen künstlerischen Ressourcen nicht nur ingeniöse Veranstaltungen anstiftete, sondern sich auch gewissermaßen mit einem Augenzwinkern als Wiedergänger des kunstsüchtigen Bayernkönigs Ludwig II. zelebrieren konnte. Sein geographisch gar nicht weit entfernter Idealkonkurrent Gustav Kuhn residiert im tirolerischen Erl, wo er sich sogar ein eigenes Theater bauen lassen konnte, in dem er seither nach Herzenslust die tollsten Meisterwerke eigenhändig dirigiert und inszeniert. Dafür bedarf es freilich auch beträchtlicher Kollektive, die glücklichenfalls kostensparend aus dem östlichen Europa rekrutiert werden können – da lässt sich auch vom dort traditionell hohen musikalischen Ausbildungsstandard profitieren. Ähnlich muss das Festival „Rossini in Wildbad“ kalkulieren, wo der professionelle Opernenthusiast Jochen Schönleber nun zum dreißigsten Mal für gut zwei Juliwochen Freunde des Belcanto zusammentrommelte. Auch diese Unternehmung im Schwarzwald-Kurstädtchen entlang der Enz, das bessere Tage gesehen hat, aber immer noch mit einem mondänen Flair bezaubern kann, trägt den Stempel einer Ein-Mann-Einrichtung, und wenn es schon vieler Mitwirkender bedarf, um sie lebendig zu machen und am Leben zu halten, so ist Schönleber doch unverkennbar die „Seele“ des Ganzen, der alles im Blick habende Organisator und auch der programmatische künstlerische Kopf.

Mit dem großen Bayreuth teilt Wildbad die monothematische Fixierung auf das Œuvre eines einzigen Meisters (und höchstens einiger Nebenfiguren seiner Epoche). Mit Wagner vermochte Rossini – gut eine Generation vorher – den Anspruch eines Herrschers der Oper zu teilen. Mit der funktionierenden Achse Italien-Paris war Rossini für die damalige Zeit noch „internationaler“ orientiert als der schließlich auf Deutschland zentrierte Bayreuther. Rossini hinterließ dreimal so viele Opern wie Wagner, wobei er freilich nicht mit jeder die Dramaturgie neuerfand. Trotz reichlichen Umgangs mit Modellen und Schablonen entstand jedoch ein gewaltiger Block von Stücken, den die Musikgeschichte und die Aufführungspraxis nicht einfach übergehen kann. Im 20. Jahrhundert waren außerhalb Italiens nur „Il Barbiere di Siviglia“ und allenfalls „Guillaume Tell“ im Repertoire – sozusagen jeweils als pars pro toto für den „komischen“ und den „ernsten“ Rossini. Es zeigt sich aber immer wieder, dass die anderen rund 40 Werke kaum weniger lohnend sind. Wenn sie regelmäßig gespielt würden, wäre in den Opernhäusern für nichts anderes mehr Platz.

Also bedürfen sie noch dringlicher einer exklusiven Anstrengung als das allgemein hinreichend bühnenbeherrschende Œuvre Wagners. Rossini macht es auch, was die Besetzungen betrifft, etwas leichter. Nicht allerdings hinsichtlich der Sänger – hier sind ausgebuffte Virtuosen erforderlich. Die Globalisierung des Sänger-„Marktes“ (eine der wenigen erfreulichen Globalisierungserscheinungen) hat die noch vor 30 Jahren flagrante Not an Rossini-(wie an Wagner-) Stimmen behoben. Das ist auch an der Entwicklung des Wildbad-Festes seit dem Gründungsjahr (1989) abzulesen. Nach wie vor treten hier durchweg jüngere Sängerinnen und Sänger auf, die erst morgen oder übermorgen an den großen Häusern figurieren werden. Aber das Niveau hat sich kontinuierlich gesteigert. An Laien- oder Studentenaufführungen braucht man nicht mehr zu denken.

Rossinis allererste Komische Oper: „L’equivoco stravagante“, Foto: Patrick Pfeiffer

Die Lokalitäten in Wildbad sind imstande, das geradezu schlagend zu illustrieren. Im zierlichen Königlichen Kurtheater erklang jetzt eines der im letzten Wildbader Dritteljahrhundert beliebtesten und dort am meisten aufgeführten Rossinistücke, die Buffa „L’equivoco stravagante“ („Die verrückte Verwechslung“) aus dem Jahre 1811. Hier schmetterte der Gorecki Chamber Choir aus Polen mit bloß einer Handvoll männlicher Akteure in Schottenröcken das Haus förmlich in Grund und Boden, und auch die Instrumentalisten der mährischen Virtuosi Brunenses füllten anstrengungslos noch den letzten Winkel des Raumes mit Klang. Das solistische Vokalsextett endlich, ob einzeln oder zusammen, funktionierte wie die Posaunen von Jericho. Man konnte in kurioses Sinnieren verfallen. Wäre allgemeine Lautstärkedämpfung als Kardinalproblem anzugehen (eventuell ergäbe sich daraus eher eine Behinderung der Spielfreude)? Oder ist’s gerade richtig so, weil unter den vielen älteren Semestern im Publikum ja sicher auch zahlreiche Schwerhörige sind?

Diese allererste Komische Oper Rossinis frappiert mit einer Handlungswendung, der zufolge ein veritables Weibsbild im Zuge einer Intrige fälschlich als Kastrat in Frauenkleidern ausgegeben wird. Das veranlasst zu einer ergötzlichen Geschlechter-Irritation, der die profunde Altistin Antonella Colaianni (als Ernestina) in Duktus und Spiel bravourös huldigt – eine Weile ist sie tatsächlich als Transvestit wahrnehmbar. Und der Strippenzieher Frontino (Bariton Sebastian Monti) ist ohne weiteres imstande, in Anspielung auf den Kastraten in höchster Countertenorlage zu koloraturieren. Jochen Schönlebers Szenographie (Regie und Bühnenbild) arbeitet mit drastischen, aber nicht plumpen Effekten. Zur Ouvertüre werden die Hauptpersonen, gleichsam hinter Paravants hervorkommend, in ihrer Typik präsentiert – der gefoppte reiche Dümmling als alberner Möchtegern-Popstar (auch sängerisch potent: Emmanuel Franco), der erfolgreiche arme Liebhaber als schüchtern augenrollender Schwarzgelockter (brillante Tenor-Tessitura: Patrick Kabongo).

Ägyptisch-israelischen Personal: Rossinis Moses-Oper „Moise“, Foto: Patrick Pfeiffer

Wildbad wagt sich auch an die größten Rossiniformate, und so wurde „Moise“ von 1827, die französische Version von Rossinis neapolitanischer Mosesoper (die italienische Fassung wurde 2017 im Bregenzer Festspielhaus in Erinnerung gerufen), in der Trinkhalle im Kurpark zu einer wirklichen Attraktion. Das im Vergleich zum gegenüber liegenden Theater etwas geräumigere Gebäude lässt gleichwohl ebenfalls gediegene Stimmen als monumental erscheinen. Der biblische Titelheld machte schon mit den ersten Tönen klar, dass er autoritativ seine Umgebung zu dominieren versteht – Alexey Birkus mit bald donnernder, bald seine visionären Gewissheiten auch in sektenpredigerhaften Sanftheit vermittelnder Tongebung. Unter dem des weiteren zahlreichen ägyptisch-israelischen Personal ist das Liebespaar Anai-Amenophis bei weitem der interessanteste und anrührendste Faktor. Eine ähnliche Konstellation wie in „Aida“: eine „Mischehe“ zwischen verfeindeten Völkern wird nicht gestattet. Das im Libretto nicht eigens problematisierte Einknicken der Jüdin angesichts der mosaischen Gehirnwäsche kann von einer modernen Interpretation natürlich nicht naiv übernommen werden. Jochen Schönlebers Regie lässt die schöne Anai am Schluss nicht getrost mit ihren Volksgenossen durchs Rote Meer ziehen, sondern einsam und nonnenhaft in einem Niemandsland zurückbleiben. Insbesondere die Partien dieses Paares, atemberaubend gesungen von Randall Bills und Elisa Balbo, zeigen die artifizielle Fertigkeit der Rossini’schen Stimmführung nicht im Dienste komischer Äquilibristik, sondern sehr überzeugend als Ausdruck ins Extrem getriebener „seriöser“ Gefühle.

Mit sozusagen Null Bühnentechnik gelang Schönleber eine ansprechende, durch aktualisierende Filmprojektionen dezent bereicherte Darstellung. Geradezu elektrisierend war die Bebilderung der Ballettmusik im dritten Akt – halb Gesellschaftstanz der zeitlos-modern gekleideten Festgäste (Kostüme: Claudia Möbius), halb Staatsaktion des Pharao und seiner Getreuen. Der Chor aus Polen und das Orchester aus Brünn waren diesmal groß besetzt, und unter der in jedem Moment inspirierenden Leitung von Fabrizio Maria Carminati arrangierten sich die musikalischen Eindrücke aufs beste und eindringlichste. Rossini ist eine eigene Welt, und jedes Jahr ist darüber in Wildbad mehr und anderes zu erfahren.

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erstellt am 25.7.2018

Gioachino Rossini, 1865, Foto: Étienne Carjat
Gioachino Rossini, 1865, Foto: Etienne Carjat