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Am 25. Juli 2018 feiert der in Frankfurt lebende Romanist Harro Stammerjohann seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass würdigt der Salzburger Romanistikprofessor Matthias Heinz, ein Schüler Stammerjohanns, dessen wissenschaftliches Werk.

Harro Stammerjohann zum 80.

Im Spiegel der Sprache

Von Matthias Heinz

Harro Stammerjohann hat als Professor für Romanische Sprachwissenschaft zunächst in Frankfurt, wo er bis heute lebt und mit kulturellen Initiativen präsent ist, dann auf einem Lehrstuhl an der TU Chemnitz für Französische und Italienische Sprachwissenschaft Wesentliches als Vermittler ganz besonders zwischen italienischer und deutscher Geisteswissenschaft geleistet. Neben bedeutenden Arbeiten in vielen Bereichen der romanischen Sprachwissenschaft (früh bekannt wurde er mit seiner Pionier-Dissertation zur später dann boomenden Sprechsprachenforschung und Korpuslinguistik, zuletzt hat er ein Buch mit sprachtypologischen Betrachtungen vorgelegt, das dieser Tage bei Stauffenburg in Tübingen erscheint: Das Italienische am Italienischen: die italienische Sprache in Vergleichen) und romanistischen Fachgeschichte hat er die deutsch-italienischen Kulturbeziehungen im Spiegel der Sprache in Geschichte und Gegenwart erhellt. Mit wenigen anderen deutschen Romanisten ist er korrespondierendes Mitglied der altehrwürdigen italienischen Sprachakademie (Accademia della Crusca) in Florenz.

Seine intellektuell-akademische Biographie ist sehr interessant und beeindruckend: 1938 geboren hat er ab 1958 in Kiel, Wien und Bologna studiert und wurde 1966 bei Harald Weinrich promoviert. Nach seiner Promotion war er mehrere Jahre als Visiting Professor in den Vereinigten Staaten, an renommierten Hochschulen der Ost- und Westküste wie Rutgers und Riverside, tätig. Bereits 1972 wurde er nach Frankfurt berufen, von dort wechselte er 1993 auf eine Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft an die TU Chemnitz, wo er mithalf, die Geisteswissenschaften aufzubauen. Gastprofessuren führten ihn an die UCLA, nach Zürich und Bozen.

Ihm verdankt sich neben vielem anderen die Herausgabe eines umfassenden Handbuchs der Linguistik, des monumentalen Lexicon Grammaticorum, eines Who is Who der Linguistik, der Gazzetta di Weimar, einer italienischen Zeitschrift im Weimar der Klassik, ein bei der Accademia della Crusca erschienenes Wörterbuch der Italianismen im Französischen, Englischen und Deutschen (Dizionario di italianismi in francese, inglese, tedesco, Florenz 2008, dessen Initiator und Autor zusammen mit einer Gruppe von Mitautoren ist); hieraus ist ein internationales Forschungsprojekt entstanden (Osservatorio degli Italianismi nel Mondo/OIM, es ist unter Leitung von M. Heinz und L. Serianni bei der Sprachakademie in Florenz angesiedelt).

In einem in Italien und darüber hinaus vielbeachteten Buch mit dem bezeichnenden Titel La lingua degli angeli ('Die Sprache der Engel', Florenz 2013) hat er Jahrhunderte von Sprachbewertung und Sprachlob des Italienischen sowie dessen sprachliche Spuren in den Sprachen Europas zusammengetragen. Neben literarischen Übersetzungen, dem Organisieren von zahlreichen Konzerten und Lesungen hat er sich vielfach mit dem Schicksal jüdischer Intellektueller und Wissenschaftler im Italien der dreißiger und vierziger Jahre beschäftigt, darunter Intellektuelle wie der Literaturwissenschafter und Semiotiker Cesare Segre, mit dem er in engem Kontakt stand.

In der deutschsprachigen Fachwelt bekannt und geschätzt, etwa als langjähriger Herausgeber (zusammen mit Frank-Rutger Hausmann) des zweitältesten romanistischen Fachorgans, der Romanischen Forschungen, dürfte Harro Stammerjohann in Italien zu den bekanntesten deutschen Romanisten zählen – wenn er nicht der bekannteste ist, da er auch durch Artikel und Interviews zu kulturellen Fragen in wichtigen Zeitungen des Landes in Erscheinung getreten ist (so dem angesehenen Wochenendfeuilleton der Wirtschaftszeitung Il Sole 24 ore). Als Freund des kürzlich verstorbenen römischen Sprachwissenschaftlers, ehemaligen italienischen Bildungsministers und public intellectual Tullio De Mauro hat er auch die politische Entwicklung Italiens immer aufmerksam und mit großer Empathie verfolgt.

Die bei ihm ausgeprägte Verbindung aus linguistisch-theoretischen Interessen mit einer großen Sensibilität für literarische Stilistik und kulturgeschichtliche Zusammenhänge gehört zu jenen rar gewordenen Kombinationen, die die deutschsprachige Romanistik für einige Zeit zu einem leitenden Paradigma machten. Was ihn unbestreitbar auszeichnet, ist sein unbestechliches wissenschaftliches Urteilsvermögen gepaart mit einem bei aller eigenen Activitas genuinen, unerschöpflichen Interesse und hoher Wertschätzung für die Arbeiten anderer, Schüler, Kollegen und Vertreter auch weiter entfernter Disziplinen.

Der Autor

Dr.phil.habil Matthias Heinz, 1974 in Heidelberg geboren, ist seit 2013 Professor für romanistische Sprachwissenschaft an der Universität Salzburg.

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erstellt am 25.7.2018

Harro Stammerjohann, Foto: privat
Harro Stammerjohann, Foto: privat
Gerade erschienen:

Harro Stammerjohann
Das Italienische am Italienischen
Die italienische Sprache in Vergleichen
Stauffenburg Verlag, 2018

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