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Mit einem umjubelten Konzert des Violinisten Pinchas Zukerman haben die Ludwigsburger Schlossfestspiele 2018 ein triumphales Ende genommen. Thomas Rothschild sah dort außerdem die Händel-Oper „Lucio Cornelio Silla“, einen von Igor Levit begleiteten Auftritt des Tenors Simon Bode und eine musikalische Balkanreise des Ensemble „L‘Arpeggiata“.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2018

Jazz auf der Gadulka

Ludwigsburgs schönster, leider viel zu wenig genutzter Ort für die authentische Präsentation von Barock ist das Schlosstheater, mit dem sich nur noch jenes in Celle messen kann. Es ist also genau der richtige Raum für die Übernahme der historisierenden Inszenierung einer nahezu unbekannten Oper von den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen.

Historisierend sind nicht nur die Kostüme und das Bühnenbild – so oder so ähnlich wie hier in der Regie von Margit Legler dürften Opernaufführungen im 18. Jahrhundert ausgesehen haben, wie wir aus Beschreibungen und Rollenbildern ahnen können. Gesungen wird an der Rampe, stilisierte Gesten, Armhaltungen und Fußstellungen lassen den Realismus, der dessen Theaterästhetik von Achim Freyer oder Herbert Fritsch trennt, als Irrweg erscheinen, der seine Heimat schließlich im Fernsehen fand. Blitz und Donner kommen als Bühneneffekt daher und lassen einen Teil des Triumphbogens zwischen den verschiebbaren Seitenkulissen aus dem Fundus und unter Soffitten abbrechen. Der Gott Mars kommt in Lucio Cornelio Sillas Traum und am Ende als der wahrhaftige Deus ex machina auf einer Wolke aus dem Bühnenhimmel herab geschwebt. Und die Regie versucht gar nicht erst, die für Barockopern typischen Wiederholungen, die vom Text her nichts Neues hinzuzufügen haben, inszenatorisch zu kaschieren.

Historisierende Kostüme: „Lucio Cornelio Silla“, Foto: Alciro Theodoro da Silva / Händel Festspiele Göttingen

Bekannter ist Mozarts Oper über den römischen Tyrannen und sexuellen Freibeuter Lucio Silla, der eigentlich Lucius Cornelius Sulla hieß. Bei Mozart ist Sillas Handlungsweise ein treffliches Beispiel für jene Autonomie und Gnade, die Ivan Nagel eindrucksvoll analysiert hat. Bei Händel erfolgt Sillas Läuterung reichlich unvermittelt. Bei ihm liefert das Libretto von Giacomo Rossi im Wesentlichen lediglich Anlässe für Arien und Duette. Die Musik freilich, tadellos vorgetragen von den Sängerinnen und Sängern sowie vom Ensemble 1700 unter der Leitung der Blockflötistin und Professorin für Alte Musik Dorothee Oberlinger, bedarf keiner Nachsicht. Vielmehr verwundert es, dass sie nicht häufiger zu hören ist, selbst wenn die wahrscheinlich 1713 uraufgeführte und erst 1990 (!) zum zweiten Mal aufgeführte Oper sich gegen eine Inszenierung nach heutigem Geschmack sperren mag.

Gestern Oper von Händel, heute geistliche Musik von Bach. Das passt. So stellen sich die Konkurrenten im öffentlichen Bewusstsein dar. Wie aber sieht es aus mit der Religiosität von Bachs Musik? Ist sie, über die benutzten Texte hinaus, tatsächlich religiös? Konnte nur ein gläubiger Mensch sie schreiben? Darüber gehen die Meinungen auseinander, und in der Regel hängt die Antwort von der Gesinnung dessen ab, der sie gibt. Gläubige Christen bestehen darauf, dass nur ein religiöser Mensch so komponieren konnte wie Bach. Agnostiker erkennen in seiner Musik keine objektivierbaren Hinweise auf Religiosität. Für sie unterscheiden sich Bachs geistliche Werke nicht grundsätzlich von seinen weltlichen Kompositionen.

Wie dem auch sei: Was Michael Volle und die Akademie für Alte Musik Berlin in Ludwigsburgs Evangelischer Stadtkirche anboten, drei Kantaten plus instrumentale Teile aus Kantaten, gewährte einen Hochgenuss, dem Gläubigen ebenso wie dem Atheisten. Kritiker sprechen gerne von „Wagner-Sängern“ und schließen sie damit unausgesprochen für andere Partien der Opernliteratur aus, als könnte ein ausgezeichneter Hamlet-Darsteller nicht auch den Zettel spielen. Michael Volle ist ein Wagner-Sänger, aber er ist auch ein Bach-Sänger der ersten Liga. Womit eigentlich schon gesagt ist, dass es nicht an der Religiosität liegt, sondern an der Stimme, der Intonation, der Kommunikation mit dem Orchester und nicht zuletzt der Artikulation.

Ein Mann für alle Fälle: Der Pianist Igor Levit, Foto: Robbie Lawrence

Er ist der Mann für alle Fälle. Hélène Grimaud hat Migräne oder vielleicht auch bloß keine Lust: Igor Levit springt ein. Khatia Buniatishvili oder Lizi Ramishvili ist erkrankt (oder sind es alle beide?): Igor Levit springt ein. Der gebürtige Russe, der seit seiner Kindheit in Deutschland lebt und längst zur ersten Riege der Konzertpianisten zählt, ist sich auch nicht zu fein, einem Sänger als Klavierbegleiter zur Seite zu stehen (oder vielmehr: zu sitzen). Mit dem Tenor Simon Bode verbindet Levit nicht nur ein gelegentlicher Auftritt – sozusagen zur Aufbesserung des Taschengelds –, sondern eine kontinuierliche Zusammenarbeit, und so konnte man den beiden die Freude anmerken, als sie einen der bekanntesten Liedzyklen, Schuberts „Schöne Müllerin“, in vollkommener Übereinstimmung zu Gehör gebracht hatten. Bode interpretiert die Lieder erkennbar vom Text ausgehend, ohne die Subtilitäten der Intonation zu vernachlässigen. Und er gibt sich hier, obwohl er, wie Volle, auch Opern singt, tatsächlich als dezidierter Liedersänger. Im „Anhang“, ohne Pause, präsentierten Bode und Levit Wolfgang Rihms „Hochrot“ aus dem Zyklus „Rot“ nach sechs Gedichten der Karoline von Günderrode und machten so erfahrbar, wie sehr Schubert ins 20. Jahrhundert und auf Rihm im Besonderen weitergewirkt hat.

Bei einem 26-Jährigen kann man wohl nicht mehr von Wunderkind sprechen, selbst wenn er mit acht Jahren sein erstes Konzert gab und mit dreizehn von Alfred Brendel als Schüler angenommen wurde. Zusammen mit dem Geiger Andrej Bielow und dem Cellisten Adrian Brendel durfte Kit Armstrong die Vielfalt seiner Begabungen unter Beweis stellen, aber auch seine besondere Affinität zum Impressionismus, zu Maurice Ravels Suche nach außergewöhnlichen Klangfarben und seinen Experimenten mit Jazzanklängen. Ein paar Tage später lud ein anderes Klaviertrio, das sich nach dem Philosophen und begleitet von dessen Texten Trio Adorno nennt, in den Ordenssaal.

Christina Pluhars Ensemble L‘Arpeggiata ist Stammgast bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und längst einer ihrer Höhepunkte. Langeweile kommt nicht auf. Christina Pluhar lässt sich immer etwas Neues einfallen. Diesmal begibt sie sich auf „Eine Balkanroute“, zusammen mit den Vokalsolisten Céline Scheen, Vincenzo Capezzuto, Katerina Papadopoulou, die schon in früheren Programmen mit L‘Arpeggiata aufgetreten sind, und mit Nataša Mirković und dem sechzehnköpfigen bulgarischen Frauenchor Angelite. Zu den alten Instrumenten des Stammensembles gesellen sich auf dieser musikalischen Reise ein Akkordeon und eine Gadulka aus Bulgarien und eine Lyra aus Griechenland. Sie ergeben einen faszinierenden Sound, wie auch die ganz unterschiedlichen Stimmfarben und Stilrichtungen der Sänger zusammenpassen, als hätten sie immer schon eine Einheit gebildet.

Begab sich auf „Eine Balkanroute“: Vokalsolistin Celine Scheen, Foto: Dina Köttgen

Das Konzert beginnt langsam, elegisch, mit getragenen Melodien, die vokal wie instrumental reich verziert werden. Das Material ist größtenteils traditionell folkloristisch, aber die Renaissancemusik prägt das Klangideal. Das Akkordeon vermählt sich mit den alten Instrumenten. Da schlägt der Pianist Jazzrhythmen an, Kontrabass, Perkussion, das Akkordeon und sogar die Gadulka, die wie die kretische Lyra auf dem Schoß gehalten wird, stimmen ein. Dann kommen die Frauen von Angelite in ihren farbigen Trachten und mit ihren kehligen Stimmen wie den charakteristischen Juchezern zum Zug. Welch ein Abend jenseits der Kategorien und der musikalischen Klischees! Welch eine zu Tränen rührende Schönheit! Was wird uns Christina Pluhar wohl im nächsten Jahr bringen? Ich empfehle eine musikalische Entdeckungsreise nach Sibirien.

Anne Teresa De Keersmaeker ist nicht nur eine der originellsten Choreographinnen der Gegenwart, sie ist wohl auch jene, die am stärksten und eigenwilligsten von der Musik ausgeht, die sie ihren Stücken zugrundelegt. Es sind in der Regel vollständige Kompositionen, und sie werden gerne live, auf der Bühne, vorgetragen, so etwa „Vortex Temporum“ für Klavier und fünf Instrumente von Gérard Grisey oder, unter dem bei Luther entlehnten Titel „Mitten wir im Leben sind“ – musikalisch Welten entfernt – Bachs sechs Cellosuiten in der Interpretation des französischen Spitzensolisten Jean-Guihen Queyras, dem man seine 51 Jahre nicht ansieht. Die Wahl dieses Werks, das zum Repertoire jedes Cellisten gehört, schon weil es kaum Literatur für Cello-Solo gibt, deutet auf Reduktion hin. Das überrascht nicht bei De Keersmaeker, übertrifft sich aber selbst an Sprödheit und Strenge. Einige Zuschauer hielten das nicht zwei Stunden lang aus und verließen, reichlich rücksichtslos, den Saal während der Vorstellung. Fußball dauert bekanntlich nur 90 Minuten.

Thematisch schließt das Luther-Motto mit seinem Memento mori sowohl an Bachs Kantaten wie auch an Schuberts „Schöne Müllerin“ an. Der Cellist sitzt auf der leeren Bühne auf einem Schemel, nimmt bei jeder der Suiten eine andere Position ein, wird von einem Lichtkegel aus dem Halbdunkel herausgeschnitten. Um ihn herum agieren drei Tänzer und zwei Tänzerinnen, nicht in Spitzenschuhen oder Schläppchen, auch nicht barfuß, sondern in Sneakers, meist solistisch, seltener zu zweit, ein Mal kurz zu dritt und zur letzten der sechs Suiten gemeinsam, zu fünft. Sie schreiten, strecken den Arm gerade aus, winden sich, wälzen sich am Boden, halten allein oder zusammen mit der Musik inne. Stellenweise erinnert das an Ausdruckstanz, auch an Gymnastik.

Pinchas Zuckerman, Foto: Cheryl Mazak
Pinchas Zuckerman, Foto: Cheryl Mazak

Star des letzten Abends war Pinchas Zukerman, der schon vor drei Jahren das Abschlusskonzert mit dem Festspielorchester bestritten hat. Diesmal glänzte er nicht mit Beethovens Violinkonzert, sondern mit dem nicht minder populären Nr. 5 in A-Dur von Mozart. Eigentlich stand das Doppelkonzert für Violine und Violoncello a-Moll op. 102 von Brahms auf dem Programm, aber Zukermans Gattin, die kanadische Cellistin Amanda Forsyth, hatte sich ihre Hand verletzt, und so wurde es eben Mozart, vor Mahlers üppiger, melodiefreudiger erster Symphonie. Großer Jubel im vollbesetzten Forum, die Saison hat ein triumphales Ende genommen.

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erstellt am 23.7.2018

Christina Pluhar, Foto: Marco Borggreve

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