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Es gibt Gemälde, die sehr modern wirken, obwohl sie schon Jahrhunderte alt sind. Der Venezianer Jacopo Tintoretto malte um 1556 ein solches Bild. Es heißt: „Das Jüngste Gericht“ und hängt in der gotischen Kirche Madonna dell`Orto. Zum bevorstehenden 500. Geburtstag Tintorettos blickt Ria Endres auf das dramatische Gemälde und das Venedig seiner Entstehungszeit.

»Das Jüngste Gericht« von Jacopo Tintoretto

Sintflut im Zeitraffer

Auf dem über 14 Meter hohen Wandbild mischt sich das Geschehen des Jüngsten Gerichts mit der Sintflut. Wassermassen stürzen in die Tiefe und können auch nicht von den vielen Engeln, die sich in diesen Strudeln verfangen haben, aufgehalten werden. Tintoretto lässt keinen Zweifel daran, dass er die Bibel kennt und besonders auch Michelangelos Weltenrichter aus der Sixtina, der die Verdammten gnadenlos in der Hölle verharren lässt. Aber auf Tintorettos Gemälde vergeht die Zeit für das Jüngste Gericht noch schneller als bei Michelangelo, und so befinden wir uns in einem geradezu rasenden dramatischen Endzeitgeschehen, wenn wir nur genau hinsehen. Allein schon durch seine fast panisch anmutende Malweise des vom Sturm gepeitschten Regens ist die Erregung des Malers sichtbar, und fast automatisch entsteht eine nervöse Nähe zu unserer modernen Weltuntergangsstimmung, die von doppeldeutigen meteorologischen Aussagen gefüttert wird. Immer öfter ist nämlich die Rede von „apokalyptischem Unwetter“ und von einer „Sintflut“, die zum Normalfall wird.

Tintorettos Venedig

Wie sah das Venedig des 16. Jahrhunderts aus? Als drittgrößte Stadt Europas brillierte es gerne mit offiziellen pachtvollen Festen. Für die Handelspartner sollte ein geradezu unermesslicher Reichtum in Szene gesetzt werden. Allein schon das Prunkschiff des Dogen zeigte das Prestige Venedigs. Die Mächtigen – und das waren vor allem die über 200 aristokratischen Familien – feierten verschwenderisch in Brokatroben und prosteten sich aus kristallenen Gläsern aus Murano zu. Die Tische bogen sich unter Käse, Schmalzgebäck, frittierten Seezungen, Marzipan, Kirschen, Zitronen, Hühnern, Muscheln, Schinken und Wein. In der Stadt der Prozessionen trugen die Wohlhabenden gerne Kleider aus karmesinrotem Seidensamt, schwarzer Angorawolle und Damast. Pelze von Steinmardern, perlenbestickte Schleier, Knöpfe aus Bernstein und Stoffschuhe sieht man häufig auf den Gemälden der Renaissancemaler. Schöne Konkubinen, behangen mit glänzendem Schmuck, lächeln von den Marmorballustraden herab. In den weltberühmten Glasspiegeln aus Murano konnten sich die eitlen Venezianer betrachten. Trotzdem hatte die Quelle des Reichtums, nämlich der Handel mit dem Orient 1453 seit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken Brüche bekommen. Der schleichende Niedergang musste aber verborgen werden. Gerade wegen der Angst vor dem Ruin wurde eine enorme künstlerische Pracht entfaltet: Patrizerbauten, Kirchen, Musik, Malerei und vor allem Ausschweifungen aller Art, an denen auch der Klerus teilnahm, verbargen die Schieflage. Es gab natürlich auch die Volksfeste der unteren Schichten und die Feuerwerke und Brückenkämpfe der verfeindeten Viertel.

Venedig ist als frühkapitalistische Stadt ohne Habsucht, Geiz, Eigennutz und Korruption nicht vorstellbar. Die christlichen Kaufleute und der Klerus kannten keine Moral, sie tranken unmäßig und galten als skrupellos und verworfen. Die Unersättlichkeit der Gier ist wahrlich keine moderne Erscheinung. Fieberhaft wurde Tarock gespielt; manche sprachen von einer Art Wahn. Venedig war eine Stadt, in der sich aber auch die panischen Ängste der Epoche ausbreiteten: Seuchen, Körperqualen und die Präsenz des Todes hinter den Masken, wie sie Guardi in seinen Karnevalsbildern malte, konnten nur noch mühsam versteckt werden.

Der Venedig-Kenner Harold Brodkey spricht von einer schamlosen christlichen Stadt mit einer „beunruhigenden Mischung aus Verwahrlosung und Prunk“, in der es im 16. Jahrhundert über 12.000 Prostituierte gegeben haben soll. Seiner Einschätzung nach brachte das „Geld die Stadt zum Schwingen“; in den vielen Kirchen aber sah man furchterregende Gemälde aus der Dunkelheit heraus leuchten.

Jacopo Tintoretto, Selbstporträt, 1586, Louvre, Paris
Jacopo Tintoretto, Selbstporträt, 1586

Jacopo Tintoretto, geboren 1518 als Sohn eines Färbers, lernte im Haus seines Vaters, in dem es nach Schwefel und Ammoniak roch, Seidentücher in Bottichen zu färben und in stinkenden Kanälen auszuwaschen; nur das Hochwasser ließ den Gestank verschwinden. Tintoretto kann zwar nicht schwimmen, aber eine der 30.000 kleinen Gondeln benutzen, die es damals in Venedig gegeben hat. Vielleicht träumte er auf einem dieser kleinen Schiffe bei seinen Erkundungen Venedigs schon als Kind davon, Maler zu werden, Grundkenntnisse über Farben besaß er ja bereits.

Venedigs Tintoretto

Das etwas zu klein geratene, rothaarige, katholische Färberlein verkaufte bereits mit 18 Jahren die ersten Bilder auf der Straße, bemalte sogar Schilder für Weinlokale, Mitgifttruhen und Masken für den Karneval. Er soll den 30 Jahre älteren Tizian, der ihn zurückstieß, verehrt haben. Aber er ließ sich nicht entmutigen, bekam schon früh Porträtaufträge und den Ruf eines Schnellmalers. Berühmte Kardinäle, Wissenschaftler, Literaten und Händler, alle in Zeitnot, ließen sich gerne von ihm malen. Er liebte es, auf seinen weltlichen Gemälden eine heitere Renaissancestimmung zu entfachen. Zugleich suchte er kirchliche Themen. Über einen Freund gelang es ihm, einen Bildauftrag für die Markusbruderschaft zu bekommen; das Gemälde „Sklavenwunder“ mit dem Gott der Rache änderte sein Leben. Manche Kunsthistoriker bezeichnen ihn als fanatischen Maler der Gegenreformation. Tatsächlich malt er immer öfter Märtyrer, Seuchenkranke, Propheten, Wunder, kurz: Geschichten aus der Bibel.

Die Bibel ist für Tintoretto ein unerschöpflicher Speicher für seine Inspirationen. Er hat ihren göttlichen Ursprung nie angezweifelt. Sicher kannte er aber auch die düsteren Prophezeiungen des Arztes und Astrologen Tommaso Rangone, der die Sintflut voraussagte. Der sarkastische Schriftsteller Pietro Aretino mokierte sich über den ängstlichen Tintoretto. Trotzdem zwängten sich reale Gründe für die Angst vor Venedigs Untergang ins Alltagsleben. Es gab ja immer wieder Überschwemmungen, die mit grässlichen Bränden wechselten. So brannten 1514 im Rialtoviertel über 2000 Häuser. 1569 wütete eine Feuersbrunst im Arsenal und 1578 im Dogenpalast. Typhus und Pestepidemien versetzten die Stadt immer wieder in einen Ausnahmezustand. Waren das nicht Zeichen eines strafenden, bösen Bibelgottes? Mit Sicherheit wurden die Predigten Luthers auch in Venedig diskutiert. Es gab über 60 Druckereien, in denen auch Traktate und Streitschriften gegen den Vatikan gedruckt wurden. Überhaupt war der Papst in Venedig alles andere als beliebt, aber die Abneigung gegen ihn verbarg sich eher hinter verschlossenen Türen.

Tintoretto besaß in seinem Haus eine Bibliothek. War das gefährlich? Es gab plötzlich Gesetze, vor denen man Angst bekam. Noch 1520 konnte man einige Bücher von Luther kaufen. Auf dem Konzil von Trient wurde allerdings 1536 die Ausrottung der Ketzerei angekündigt. Auch in Venedig wurde die Inquisition eingeführt, aber von Hinrichtungen, wie etwa in Spanien, ist nichts bekannt. Ketzerische Bibelübersetzungen standen auf schwarzen Listen. Es gab einen Index verbotener Bücher. Jedes Jahr verbrannte man im Kloster San Domenico im April Bücher. Ob Bücher aus Tintorettos Bibliothek dabei waren, wissen wir nicht. Den Unmut kirchlicher Würdenträger zog er nicht, wie der weltlich gesinnte Veronese, auf sich, aber ein so kühl berechnendes Verhältnis zum Glauben wie Tizian hatte er auch nicht. Seine frommen Gefühle verbanden sich mit den Bibeltexten; sie stachelten seine malerische Phantasie an, ohne dass sie im Widerspruch gestanden hätten zum Bilderdekret des Trienter Konzils. Er interessierte sich als Maler aber auch für ganz andere Dinge. Sicher kannte er das Anatomielehrbuch des Chirurgen Andreas Vesal, in dem die Skelette der Menschen in Holzschnittbildern gezeigt wurden. Der menschliche Körper faszinierte ihn so sehr, dass er sogar seine Lieblingstochter Marietta auf dem Totenbett zeichnete. Wahrscheinlich sezierte er Leichen. So konnte er die nie vorher gesehenen Muskelstränge auf das Malen von exzentrischen Körperbewegungen übertragen und seine Gestalten manieristisch verdrehen.

Kirche Madonna dell’Orto in Venedig [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], Quelle: Wikimedia Commons
Kirche Madonna dell’Orto in Venedig

Von seinem Haus in Cannaregio aus blickt er auf die Kirche Madonna dell’ Orto, die 1547 seine Pfarrkirche wird. Jeden Tag geht er dorthin. In dieser Kirche wird er auch später bestattet werden. Unter dem Kirchenboden, der eigentlich nur aus Grabsteinen besteht, liegen viele Tote. Bei der Arbeit in seiner Werkstatt beobachtet er die Fischerkähne auf dem Rio della Sensa und die Mönche in ihren blauen Kutten. Es riecht nach Leinöl, Pinienharz, Meer und Schimmel. Er hört bei der Arbeit die vielen Glocken Venedigs. Einmal hatte er sich so sehr überarbeitet, dass er übermüdet in seinem Atelier einschlief. Ein Feuer griff auf seine mit Leder tapezierten Wände über. Tintoretto und seine Familie überlebten, seine Wachsfiguren, die er immer wieder neu modellierte, sind jedoch verbrannt.

Ein Bild, zwei Katastrophen

Auf der rechten Chorinnenwand von Madonna dell’ Orto malte Tintoretto ein sehr großes Ölbild vom Jüngsten Gericht als absoluten Ausnahmezustand in einer so verwirrenden Verdichtung, dass es auch heute noch nicht völlig zu entschlüsseln ist. Überflüssig zu erwähnen, dass er die Topoi des Jüngsten Gerichts aus den verschiedenen Berichten des Alten und Neuen Testaments auswendig kannte. Wie auf vielen anderen Gemälden des Jüngsten Gerichts erkennt man bei Tintoretto ganz oben im Licht Christus mit der Lilie, die Gnade symbolisieren soll und dem Schwert, das für Gerechtigkeit steht. Zu Christus neigen sich Maria und Johannes der Täufer. Sie bitten für die vielen sündigen Menschen, damit sie nicht für immer im Orkus entsetzliche Qualen erdulden müssen. Denn in der Offenbarung findet sich der Wunsch nach Rache. Angeregt von der Wut der Bibeltexte vermischt sich Tintorettos Imaginationskraft virtuos mit den suggestiven Bildern der Bibel. Und er hat wohl Angst, dass seine venezianische Welt wirklich einem Jüngsten Gericht entgegentaumelt; nur wer ist schon ohne Sünden, vor allem in der immer noch reichsten Stadt der Welt? Auf dem Gemälde ist das Ende der Tage gerade angebrochen. Was oben auf dem Bild und was unten geschieht, ereignet sich simultan. Diese Simultanität bannt das Geschehen in Echtzeit.

Ein gewaltiges Thema braucht ein dramatisches Bühnenbild, und Tintoretto versteht sich auch als ein Maler, der das Weltuntergangstheater der Grausamkeit malen kann. Sein Weltenrichter in luftiger Höhe hat zweifellos Macht und schickt seine herabstürzenden Engel in eine rasende Zeit. Sie blasen Posaunen, und im unteren Teil des Gemäldes steigen aus den Gräbern Tote. „Dein Reich komme“ heißt es im „Vater Unser“. Gerade diese Engel, die Tintoretto schon so oft als fliegende Wesen im hellen Licht gemalt hatte, stürzen nun ganz realistisch durch Luft und Wasser in die Tiefe. Sie sind Diener des Weltenrichters und verlängern den Zorn Gottes bis hinab in die Hölle, dem Ort für gekrümmte Leichen, deren einzelne Teile aus dem Lehmboden ragen. Warum Lehm? Vielleicht, weil Venedig ja auch auf schwerem Lehmboden steht, in den die Pfähle für die Häuser hineingerammt worden sind. Die überfüllte, grässliche Hölle ist eine Welt des Unheimlichen und ein Raum des Unbewußten, auch wenn man das damals nicht so nennt.

Je weiter der Blick auf dem Gemälde von oben in den mittleren Bereich des Gemäldes wandert, um so verwirrender wird das dramatische Geschehen. Plötzlich befinden wir uns in der Sintflutgeschichte aus der Bibel: Tintoretto verknüpft zwei biblische Katastrophen.

Auf dem Bild wird aber nicht etwa eine metaphysische Notsituation dargestellt, sondern eine reale Katastrophe. Tintorettos Erfahrungen mit Überschwemmungen waren eine Lebenserfahrung. Regen peitscht in vertikalen Linien auf die Welt nieder, und die herabstürzenden Wassermassen reißen Menschen, Bäume und Pflanzen in beschleunigten Bewegungsabläufen mit sich wie im Zeitraffer eines Films. Nur Noah und seine Familie scheinen gerettet zu werden, vielleicht weil sie sich auf einem diagonal gemalten Boot befinden, das Ähnlichkeit mit einer Gondel hat. Die Körper der vielen anderen stürzen in die Tiefe. Die Engel helfen den Ineinanderstürzenden nicht sichtbar aus ihrer Not. Trennen sie wirklich zwischen den Guten und den Bösen? Gibt es in einer solch fundamentalen Katastrophensituation, in diesem Chaos überhaupt Gerechtigkeit? Es ist nicht klar, wer auferstehen und die ewige Glückseligkeit genießen darf. Die meisten Menschenkörper werden vom Wasser ins Dunkle geschleudert. Wer wird schon erlöst? Im „Weltgericht“ von Stefan Lochner ist noch alles einfach: Die Dicken kommen in die Hölle, die Dünnen in den Himmel. Bei Tintoretto ist alles viel komplizierter: Die Verdammten füllen den größten Teil des Gemäldes in einer unklaren Auf- und Abbewegung aus. Ihr Schuldenkonto muss monströs und gewaltig sein. Eine Massenhysterie ist unter den Endzeitmenschen ausgebrochen und macht sie richtungslos. Zumindest der Himmel kann nur schwer erreicht werden. Allein schon die Körper in ihren manieristischen Verdrehungen scheinen in eine Art Endkampf verwickelt zu sein, verloren für den Himmel. In diesem apokalyptischen Chaos wütet die Sintflut. Die Menschen treiben im Wasser zwischen kahlen Bäumen. Greift Gott als Weltenrichter korrigierend ein? Immerhin steigen aus dem Hintergrund heraus auch Menschen herauf und werden vielleicht bald vor dem Gericht stehen. Die Bibel erwähnt zwar die Auferstehung aus dem Meer, aber das göttliche Licht strahlt nur im oberen Drittel des Gemäldes bis zu den Wassermassen, die auf einer Bildbreite von 5 Metern kaum mehr Licht durchlassen. Tintoretto hat wie alle herausragenden Künstler mehr Vorstellungskraft für die Darstellung der Hölle als die des Himmels, und so blicken wir auch in seine eigene Unterwelt inmitten des Bibeluniversums.

Die Verdammten dieser Erde

Suggestiver kann Malerei nicht sein und zugleich nicht realistischer, denn der äußerst energiegeladene Pinselstrich verschleiert nichts. Panik füttert Tintorettos Vorstellungen von der Katastrophe. Man kann nur verwirrt sein von der Darstellung dieser elementaren Naturgewalten. Was fühlen die Leiber? Nichts, was sich der Maler nicht vorstellen konnte: Es herrscht ein Horror, verschränkt mit innerer Anspannung. Nervenstränge liegen blank. Entsetzen damals wie heute. Das Jüngste Gericht findet für Tintoretto nicht irgendwann in der Zukunft statt, sondern im Augenblick des Malens. Das alles sind natürlich nur Interpretationen. Einige Kunsthistoriker nämlich deuten das Jüngste Gericht viel positiver, nämlich als den Sieg von Gottes Gerechtigkeit. Ja, es gibt nacktes Überleben und Wiederauferstehung auf dem Bild, aber keineswegs in völliger Eindeutigkeit.

Wesentlich präziser ist die geradezu obsessive Darstellung der Angst, die das Sintflutgeschehen auslöst. Die ganze menschliche Gattung ist betroffen. Auf diesem Katastrophenbild geschieht das Schlimmste; ganz weit oben im Himmel ist Christus gerade im Begriff, mit seinem Gerechtigkeitsschwert das bestehende Unrecht durch sein Strafgericht zu beseitigen. Tintoretto hält wohl viele seiner Zeitgenossen für verdammt, denn ein veränderter Lebenswandel der Venezianer ist nicht in Sicht. Aber auch in unserer Gegenwart glauben angeblich noch fünfzehn Prozent der Deutschen an eine Hölle.

Tintorettos Katastrophenszenario der biblischen Endzeit hängt heute noch in der Kirche Madonna dell Orto. Es hat viele Jahrhunderte überdauert, wie auch sein Selbstportrait im Louvre, das er ein paar Jahre vor seinem Tod von sich gemalt hat. Jean Paul Sartre sah Tintorettos altes Gesicht als „Testat von Todesnähe und Verzweiflung“. Doch sein geliebtes Venedig ist bis jetzt nicht untergegangen. Allerdings wird der zynische Satz: „Nach uns die Sintflut“ noch von viel zu vielen gedacht und das ist unverzeihlich. Überschwemmungskatastrophen nehmen weltweit zu. Wenn wir über das Wetter reden, ist das nicht mehr harmlos, denn Klimawissenschaftler haben längst bewiesen, dass die Atmosphäre ein Gedächtnis hat. Wir müssen an keinen Gott glauben, der sich rächen wird. Aber wir bräuchten einen Umweltgerichtshof, der nicht nur die Ursachen der Überschwemmungen, die immer häufiger auftreten, feststellt, sondern Strafe verhängt und Gegenmaßnahmen einleitet.

Wir selbst müssten ganz im sprichwörtlichen Sinn das Ruder herumreißen, wie es Fortuna macht, die einzige helle Überlebensfigur auf Tintorettos Bild. Als Göttin des Glücks oder des Zufalls führt sie einige Überlebende mit großer Geste aus diesen mehr als unruhigen Zeiten heraus. Die Frage ist nur: wohin?

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Kommentare


Axel Dielmann - ( 26-07-2018 12:46:00 )
Ein wundervolles Portrait und Zeitbild zu Tintoretto, liebe Ria Endres, eine so klare Beleuchtung von Malerei und ihrer Zeit, die dann auch noch derart nachhaltig unsere Gegenwart einbindet, kenne ich sonst nur von Autoren wie Roberto Calasso in seinem Tiepolo-Buch oder Feuchtwangers Goya-Roman. Großartig!

Axel Dielmann - ( 26-07-2018 12:46:27 )
Ein wundervolles Portrait und Zeitbild zu Tintoretto, liebe Ria Endres, eine so klare Beleuchtung von Malerei und ihrer Zeit, die dann auch noch derart nachhaltig unsere Gegenwart einbindet, kenne ich sonst nur von Autoren wie Roberto Calasso in seinem Tiepolo-Buch oder Feuchtwangers Goya-Roman. Großartig!

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erstellt am 19.7.2018

Jacopo Tintoretto, Das Jüngste Gericht, um 1556, Chiesa della Madonna dell'Orto, Venedig