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Am Stuttgarter Ballett feiert Reid Anderson das Ende seiner langjährigen Intendanz. Unter dem Titel „Party Pieces“ werden Höhepunkte der vergangenen Jahre rekapituliert, kleine „Gelegenheitsstücke“ und zwei Ausschnitte aus größeren Balletten, Vorzeigestücke auch für die Solisten des Ensembles. Thomas Rothschild hat das Ballett-Varieté gesehen.

Ballettabend in Stuttgart

Goodbye Reid Anderson

Es ist wie bei einer Beethoven-Symphonie. Man denkt, sie ist zu ende, da folgt auf die Coda eine weitere Coda und auf diese noch eine Coda. Reid Anderson feiert das Ende seiner zweiundzwanzigjährigen Intendanz am Stuttgarter Ballett gleich mit einer ganzen Serie von Events. Sein Lieblingswort ist „Gala“. Zwar hat sein Nachfolger Tamas Detrich, den Anderson schon vor Jahren höchstpersönlich zu seinem Stellvertreter gemacht hat, zwei seiner prägendsten Hauschoreographen entlassen, aber die Linie, die Anderson und vor ihm schon John Cranco und Marcia Haydée eingeschlagen haben, wird auch er mit zaghaften Brüchen weiterführen.

Nun also, in der celebration to end all celebrations, feiert das Stuttgarter Ballett Anderson und er sich selbst mit einem Best-of-Programm unter dem Titel „Party Pieces“ als letzter Premiere innerhalb einer ganzen Festwoche. In einem Feuerwerk von Glanzleistungen werden Höhepunkte der vergangenen Jahre rekapituliert, kleine „Gelegenheitsstücke“ und zwei Ausschnitte aus größeren Balletten, Vorzeigestücke auch für die Solisten des Ensembles.

„Sirs“, Choreographie: Bridget Breiner, Tänzer: Rocio Aleman, Timoor Afshar, Noan Alves, Fabio Adorisio, Foto: Stuttgarter Ballett

Gleich den Anfang macht mit einem Solo aus Edward Clugs „SSSS…“ ein Publikumsliebling der Anderson-Intendanz, Marijn Rademaker, der vor drei Jahren nach 15 Jahren beim Stuttgarter Ballett in seine niederländische Heimat zurückgekehrt und nun als Gast bei seinem Mentor aufgetreten ist. Noch mehr Applaus kann nur Daniel Camargo absahnen, der Rademaker ein Jahr später nach Amsterdam gefolgt ist und nach wie vor durch eine unüberbietbare Körperbeherrschung besticht.

Als Solistin durfte sich auch Elisa Badenes produzieren. Jason Reilly, der ebenfalls mit einem Solo vorgesehen war, musste zum hörbaren Bedauern des Publikums absagen, weil er an diesem Abend Probleme mit der Beweglichkeit hatte. Das wiederum bescherte der Feierstunde ein im letzten Moment als Ersatz einstudiertes Solo von Alicia Amatriain, die nach Plan ein populäres Pas de deux mit Reilly hätte tanzen sollen.

Jason Reillys Handicap übrigens, so bedauerlich es war, hat auch seine aufklärerische Wirkung. Es macht deutlich, dass die scheinbare Perfektion von Ballett teuer erkauft ist. Tänzer sind keine Puppen und keine Automaten, sondern hart arbeitende Menschen. Da kann es schon zu Irritationen kommen.

„Como Neve al Sole“, Choreographie: Rolando D’Alesio, Tänzer: Miriam Kacerova, Roman Novitzky, Foto: Stuttgarter Ballett

Neben den Soli erfreuten Stücke für kleine Gruppen – hinreißend Bridget Breiners „Sirs“ für drei Tänzer und eine Tänzerin mit viel Humor, einer Choreographie von 2007, die die vier Körper wie Teile einer mobilen Skulptur erscheinen lässt, aber auch Roman Novitzkys nicht minder humorvolles „Are you as big as me?“, das, wie andere Stücke des Abends, das gestische Potential von lateinamerikanischer Musik ausreizt. Kontrapunktisch zur Musik von Sarah Vaughan verhalten sich die raschen Gesten in Marco Goeckes „Fancy Goods“ von 2009, die schon die unverwechselbaren Züge aufweisen, die dieser Ausnahmechoreograph, der 2019 als Ballettdirektor nach Hannover geht, zur Vollkommenheit entwickelt hat.

Mit den in der klassischen Tradition stehenden Pas de deux von Mauro Bigonzetti, getanzt von Anna Osadcenko und Friedemann Vogel, und von Douglas Lee, mit Hyo-Jung Kang und Martí Fernández Paixà, kontrastieren zwei Duette, die das andere Ende des Spektrums von Tanzformen am Stuttgarter Ballett markieren: Rolando D‘Alesios „Come neve al sole“ mit Miriam Kacerova und Roman Novitzky, das man als minimalistische „Szenen einer Ehe“ in elastischen T-Shirts und farbigen Lichträumen interpretieren könnte, sowie Demis Volpis „Little Monsters“ mit Elisa Badenes und David Moore zu drei Schnulzen von Elvis Presley: „Love Me Tender“, „I Want You, I Need You, I Love You“ und „Are You Lonesome Tonight“.

So schön dieses Ballett-Varieté war – zur Erinnerung an die Intendanz Anderson werden weiterhin auch die abendfüllenden Ballette zählen. Sie verhalten sich zu den Party-Stücken wie ein Epos zu einer Anthologie. Satt wird man nicht nur von einem mehrgängigen Gourmet-Menü.

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erstellt am 17.7.2018

„Kazimir's Colours“, Choreographie: Mauro Bigonzetti, Tänzer: Anna Osadcenko und Friedemann Vogel, Foto: Stuttgarter Ballett

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