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Zwei Freundinnen um die vierzig und ein todgeweihter Vater, der es sich in den Kopf gesetzt hat, in der Schweiz zu sterben: Mit ihrem vierten Roman „Töchter“ ist der 1974 geborenen, in Berlin lebenden Schriftstellerin Lucy Fricke eine furiose, an Volten reiche Road-Novel gelungen, findet Peter Henning.

Buchkritik

Zum Heulen schön

Sie stehen leicht verkatert an der Schwelle zu ihren Vierzigern und haben ihre große Krise gerade halbwegs erfolgreich durchzittert, so dass ihr trotziges Credo nunmehr lautet: „Na, dann wollen wir mal!“

Frauen, auf die eine solche Beschreibung zutrifft, begegnet man regelmäßig in der Literatur. Klein und geknickt wirkende Geschöpfe, die voller Selbstverachtung nicht aufhören können an jene Momente zurückzudenken, in denen das Leben sie zum Tanz aufforderte – sie aber nicht den Mut besaßen aufzustehen und lieber sitzenblieben. Sie sind keine Schönheiten und keine Vamps, keine Mütter und keine Engel. In den gängigen Erfolgsgeschichten haben Typen wie sie in der Regel keinen Platz.

So wie in Lucy Frickes inzwischen viertem Roman „Töchter“ aber hat man diesen Frauentypus lange nicht in der neueren deutschen Literatur beschrieben gefunden. Denn Fricke, 1974 in Hamburg geboren, hat sie zu flatterhaften Heldinnen gemacht, mit denen man am liebsten befreundet wäre. Zwei zerzauste, an der Absturzkante lavierende Ex-Glückssucherinnen, die, wenn`s hart auf hart kommt, Citalopram einwerfen oder zu Hochprozentigem greifen und trotzig Sätze sagen wie: „Ich könnte drei Schritte auf die Fahrbahn zugehen und wäre alle Fragen los.“ Dass sie das dann nicht tun, sondern weiterwursteln mit ihrem Loserinnenleben, hängt damit zusammen, dass das Schicksal noch ein paar Rätsel und Aufgaben bereithält, denen sie sich nicht zu entziehen vermögen.

Was Frickes beste Freundinnen seit Ewigkeiten aber vor allem verbindet, ist ihr jeweils noch immer nicht gelöstes Vaterproblem, das sie beide mit sich herumschleppen wie Sträflinge schwere, ihnen ans Bein gebundene Eisenkugeln. Betty, Schriftstellerin auf Tauchstation, trauert ihrem vor Jahren verstorbenen Ziehvater Ernesto nach. Und in Marthas Fall – sie hat drei erfolglose Schwangerschaften hinter sich und träumt trotzdem wacker weiter von einem Kind – ist es ihr todgeweihter Vater Kurt, der es sich in den Kopf gesetzt hat, in der Schweiz zu sterben. Unter aktiver Mithilfe sein Ableben beschleunigender Eidgenossen.

„Er will sterben, Betty. Und ich soll ihn fahren.“
„Wie fahren?“
„In die Schweiz. Nächste Woche ist der Termin.“

Eine erzählerische Exposition, die wie gemacht ist für die nach drei längeren Prosaarbeiten mit allem Wassern gewaschene Erzählerin Fricke. So machen die beiden Freundinnen sich mit dem todgeweihten Kurt auf der Rückbank auf in Richtung Sterbe-Schweiz. Natürlich schimmern schon hier die Vorbilder durch, an denen Frickes Roman sich lässig entlanghangelt: Ridley Scotts Kultfilm „Thelma und Luise“ von 1991 etwa, in welchem zwei Freundinnen einen harmlosen Road-Trip starten, der in eine dramatische Fluchtgeschichte mündet. Oder auch Graham Swifts 1996 erschienener Roman „Letzte Runde“, in dem drei alte Männer mit der Urne ihres besten Freundes im Gepäck ans Meer fahren, um dessen Asche am Strand von Margate ins Meer zu streuen. Wie Lucy Fricke es aber versteht, von diesen Referenzen auszugehen, ohne im Mindesten nachahmerisch zu erscheinen, das ist famos. Vielmehr demonstriert ihr kleiner, wunderbar zwischen Tief- und Frohsinn oszillierender Roman, wie rasant und geistreich ein Buch sein kann, das seine Bezüge nicht lichtscheu versteckt sondern selbstbewusst ausstellt und trickreich mit ihnen spielt. So entwickelt sich die geplante Schweiz-Reise-Story zu einer furiosen, an jähen Volten reichen Road-Novel. Denn alsbald strandet das schräge Trio nicht etwa am geplanten Zielort sondern am Lago Maggiore, wohin es den nicht ganz so sterbenskranken Kurt von Anfang an zog: zu Francesca, seiner einstigen großen Liebe. „Das mit der Schweiz hatte ich wirklich vor“ sagte er. „Aber dann hat sich Francesca plötzlich bei mir gemeldet. Nach so langer Zeit. Sie weiß von meinem Zustand. Wir schreiben uns seit Monaten E-Mails.“

Damit nicht genug: auch Betty kommt alsbald von der Route ab. Sie zieht es zunächst nach Italien, in den kleinen Ort, an dem ihr Vater zuletzt lebte, anschließend weiter nach Griechenland. Ahnentourismus als poetische Beschwörung. Dass sie ihn dort in seinem Versteck aufspürt, und ihm das Geheimnis seines vorgetäuschten Todes entlockt, ist nur einer der zahlreichen tollen Haken, die diese lebenspralle Geschichte schlägt.

So ist Lucy Frickes Töchter-Roman vor allem einer über Väter und deren Wirkungsmacht selbst über ihren angeblichen Tod hinaus. Ein Buch wie ein Film von Inga Birkenfeld oder Maren Ade – zum Brüllen komisch und zum Heulen schön. Ein beglückendes literarisches Three-in-One: Roadnovel, Freundinnenkomödie und eine Erzählung darüber, weshalb Geschichte nie zu Ende ist.

„Ja, was war das für eine Geschichte? fragte ich mich. Wer dachte sich so was aus? Penner und Verrückte… Na, dann wollen wir mal!“

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erstellt am 13.7.2018

Lucy Fricke
Töchter
Roman
Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-498-02007-1
Rowohlt Verlag, Reinbek, 2018

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