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Ein wagemutiger Erziehungsversuch: Kinder nehmen ihre Eltern mit ins Konzert. Die von Amadeus Templeton gegründete Hamburger Initiative „TONALi“ veranstaltet ein Wettbewerbs-Finale für junge Cellisten als Konzertereignis in der Hamburger Elbphilharmonie. Hans-Klaus Jungheinrich war dabei.

»TONALi«-Konzertereignis in der Elbphilharmonie

Soziale Großplastik

Ein unvergessenes Statement des einstigen Filmstars, langjährigen Salzburger „Jedermann“-Darstellers und Rolls-Royce-Fahrers Curd Jürgens: „Wenn es nach mir geht, soll jeder Mensch auf der Welt einen Rolls Royce besitzen“. Wie bitte? Spricht daraus edelmütigste Gesinnungsdemokratie mit einem gehörigen Schuss vollidiotischer Unberatenheit? Oder darf man – denn soviel Dummheit gibt es ja gar nicht – blanken hinterfotzigen Zynismus vermuten? Eine scheinbar ähnliche Gedankenfigur des Dirigenten Kent Nagano versteht sich als eindeutiger und realistischer, nämlich der Wunsch, allen die Chance zum Umgang mit „klassischer“ Musik zu geben. Auch diese Forderung ist, wie der programmatische Spruch „Kultur für alle“ des verstorbenen Hilmar Hoffmann, noch weitgehend Utopie. Doch wäre es fatal, wenn sich eine Gesellschaft damit resigniert abfinden würde. Problematisch sind heute neben immer noch zu unterschiedlichen Bildungs-Voraussetzungen die kommerziell gesteuerten Angebote der in den kulturellen Alltag eindringenden Warenwelt. Vor Massenphänomenen wie Pop und Fußball braucht die „klassische“ Musik jedoch nicht einfach zu kapitulieren. Sie kann vielmehr ihre Nischenexistenz behaupten und erweitern. Zu solchen Wettkämpfen um kulturelle Präsenz animiert die vor acht Jahren gegründete Hamburger Initiative „TONALi“, deren Gründer Amadeus Templeton zusammen mit vielen Mitarbeitern, Freunden und Förderern an einer Verbreiterung der „klassischen“ Musikkultur arbeitet. Dafür gibt es weltweit berühmte Vorbilder wie die sozial motivierte musikalische Bildungseinrichtung „Sistema“ in Venezuela (sie funktioniert übrigens auch noch jetzt in diesem krisengeschüttelten Land), aus der das international erfolgreiche Simon-Bolívar-Jugendorchester hervorging. Das im laufenden Sommer 2018 das Lucerne Festival prägende, aus Jugendlichen bestehende schweizer Orchestercamp beruft sich ausdrücklich auf „Sistema“. Die sich ausbreitende „TONALi“-Idee ihrerseits erreicht in vielen Ländern inzwischen rund 60 000 Jugendliche.

TONALi18-Finale im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie, Foto: Swanhild Kruckelmann

Anders als im (durch äußere Drangsalierung und interne Misswirtschaft) armen Venezuela geht es bei Konzepten wie dem deutschen „TONALi“-Ast nicht darum, Kinder „von der Straße“ zu holen und gewissermaßen dem Teufelskreis von sozialer Exklusion und Kriminalität zu entziehen. Im reichen und großstädtischen Kontext kommt es, etwas schlicht gesagt, eher darauf an, die richtigen Leute mit den richtigen Sachen zusammenzubringen – angesichts unübersehbarer kommerzieller und medialer Anmutungen. Eine Kernidee Templetons dabei: die Kinder und Jugendlichen, um die es geht, zu Aktivisten zu machen. Ein schönes Symbol dafür ist die Wortprägung „Schülermanager“ – so heißen bei “TONALi“ die Verbindungsglieder zwischen den musikveranstaltenden Institutionen und dem präsumptiven Publikumsreservoir, vor allem aus dem Umkreis von Schulen. Zwei konkrete Indizien dieser Tätigkeit: Profi-Musiker werden als „Paten“ mit bestimmten Hamburger Schulen zusammengebracht. Und: Dank der Schülermanager sind es die Kinder, die ihre Eltern in die Konzertsäle mitnehmen und nicht umgekehrt. Letztlich ist „TONALi“, soziologisch gesehen, ein kräftiger Schritt in Richtung auf eine fortschreitende und wünschenswerte gesellschaftliche Inklusion, die noch bestehende Schwellen zwischen Elite- und Massenkultur tendenziell abbaut. Der Dirigent und „TONALi“-Ehrenpräsident Christoph Eschenbach zitiert in diesem Zusammenhang Joseph Beuys und dessen emphatische Kunst-Auffassung als „soziale Plastik“.

Dabei greift „TONALi“ durchaus Merkmale der Massenkultur auf, die zumindest strategisch zu einem „Musikkultur für alle“ fördernden Instrumentarium dazugehören mögen. Die “TONALi“-Musik spielt eben nicht nur in kleinen und mittleren Sälen, sondern erobert sich auch die Elbphilharmonie, das derzeitige Flaggschiff unter den europäischen Musiktempeln. Und das jugendliche Ungestüm findet nicht nur in kontemplativen „normalen“ Musikterminen sein Genüge, sondern assoziiert sich mit einem fulminanten Wettbewerb, der zusätzlich Spannung in das Musikgeschehen hineinbringt. In diesem Jahr gab es bei „TONALi“ einen Violoncello-Wettbewerb. Und das war so arrangiert, dass man als Beobachter leicht auf den Titel „Deutschland sucht den Super-Cellisten“ kommen konnte. Unter zwölf teilnehmenden Solisten wurden für das „TONALi“-Finale im Großen Saal der Elbphilharmonie drei Preisanwärter (Geldpreise zwischen 3000 und 10 000 Euro) ausgesucht. Diese spielten je ein veritables Violoncellokonzert (mit der Bremer Kammerphilharmonie unter der Leitung von Joshua Weilerstein). Erst danach wurde die Reihenfolge der Sieger bestimmt, und zwar in getrennten Voten durch eine Fachjury wie auch (per SMS) von allen Anwesenden im mit mehr als 2000 Hörern (die gute Hälfte davon Schüler) vollbesetzten Haus.

Erster Sieger: Sebastian Fritsch, Foto: Swanhild Kruckelmann

Nach den ohnedies spannenden Werkinterpretationen (zweimal die unterhaltsam-brillanten Rokoko-Variationen Pjotr Tschaikowskijs, einmal das Schumann’sche Violoncellokonzert a-moll) gab es dann also die zusätzliche Spannung um das imaginäre Siegertreppchen. Alle drei Vorträge zeigten sich technisch perfekt und absolut podiumsreif. So waren Nuancen und Minimal-Differenzierungen zu bewerten. Dabei fiel auf, dass die Reihenfolge diesmal genau mit dem Alter der Bewerber korrespondierte: der erste Sieger Sebastian Fritsch war Jahrgang 1996, der zweite, Bryan Cheng aus Kanada, Jahrgang 1997, und der dritte, Manuel Lipstein, ist 2001 geboren. Man kann daraus (wieder einmal) schließen, dass um die 20 jedes Jahr ganz besonders viel wiegt und der heute Jüngste in anderer Alterskonstellation leicht der Beste sein kann. Fritsch bestach durch ein nur leicht auffälliges Plus an Souveränität, Cheng konnte zusätzlich eine überzeugende Neigung zu Verinnerlichung geltend machen. Übrigens entsprach das spontane Urteil des Publikums dem Trend der professionellen Jury.

Der kurzweilig lange Abend in der Elbphilharmonie wurde vom NDR-Kulturprogramm direkt übertragen und war als YouTube-streaming auch online zu erleben. Die splendide mediale Aufbereitung hatte natürlich Auswirkungen auf den Verlauf im Saal; die veranstalterische Dramaturgie machte eine Moderation unumgänglich. Die flott, dabei sachlich-informativ agierende Anna Novák war dabei ein recht unproblematischer Faktor; ein als Konzert-Poet eingeführter männlicher Partner wirkte dagegen nicht ganz so angenehm, weil er, mehr in schnörkeligen Sprach-Narzissmus (mit oftmals banalen Bildklischees) verfallend als glossolalisch von der sich ereignenden Musik erfüllt, wahrscheinlich auch skurril die Wahrnehmungsorgane des jungen Publikums verfehlte. Immerhin ein Schritt weg vom Streamlining-Entertainment, wenn auch nicht geglückt. Anzunehmen aber angesichts der während der ganzen Zeit gespannten Ruhe im Konzert, dass die Hamburger Schülerscharen sich einen breiten Toleranzspielraum gönnen.

Ein bemerkenswertes Detail des weit ausstrahlenden „TONALi“-Finales ist wohl auch als typisches Merkmal dieser Arbeit zu verstehen. Die zeitgenössische Musik hat hier keinen demonstrativ privilegierten, aber einen selbstverständlichen Platz. So begann der Abend mit dem von der Bremer Kammerphilharmonie hinreißend temperamentvoll gespielten Schlusssatz des Concerto Romanesc (überdrehte, dämonisierte, ins Bizarre gewendete Balkan-Folklore) von György Ligeti. Und entlassen wurde das Publikum nach all dem Spektakel und Wettkampfclinch mit einem Stück für Solovioloncello, gespielt vom ersten Preisträger: dem ebenfalls aus einem (Kompositions-) Wettbewerb hervorgegangenen „Jeita“ der in Berlin lebenden Michaela Rea Catranis, so etwas wie ein musikalisches Höhlengleichnis, welthaltige Meditation als tönend-bewegte Narration einer einzelnen, einsamen Stimme. Mit so einem mutigen Appell an die Innenwelt endete das „TONALi“-Großereignis in der Elbphilharmonie.

TONALi18-Finale in der Hamburger Elbphilharmonie, 360-Grad-Video

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erstellt am 06.7.2018

TONALi18-Finale in der Hamburger Elbphilharmonie, Foto: Swanhild Kruckelmann