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Im vierten und letzten Teil der Serie über deutschsprachige Krimiautorinnen stellt Kirsten Reimers mit Christine Lehmann eine der profiliertesten deutschen Genreautorinnen vor. Ihre Kriminalromane rund um die fiktive Reporterin Lisa Nerz sprengen die Konventionen des Genres und spielen mit Leseerwartungen.

Krimiautorinnen, Teil 4

Das Aufbrechen von Herrschaftsstrukturen

Christine Lehmann ist ein Multitalent. Neben Kriminalromanen schreibt sie auch Jugendbücher, Liebesromane, Sachbücher, Hörspiele, Theaterstücke und vieles mehr. Ihr erster Krimi „Kynopolis“, ein Hundekrimi, erschien 1994 im Goldmann Verlag. Erst danach entwickelte sie die Serienfigur Lisa Nerz, die bis heute aktiv ist und zu den ungewöhnlichsten Protagonistinnen im deutschsprachigen Kriminalroman zählt. Lisa Nerz, Reporterin, die Ich-Erzählerin der Romane, ist selbstbewusst, unabhängig, aufmüpfig, ruppig, ungemütlich. Sie ist nicht hübsch, ihr Gesicht ist vernarbt, und sie ist reich. Sie lässt sich in keine Schublade stecken: Lisa Nerz ist bisexuell und verweigert sich sowohl der Frauen- wie der Männerrolle. In den Romanen trägt sie Anzüge oder Leder-Outfits, manchmal Minirock und Schaftstiefel, dann wieder Rock und Blazer. Je nach Anlass, Ermittlung oder Stimmung tritt sie als Frau oder Mann auf und spielt mit diesen Rollen. Sie trägt den Geschlechterkonflikt in sich und trägt ihn aus, indem sie sich nicht festlegen lassen will. Sie hat Affären mit Männern wie mit Frauen, ist nicht treu, aber sehr loyal, und hinterfragt auf diese Weise immer wieder Verhältnisse, Beziehungen, Überzeugungen, Glaubensgebäude, Werte und Institutionen und stets auch sich selbst.

Aber nicht nur gendermäßig ist sie unangepasst und oszillierend. Lisa Nerz nimmt in der Interaktion mit anderen Menschen oft eine inadäquate Rolle ein, um eingespielte Verhaltensmuster aufzubrechen. Sie chaotisiert, zum Beispiel indem sie irrational oder martialisch handelt, um Situationen, die nach bestimmten Regeln verlaufen, aufzubrechen und zu stören, so dass die gewohnten Kommunikationsmuster nicht mehr greifen, wie die Autorin sagt. So bricht Lisa Nerz permanent die Regeln, verhält sich ganz anders als erwartet – und dieses Prinzip gilt ebenso für die Kriminalromane von Christine Lehmann.

Diese sind stets sehr präzise in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität angesiedelt. Lehmann greift aktuelle Ereignisse, Stimmungen und Strömungen in Gesellschaft wie Medien auf und verzwirbelt sie in gestochen scharfer Sprache und zwingender Logik zu einem klugen Krimiplot. Die Romane sind auf trockene und subtile Art unglaublich witzig und hochintelligent, zudem stets sehr sorgfältig recherchiert. Das jeweilige Thema, das im Mittelpunkt steht, wird auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Beziehungskonstellationen durchgespielt. In der Regel liegen konträre Standpunkte zu einem bestimmten gesellschaftlichen Thema miteinander im Streit – ohne dass Lösungen angeboten werden –, wodurch besonders die späteren Bücher sozusagen actionreiche Debattenkrimis mit hohem Tempo sind. Die Romane geraten dabei niemals zur Satire, die Autorin macht sich an keiner Stelle über bestimmte Standpunkte lustig, sondern lässt sie gleichberechtigt und auf Augenhöhe gelten.

Gegenbild zum Klischee

Die ersten drei Kriminalromane mit Lisa Nerz erschienen im Rowohlt Verlag: „Der Masochist“ (1997), „Training mit dem Tod“ (1998) und „Pferdekuss“ (1999). Da die Bücher sich jedoch nicht gut verkauften, war während des Schreibprozesses des dritten Buchs klar, dass es keine Fortführung der Reihe geben würde. „Pferdekuss“ war deshalb als Abschluss einer Trilogie konzipiert. Christine Lehmann wechselte mit dem vierten Roman um Lisa Nerz zum feministischen Hamburger Verlag Argument mit der Krimireihe Ariadne, wo dann auch die ersten drei Romane in bearbeiteter Form neuaufgelegt wurden, so dass dort heute sämtliche Kriminalromane der Reihe erscheinen.

In „Vergeltung am Degerloch“ (2006; Neuauflage von „Der Masochist“), dem ersten Auftritt von Lisa Nerz, geht es um einen Serienmörder, der Frauen an Endhaltestellen des öffentlichen Nahverkehrs abpasst und tötet. Dies ist angelehnt an einen tatsächlichen Fall und erklärt, so die Autorin, die Toughheit von Lisa Nerz: Diese ist so konzipiert, dass sie dem realen Täter nicht nur entgangen, sondern ihm etwas entgegengesetzt hätte. In „Gaisburger Schlachthof“ (2006, Neuauflage von „Training mit dem Tod“) stehen Todesfälle in einem Fitnessclub im Mittelpunkt. Das strukturbestimmende Thema ist das Formen des eigenen Körpers: vom Fitnesstraining bis hin zur Geschlechtsumwandlung. Mithin geht es auch um Fragen der Identität. „Pferdekuss“ (2008, Neuauflage des gleichlautenden Titels von 1999) spielt auf einem Gestüt und kreist um Fragen von Fortpflanzung und Erbschaft beziehungsweise Vererbung und damit auch die Macht, Brutalität und Gewalt, die damit einhergehen. „Harte Schule“ (2005) ist im Schulmilieu angesiedelt und handelt vom Missbrauchen und Gebrauchen. Dies war der erste Roman von Christine Lehmann, der bei Ariadne/Argument erschien, und stellte auch den ersten Verkaufserfolg dar. Die Gründe dafür mögen zum einen darin liegen, dass eine Figur wie Lisa Nerz und die Fragen, die durch ihre Person wie ihr Auftreten aufgeworfen werden, im gesellschaftlichen Diskurs Mitte der 2000er Jahre akzeptierter waren als noch in den späten 1990ern. Zudem erreichen die Bücher im neuen Verlag ein anderes Lesepublikum.

„Höhlenangst“ (2005) ist der einzige Kriminalroman von Christine Lehmann, der keine profilierte gesellschaftspolitische Ebene einzieht, sondern in erster Linie von Morden in Höhlen der Schwäbischen Alb erzählt. Ganz anders „Allmachtsdackel“ (2007), der bislang erfolgreichste Krimi der Autorin. Der Protestantenroman spielt im Milieu baden-württembergischer Pietisten und thematisiert neben Fanatismus vor allem Fragen des Matriarchats in Gegenüberstellung zum Patriarchat, unter anderem unter dem Aspekt, dass die Natur weit weniger patriarchal eingerichtet ist als weithin angenommen. In „Nachtkrater“ (2008) verlassen Autorin und Protagonistin die Erde, um in einer Raumstation auf dem Mond zu ermitteln. In jedem Roman von Christine Lehmann finden sich Elemente des Fantastischen und der Science-Fiction, in „Nachtkrater“ ist dies am offensichtlichsten. Beim Entwurf der fiktiven Raumstation halfen Rene Laufer – damals beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, heute Associate Research Professor am Center for Astrophysics, Space Physics and Engineering Research der Baylor University – sowie der Astronaut Ernst Messerschmid. Sehr viel irdischer ist der Krimi „Mit Teufelsg’walt“ (2009). Er wirft einen unerbittlichen Blick auf Macht- und Gewaltverhältnisse in Familien und Fürsorgeeinrichtungen mit politischer Brisanz: Er weist eine Gesetzeslücke bei der Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen durch Jugendämter nach.

Macht und Machtmissbrauch

„Malefizkrott“ (2010) greift den tatsächlichen Fall der Autorin Helene Hegemann auf, deren im Feuilleton weit diskutiertes Buch sich als Plagiat erwies, und ist ein freundlich-spöttischer wie auch anspielungsreicher Streifzug durch den deutschsprachigen Literaturbetrieb, der Fragen des gesellschaftlichen Kommunizierens nachgeht. In „Totensteige“ (2012), in dem die Welt durch einen telekinetisch begabten Fernmörder bedroht scheint, dreht sich das Geschehen nur vordergründig um Parapsychologie. Strukturierendes Thema dieses Thrillers ist Macht und Machtmissbrauch der Medien bei der Konstruktion von Realitäten. Der Roman „Die Affen von Cannstatt“ (2013) durchbricht das Reihenkonzept: Lisa Nerz ist hier nur eine Randfigur, im Mittelpunkt steht eine Frau, die der Reporterin vorwirft, sie unschuldig in Untersuchungshaft gebracht zu haben unter dem Vorwurf des Mordes. Im Kern geht es erneut um das Matriarchat, unter anderem gespiegelt an Machtstrukturen im Frauengefängnis und dem Sozialleben von Bonobos. Der bislang letzte Kriminalroman, „Allesfresser“ (2016), stellt anhand der Frage, welches Ernährungskonzept denn das richtige sei, Glaubensfragen der richtigen Lebensführung einander gegenüber und thematisiert auf diese Weise Fanatismus und Extremismus.

Die Sprache der ersten Krimis war sehr geballt und konzentriert mit eigenwilligen Wortschöpfungen, die mitunter an den Expressionismus erinnern: Dächer „zacken“ in den Himmel, der Fernsehturm „nadelt“ schmal am Horizont, andernorts „dörfelt“ es. In den letzten Jahren ist dies etwas zurückgenommen, da es der Autorin im Laufe der Zeit als etwas zu manieriert und schrill erschien. Inzwischen finden sich derartige Ballungen nur noch als sparsam eingesetztes Stilmittel.

Es geht Christine Lehmann in ihren Romanen weniger darum, über ein bestimmtes Thema aufzuklären oder gar Stimmung zu machen. Im Zentrum ihrer Krimis stehen gesellschaftspolitische Fragen. Auf den Prüfstand kommt, wie wir miteinander leben, miteinander umgehen, was verurteilt wird und was nicht. Dies wird schonungslos auseinandergenommen, abgeklopft und hinterfragt. Lehmann verletzt dabei bewusst Regeln, um ihre Leserinnen und Leser an Grenzen zu führen. Dies geschieht zum Beispiel regelmäßig beim Thema Sexualität: Die Lisa-Nerz-Romane enthalten fast alle ziemlich wüste Sexszenen. Ziel der Autorin ist, zur Sprache zu bringen, dass es eine Realität in unserer Sexualität gibt, die nicht dem gängigen Bild oder der gängigen Erwartung entspricht. Darüber wird aber zumeist nicht gesprochen. Deshalb lässt sich Lisa Nerz in ihrer Sexualität nicht festlegen. Sie hat in nahezu jedem Roman eine Affäre mit einer Frau und oftmals auch noch mit einem Mann. Es geht der Autorin dabei gar nicht darum zu provozieren, sondern darum zu zeigen, dass Menschen in sexueller Hinsicht vielschichtig sind, dass Präferenzen wechseln können. Ziel ist, die Realität abseits der eingefahrenen Muster zur Sprache zu bringen, sie erzählbar zu machen.

Erwartungen unterlaufen

Das Prinzip, anders als erwartet zu sein und über eine Bandbreite von Verhaltensweisen, Vorlieben und Orientierungen zu verfügen, gilt auch für Struktur der Kriminalromane selbst. Auch in diesem Punkt bricht Christine Lehmann immer wieder Regeln. Es gibt stets Anklänge an bekannte Genreausprägungen. Manche Krimis spielen mit Elementen des Whodunit, des Locked-Room-Mysteries, des Thrillers – oftmals gleichzeitig in ein und demselben Krimi –, um die Erwartungen dann souverän zu unterlaufen, die bekannten Schemata aufzuknacken und völlig neu zusammenzuwürfeln. Mitunter gerät der Krimiplot dabei in den Hintergrund, was den Romanen als Romanen, aber auch als Krimis keinerlei Abbruch tut.

Nur in einem Punkt ist Christine Lehmann strikt: im Umgang mit Gewalt und mit dem Töten. Die meisten Morde, so die Autorin, geschehen in der Realität aus Herrsch- und Kontrollsucht. Dies spiegelt sich in ihren Romanen wider: Die Täter oder Täterinnen, die Christine Lehmann beschreibt, wollen mit einem Mord Beziehungen und Situationen in ihrem Sinne beeinflussen, also einen Konflikt lösen, um die Verhältnisse so zu ordnen, dass sie sie unter Kontrolle haben. Es geht also um Herrschaft. Christine Lehmann erklärt, dass sie in allen Krimis Machtstrukturen und Herrschaftssysteme im Blick hat und sie wenn möglich als sinnlos und gewalttägig entlarvt. Töten ist für die Autorin eine sehr ernsthafte Sache. Sie hat keinerlei Verständnis für Mörder oder für das Morden, deshalb stellt sie es in ihren Romanen so sachlich und so wenig voyeuristisch wie möglich dar. In Lehmanns Krimis hat die Tat nichts Makaberes an sich, es gibt dabei nichts Spielerisches, kein Töten um des Tötens willen, keinen Mord als schöne Kunst. Der Konflikt, der in ihren Bücher zur Tat führt, muss darum so beschaffen sein, dass er zwangsläufig in Gewalt eskaliert. Als Autorin, so Lehmann, ist es ihr möglich, im Kriminalroman, der von Gewalt handelt, die verheerende Wirkung von Gewalt zu thematisieren.

Lisa Nerz ist als Figur ein Experiment, das auf textiler, sexueller, kommunikativer und diversen weiteren Ebenen durchspielt, was passiert, wenn die gesellschaftlichen Erwartungen nicht bedient, sondern gebrochen werden. Das Ergebnis sind intelligente, witzige, temporeiche und befreiende Romane jenseits jedes Mainstreams.

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erstellt am 05.7.2018

Christine Lehmann, Foto: Günther Ahner
Christine Lehmann, Foto: Günther Ahner
Zur Person

Christine Lehmann

Christine Lehmann wurde 1958 in Genf geboren und lebt seit 1963 in Stuttgart. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin schreibt seit den 1990er Jahren Kriminalromane und gehört zu den profiliertesten Krimiautorinnen des deutschsprachigen Raums. Neben Krimis verfasst sie auch Jugendbücher, Liebesromane, Sachbücher, Hörspiele, Theaterstücke, Glossen und Essays und ist Beiträgerin zahlreicher Anthologien. Sie ist Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller/innen Baden-Württemberg, war 26 Jahre lang Nachrichtenredakteurin beim SWR und ist derzeit beurlaubt, da sie seit 2015 Stadträtin in Stuttgart ist.

Zum Blog von Christine Lehmann

Englische Fassung erscheint in:

Thomas W. Kniesche (Hg.)
Contemporary German Crime Fiction
A Companion
Kartoniert / Broschiert, 300 Seiten, 10 Abb.
ISBN: 9783110426557
Verlag De Gruyter

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Erscheint im Oktober 2018