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Mit bewundernswerter Ausdauer veröffentlicht das Österreichische Filmmuseum seit Jahren die Arbeiten des US-amerikanischen Filmemachers James Benning. Die jüngste Doppel-DVD enthält die Filme „11 × 14“ von 1977 sowie zwei der drei zwischen 1977 und 2012 entstandenen Varianten von „One Way Boogie Woogie“. Thomas Rothschild empfiehlt die DVD.

Filme von James Benning auf DVD

Für eine Zigarrenlänge

James Benning, Foto: Manfred Werner / Tsui, Quelle: Wikimedia Commons
James Benning, Foto: Manfred Werner / Tsui

Ich bin Zigarrenraucher. Seit etwas mehr als dreißig Jahren rauche ich im Schnitt zwei Zigarren im Tag. Seither kann ich etwas, was ich zuvor nicht konnte: nichts tun. Einfach nur da sitzen und schauen. Dabei haben zwei ästhetische, non-verbale Erfahrungen meine Wahrnehmung geprägt: Peter Handkes Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ und die Filme von James Benning. Gemeinhin vergleichen wir, was wir auf der Bühne oder im Kino sehen, mit unseren Erfahrungen aus der Realität. Die Wirklichkeit geht der Kunst voraus. Beim Zigarrenrauchen ergeht es mir umgekehrt. Ich erinnere mich an Bilder aus Handkes Schauspiel oder aus Bennings Filmen. Ich sitze auf einem Balkon oder einer Terrasse, beobachte Menschen, die einen Platz, eine Straßenkreuzung überqueren, und erlebe eine Variante von Handkes Arrangement. Ich schaue auf eine Wiese, eine Häuserfront, das Meer, und bemerke minimale „Ereignisse“: die Gräser, die sich im Wind bewegen, die Wolken, die vorbeigleiten, ein Schiff, das in der Ferne mein Blickfeld durchschneidet.

In den Filmen von James Benning passiert nichts, jedenfalls nichts, was man dramatisch nennen könnte. Der Amerikaner bevorzugt lange, manchmal sehr lange Einstellungen, deren Dauer schematisch beibehalten wird. Meist bleibt die Kamera starr, im Bild finden, wenn überhaupt, nur scheinbar belanglose Bewegungen statt. Ab und zu gibt es einen Schwenk, seltene Fahrten verdanken sich dem Standort der Kamera in einem Zug, einem Auto und behalten den Point of View bei. Menschen betreten und verlassen den Bildausschnitt wie bei Handke die Bühne. Die Kamera folgt ihnen nicht, es wird auch nicht sofort ausgeblendet oder geschnitten, wenn sie verschwinden: Die Kamera bewahrt sich ihre Souveränität gegenüber den abgebildeten Objekten. Nur vereinzelt kommen, neben der Kadrierung, inszenatorische Elemente in Bild und Ton und Trickaufnahmen vor. Dialoge gibt es nicht, sondern nur, kaum bemerkbar, die realen Geräusche der Szene: von Fahrzeugen, undeutlichen Gesprächen im Hintergrund oder außerhalb des Rahmens, Wetterphänomenen, aus einem Radio. Einzelne Einstellungen erinnern an Werke der bildenden Kunst. Nur die Länge der geduldigen Betrachtung wird dem Zuschauer durch den Filmemacher aufgezwungen: eine Schule des genauen Sehens.

Mit bewundernswerter Ausdauer, die der Ästhetik von James Benning entspricht, veröffentlicht das Österreichische Filmmuseum seit Jahren in der Edition filmmuseum die unverwechselbaren Arbeiten von James Benning auf DVD. Die jüngste Doppel-DVD enthält „11 × 14“ von 1977 sowie zwei der drei zwischen 1977 und 2012 entstandenen Varianten von „One Way Boogie Woogie“, von denen eine aus 120 einminütigen und die andere aus 18 fünfminütigen Einstellungen besteht. Kein kommerzieller Produzent würde solch ein Unternehmen wagen: Es bringt keinen Gewinn ein. Wer aber bereit wäre, vor einem Bild von Edward Hopper, Don Eddy, Robert Neffson, Bertrand Meniel, Clive Head oder Richard Estes für die Dauer einer Zigarrenlänge zu verharren, könnte bei diesen Filmen süchtig werden. Sie können die Wahrnehmung – und damit das Leben –, übrigens auch das Zeitgefühl verändern.

James Benning gilt als Experimentalfilmer. Wieso eigentlich? Wie lange ist eine eigene, vom Mainstream abweichende Handschrift ein Experiment? Unlängst, anlässlich seines „König Lear“, betonte Claus Peymann, dass er ohne Video und Mikroport auskomme. Wer experimentiert nun? Der tausendste Verwurster von Video auf der Bühne, oder der Purist, der darauf verzichtet? Video ist heute nicht Experiment, sondern Norm. Wäre es nicht so, müsste man den Verzicht nicht erwähnen. Wäre Hollywood mit seiner Kurzatmigkeit und seiner Präferenz für das Narrativ gegenüber der Bildästhetik nicht zur Norm geworden, hätten sich Bresson, Kurosawa, Tarkovskij, Sokurov im allgemeinen Bewusstsein so durchgesetzt wie die Handwerker des Actionfilms, gehörte auch der mittlerweile 75-jährige James Benning zum Kernbestand des Kinos. Im Übrigen bleibt dem Kritiker nichts zu sagen, wenn er nicht die ausführlichen Texte der Begleithefte paraphrasieren will. Das aber macht keinen Spaß.

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erstellt am 04.7.2018

James Benning
11 × 14. One Way Boogie Woogie / 27 Years Later
2 DVD
Edition filmmuseum 112

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