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Lothar Quinkenstein, 1967 geboren, ist Germanist, Übersetzer aus dem Polnischen und Schriftsteller. Der in Berlin lebende Autor arbeitet gerade an einer Sammlung von kurzen Prosatexten. Faust-Kultur veröffentlicht daraus vier Geschichten, „Das Geheimversteck“ heißt die erste.

»Vier Geschichten vom Rand der Tage«

Das Geheimversteck

Harzgeruch. Die Finger vom Brombeersaft fleckig. Die Sonne sprenkelt gestapelte Stämme, von denen die Rinde blättert. Hinter dem Wiesenbuckel tuckert ein Traktor. Der Schorfrest am Knie fühlt sich an wie ein Stück Frikadellenkruste.
      Aber Pitt hatte keine Zigaretten dabei. Pitt kaute einen Grashalm.
      Eigentlich hatten sie sich zu mehreren treffen wollen an ihrem Stammplatz, dem schief gewachsenen Baum am Feldweg, aber dann war außer Pitt niemand gekommen, und Indianer und Cowboy zu zweit konnte man vergessen.
      Wenn sie sich mit verrenkten Schreien fallen ließen, wollten sie hinterher wissen, ob es so echt ausgesehen hatte wie im Western am Sonntagnachmittag. Und der Trick mit der Faust war einfach klasse. Dass man, knapp vor dem Kinn des anderen, in die linke Hand boxte, dass es klatschte, und er ging zu Boden wie ein Sack.
      Isoldes Vater war aber nicht im Fernsehen erschossen worden, sondern dort hinter den Wiesen, wo der Bach sich zwischen den Weiden schlängelte und unter den Hochspannungsdrähten die ersten Häuser des Nachbardorfes standen.
      War dei Vadda widda im Puff?
      Bei manchen Wörtern genügte es, in empörtes Johlen auszubrechen, um Bescheid zu wissen.
      Sechs Schüsse aus einem Kleinkalibergewehr. So hatte es in der Zeitung gestanden. Winnetous Silberbüchse. Old Shatterhands Henrystutzen. Und wie ein Kleinkalibergewehr aussah, wusste er auch. Ein Freund seines Vaters hatte eins. Das bewahrte er in seinem Wochenendhaus in Frankreich auf. Dort war es erlaubt.
      Der Junge ist groß genug, hatte sein Vater gesagt, und dann hatte er auch einmal abdrücken dürfen beim Zielschießen auf Konservendosen am Ende der matschigen Wiese am Fluss. Auf der Rückfahrt dann ein Riesenstreit. Furchtbar wütend war seine Mutter geworden. Diese Waffenspielchen das Allerletzte. Und dass ihr immer damit anfangen müsst, wenn ihr alle schon was intus habt.
      Pitt spuckte den zerkauten Stengel aus, rupfte sich einen neuen. Strich die Ähre ab, dass sie als fedriges Büschel zwischen Daumen und Zeigefinger stand. Ließ sie zu Boden rieseln. Steckte den Halm zwischen die Lippen.
      Alle anderen Mädchen hatten Zöpfe oder einen Pferdeschwanz. Isoldes Haare waren kürzer als die der Jungs. Die Kleider immer tiptop. Höchstens, dass sie mal beim Gummispringen mitmachte. Aber niemals Nachlauf oder Versteck. Von wegen mit grauen Knien aus der Pause. Und wenn sie von den Orten sprach, die ihnen geläufig waren im Tonfall des Dialekts, klang es wie in Schönschrift. Überhaupt: Isolde. So hieß hier niemand außer ihr.
      Besitzer eines Nachtclubs. So hatte es in der Zeitung gestanden, und gemeint war das Haus hinter den Birken, an dessen Giebel eine Schrift hing, die abends über dem Reklameschild mit dem Namen der hiesigen Biersorte blinkte.
      Wenn sie auf dem Weg ins Freibad an Isoldes Haus vorbeifuhren, musste einer immer fragen: Gehma nohher noch ins Puff? Und dann kamen sie kaum den Hügel hinauf, weil sie vor lauter Gackern keine Kraft mehr hatten, in die Pedale zu treten.
      Pitt nahm den Halm aus dem Mund, warf ihn beiseite. Schnorchelte Rotze, brachte sie gurgelnd in Position, spuckte in hohem Bogen den schlingernden Batzen.
      Pitt konnte auch ein Nasenloch zuhalten und die Bescherung aus dem anderen feuern, ohne sich zu bekleckern. Wie die großen Brüder es taten, die Onkel, die Väter, bei der Arbeit an der Mischmaschine, zwischen zwei Schwüngen mit der Kreuzhacke, zwischen zwei Schlucken aus der Bierflasche, beim Einrichten der Verschalung mit der Wasserwaage.
      Oder wir spielen Fußball …
      Zu heiß, brummte Pitt und kratzte an einem Mückenstich an seiner Wade.
      Oder wir machen ein neues Geheimversteck. Ein richtig großes.
      Pitt leckte über die Kuppe des Zeigefingers, betupfte den roten Fleck.
      Das letzte Mal, als sie ein Versteck angelegt hatten für ein paar Kerzen und einige Päckchen Streichhölzer, damit das Nötigste ohne die lästige Fragerei zur Hand war, wenn ihnen der Sinn danach stand, außer Sichtweite der Gärten an alten Asthaufen zu zündeln, hatte Pitt versucht, mit Zigarette im Mundwinkel zu buddeln. Aber so gut wie die großen Brüder, die Onkel, die Väter das machten, wenn sie mit einer LASSO oder einer ERNTE 23 zwischen den Lippen und einem zugekniffenen Auge Nägel in die Schalbretter trieben oder, beide Hände am Kipprad der Mischmaschine, den fertigen Brei in die Schubkarre laufen ließen, hatte er es nicht hingekriegt. Immer wieder musste er sich aufrichten, den Rauch aus den Augen wedeln, und als die Zigarette bis auf den Filter abgebrannt war, schnickte er den Stummel in die Schlehenhecke und meinte, das sei anderer Tubbak gewesen als sonst, das hätte er sofort gemerkt.
      Wenn Isolde in der Nähe war, hielten sie sich mit dem Puff-Gerede natürlich zurück. Das hätte noch gefehlt, sich deswegen eine Strafarbeit einzufangen. Selbst Matze, der die Heftchen rumzeigte aus dem Bastelkeller seines Vaters, und bei dem es auf eine Strafarbeit mehr oder weniger nicht angekommen wäre, erlaubte sich keine Witzchen, wenn Isolde sie hätte hören können. Sie schaute einen ja ohne Witzchen immer schon an, dass man dachte, man habe Wunder weiß was angestellt. Und auf die Idee, auch ihr im Vorbeilaufen mal den Rock fliegen zu lassen, um einen Blick auf ein geblümtes Höschen zu erhaschen, wäre erst recht keiner gekommen. Mit Deckel-hoch-der-Kaffee-kocht! ärgerte man die anderen Mädchen, nicht Isolde.
      Pitt stemmte sich in die Höhe, fasste sich theatralisch ins Kreuz, ächzte Jessesmariaunnjosebb, wie seine Oma es tat, wenn sie sich nach dem Jäten im Gemüsebeet erhob. Aber dass das klar sei … Er spuckte noch einmal einen beachtlichen Bogen. Er würde nichts schleppen heute. Auf gar keinen Fall.
      Als die Gärten schon zu sehen waren, mussten sie sich noch eine Weile bei der Heuscheune herumdrücken, weil Pitts Mutter Wäsche aufhängte. Die Spitzhacke stand im Schopp hinter dem Gartenklosett, und es war wohl besser, sie in einem unbeobachteten Moment davonzutragen. Das Holz, das Pitt seiner Oma für den Küchenherd spalten sollte, lag nämlich schon den zweiten Tag unberührt neben den Kaninchenställen.
      Die Vorstellung, dass Isolde eine Zigarette rauchen würde, fiel seltsamerweise leicht. Aber das wäre dann ein ganz anderes Rauchen gewesen. Nicht wie Pitt, der zwischen den Zügen seine Rotzkunststückchen vorführte oder die geballte Faust bewegte, als ziehe er den Hebel, der den Furz fahren ließ, sondern so, wie die Frauen im Fernsehen rauchen. Da säße Isolde dann dort oben hinter der Blinkschrift am Giebel auf einer schimmernden Ledercouch, und Derrick oder der Alte ständen am Fenster und würden ihr Fragen stellen. Und der Rauch würde sich kräuseln über Isoldes lackierten Nägeln.
      Ob ein Nachtclub wirklich dasselbe war wie ein Puff? Wo die Leute hin gingen, um sich nackig zu machen?
      Pitt zeigte zum Himmel, auf den Schwarm kreisender Vögel. Behauptete, das seien die Tauben seines Onkels, der am anderen Ende des Dorfes wohnte. Dabei konnten das weiß der Kuckuck was für Krähen sein. Aber nein, Pitt sah das natürlich haargenau, und am Ende hieß es wieder, man sei ein Storze und habe keine Ahnung. Als ob die zwei Jahre es ausmachen würden. Gut, Pitt hatte ein Bonanzarad mit Fuchsschwanz am Lenker und Bierdeckeln in den Speichen. Pitt musste sich auch nicht am Klavier mit dem Fröhlichen Landmann herumplagen, Pitt nahm mit seinem Kassettenrecorder die Hitparade auf und wurde fuchsteufelswild, wenn man den kleinsten Mucks dabei machte. Pitt durfte auch, ohne fragen zu müssen, Daktari oder Lassie einschalten, und seine Tante konnte er eine „alte Schachtel“ nennen und sich eins lachen, wenn sie ihm drohte, es seiner Mutter zu sagen. Aber musste er deshalb mit diesen Tauben immer angeben wie ein Sack voll Mücken? Auf die Entfernung sah doch kein Mensch, ob das überhaupt Tauben waren. Erst recht nicht, wem die gehörten.
      Pitt hatte einen Ast aufgehoben, ließ ihn durchs Gras pfeifen, köpfte Wiesenkerbel.
      Endlich waren sie außer Sichtweite. Jetzt brauchte er die Kreuzhacke nicht mehr so blöd zu halten, dass er sich dauernd das Schienbein stieß, konnte sie einfach schultern, wie sich das gehörte.
      Sie erreichten die Hecken. Wilde Mirabellen und Schlehen. Kirschbäume dazwischen.
      Sie suchten den Einschlupf, den sie sich geschnitten hatten mit ihren Dolchen mit den Griffen aus Hirschgeweihplastik, drückten sich durch das stachlige Dickicht auf die kleine Lichtung.
      Ihr letztes Geheimversteck war keines mehr. Die Plaggen lagen welk geschrumpft auf der Abdeckung aus Kistenholz. Jedes Grienhorn hätte die Stelle gefunden.
      Er zog die Edekatüte mit den Kerzen aus dem Loch, die Tchibodose mit den Streichhölzern.
      Pitt hob in Zeitlupe die Hand, wartete, bis die Bremse auf seinem Unterarm gelandet war. Ein Klatschen. Er schnippte das Klümpchen auf die Erde. Ließ sich am Stamm eines Kirschbäumchens nieder, blinzelte in den Himmel.
      Jetzt hätten sie gemütlich hier sitzen und eine fluppen können. Stattdessen sah Pitt zu, wie er mit diesem Ding herummurkste. Schwer wie sonst was. Und wenn das Eisen endlich in den Boden ging, hing es fest in den verdammten Wurzeln.

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erstellt am 29.6.2018

Lothar Quinkenstein, Foto: Adam Czerneńko

Lothar Quinkenstein, Foto: Adam Czerneńko

Vita

Lothar Quinkenstein

Geboren 1967 in Bayreuth, Studium der Germanistik und Ethnologie in Freiburg/Breisgau. Lebte 1994-2011 in Polen, seit 2011 in Berlin. Unterrichtet im Rahmen des Studienganges „Interkulturelle Germanistik“ am Collegium Polonicum in Słubice. Zahlreiche Beiträge – Lyrik, Prosa, Essay, Kritik – in deutschen und polnischen Zeitschriften: Sinn und Form, Ostragehege, Palmbaum, Signum, Krautgarten, Miasteczko Poznań, Borussia, Prowincja, Gazeta Malarzy i Poetów, kultura enter. Zuletzt in Buchform erschienen: mitteleuropäische zeit (Gedichte, Lyrikedition 2000, 2016). Übersetzer aus dem Polnischen.