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Mit „The Mouth“ belebt ein neues Journal die Sprach- und Kulturwissenschaften. Es widmet sich der Mittelmeerinsel Mallorca als (post)kolonialem Schwellenraum zwischen Nord und Süd. Bruno Laberthier stellt das unkonventionelle Magazin vor.

»The Mouth«

Ein verheißungsvoller Auftakt

Mallorca – auf diesen Blickwinkel muss man sich erst mal einnorden oder, je nachdem, einsüden – das Mallorca des Balneario No. 6 mit seinen Stränden, Sausen und Sangria-Eimern ist ein (post)kolonialer Schwellenraum par excellence. In einem geografischen in-between, das nicht Metropole und auch nicht Kolonie ist, begegnen sich ein globaler Norden unter vornehmlich deutschen Vorzeichen und die prekären Dienstleister*innen der südlichen Hemisphäre zu einem außeralltäglichen Stelldichein. Schwarze Ramschwarenverkäufer mit Ray Ban-Fakes und Rolex-Imitaten aus „original afrikanischer Produktion“ machen sich in diesem dritten Raum (den Homi K. Bhabha so sicher nicht gemeint hatte) zur Witzfigur. Ihr Ziel: denen, die die Musik bestellt haben, zu gefallen in der Hoffnung, auch etwas abzubekommen von deren spendabel machender Feierlaune.

Nicht immer, aber meistens lassen sich die exterritorialen Kolonialherren von einst und Ballermänner von heute auf den schlechten alten Deal ein. Wenn ja, dann kommt es zum schwellenraumtypischen stillen Einverständnis vom seine Seele verkaufenden afrikanischen Straßenhändler hier und den Seelenkäufern aus Deutschland dort, die genau wissen, was sie tun und wohl auch deswegen die unschöneren Residuen hinter ihrem Darum-Wissen souverän weglachen.

„Du Helmut, ich Dunkelmut“, sagt dann geistesgegenwärtig das schwarze Gegenüber.

Der Deutsche versteht den Scherz; die Selbsterniedrigung dahinter kapiert er vielleicht nicht so gut.

„Komm her, ich kaufe dir deine ‚Rolex‘ ab, wenn du dabei schön lustig bleibst“. Und wir uns darauf einigen, dass dies sozusagen die mallorquinische Norm ist.

Entlarvende Fotografien

Das frisch gegründete Journal The Mouth, entstanden als sympathischer, weil nonkonformistischer Bastard aus akademischer Exzellenz der Kölner Universität mit seinem Global South Studies Center und der mindestens ebenso renommierten Leibnizpreisträgerschaft seiner Mitinitiatorin Anne Storch, pickt seit 2017 exakt dieses Spannungsfeld von Norm und Schwelle auf. Mallorca erscheint als liminaler Raum der Begegnung von Süd und Nord unter nicht nur neokolonialen („Deutschlands 17. Bundesland“), sondern vor allem retrokolonialen Vorzeichen. Es sind Vorzeichen, bei denen Hel(l)- und Dunkelmut genau wissen – und Ersterer bestimmt –, wo wer von beiden jeweils hingehört.

Normaliminalities ist die Sammlung von fotografischen Eindrücken betitelt, die als erste Ausgabe der Zeitschrift Ausstellungskatalog und Agenda in einem ist. Die abgebildeten Fotografien von und mit Angelika Mietzner, Nico Nassenstein, Janine Traber, Nina Schneider und Anne Storch entlarven auf sprichwörtliche Art, derzufolge ein Bild mehr zu sagen in der Lage ist als 1000 Worte, die Verhältnisse im Urlaubs- und Erholungssimulakrum Mallorca. Schinkenstraße und Bierkönig hier, die den teutonischen Feierbiestern unbekannten Seiten der dunkelmütigen Hemisphäre dort: beides ethnofotografisch exakt fixiert. Die Grenzen der wissenschaftlichen Beschreibbarkeit werden offensichtlich, wenn die verbale Minstrelshow 2.0 der dienstbaren Geister aus Nigeria die „sexy bitches“ aus dem Norden auch noch anzufeuern beginnt („Malleable Words“ in Normaliminalities, S. 16). Die Premierenausgabe von The Mouth zeigt passend dazu nicht nur Fotos aus dem mallorquinischen-ballermannesken Feld, sondern auch die Grenzen der Sagbarkeit auf. Ethnographie trifft auf Linguistik.

Fotografie aus der ersten Ausgabe des Magazins „The Mouth“
Fotografie aus der ersten Ausgabe des Magazins „The Mouth“

Die zweite Ausgabe, erschienen vor einem halben Jahr, versucht dennoch, Tourismus, Sprache und Migration in Mallorca auf einen diskursiv-verbalen Nenner zu bringen. Das Vorhaben gelingt überraschend gut, weil sich die Konzepte zur (Ein-)Fassung des Gesehenen und Erlebten der teilnehmend-beobachtenden Doing-Mallorca-Schreiber*innen eignen, eben dieses Gesehene auf den Punkt zu bringen.

Ein Taxifahrer aus Nigeria

Schließlich ist da, Stand jetzt, die dritte und bislang letzte Ausgabe, die als Sondernummer daherkommt und den Faden der „Global Normaliminalities“ aus der ersten Nummer aufgreift. Auf den Fotos posiert ein nigeriastämmiger Immigrant in seinen frühen Fünfzigern stolz als einer, der es auf Mallorca zum Taxifahrer mit eigenem Betrieb gebracht hat. Festus Badaseraye heißt der Mann und die Special Issue gibt seine von den Mouth-Macher*innen ins Englische übersetzten Lebenserinnerungen wieder. Auch die meisten Texte der anderen bislang erschienenen Ausgaben sind in Englisch verfasst: Sie verdienen eine Übersetzung bzw. eine Parallelversion in Deutsch.

Festus Baderaye hat man also in Wort und Bild vor sich, und dieses Mal ist es so, dass die Worte doch so viel sagen wie die Bilder. Die African Journey, so der ein wenig unspezifische Titel, schildert die voyage-in eines vielleicht vom Glück und den Umständen begünstigten Westafrikaners, der mit den Traditionen und Kulturen im semiurbanen Nigeria bricht und sich mit Gelegenheitsjobs auf spanischen Urlaubsinseln durchschlägt, um seine in Afrika zurückgelassene kleine Familie zu ernähren und am Ende doch traditionsbewusst eine mallorquinische Katholikin zu heiraten (was jetzt unfair ist, diese platte Conclusio, denn die Qualen des vor lauter selbstauferlegter Hoffnungsträgerschaft regelmäßig zusammenbrechenden jungen Afrikaners auf den Kanaren und Balearen klingen authentisch und würden ebenfalls eine Übersetzung ins Deutsche gut vertragen).

The Mouth ist ein kleines, gut ausfinanziertes und dennoch innovatives Projekt (was durchaus ein Widerspruch sein kann, da auch der Teufel der wissenschaftlichen Drittmittelfinanzierung gerne auf die großen und schnell verknöchernden Haufen scheißt). Die Entdeckung Mallorcas als Schwellenraum in den historisch-kulturellen Kartierungen des Nordsüdens und seiner nach wie vor deutlich demarkierten Austauschverhältnisse ist ein verheißungsvoller Auftakt. Das Journal begleitet eine Webseite mit Blog und weiteren Informationen, auch diese sind äußerst empfehlenswert.

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erstellt am 28.6.2018

„The Mouth“, 2. Ausgabe, November 2017
„The Mouth“, 2. Ausgabe, November 2017
Weitere Informationen

themouthjournal.com

„Normaliminalities“, 1. Ausgabe von „The Mouth“
„Normaliminalities“, 1. Ausgabe von „The Mouth“