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Sie sind vielleicht nicht die ersten, die Johann Sebastian Bachs Instrumentalmusik singen. Aber sie sind unvergleichlich: Das A-cappella-Sextett SLIXS hat die zweite Bach-CD veröffentlicht, „Quer Bach 2“. Bernd Leukert ist entzückt.

Die Slixs-CD »Quer Bach 2«

Sinnliche Vokalisten

Noten zum Klingen zu bringen, gehört zu den Künsten, die sich der Verdinglichung entziehen. Und tatsächlich geschieht das nicht oft. Deshalb wird man hellhörig, wenn es geschieht. Instrumente werden gewöhnlich gebaut und gespielt, um die Artikulation der menschlichen Stimme zu imitieren. Anzunehmen, dass das singende Sextett „Slixs“ auf ihrer zweiten „Quer Bach“-Veröffentlichung den umgekehrten Weg verfolge, wäre vorschnell. Zwar nähert es sich gern einem Instrumentalklang, oft singt es sich aber seine „Instrumente“ selbst. Das ist so gemeint: Was Johann Sebastian Bach für Instrumente komponierte, müssen sich die Vokalisten erst für ihre Stimmen ‚übersetzen’, das heißt zum Beispiel, dass jede menschliche Stimme andere Einschwingvorgänge, andere Modulationsmöglichkeiten, Timbres und Dynamiken hat, als irgendein Instrument, und deshalb die Realisation jeder Note nicht nur für die konkreten Fähigkeiten adaptiert werden muss, sondern auch, in Abstimmung mit den anderen Sängern, die Wahl des Vokals, den Verlauf der vokalen Klangfarbe und die Wahl der Konsonanten, die einsetzende Stimmen markieren oder die von Bach oft unkonventionell herausgeschleuderten Verzierungen ins Gesangliche transformieren. Dass die Sängerin und die Sänger sich vom Scat-Gesang herleiten, kommt diesem ambitionierten Projekt zugute. Puristen, die sich für einen protestantischen Bach verwenden, mögen sich über eine solche Versinnlichung seiner Musik empören. Slixs nehmen ihren Bach ernst, auch wenn er in ihren Interpretationen zuweilen sehr witzig daherkommt.

Schon in ihrer ersten Bach-Publikation, „Quer Bach“, springt die intensive, ‚sprechende’ Aufbereitung der Bachschen Musik dem Hörer durchs Ohr ins Gemüt: die bedachte Eleganz, mit der zwei der Goldberg-Variationen daherkommen; der expressive Madrigalstil, den Slixs gelegentlich aus dem Kompositorischen in die Interpretation verschieben und etwa den Schlusschoral der Kreuzstab-Kantate, „Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder“ (in diesem Kontext selbstverständlich ohne den Text gesungen) mit einer für einen Sänger zu hohen Stimme an den Rand einer Parodie bringen; oder das Vivace des d-Moll-Konzerts für zwei Violinen, das, dominiert vom brillanten Gesang Katharina Debus’, in eine prägnante Struktur übersetzen, die Streichern gar nicht möglich wäre.

Das A-cappella-Sextett „SLIXS“, Foto: SLIXS

Katharina Debus, Michael Eimann, Gregorio D’Clouet Hernández, Karsten Müller, Thomas Piontek und Konrad Zeiner kommen aus Berlin, Dresden, Leipzig, Halle, vom Jazz, Soul, Rhythm and Blues, also von der Popmusik, der Folklore, lieben Funk und kennen mehr artistische Vokaltechniken, als die Phantasie hergibt. Ebenso vielfältig sieht das Slixs-Repertoire aus. Die Musik Bachs ist also nur eine Facette im Angebot der umtriebigen Truppe. Umso erstaunlicher, dass auch die – im Vergleich zur ersten Quer Bach-CD – umfangreichere ‚Quer Bach 2’ so differenziert und mit Hingabe gesungen und produziert ist, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Allein, wie die Aria, die Ausgangsbasis der Goldberg-Variationen, in sehr langsamem Tempo geradezu ertastet wird, gibt einen Eindruck von der liebevollen Detailarbeit, die alle Stücke dieser CD auszeichnet. Auch der 7. Variation (die, wie die 18. Variation, schon auf der ersten Quer Bach-CD zu finden ist, nun aber in einer anderen Version erklingt) ist eine solistische Exposition mit Basshilfe im langsamen Tempo hinzugefügt, bevor die Mehrstimmigkeit im Allegro davontanzt. Sehr effektvoll macht sich die Aufteilung figurativer Läufe auf mehrere Sänger, also die Weitergabe und damit Farbänderung einer Stimme, die auch dem Konventionellen der barocken Tradition einen ‚agitierenden’ Charakter verleiht. Selbst Stücke, die die Spatzen von den Dächern pfeifen, wie das Largo aus dem Konzert für zwei Violinen d-Moll BWV 1043, das Andante aus dem Violinkonzert a-Moll BWV 1041 oder die Gavotte En Rondeau aus der Violin-Partita Nr. 3 BWV 1006 vermitteln Slixs mit fein abgestufter Dynamik und gestischer Phrasierung.

Das letzte Stück auf der CD ist von Bach für Orgel komponiert: Präludium und Fuge c-Moll BWV 549. Im Gespräch mit Wolfgang Hamm, das im Booklet abgedruckt ist, bezeichnen die Künstler die Umsetzung dieses Stücks als besondere Herausforderung. Denn der Charakter der Komposition verlangt gewissermaßen eine Annäherung an den Orgelklang. Die noch befremdlich wirkende Introduktion im Bass fließt nach dem ‚gezupften’ figurativen Stakkato in eine intensiv sich entfaltenden Registerpalette über; und die Fuge gibt den A-cappella-Artisten bis zur Schlussfanfare Gelegenheit, ein prächtiges Stimmen-Feuerwerk abzubrennen. Herrlich.

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erstellt am 27.6.2018

Slixs
Quer Bach 2
Hey!Classics. LC 29640

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