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Saskia Hennig von Lange beherrscht die Technik des Suspense, ohne einen Krimi zu schreiben. Der Protagonist ihrer Romanparabel „Hier beginnt der Wald“ bewegt sich heraus aus einer Gesellschaft, die das Unbewusste unter Kontrolle hat, hinein in dessen wilde und gefährliche Zone. Gudrun Braunsperger hat das Buch gelesen.

Buchkritik

In die Wildnis

Saskia Hennig von Lange, © Stefan Freund
Saskia Hennig von Lange, © Stefan Freund

Er wisse, dass das alles nur in seinem Kopf sei, heißt es über den namenlosen Protagonisten aus Saskia Hennig von Langes Roman „Hier beginnt der Wald“ über einen Mann, der mit einem Laster im Wald strandet. Eigentlich hat er sich auf den Weg gemacht, um Umzugsgut an den Ort seiner Bestimmung zu bringen. Es ist eine Fahrt, die ebenso phantastisch wie real ist und die als Flucht vor der Verantwortung für eine Frau und ein ungeborenes Kind beginnt. Als sich dann noch ein Unfall ereignet, ist nichts mehr wie zuvor. Der Unfall bildet eine Art Zäsur in diesem Leben, über das Davor gibt es nur vage Andeutungen in Gedankenfetzen und Erinnerungen, das Danach spielt sich im Wechsel zwischen zwei Ebenen der Realität ab. Auf der einen Seite steht eine an Eigendynamik gewinnende Innenwelt, die die Handlungsimpulse dieses Menschen zunehmend bestimmt, auf der anderen Seite eine in hohem Maß irritierende und auch irritierte Außenwelt, für die der Protagonist zwar Verständnis aufzubringen versucht, deren Erwartungen er aber nicht mehr zu erfüllen in der Lage ist. Der Mann, der hier erzählend begleitet wird, hat jeden rationalen Plan aufgegeben und folgt stattdessen den Impulsen seines Inneren, was für seine Umgebung einigermaßen befremdlich ist. Plötzlich ergibt es sich zum Beispiel, dass er ein Kaufhaus nackt verlassen muss und ein Messer, das er eigentlich bezahlen wollte, mit sich nimmt. In der Not passiert ihm ein Einbruch in eine Garage. Am Ende kidnappt er einen Jungen, auch wenn sich der Junge ihm eigentlich freiwillig anschließt. Es handelt sich um eine Serie von Ereignissen, die durch Uneindeutigkeit charakterisiert ist. So stolpert er von einer Situation in die nächste, und von jeder befürchtet man, dass sie nicht gut ausgehen kann. Zuletzt verpufft die Spannung da, wo sie am höchsten ist. Das Ende verliert sich in nebelhafter Unschärfe, und diese ist für den gesamten Text programmatisch.

Saskia Hennig von Lange beherrscht die Technik des Suspense, ohne einen Kriminalroman zu schreiben. Formal ist dieser als Roman bezeichnete Text eher eine Novelle mit einem minimalen Handlungsrahmen. Ein Text, der ebenso tiefsinnig wie vielschichtig ist, seine Bedeutung changiert auf mehreren Ebenen und kann wie in einem Vexierspiegel mehrdeutig betrachtet werden.

Das Frachtgut des Umzugs ist nicht das eigene und könnte es doch sein, „als könnte man nicht auf jedem Stuhl sitzen, in irgendeinem Bett liegen, als käme es darauf an.“ Die Begegnung mit dem Jungen erscheint als erzählerisches Spiel von Imagination und Realität, von Täuschung und Echtheit. Dabei erweist sich die Begegnung mit dem Du zugleich als eine mit sich selbst: Es gibt viele mögliche Blicke auf dieses Meer der rätselhaften Vieldeutigkeit.

„Jetzt ist er wieder allein. Er sieht sich selbst im Wald sitzen, und sieht, wie er da eben noch gestanden hat, neben dem Baum. Jämmerlich, mit einem Ast in der Hand, an dem ein paar trockene Blätter hängen, das Gesicht blutverschmiert, aber nicht von einem Kampf. Ist er dem anderen überhaupt begegnet? War er nicht die ganze Zeit allein? Hat nur die Angst um den Jungen ihn so durcheinandergebracht? Und die Müdigkeit und der Durst? So dass er jemand gesehen hat, wo gar keiner war. Wo nur ein Baum war und ein großer Stein daneben, mit Moos darauf, das im Waldlicht glänzte wie Fell.“

Überhaupt ist der gesamte Text durchzogen von einer hochaufgeladenen Symbolik, die eine Parabel über das Leben erzählt, eine Geschichte vom Loslassen aller Gewissheiten, um sich selbst zu begegnen und sich den eigenen Abgründen zu stellen, auf die der Protagonist während seiner Reise trifft. In die Metapher des Umzugs fügen sich weitere Symbole, ein Messer, eine blutende Wunde, Hunde und Jäger, der Junge und natürlich der titelgebende Wald.

„Als unseres Lebens Mitte ich erklommen / Befand ich mich in einem dunklen Wald / Da ich vom rechten Wege abgekommen“: Mit dem Symbol des Waldes eröffnet Dante die „Göttliche Komödie“. Der Dichter dieses Epos einer vormodernen Weltdeutung sieht sich im düsteren Wald wilden Tieren gegenüber, er wird den Weg aus den Abgründen seines Unbewussten hin zu einer neuen Seinserfahrung finden, in der Erkundung der jenseitigen Welt. Dass Saskia Hennig von Lange mit dem Titel „Hier beginnt der Wald“ eine Anspielung auf diese Welterfahrung gemeint haben könnte, erscheint nicht zufällig. Der Weg ihres Protagonisten bezeichnet jedoch eine andere Bewegung, nämlich diejenige, die in den Wald hineinführt, heraus aus einer normativen Gesellschaft, die das Unbewusste unter Kontrolle hat, hinein in dessen wilde und gefährliche Zone. Eine Episode nach der anderen wird aufgeblättert und weitergesponnen, immer tiefer verstrickt sich der Mann in unfreiwillige Kollisionen mit seiner Umgebung, während es ihm doch eigentlich darum geht, sich selbst zu finden. Was als Abwehrstrategie zur Selbstverteidigung eingesetzt wird, erweckt bald den Anschein der Pathologie, aber ein solches Urteil, dafür öffnet uns Hennig von Lange den Blick, ist nicht mehr als eine gesellschaftliche Übereinkunft.

„Mein Kopf ist ein Raum, der für alles Platz hat, und hinter jedem Raum noch ein weiterer Raum“: Das ist es, was gute Literatur vermag – den Raum im Kopf des Anderen zu öffnen und zugänglich zu machen, und das ist Saskia Hennig von Lange auf beeindruckende Weise gelungen. Mit dem langen Atem des epischen Erzählens zoomt die Autorin ganz nah an ihren Protagonisten heran, wie auf einer Kamerafahrt, die an die Filme des schwedischen Seelenforschers Ingmar Bergman erinnert. So langsam und bedächtig sie sich ihm auch nähert, so spannungsgeladen ist die Atmosphäre, die hier geschaffen wird. Ihre Sprache ist dabei ebenso elegant und geschliffen wie mitreißend und dynamisch, dabei treibt sie eine Handlung voran, die doch genau besehen im Nebel bleibt. Mit brillanter stilistischer Klarheit wird hier Unschärfe zelebriert: die Unschärfe der Handlung, die verschwimmenden Grenzen der Wahrnehmung von sich selbst, die ständig drohende Gefahr, ohne Absicht schuldig zu werden, Spannung, die aufgebaut wird und wie eine Seifenblase zerplatzt.

In der Moderne, das könnte uns diese Parabel sagen wollen, liegt die Herausforderung darin, dem Uneindeutigen Raum zu geben, den Wald zu betreten und sich in die Wildnis hineinzuwagen. Die klar abgesteckten Grenzen der modernen Welt hinter sich zu lassen, das ist ebenso riskant wie mutig.

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erstellt am 25.6.2018

Saskia Hennig von Lange
Hier beginnt der Wald
Roman
Gebunden, 152 Seiten
ISBN: 978-3-99027-216-9
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2018

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