Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Für manche bezeichnet der Begriff einen locker-verspielten Schreibstil, andere verstehen darunter den Kulturteil überregionaler Zeitungen. Fest steht, dass das Feuilleton in Zeiten medialer Umbrüche zunehmend unter Druck gerät. Eugen El stellt einen Sammelband vor, der aktuelle Texte zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Feuilletons zusammenträgt.

Feuilleton

Eine bedrohte Art

Ursprünglich ein technischer Begriff aus dem Buchbinder- und Druckereigewerbe, steht „Feuilleton“ im frühen 19. Jahrhundert für kurze Texte zu vermischten Themen in Pariser Tageszeitungen. Um 1929 versteht man unter Feuilleton im deutschsprachigen Raum eine leichte, verspielte Prosaform, ein zwischen Journalismus und Literatur changierendes Schreiben. Mittlerweile assoziiert man mit dem Begriff vor allem das Kulturressort überregionaler deutscher Zeitungen wie FAZ, DIE ZEIT und Süddeutsche Zeitung. Mit dem allmählichen Auflagen- und Bedeutungsschwund der gedruckten Zeitung könnte das Feuilleton in seiner heutigen Form seinem baldigen Ende entgegentaumeln.

Was war „Feuilleton“ also, was ist davon übrig geblieben und (wie) geht es damit überhaupt weiter? Ein von Hildegard Kernmayer und Simone Jung herausgegebener, auf eine Tagung der Universitäten Graz und Hamburg zurückgehender Band widmet sich der bedrohten Gattung. Er versammelt historische Studien zur Blütezeit des feuilletonistischen Schreibens zwischen den Weltkriegen, liefert eine Bestandsaufnahme des Zeitungsressorts Feuilleton in der Gegenwart, betrachtet die Rolle von Facebook als Debattenmedium und stellt mögliche digitale Nachfolgeformate des Feuilletons vor.

Was war »Feuilleton«?

Vor allem in den 1920er Jahren erblüht das Zeitungsfeuilleton als Hybrid zwischen Literatur, Essay und Reportage. Vicky Baum, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Joseph Roth, Kurt Tucholsky – die meisten großen Feuilletonisten versuchen sich zugleich (und reüssieren bisweilen) als Schriftsteller. Ausführliche Studien zum „rasenden Reporter“ Kisch sowie zu Baums feuilletonistischen Betrachtungen finden sich in dem Band. Einen lesenswerten Text widmet Sibylle Schönborn Max Herrmann-Neiße (1886-1941), einem seinerzeit renommierten (von Malern wie George Grosz und Ludwig Meidner porträtierten), heute jedoch weitgehend vergessenen Autor. Als Lyriker, Romancier, Theater- und Literaturkritiker steht er exemplarisch für die Blütezeit des deutschsprachigen Feuilletons und das produktive Ineinandergreifen von Kunst und Kritik in der Moderne. Herrmann-Neiße habe, wie viele seiner Schriftstellerkollegen der Zeit, die Kritik als produktive Ergänzung, wenn nicht gar als Voraussetzung für die eigene literarische Arbeit gesehen, schreibt Schönborn. Sie sieht Max Herrmann-Neißes Poetik der Kritik des Feuilletons in einer Reihe mit Walter Benjamin und Alfred Kerr, der als Herrmann-Neißes Mentor fungierte. Die historischen Studien des Bandes lassen eine Parallele zur Gegenwart erkennen. Wegen ihrer Überschaubarkeit und der zeitweiligen Verschmelzung von Literatur und Kritik erscheinen die literarische Welt und das Zeitungsfeuilleton der Weimarer Republik als Vorform heutiger digitaler Filterblasen.

Verhalfen die Frankfurter Zeitung, das Berliner Tageblatt, die Prager Presse und andere Zeitungen der Zwischenkriegszeit dem Feuilleton zur Blüte, so finden sich, wie Thomas Hecken feststellt, in den heutigen überregionalen Kulturressorts kaum noch Feuilletons im ursprünglichen Sinne. In seinem Beitrag analysiert er ausgewählte Texte aus FAZ, SZ und ZEIT mühevoll und detailliert, stellt Unterschiede zwischen (informierendem) Bericht und (wertendem, subjektivem) Feuilletontext heraus. Hecken beobachtet insbesondere bei der ZEIT einen Trend zur Feuilletonisierung aller Ressorts. Da Onlinemedien aktuelle Informationen ungleich schneller verbreiten als die gedruckte Zeitung, mag diese Verschiebung nicht verwundern. Sie dürfte auch auf die Tagespresse übergreifen.

Eine wichtige Verschiebung bewirkte schon der 2014 verstorbene FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Aus einem Forum für Literatur-, Musik-, Kunst- und Theaterkritiken wurde das Feuilleton zunehmend zur Bühne für aufwendig inszenierte Debatten. Als eine beispielhafte Feuilletondebatte könnte die seit März 2015 ausgetragene Diskussion um die Berufung des Kurators Chris Dercon zum Intendanten der Berliner Volksbühne gelten. Simone Jung nimmt sie zum Gegenstand für eine Betrachtung anhand der Stichworte „Hochkultur, Populärkultur, Pop“.

Was wird aus dem Text?

Hat das Rezensions- und Debattenfeuilleton eine Zukunft, wenn die gedruckte Zeitung, der die Gattung entwächst, verschwindet? Wenn sich ein auf unterschiedliche Leserinteressen abgestimmtes Produkt in nicht mehr zusammenhängende Online-Artikel auflöst, die einzeln um messbare digitale Aufmerksamkeit konkurrieren? An Formaten wie Spiegel Online lässt sich beobachten, wie sich ein womöglich durch niedrige Klickzahlen gerechtfertigtes, gerupftes Rest-Feuilleton irgendwo im „Vermischten“ versteckt. Die prekäre Lage des Zeitungsfeuilletons kommt in einer in dem Band dokumentierten Podiumsdiskussion mit den Kulturjournalisten Doris Akrap (taz), Ekkehard Knörer (Merkur), Sigrid Löffler und Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung) ausführlich zur Sprache.

Konsequenterweise widmen sich zwei Beiträge des Bandes Facebook als zeitgenössischer Debattenplattform. Schließlich sind dort neben unzähligen privaten Personen und Organisationen auch die Zeitungsverlage aktiv. Elke Wagner und Niklas Barth stellen die (kommentierende) Facebook-Öffentlichkeit dem Habermas'schen Modell der bürgerlichen Öffentlichkeit gegenüber. Die schnelle und emotionale Logik des Internetkommentars habe mittlerweile auch die Politik beeinflusst, schreiben Wagner und Barth bezogen auf die jüngsten Erfolge des Rechtspopulismus. Die Gründe für diese Entwicklung hilft Nadja Geer nachzuvollziehen. Sie analysiert die Facebook-Debattenkultur anhand grundlegender Funktionsmechanismen der Netzwerkplattform. Sie beobachtet: „Neue Akteure formen eine neue, bewegte – und vielleicht auch brutalere – Debatte.“ Aus einer Ratio-Kultur werde eine Affektkultur, schreibt Geer und beklagt eine damit einhergehende Vulgarisierung. Das Beispiel eines per Twitter pöbelnden US-Präsidenten liegt nahe.

In seinem Ausblick auf die Zukunft des Kulturjournalismus spricht Guido Graf bezeichnenderweise nicht mehr von einem wie auch immer gearteten „Feuilleton“. Sein Text atmet uneingeschränkte Technikeuphorie. Grafs Kulturjournalist der Zukunft sagt ja zu Virtual Reality, Augmented Reality, Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Es wird nicht klar, ob er dann überhaupt noch schreibt. Jenseits ungefilterter Technikbegeisterung und defätistischer Facebook-Frontberichterstattung formuliert der Band keine Perspektiven für das Textmedium Feuilleton. In dieses Bild passt, dass der Börsenverein des deutschen Buchhandels einen massiven Rückgang von Buchkäufen in der Altersschicht von 20 bis 49 Jahren meldete. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man für die Kulturtechniken Lesen und Schreiben als Ganzes schwarz sehen muss.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 22.6.2018

Hildegard Kernmayer / Simone Jung (Hg.)
Feuilleton
Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur
Softcover, 398 Seiten
ISBN: 978-3-8376-3722-9
transcript Verlag, Bielefeld 2018

Buch bestellen