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In den vergangenen Wochen wurde das Treffen der beiden deutschen Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan kontrovers diskutiert. Anlässlich des Auftaktspiels der deutschen Elf bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland blickt Gregor-Sönke Schneider auf die Diskussion zurück und kritisiert deren Doppelmoral.

Die Causa Özil und Gündogan

Zweierlei Maß oder:

entfesseltes gesellschaftliches Ressentiment

Am 17. Juni 2018 bestreitet die deutsche Herrennationalmannschaft ihr Auftaktspiel bei der FIFA-WM in Russland gegen Mexiko. Seit einem Monat bestimmt jedoch das Treffen der Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan in London die Berichterstattung. Selbst die Genesung von Manuel Neuers Fuß – zuvor wichtigstes Thema aller Gazetten – spielt mittlerweile keine Rolle mehr.

Es war nicht die klügste Idee im Leben der Fußballspieler – beide in Gelsenkirchen geboren und deutsche Staatsbürger mit türkischer Herkunft – sich vor den politischen Karren von Erdoğan für dessen Wahlkampf in der Türkei spannen zu lassen. Das Motiv von Erdoğan, der mit seinen politischen Maßnahmen Menschenrechte und Pressefreiheit in der Türkei beschneidet, ist offensichtlich: mit in Deutschland und international bekannten Gesichtern geht er auf Stimmenfang der im Ausland lebenden wahlberechtigten türkischen Staatsbürger. Über die Motivation der beiden Spieler, die mit signierten und gewidmeten Trikots ihrer Vereinsmannschaften Arsenal London und Manchester City zum Treffen kamen, war zunächst nichts bekannt. Erst später äußerte sich Gündoğan öffentlich und schrieb von einer „Geste der Höflichkeit“ hinsichtlich ihrer türkischen Herkunft, die nicht damit verbunden sein sollte „Wahlkampf zu machen“. Mehr Naivität geht wohl kaum. Man hätte es aber auch wie der in Deutschland geborene Emre Can – ebenfalls deutscher Nationalspieler mit türkischer Herkunft – machen können: er lehnte die Einladung zum Treffen mit Erdoğan einfach höflich ab.

Jedoch überrascht die Härte und Dauer der öffentlichen Reaktionen, die Özil und Gündoğan entgegenschlagen – sowohl medial als auch Stadion. Seien es die Pfiffe im Testspiel gegen Saudi-Arabien oder die Reaktionen vom DFB oder aus der Politik, in denen immer wieder die Rede von diffusen Werten ist. Dass zudem Stefan Effenberg, der sein Fingerspitzengefühl bei der WM 1994 in den USA bereits präsentiert hat, den Rausschmiss der beiden Spieler aus der Nationalmannschaft fordert, wirkt wie der bemitleidenswerte Versuch eines Kurzzeittrainers, der mal wieder in die Medien will, um sich für einen neuen Trainerjob zu empfehlen.

Wirft man Blick in das Tagesgeschäft des deutschen Profifußballs, wird sehr schnell deutlich, dass in der Causa Özil / Gündoğan mit zweierlei Maß gemessen wird, denn der Kontakt mit fragwürdigen Staaten bzw. deren Oberhäuptern ist Gang und Gebe – auch bei weiteren Nationalspielern, Mannschaften und Vereinen.

Anders als bei Özil und Gündoğan herrscht keine Aufregung darüber, dass die Nationalspieler Julian Draxler und Kevin Trapp seit geraumer Zeit bei Paris St. Germain fürs Fußball spielen bezahlt werden – einem Verein, der sich im Besitz der Qatar Sports Investments befindet und dessen Präsident Nasser Al-Khelaifi einen Ministerposten – zwar ohne Amt – im Emirat Katar innehat. Katar steht seit Jahren wegen Verletzung der Menschenrechte in der öffentlichen Kritik. Ebenfalls vergleichsweise wenig Aufhebens wurde über das Trainingslager der Profimannschaft des FC Bayern München gemacht, als diese 2015 aus Marketingzwecken im Emirat Katar aufschlug und im Anschluss daran ein Testspiel in Saudi-Arabien absolvierte – eine Woche nachdem dort der regierungskritische Blogger Raif Badawi im Rahmen einer Strafvollstreckung öffentlich ausgepeitscht wurde. Es herrscht auch wenig Aufregung über das Engagement von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Fußballbundesligisten Hannover 96, der seine Männerfreundschaft zum russischen Staatsoberhaupt Wladimir Putin medial geradezu zelebrieren lässt – wie zuletzt bei Putins vierter Amtseinführung. Der Aufsichtsratsvorsitzende von Hannover 96 pflegt eine enge Freundschaft zum Oberhaupt eines Staates, der konsequent und schonungslos gegen kritische Journalisten vorgeht und in der Weltpolitik den syrischen Präsidenten Assad und dessen Krieg gegen die eigene Bevölkerung protegiert.

Lukas Rilke sieht in seinem klugen Kommentar Es geht nicht um Politik auf Spiegel Online die ausländische Herkunft der beiden Spieler als Ursache für die heftigen Reaktionen der Zuschauer im Spiel gegen Saudi-Arabien. Dies lässt sich getrost auf den Großteil der weiteren, teilweise feindseligen Reaktionen übertragen. Anders lässt sich die Art und Intensität der Reaktionen auf Özils und Gündoğans fragwürdiges Treffen mit Erdoğan nicht erklären angesichts der genannten Vorkommnisse ebenso wie bei den schwarzen Kassen des DFBs bei der Vergabe der WM 2006 oder Uli Hoeneß´ Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro, bei denen die öffentlichen Reaktionen deutlich milder ausfallen. Betrachtet man diese Unverhältnismäßigkeit, so stellt sich die Frage, ob nicht im Falle von Özil und Gündoğan unter dem Schein von political correctness Ressentiment gegen deutsche Mitbürger mit türkischen Immigrationshintergrund zutage tritt.

Wer in diesen Tagen fordert, dass Özil und Gündoğan zukünftig für die türkische Nationalmannschaft spielen sollen, sollte sich zwei Dingen bewusst sein: 1. dass er keine Ahnung von Regularien des internationalen Fußballs hat und 2. dass er mit Alice Weidel, der Co-Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, einer Meinung ist. Und nebenbei: sollte die DFB-Nationalmannschaft bei der gerade gestarteten FIFA-Weltmeisterschaft den Titel verteidigen, so erhalten die Spieler am 15. Juli den WM-Pokal traditionell vom Staatsoberhaupt des gastgebenden Landes persönlich überreicht. In diesem Jahr: Wladimir Putin.

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erstellt am 16.6.2018