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Dass Pina Bausch sich nicht auf die Traditionen ihres Berufs verließ, sondern den Tanz neu ergründete, mit den Erfahrungen ihrer Compagnie begründete und dennoch die Verläufe neu montierte, brachte, wie gewöhnlich, Begeisterung und Ärger hervor. Walter H. Krämer beschreibt, warum die Arbeit der großen Choreographin bis heute sehenswert ist.

Pina Bausch

Die Suche hört nicht auf

Über 40 Werke hat Pina Bausch zeitlebens für das Tanztheater Wuppertal choreografiert und – das ist das Besondere und gleichzeitig Wunderbare! – sie hat immer dafür gesorgt, dass die meisten ihrer Stücke im Repertoire bleiben und immer wieder gezeigt wurden.

Auf diesen choreographischen Reichtum konnte und kann die Compagnie nach ihrem Tod 2009 zurückgreifen, und wir als Zuschauer*innen haben deshalb immer wieder Gelegenheit, diese Arbeiten zu sehen, und wir sollten sie nutzen: Denn die Arbeiten von Pina Bausch sind einzigartig und ein Geschenk.

Pina Bausch, 1940 in Solingen geboren und 2009 im Alter von 69 überraschend in Wuppertal gestorben, war Tänzerin und eine der wichtigsten und innovativsten Choreograph*innen weltweit.

Mit 14 Jahren wird sie an der Essener Folkwang-Hochschule unter Leitung von Kurt Jooss ausgebildet. Ein Stipendium führt sie nach Amerika. Mit 21 tanzt sie an der Metropolitan Opera in New York. Trotz ihrer anfangs starken Bedenken konnte Arno Wüstenhöfer, der damalige Intendant der Wuppertaler Bühnen, Pina Bausch mit Beginn der Spielzeit 1973/1974 als Leiterin der Tanzsparte an den Wuppertaler Bühnen gewinnen.

Eine Entscheidung, die nicht überall auf Gegenliebe stieß. Einerseits bildete sich schnell eine Gruppe von Bewunderern und begeisterten Fans ihrer Arbeiten heraus. Andererseits formierte sich besonders bei eher traditionell orientierten Besuchern erbitterter Widerstand, der von Buhrufen im Theater über tätliche Angriffe wie Anspucken bis zu nächtlichem Telefonterror reichte.

Wallfahrtsort Wuppertal

Unter dem Namen Wuppertaler Tanztheater – Pina Bausch hatte gleich zu Beginn ihrer Leitungsfunktion diese Bezeichnung gewählt – erfährt die Compagnie weltweit Anerkennung und wird Deutschlands Kulturexport Nummer eins. Wuppertal wird zum Wallfahrtsort für Tanzbegeisterte aus der ganzen Welt und die Premiere eines neuen Stückes zum fest eingeplanten Termin. Wuppertal bleibt zeitlebens ihre Wohn- und Arbeitsstadt. Eine Alltagsstadt und keine Sonntagsstadt eben: „Es gibt Städte, die sind wie Sonntagsstädte. Ich finde aber wichtig, konfrontiert zu sein mit der Wirklichkeit, weil man ohnehin so wenig draußen ist“, so Pina Bausch in einem Interview.

Pina Bausch verband erstmals den Tanz mit den Genres Gesang, Pantomime, Artistik und Schauspiel zu einer neuen Kunstgattung. Löst herkömmliche Handlungsstrukturen in einzelne Szenen auf und setzt sie mittels Collage und Montage neu zusammen. Sie erfindet jenseits vom klassischen Ballett eine neue Körpersprache und damit verbundene Bewegungen und Bewegungsabläufe: eine Revolution in Sachen Tanz und Theater.

Ausgangspunkt ihrer Stücke sind einzelne Gesten, das Darstellen und Äußern eines bestimmten Gefühls. Diese inneren Bewegungen wurden von Pina Bausch erfragt und von den Tänzer*innen mit einer erinnerten Handlung beantwortet. Sie ging dazu über, ihren Tänzer*innen Fragen und Aufgaben zu unterschiedlichen Themen und Situationen zu stellen: „Mach mal etwas ganz Kleines. Etwas abbrechen, was ist dann? Etwas Gefährliches mit einem niedlichen Gegenstand tun. Eine Geste, die etwas mit Hilflosigkeit zu tun hat.“

Aus den daraus entstandenen Improvisationen suchte sie das Material aus, das für sie etwas noch nie Gesehenes darstellte, und versuchte dann, dies in das entstehende Stück einzubauen. Alle Antworten oder Reaktionen, die sie erhielt, notierte sie – ohne Wertung und ohne Kommentar. Auf diese Weise entstand eine riesige Materialsammlung, aus der am Ende über 90 % wieder aussortiert wurden. Unbeschwertheit und Ausgelassenheit kombiniert sie mit dramatischen Szenen. Und sie verknüpft poetische mit Alltagsszenen. Interessiert war die Choreographin weniger an dem, wie ihre Tänzer*innen tanzten, sondern was sie tanzten. Und das ist sicher auch ein Teil des weltweiten Erfolges des Wuppertaler Tanztheaters: die Glaubwürdigkeit der Protagonisten und die Universalität dessen, was auf der Bühne gezeigt, getanzt und gesprochen wurde. Wir als Zuschauer*innen können uns darin wiederfinden mit all unseren Gedanken, Gefühlen und Sehnsüchten.

Gesprochen, gesungen und getanzt

Mit einem Brecht-Weill-Abend im Jahre 1976 – „Die sieben Todsünden“ – erprobte Pina Bausch neue Formen der Tanzkunst. Die literarisch-musikalische Vorlage bearbeitete sie stark und entwickelte eine Collage einzelner Szenen, die Brechts Texte in loser Folge gesprochen, gesungen und getanzt auf die Bühne brachte.
1980 wurde Bausch mit „Arien“ erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Im Jahr darauf folgte die zweite Einladung mit „Bandoneon“. 1985 die dritte Einladung mit „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“.

1983 wurde sie mit „Nelken“ zum Festival von Avignon eingeladen, eines der größten Theaterfestivals weltweit. Ein Jahr später, 1984, erhielt Pina Bausch den Deutschen Kritikerpreis für „die Entwicklung neuer ästhetischer Maßstäbe, die weit über die deutsche Tanzszene hinausreichen“. Weitere nationale und internationale Preise folgen. So unter anderen der japanische Kyoto-Preis und in Venedig der Goldenen Löwe für ihr Lebenswerk.

Die Bedeutung von Pina Bauschs Werk beschränkt sich nicht auf eine Erweiterung des Tanzes mit anderen Genres und Medien oder den Verzicht auf eine bestimmte Form, vielmehr gewinnt ihr Werk erst durch seine Menschlichkeit. Das Mitfühlen und Mitgefühl war die wichtigste Motivation zu ihrem Lebenswerk. In einem ihrer seltenen Interviews äußerte sie einmal: „Es ging und geht mir immer nur darum: Wie kann ich ausdrücken, was ich fühle?“

Durch ihren Respekt und ihr bedingungsloses Vertrauen zu ihren Tänzer*innen konnte das Ensemble auch seine intimsten Empfindungen entdecken und äußern. Der Tanzexperte und Pina-Bausch-Biograph Jochen Schmidt hob diese Dimension in einem Nachruf hervor: „Schon am Ende der siebziger Jahre stand der Name Pina Bausch für ein Theater der befreiten Körper und des befreiten Geistes, für ein Tanztheater der Humanität, das auf der Suche war nach Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen zwischen den Partnern – und nach einer tänzerischen Sprache, die in der Lage sein würde, jene Kommunikation zwischen den Menschen zu ermöglichen, zu denen die bekannten Sprachen nicht mehr fähig waren.“

Männer in Frauenkleidern

Pina Bauschs Stücke sind Collagen und Montagen, Bilderfolgen an der Grenze zwischen Realität und Traum, mit vielen Parallelhandlungen, die gleichzeitig auf der Bühne ausgeführt werden.

Die Choreographin arbeitete äußerst akribisch und sagte von sich: „Meine Stücke wachsen nicht von vorne nach hinten, sondern von innen nach außen.“ Dies führte dazu, dass die Szenenfolge manchmal noch bei der Generalprobe noch nicht ganz feststand oder ganz umgestellt wurde.

Ihre Stücke handeln von sehr persönlichen und gleichzeitig universellen Themen: von Ängsten, Terror, Tod, Verlassen werden, Liebe und Sehnsucht und dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Kinderspiele wurden vorgeführt, Männer trugen Frauenkleider, aus Zärtlichkeiten wurde Gewalt und umgekehrt. Immer waren die gefundenen Bilder so ungewöhnlich wie möglich. Die Masken und Verhaltensweisen, die ein Mensch in der Gesellschaft zeigt, wurden aufs Korn genommen.

„Arien“ zeigt die unglückliche Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Nilpferd. In „Café Müller“ stolpern die Tänzer auf der Bühne um Tische und Stühle, oft mit geschlossenen Augen.

Pina Bausch starb am 30. Juni 2009, fünf Tage, nachdem die Diagnose Lungenkrebs gestellt worden war und achtzehn Tage nach der Uraufführung ihres letzten Stückes („…como el musguito en la piedra, ay si, si, si…“ – Wie das Moos auf dem Stein) im Wuppertaler Opernhaus.

Das Wuppertaler Tanztheater muss ohne Pina Bausch einen eigenen Weg finden. Neue Stücke mit anderen Choreograph*innen einstudieren, bestehende Choreographien von Pina Bausch anderen Kompanien überlassen. Aus diesem Grund vertritt seit Januar 2016 beispielsweise der Verlag der Autoren für die Pina Bausch Foundation, Wuppertal weltweit und exklusiv die Aufführungsrechte an dem Werk der großen Choreographin.

Parallel dazu kann und wird das Ensemble immer wieder auf die von Pina Bausch choreographierten Stücke zurückgreifen / zurückgreifen können. Ein Glück für uns Zuschauer*innen, die sich erstmals oder immer wieder diesen Stücken aussetzen können. Ich empfehle es. Es gibt wenig gleich Bedeutsames.

Pina Bausch – Ein Film von Anne Linsel (2006)

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erstellt am 15.6.2018

Pina Bausch
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