Ein alter Mann verliebt sich in eine junge schöne Frau. Das ist unmöglich und kommt immer wieder vor. Der französische Dichter Pierre de Ronsard hat diese Konstellation zur Basis seiner „Sonette für Hélène“ und der „Verstreuten Amoren“ gemacht. Und zwar meisterlich. Bernd Leukert empfiehlt das Buch nicht nur alten Männern und empfindsamen jungen Frauen.

Europoesie: Pierre de Ronsards zweisprachige »Sonette für Hélène«

Gebildete Brüste

Pierre de Ronsard, Öl auf Leinwand, ca. 1620, Musée des Beaux-arts, Blois
Pierre de Ronsard, Porträtgemälde, ca. 1620

Wer Liebeserklärungen zu machen hat, sollte sich vorsichtshalber die schon vorhandenen ansehen. In Pierre de Ronsards „Sonette für Hélène“ sind alle früheren und alle zukünftigen Liebeserklärungen versammelt, aber auch die ganze Palette der Liebesklagen, derer ein betagter Franzose des 16. Jahrhunderts fähig war. Nun war Ronsard nicht irgendein Franzose. Er war Hofdichter dreier Könige, zuletzt des Königs Karl IX., unter dessen Herrschaft die Hugenottenkriege und die mörderische Bartholomäusnacht veranstaltet wurden. Ronsard, das Haupt der Dichtergruppe „La Pléiade“ und der bedeutendste Dichter seiner Zeit, stand auf gutem Fuß mit dem König, der ihm bescheinigte: „Wir tragen Kronen beide.
/ Geborgt ist mein Geschmeide/ 
Auf eine Lebensfrist;
/ Des Königs kühnem Streben
/ Kannst du das ew'ge Leben,
/ Den grünen Lorbeer geben,
/ Der unverwelklich ist.“ (Übertragung: Conrad Ferdinand Meyer)

Als nun Karl im Alter von 23 Jahren starb, war Pierre de Ronsard um die 50 Jahre alt – also in dieser Epoche ein Greis – und der neue König, Heinrich III. mochte ihn nicht und entließ ihn. Der Dichter fand nach seinem Bedeutungsverlust – will man seinem ersten Biographen Claude Binet glauben – Unterstützung bei der Königsmutter Caterina de’ Medici. Sie soll ihm den Auftrag gegeben haben, ihre Hofdame Hélène de Fonsèque zur Lichtgestalt eines Gedichtzyklus’ zu machen. 1578 erscheint eine neue Ausgabe seiner gesammelten Werke, die um zwei Bände erweitert sind. Sie tragen die Titel „Sonnets pour Hélène“ und „Amours diverses“ (die jetzt beide hier zweisprachig vorliegen). Diese und andere Informationen finden sich im Nachwort, das der Übersetzer Georg Holzer, der schon die „Amoren für Cassandre“ und die „Amoren für Marie“, also die ersten beiden Bände der Liebeslyrik Ronsards, für den Berliner Elfenbein Verlag ins Deutsche gebracht hat. Holzer wusste also, auf was für eine fast überdeterminierte Aufgabe er sich einließ.

„Eine gute Übersetzung kann nur auf eine angenommene Äquivalenz abzielen, eine Äquivalenz, die nicht auf eine nachweisbare Sinnidentität gegründet ist, eine Äquivalenz ohne Identität.“, schrieb der französische Philosoph Paul Ricœur. Augenfällig wird dieses scheinbare Paradox an Übersetzungen streng gebundener Formen wie dem Sonett. Denn das Sonett gibt nicht nur Zeilen- und Silbenzahl vor, nicht nur pauschale Argumentationsschritte, die die zwei Quartette, die zwei Terzette und ihr Reimschema nahelegen, sondern auch die stilistische Tradition, wie sie in unterschiedlichen Ausprägungen (Petrarca, Shakespeare) zu Virtuosität und Eleganz führte. Pierre de Ronsard hat nun seine Sonette aus französischen Alexandrinern („Ronsard-Sonette“) gebaut, nach deren Vorbild auch das barocke deutsche Sonett geformt wurde.

Thematisch führt Ronsard traditionelle Typen des Minnesangs weiter: Der Sang überhöht die ‚Dame’ des Sängers und verbreitet ihren und seinen Ruhm. Dass die Dame die Avancen des Sängers abweist und dadurch in den Genuss seiner schönen Leidensverse kommt, gehört ebenfalls zum Genre. Und freilich wird da eine persönliche Nähe und sogar Intimität vorgegeben, die in der Realität gesellschaftlich undenkbar gewesen wäre. Diese Tradition des stilisierten Rollenspiels gehört auch bei Ronsard zu den Voraussetzungen seiner Liebeslyrik: Die Schönheit kommt zu zarter Schüchternheit,/ Die Gottesfurcht zu kluger Frömmigkeit, Zur Angst vor Fehlern und vor niederm Streben// Das feste Herz, in dem nicht Zweifel brennen;/ Und so, statt Herz, Hélène oder mein Leben,/ Sollt’ ich dich treffender mein Schicksal nennen.
Aber die Angebetete zeigt sich ihm gegenüber kalt und vertreibt ihn wie einen bissigen Hund: Du sollst mich nie mehr einen Heuchler nennen:/ Das suchen, was zerstört, fürs Unglück brennen,/ Heißt lieben, und als Lohn bekommt man Prügel. Oder: In eine Menschenschinderin vergafft,/ Fall fluchend nieder ich vor deinem Thron.

Ronsard erfindet sich selbst – recht lebensähnlich – als literarische persona, die ihr Alter nicht verschweigt, sondern immer wieder thematisiert, sich als „Graukopf, der Liebe flötet“ beschreibt und sich ihrer Schande schämt: Mich alten Mann hast du zum Kind verjüngt,/ Und Geist und Sinn blamieren sich nach Kräften.
Erstaunlich ist, in wie vielen Varianten Ronsard diese unglückliche Liebe (Ich mach Sonette an die tausend Male/ Und bin doch nicht geliebt …) psychologisierend durchspielt und in gelehrte Parabeln kleidet, nicht ohne selbstironische Pointen: So würdig bist du dem Altar und Thron,// Dass man sogar von Laura spräch nicht länger,/ Gäb ihr der Himmel nicht den bessern Sänger/ Und schickte dir den mit dem falschen Ton. Oder er spricht von Helenens Äpfeln, schöner als die der Hesperiden, und von Andromeda: Als Perseus kam, … / Versteinerten zu Marmor ihre Brüste.
Doch zuweilen lässt er seine sexuelle Phantasie weiter laufen, als das die Tradition und der französische Hof vorsahen, und nahm deshalb Zuflucht zum Traum, dem das Unwillentliche zugestanden ist. Hätt ich mir längst die Augen ausgeweint,/ Könnt ich im Traum die Wahrheit nicht verdrehen:/ Ich kann dich nackt in meinen Armen sehen, Und das macht Spaß, war’s auch nicht so gemeint.// In Wahrheit bist du hart und läßt mich büßen,/ Doch im Verborgenen darf ich dich genießen.

Wenn man von den wenigen Stolpersteinen (mein Herz von allen Seiten brät oder Amor, schwer verknallt) absieht, sind Georg Holzer äußerst geschmeidige Übersetzungen der Sonette gelungen. Da, wo das französische Sprachbild im Deutschen gar nichts sagt, hat er ein ganz anderes gefunden, das sich ganz plausibel in den Zusammenhang fügt. Manches in der deutschen Übersetzung ist so virtuos gelöst, dass man im Original nach der Differenz sucht, – um dann festzustellen, dass es sich um wörtliche Übertragungen handelt. Man bekommt den Eindruck, Holzer ist im Sonett zuhause. Und selbst wenn in einem Sonett ein Anagramm untergebracht ist wie Le RÈ DES GÉNÉREUS (für Elène de Surgères, wie Ronsard sie nennt), erfindet Holzer ein komisches deutsches Äquivalent: Du UHR DES Lebens, meine SEELENREGEL (für HÉLÈNE DE SURGÈRES). Gerade hier trifft Ricœurs Feststellung „Tatsächlich verschleiert die kulturelle Verwandtschaft die wahre Natur der Äquivalenz, die eher in der Übersetzung hergestellt als von ihr angenommen wird.“ auf ebenso komische Weise zu.

Pierre de Ronsard war ein sehr reflektierter Autor, wie die Art seiner Pointen in der jeweils letzten Zeile zeigt. Er legte auch immer wieder seinem Publikum offen, dass er nicht nur ein Meister des Sonetts war, sondern auch, wie die dialektische Motivstruktur dieser Disziplin funktioniert, nämlich so, dass nicht nur die imaginierte Dame von der Poesie des leidenden Sängers profitiert, sondern dass er selbst ohne die Konstruktion der verweigerte Liebe die „Sonette für Hélène“ und die „Verstreuten Amoren“ nicht geschrieben hätte: Ohne diese Plage/ Und ohne Liebe bin ich Holz und Blei./ Von Liebe ich mir Geist und Stimme leih,/ Die Muse kommt nicht, wenn ich ihr entsage.

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erstellt am 15.6.2018

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände.

Pierre de Ronsard
Sonette für Hélène
Mit den verstreuten Amoren
Französisch-Deutsch
Übersetzt und kommentiert von Georg Holzer
Hrsg. von Georg Holzer und Carolin Fischer
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