Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Wer glaubt, etwas Neues zu machen, ist nicht genügend informiert. Noch hoffnungsloser stimmen die Versuche, „neue Publikumsschichten“ mit Stroboskopen und Bühnennebel für das Theater zu „erschließen“. Elvira M. Gross hat sich die neuen Wiener Festwochen angeschaut und ist nicht begeistert.

Alles neu bei den Wiener Festwochen?

Remake urauf

„Was kann Klassik heute bewirken? Es sollte enorm vieler Gründe bedürfen, wenn man etwas Altes aufführt. Es müsste logisch sein, dass man etwas Neues zeigt.“ Festwochenintendant Tomas Zierhofer-Kin

Immer wieder geht es in der Programmierung von Veranstaltungen um „Erschließung neuer Publikumsschichten“, einen neuen Theaterbegriff. Während das Denken systemisch noch in alten Mustern verfängt, wird das Neue beschworen. Das Neue als Qualitätsmerkmal ersten Ranges, dessen Gewichtung kaum hinterfragt, vielmehr namentlich ausgewiesen wird: Ersan Mondtag! Mohamed El Khatib! Susanne Kennedy! Bitte nur kein Theater für bürgerliches Publikum. Wer ist das überhaupt? Versteht sich von selbst. Also ich sicher nicht, nicht? Les bourgeois, ce sont les autres, um (in Abwandlung) mit Sartre zu sprechen: Die Bürgerlichen, das sind die anderen. Aber habe ich mich damit nicht desavouiert?

Ausweisen, bitte weisen Sie sich aus! Eine neue Form der Platzanweisung?
Beim Eintreten in die Halle G im Museumsquartier wird man trotz gültigen Tickets knapp vor der Performance Feed.X genötigt, aus Sicherheitsgründen eine Einverständniserklärung und seine Personalien abzugeben. Heute ist man/frau das schon so gewohnt, dass es niemand mehr hinterfragt, geschweige denn verweigert. Hinterfragen und Kritik üben, wo kommen wir da hin? Überhaupt „gibt [es] in dieser Stadt furchtbare Polemiker“, wie Intendant Zierhofer-Kin, dem die Misere des letzten Jahres noch in den Knochen steckt, im Standard-Interview vom 11. Mai 2018 anmerkt. Also, dazu zähle ich mich gerne. Furchtbar kritischer werden, gerade als Frau.

Kunst als Werkzeug: „FEED.X“, Foto: Kurt Hentschläger

Zurück zum „Neuen“: Bei Feed.X, einem „Sinnesamalgam aus künstlichem Nebel, Stroboskop und Sub-Bass-Frequenzen“, „führt“ nach den Worten Zierhofer-Kins der Medienkünstler Kurt Hentschläger „ein Remake einer bereits bekannten Arbeit urauf“, also wenn das nicht bahnbrechend ist, das muss einem erst einmal so von der Zunge fallen. Und hängt, wer in dem Zusammenhang von „unantastbare[n] Künstler[n]“ (wieder T. Z.-K.) spricht, nicht einem Geniekult nach? Gibt es da nicht doch Berührungsängste, selbst wenn man hofft, dass Kunst „ein Tool [!] werden kann für Menschen, die normalerweise nicht von ihr tangiert werden“. Kunst als Werkzeug zwischen „unantastbar“ und „nicht-tangiert“ also. So feiern wir in dieser hochmoralisierenden Zeit politischer Korrektheit die auktoriale Kulturvermittlung als Fest für die „ins Wanken geratene“ Demokratie.

Was gibt es Neues? Die „arabische Version“ des Rolandslieds von Wael Shawky begnügt sich mit der Übersetzung des mittlerweile etwa 900 Jahre alten Originaltextes ins Hocharabische, gesungen von Musikern aus Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten, begleitet von Fidjeri, der traditionellen Musik der Perlenfischer. Die Gesänge faszinieren durch ihren Exotismus, es entsteht in dieser Umkehr ein Verfremdungs- oder Befremdungseffekt, aber keine, wie angekündigt, „arabische Perspektive“ des altfranzösischen Heldenepos. Das hübsche, alten Miniaturkarten von Aleppo, Bagdad und Istanbul nachempfundene Bühnenbild verstärkt das Spektakelhafte, das vielleicht einzig dadurch fast peinlich berührt, dass Form und Gehalt so drastisch differieren. Der Applaus kam dann wie eine Entschuldigung für historische Grausamkeiten.

Von der Blutrache zum Rechtsstaat: „Die Orestie“, Foto: Armin Smailovic

Ersan Mondtags Version der Orestie von Aischylos – ein Gastspiel des Thalia Theaters Hamburg – geht auf in der Idee, dass die Demokratie im Grunde nichts weiter ist als eine Laboranstalt für symbolträchtige Rattenwesen, eingesperrt zwischen Parkhaus und Plattenbau-Idyll. Auch hier der Versuch, durch Diskrepanz zwischen (tragisch-ernster) Sprache und (kabarettistisch-grotesker) Inszenierung Verfremdungseffekte und ein paar fragwürdige Lacher zu generieren, beispielsweise, wenn die Seherin Kassandra als babbelndes Riesenbaby unverständliche Laute von sich gibt oder Elektra von einem korpulenten Mann (Björn Meyer) besonders infantil dargestellt wird. Der Weg von der Blutrache zum Rechtsstaat – hier ist es eine allzu überladene Karussellfahrt, die eher ratlos zurücklässt.

Fußball hingegen ist Demokratie schlechthin. Versteht, wer Stadium von Mohamed El Khatib gesehen hat, womöglich die Fußballkultur? Zumindest kann sie mit ein paar Vorurteilen aufräumen. 53 Fans unterschiedlicher Altersstufen des RC Lens, des Fußballclubs einer postproletarischen Stadt nördlich von Paris, erklären, erzählen und performen unter Anleitung des Regisseurs die runde, bunte Welt des Leders. So unvermittelt im Opernhaus „Theater an der Wien“ Publikum auf Publikum treffen soll, das Doku-Theaterstück wirkt insgesamt doch beschaulich traditionell, und der Gag, dass man beim Fußball im Unterschied zum Theater eben nicht wisse, wie es ausgeht, hat längst einen Bart. Aber gut. Echte Leidenschaft lässt nicht kalt, manche Anekdoten gehen nahe, und so kommen sich auch die Publika am Ende des Abends immer näher, bis sie schließlich alle gemeinsam vor dem Theater ein bisschen mitspielen und -schunkeln.

„Sakrales“ oder Rituelles spielt auch in der Slow-Motion-Rave-Party-Inszenierung von Gisèle Vienne in den Gösserhallen eine Rolle. Es geht, nach den Worten der Choreografin, in dem Tanz Crowd darum, „Emotionen zu zeigen, die sich durch die Sehnsucht und das komplexe Verlangen nach Liebe entwickeln“. Auch das Publikum soll eine „physische und emotionale Beziehung zu dem Stück aufbauen“. Die technische Präzision in der tänzerischen Leistung ist enorm, wiewohl der Beziehungsaufbau zum Publikum eher missglückt. Zu marionettenhaft und kopflastig ist die Körperkunst, zu ausgeklügelt, als dass sie den Zuschauerraum emotional wirklich erreicht hätte. In den Reihen um mich schauen manche auf die Uhr. Die Miniaturdramen auf der Bühne, rund um Themen wie Eifersucht, Drogen, Übergriffe, so mikroskopisch studierbar sie in der gezeigten Langsamkeit sein mögen, faszinieren skulptural, doch bleibt die Party, trotz der schmutzigen und verschwitzten Performer*innen, letztlich steril.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.6.2018

Marionettenhaft und kopflastig: „Crowd“, Foto: Estelle Hanania

Wiener Festwochen

11. Mai – 17. Juni 2018

festwochen.at