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Die argentinische Regisseurin Lola Arias hat in der europäischen Theaterszene seit vielen Jahren mit herausragenden interdisziplinären Projekten auf sich aufmerksam gemacht. Für ihre Theater-, Buch- und Filmmanifestation „Theatre of War: Minefield/Campo Minado“ erhielt sie nun in Frankfurt von der Autorenstiftung den renommierten „Preis der Autoren” 2018 zuerkannt. Lola Arias ist seit 2007 auf europäischen Bühnen präsent, hat zusammen mit Stefan Kaegi ein Stück über jugendliche Nomaden („Airport Kids“, Uraufführung 2008 Théatre Vidy-Lausanne) inszeniert und in den Münchner Kammerspielen (2009) die komplizierten „Familienbande“ tabubrechender Paarbildungen nachvollzogen. In Berlin inszenierte sie 2010 „Im Hebbel am Ufer“ ihr Stück „That Enemy Within“. Am 22. Juni wird an den Kammerspielen in München die Uraufführung ihres neuesten Stücks unter dem Titel: „What they want to hear“ gezeigt. poll

Preis der Autoren 2018

Lola Arias seziert Mechanismen des Krieges

Laudatio von Annette Reschke

Die Autorenstiftung, die in ihrer 45jährigen Geschichte zahllose Preise und Stipendien vergeben, Initiativen und Projekte erfunden und finanziert hat, vergibt den Preis der Autoren heute zum 12. Mal. Dieses Jahr zeichnen wir mit Lola Arias eine argentinische Schriftstellerin und Theatermacherin aus, deren Werke seit zehn Jahren viel in Europa zu sehen sind und zumeist in Deutschland koproduziert und oft auch uraufgeführt wurden.

Eine der ersten Publikationen von Lola Arias war im Jahr 2000 ein Gedichtband mit dem Titel „Las impudicas en el paraiso“, „Die Schamlosen im Paradies“. Der Klappentext stellt die Autorin mit dem Satz vor: Sie verschwendet ihre Zeit an die Literatur und ans Theater. 18 produktive Jahre später heißt es in der Ankündigung eines Buchs, das demnächst in England erscheint: „Lola Arias is one of the leading artists working in international theatre today.“

Diese Einschätzung verdankt sich auch dem Werk, für das wir Lola Arias heute auszeichnen: Die Theater-, Buch- und Filmmanifestation „Theatre of War: Minefield/Campo Minado.“ Die Jury des „Preis der Autoren“ sieht darin eine herausragende, Genregrenzen auslotende Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg. „Minefield/Campo Minado“ kam 2016 beim Brighton Festival zur Uraufführung, bevor es 2017 als Buch erschien. 2018 hatte der dazu entstandene eigenständige Film „Theatre of War“ auf der Berlinale Premiere. Die Autorenstiftung zeichnet die Autorin bewusst für ein Gesamtkunstwerk aus, bestehend aus Theater, Buch und Film.

Krieg und Theater – zwischen beidem gibt es eine bemerkenswerte Verbindung. Seit dem Barock bediente sich die Beschreibung kriegerischer Handlungen des Theatervokabulars: Das Schlachtfeld ist Bühne, Soldaten „Acteure“, Kampfhandlungen Akte oder Szenen, das Ganze ein Schauspiel oder Drama und die Niederlage eine Tragödie. Der Krieg wurde als eine theatrale Inszenierung beschrieben, wie um sein Grauen einzuhegen. Im Laufe der Jahrhunderte schwächte sich diese metaphorische Beschreibungsebene ab. Übrig blieb das Wort „Kriegstheater“ (siehe v. Clausewitz, Vom Kriege, 1832), in der Bedeutung von geographischem Kriegsschauplatz, bis heute im Englischen „theatre“ und auf Französisch „théâtre de la guerre“.

„Theatre of War“ nennt Lola Arias den Film, den sie basierend auf „Minefield/Campo Minado“ gemacht hat und führt damit den metaphorischen Bezug umgekehrt wieder ein: Das Theater, das Filmtheater als Kriegsschauplatz.

Der Krieg, von dem das Werk handelt, dauerte keine drei Monate und wurde zwischen Argentinien und Großbritannien um eine entlegene, unwirtliche Inselgruppe im Südatlantik geführt, „die Malwinen“, wie sie in Argentinien oder „die Falklands“, wie sie in England heißen.

74 Tage, von April bis Juni 1982, waren lang genug, um die Inseln zu verminen: Rund 35 Minenfelder wurden seit 2009 im Auftrag der britischen Regierung geräumt, weitere 40 sollen es bis 2019 werden. Das ist eine ganz konkrete Erklärung für den Titel. Anders als in Argentinien ist der Falkland- oder Malwinische Krieg, der als der letzte altmodische Krieg des Westens gilt, der „trench to trench with bayonets“ gefochten wurde, wie es im Stück heißt, in Europa in Vergessenheit geraten. Das mag auch daran gelegen haben, dass es kaum zivile, vulgo unschuldige, Opfer gab und sich die Verluste unter den Soldaten angesichts der großen Kriege verschwindend gering ausnahmen.

Doch kein Krieg ist eine Lappalie.

Der amerikanische Vietnam-Veteran und Schriftsteller Karl Marlantes schreibt im Vorwort seines Buchs _Was es heißt, in den Krieg zu ziehen („What it is like to go to War“): „Die Gewalt des Krieges ist ein Angriff auf die Psyche, bringt Ethik und Moral durcheinander und stellt die Seele auf die Probe, nicht nur infolge der erlittenen, sondern auch der ausgeübten Gewalt. (…) Die Folgen dieser Verletzungen moralischer Normen werden in der Gesellschaft allgemein kleingeredet oder sogar völlig ignoriert.“

Davon handelt „Minefield/Campo Minado“. Sechs Veteranen dieses Kriegs lässt Arias auf der Bühne zusammenkommen und das Wort ergreifen. Drei Engländer und drei Argentinier erzählen, wie sie Soldaten wurden, wie sie, bejubelt von aufgestachelten Massen, in den Krieg geschickt wurden, wie sie Kameraden und Feinde sterben sahen, wie sie als Sieger oder Besiegte nach Hause kamen und wie schwer sie in ein ziviles Leben zurückfanden, und wie schwer es ihnen heute noch fällt, dieses Leben zu führen

Dabei muss man „Erzählen“ in Anführung setzen, denn das „Erzählen“ vollzieht sich in vielen unterschiedlichen Techniken: Vergegenwärtigung, re-enactment, Narration, Simulation, Kinderspiel, Rezitation und Gesang. Und auch die Mittel sind vielfältig und vielschichtig: historisches, persönliches und live erstelltes Bild- und Filmmaterial, Uniformen, Armee- und Kriegskleidung, Nationalflaggen, Masken, persönliche Gegenstände und Erinnerungsstücke. Ein jedes hat seine spezifische Bedeutung innerhalb der Dramaturgie, es initiiert oder begleitet ein Geschehen auf der Bühne.

Ein Beispiel: Es wird ein Foto von David als jungem Marinesoldaten auf den Prospekt geworfen und David erzählt, wie er mit 16 zu den Royal Marines kam.

Lou schlüpft in die Rolle des damaligen Ausbilders: „Good morning gentlemen, time for some physical training! All right, double time. Come on, Jackson, hurry up, you’re always late.“ Und dann gibt er die üblichen Trainingskommandos von damals, Sprinten, Push-Ups, Sit-Ups.

Darauf David: „Stop, stop. Lou, I’m 58!”

In dieser Szene zeigt sich, abgesehen von der Komik, exemplarisch die raffinierte Dramaturgie des Stückes, in der Zeitebenen und Erzähltechniken einander bald abrupt, bald fließend, ablösen.

Die Entstehung eines solchen Werks geschieht als ein Prozess des „Anbohrens“, der Rekonstruktion, literarischen Transformation und Kondensation von Erinnerung: „I create text from what they tell me and then I give it back to them“, sagt Lola Arias, „and they decide whether it will or won’t go in and they can always change their mind at any point, even once we are performing it.“

In dieser Verbindung von Authentizität, Arrangement und Autorenschaft hat Lola Arias mit ihren Theaterprojekten eine eigene Kunstform geschaffen. In der individuellen Rekonstruktion von Erinnerung konstruiert sich Geschichte. Es gilt nicht „Make news personal, sondern make the personal news.” Oder, wenn Sie mir dieses bekannte Wortspiel erlauben: His story wird history.

Zu Beginn eines solchen Erinnerungsprozesses wissen weder Lola Arias noch die Beteiligten, was sie finden und wo sie landen werden.

In dem Theaterprojekt MEIN LEBEN DANACH, das 2009 Premiere hatte, rekonstruierten sechs gelernte Schauspieler/innen die jungen Jahre ihrer Eltern während der argentinischen Militärjunta und stießen, durch die eigenen Kindheitserinnerungen aufgestört, auf immer neue schreckliche Wahrheiten, so dass sich die jeweiligen Erzählungen von Vorstellung zu Vorstellung fortschrieben. Als der Verlag der Autoren das Stück 2010 als Buch herausbrachte, wurde der Drucktermin bis zum allerletzten Moment hinausgezögert, damit noch die letzten aktuellen Entwicklungen berücksichtigt werden konnten.

„It’s memory as a minefield” – das Minenfeld Erinnerung – “that has fascinated Arias in so much of her work”, schreibt der britische Guardian (Lyn Gardner, Online Ausg. vom 26.5.2016).

In dem Werk, für das wir Lola Arias heute auszeichnen, seziert sie die Mechanismen des Kriegs, seiner Bilder, seiner Propaganda und seiner Rhetorik. Sie thematisiert Gewalt, Feindschaft, Hass- und Rachegefühle und zugleich führt sie durch die gewaltfreie Interaktion auf der Bühne und die versöhnliche Kraft geteilter Erinnerung deren ideologische Unabweisbarkeit ad absurdum, ohne eine naive und verlogene Harmonie zu gestalten.

In dem Werk wird gleichermaßen das Gemeinsame, das Trennende und das Allgemeingültige von Kriegserfahrung sichtbar.

Die in England erschienene Buchausgabe steht wie ein Sinnbild dafür. Das Stück und der Film, der um die Dimension des weiten Raums in der Natur und um die Dimension der die Zukunft verkörpernden jungen Generation erweitert ist, sind jeweils zweisprachig; die Engländer sprechen Englisch, die Argentinier Spanisch, und es gibt jeweils die entsprechende Untertitelung. Die Buchausgabe vereint dagegen zwei eigenständige Bücher: Eines in Spanisch, das andere in Englisch, zwei Seiten ein und derselben Medaille. „We are all veterans of the same war“, sagt Lou, und um das zu erkennen und zu verstehen, you just have to turn it upside down.

Dear Lola, we are delighted to award you „El premio de autores de 2018” for „Theatre of War: Minefield/Campo Minado”.

Annette Reschke ist Vorsitzende des Stiftungsvorstands der Autorenstiftung und Mitarbeiterin im Verlag der Autoren. Als Jurymitglied begrüßte sie im Namen der Mitjuroren Khyana el Bitar, Ulrich Hub und Claudius Lünstedt die Preisträgerin Lola Arias.

Lola Arias im Gespräch mit Andrea Pollmeier. Ein FaustVideo von Harald Ortlieb

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VG-Nummer: | erstellt am 14.6.2018

Lola Arias
Lola Arias (Screenshot)

Die Autorenstiftung, hat in ihrer 45jährigen Geschichte bereits zahlreiche Preise und Stipendien vergeben sowie Initiativen und Projekte erfunden und finanziert. Sie vergibt den Preis der Autoren im Jahr 2018 zum 12. Mal. Die Stiftung wird von den Gesellschaftern des Verlags der Autoren getragen. Ihr Vorstand setzt sich zu drei Vierteln aus dem Kreis der Autoren zusammen. Dieser Vorstand bestimmt als gewählte Vertretung aller Gesellschafter des Verlags den Preisträger. Der Preis wird somit als einziger Preis in Deutschland von Autoren für Autoren im weiten Bereich der Darstellenden Künste verliehen. Zu den Preisträgern zählen Autoren von Theaterstücken, Drehbüchern und Hörspielen, Filmemacher, Spracherfinder, Übersetzer und seit letztem Jahr auch ein Librettist.