Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Mit der jüngsten Premiere in der Frankfurter Oper ist „Norma“ aus der Ferne vergangener Keltenmystik in der Neuzeit gelandet und verständlich geworden. Christof Loy hat Vincenzo Bellinis letztes Meisterwerk zu einem politisch wie emotional extremen Stück gemacht. Warum es neben dem verdienten Jubel auch Buhrufe für die Inszenierung gab, ist Andrea Richter schleierhaft.

Oper

Zerrissen zwischen Liebe und Verrat

Noch während der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang: Ein trister Raum mit braunen, holzverkleideten Wänden. Es herrscht ein Durcheinander von Mobiliar und Leichen. Hier hat ein Massaker stattgefunden. Ein Mann in schwarzer Uniform durchschreitet das Schlachtfeld und sucht nach Wertgegenständen. Eine am Boden liegende Frau lebt noch. Er kniet sich zu ihr hinunter. Sie streckt die Hand nach ihm aus. Er nimmt sie. Das ist der Beginn der Liebesgeschichte zwischen Norma, vom Volk der Besiegten, und Pollione, dem obersten Vertreter der Besatzer. Eine kurze Szene, die nicht im Libretto steht, und doch viel bewirkt, nämlich das folgende Geschehen besser einordnen zu können. Ähnlich dem fünfaktigen „Don Carlo“ Verdis mit der Fontainebleau-Szene zu Beginn, die erklärt, warum Carlo seine Stiefmutter liebt, was in der nur vieraktigen Version ziemlich pathologisch wirkt.

Jahre später, derselbe Raum, keinerlei Zeichen von Zerstörung oder Tod mehr. Oroveso, Normas Vater (Robert Pomakow,) sowie nach und nach eintretende Männer (alle in grauen Straßenanzügen) besingen ihren Hass auf die Unterdrücker. Ganz offensichtlich handelt es sich um Widerstandskämpfer bei einem Treffen. Sie warten auf Norma, ihre Anführerin, die das Zeichen zum lang ersehnten Aufstand gegen die Besatzer geben soll, auch wenn es ihren Tod bedeuten kann. Von Normas Liebe zum feindlichen Prokonsul Pollione (Stefano La Colla) wissen sie so wenig wie von den beiden gemeinsamen Söhnen, die von der Mutter (in Rock und Strickjacke) in einem geheimen Keller versteckt werden. Norma, die Liebende und damit Verräterin am eigenen Volk, träumt davon, dass Pollione sie und die Kinder eines Tages mit in seine Heimat nehmen wird, obwohl sie selbst spürt, dass seine Leidenschaft längst nachgelassen hat. Trotzdem mahnt sie Frieden an.

Elza van den Heever hat den Mut und das Können, alle Widersprüchlichkeiten Normas bis zum Äußersten auszureizen. Foto: Barbara Aumüller

Was Norma allerdings nicht weiß: Pollione steckt in der Midlife-Crisis und hat sich in eine Jüngere, Aldagisa (Gaelle Arquez), verliebt und umgekehrt. Mit ihr plant er nach Beendigung seiner Amtszeit ein neues Leben in Rom. Aldagisa, die Ahnungslose, gesteht der Älteren die Liebe zum Feind. Norma erkennt sofort die Parallelen zum eigenen Leben. Und nicht nur das, sie begreift, dass ihr Mann fremdgeht. Pollione zur Rede gestellt, gesteht nicht nur, sondern weigert sich, Aldagisa aufzugeben. Norma flippt aus und zwar in einer Weise, wie eine Norma auf einer Bühne wohl noch nie ausgeflippt sein dürfte. Der beste sängerische Wutanfall ever! Van den Heever lässt ihre Stimme fast hysterisch flattern, in bedrohliche Tiefen absacken, in Koloraturen ihrem Zorn freien Lauf. Eine Frau, die seit Jahren diese Liebe und ihre Früchte verbergen musste, eine, die die eigenen Leute vom Aufstand abgehalten hat, um dem geliebten Mann den Rücken frei zu halten, eine, aus der nun alles herausbricht. Archaisch, tierisch, ungebremst. Das ist nicht schön, aber kommt wohl sehr nahe an den Wunsch des Komponisten heran: „Das Dramma per musica muss einen zu Tränen rühren, zum Schauder, zum Sterben bringen“. Genau das gelingt dieser Norma. Dass sie auch schön kann, hatte sie in der wohl bekanntesten Arie des Werks, Casta Diva, bereits bewiesen. Berührend schön später dann auch im Duett mit Aldagisa, als sie die Jüngere, die, nachdem sie Normas Schicksal begriffen hat, nichts mehr mit Pollione zu tun haben möchte, bittet, sich um die Kinder zu kümmern, die sie nicht wie geplant töten konnte. Kraftvoll ihr Fortissimo-Aufruf zum Kampf gegen die Besatzer. Erschütternd ihr Bekenntnis, eine Verräterin zu sein, eine komplett gescheiterte Existenz. Dieses Eingeständnis und der zu erwartende Tod befreit sie endlich von all den Zwängen und ihrer Zerrissenheit. Nach einer Art Weltenbrand empfängt sie die Zukunft, die neues Leben oder den Tod bedeuten kann, mit weit geöffneten Armen.

Loys kammerspielartige, immer präzise auf die textliche und musikalische Situation angelegte und frei von jedem Pathos daherkommende Inszenierung seziert die psychologischen Zustände Normas geradezu rücksichtslos. Wir erleben nicht sie und die Umstände, sondern die Umstände durch ihre Sicht und durch ihr Erleben der Dinge. Sie ist keine druidische Figur aus längst vergangenen Zeiten, mit der wir nichts (mehr) zu tun haben, sondern vielmehr eine, die wir heute auch sein könnten. Eine, die immer sein kann und deshalb berührt.

„Norma“ in Frankfurt, Videotrailer: Oper Frankfurt / Thiemo Hehl

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 13.6.2018

Elza van den Heever (Norma) und Stefano La Colla (Pollione), Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Tragedia lirica in zwei Akten

Norma

von Vincenzo Bellini, Text von Felice Romani

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung Antonino Fogliani
Regie Christof Loy
Bühnenbild Raimund Orfeo Voigt
Kostüme Ursula Renzenbrink

Besetzung: Norma Elza van den Heever, Pollione Stefano La Colla, Adalgisa Gaëlle Arquez, Oroveso Robert Pomakov et al.

Oper Frankfurt