Den größten Teil seines Lebens verbrachte John Berger abseits der Metropolen, in der Natur. Als Künstler, zeichnend, malend, schreibend. Er war Kunsthistoriker, Schriftsteller, Dichter – oft alles zugleich. Berger war in der europäischen Kunstgeschichte zu Hause, ein Europäer. Sein letztes Buch ist nun auf Deutsch erschienen. Martin Lüdke empfiehlt es.

Lüdkes liederliche Liste

Sein Testament – ist ein Geschenk

„All die Jahre hat über mich hat mich eine Ahnung zum Schreiben angetrieben, dass etwas erzählt werden muss, das, falls ich es nicht versuche, unerzählt bleiben wird. Folglich sehe ich mich nicht so sehr als professioneller Schriftsteller, sondern eher als Mittler, als ein Lückenbüßer.“ Er trumpft nie auf, will nicht Recht behalten, sondern uns sehen lassen, schreibend, malend, reflektierend.

2016, ein Jahr vor dem Tod Bergers, der im Alter von neunzig Jahren in seiner Wahlheimat Frankreich, in der Nähe von Paris gestorben ist, erschien dieses kleine Buch in der englischen Originalausgabe, die jetzt in der nach wie vor verdienstvollen Edition Akzente auf deutsch erschienen ist. Skizzen, Erzählungen, Porträts dieses Engländers, der als einer der letzten großen Gestalten des 20. Jahrhunderts noch in der europäischen Kultur so zu Hause wie unser Kevin Prince Boateng im europäischen Fußball.

John Berger, 2009, Foto: Ji-Elle / Wikimedia Commons
John Berger, 2009, Foto: Ji-Elle

Es ist schwer, Berger auf eine Rolle festzulegen. Er war Maler, Künstler. Er war Erzähler, Schriftsteller. Er war Kritiker, Kunsthistoriker. Zudem ein Kenner der Fotographie und ihrer Geschichte. Häufig wechselte er in einem, manchmal auch nur kurzen Text, von einem Satz zum anderen zwischen diesen Rollen. Auch deshalb erschien er mir nie als Intellektueller im eigentlichen Sinn. Sein Verständnis von Theorie war eigensinnig. Vielleicht, weil er zu sehr dem Sinnlichen der Kunst verhaftet war, weil er sich mit flotten, damit vorschnellen begrifflichen Festlegungen nie zufrieden geben wollte, was sich, beispielhaft, in seinem Verständnis von einer richtigen Übersetzungen ausdrückt: „Eine richtige Übersetzung ist kein zweigleisiges Ding, sondern eine Dreiecksaffäre. Das Dritte ist das, was vor deren Niederschrift hinter den Worten des Originals liegt. Eine wahre Übersetzung verlangt nach einer Rückkehr ins Vorsprachliche.“ In dieser Bemerkung, die sich, gleich Eingangs, in einem kurzen „Selbstporträt“ findet, drückt sich das Kunst-Verständnis John Bergers überhaupt aus. Und seine Nähe zur ästhetischen Theorie seines Zeitgenossen Adorno. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind, von Wolfram Schütte veranlasst, in der Frankfurter Rundschau regelmäßig (oft auf ganzen Seiten) Arbeiten Bergers erschienen, „Betrachtungen zu Rembrandt heute“, zu Michelangelo, zu Fragen der Kunst überhaupt. Auch dadurch ist er in Deutschland einem größeren Publikum bekannt geworden.

Und jetzt, das schmale Bändchen „Ein Geschenk für Rosa“, das tatsächlich eine Hommage an Rosa Luxemburg enthält, dazu kleine Skizzen, wie das erwähnte „Selbstporträt“, kurze Erzählungen, biographische Erinnerungen, kurze Essays und durch ihre Präzision oft überraschende Beobachtungen. Dazu Anekdoten, Porträts, kleine, aufschlussreiche Beobachtungen.

Irgendwo, in einer Stadt an der italienischen Adria-Küste, haben sich auf dem Platz des Zwanzigsten September eine Gruppe von Musikers versammelt – und spielen, meist auf Zuruf der Passanten, die stehen geblieben waren und nach und nach zu einer größeren Zuhörerschaft anwuchsen, oft bekannte italienische Volksweisen. Darunter ein Lied von einem alten Fischer, der am Strand eingeschlafen ist, sein Gesicht ist faltig, aber, wie es weiter heißt: „vom Lachen.“ Ein anderer Mann taucht auf. „Er ist auf der Flucht. Er bettelt um Brot gegen seinen Hunger und um Wein gegen seinen Durst. Ohne zu zögern, gibt ihm der Fischer beides. Der Mann geht weiter. Zwei berittene Polzisten kommen zum Strand und fragen, ob der Fischer irgendjemanden gesehen habe. Der Fischer sagt nichts und die Sonne versinkt im Meer.“ Zwischen den einzelnen Strophen des Liedes heißt es: „La lalala lalala la …“ In diesen Refrain stimmt nach und nach das ganze Publikum ein.

Chaplin-Illustration
Chaplin-Illustration im Band

Solche Geschichten bedürfen keiner Interpretation. Sie zeigen, was sie meinen. Sie zeigen zugleich die schlichte Humanität, die auch John Berger auszeichnet. Eine kleine Geschichte, gerade einmal zwölf Seiten lang, „Et in Arcadia ego“, demonstriert diese Haltung. Der Ich-Erzähler, ersichtlich Berger selbst, fährt zur Beerdigung seines Freundes Sven nach Stockholm. Impressionen der nordischen Stadt, ihres Lichts wechseln sich ab mit Erinnerungen, die unwillkürlich hoch kommen. Bilder tauchen auf: „Gemälde, die Sven vor zehn Jahren vor der bretonischen Küste auf der Insel Belle-Isle gemacht hat. Nackte Körper, Gischt, von den Felsen zurückgeschleuderte Salzflut, schimmerndes Sonnenlicht auf allem“. Äußerlicher Erfolg war diesem Freund nie beschieden. Er war Künstler und allein diese Tatsache war für ihn die Grundlage eines gelungenen Lebens. „Sven war über sechzig Jahre lang hauptberuflicher Maler, aber in all den Jahren verkaufte er weniger Bilder als jeder andere Künstler, den ich kannte. Deshalb lebte er mit beachtlichen finanziellen Engpässen. (…) Außerhalb seines engen Freundeskreises blieb er unbeachtet.“ Doch er arbeitete, Tag für Tag, vergaß die Zeit. „Ich hatte den Eindruck, dass nicht Sven seine Sujets wählte, sondern dass diese ihre Bestellung bei ihm aufgaben.“ Das heißt: Sven war, wie sein Freund John Berger selbst, ein wirklicher Künstler, der unabhängig von jedem äußerlichen Erfolg seine Befriedigung darin fand, einen „Küstenverlauf“, einen „Kirschgarten“, den „verknoteten Ast einer Rebe“ oder „das Gesicht eines Freundes auf die Leinwand zu bringen. Ein Künstler. Solche kleinen Geschichten haben etwas Bewegendes. Sie erzählen von vergangenen Zeiten, von einer Welt, die nicht besser, nicht schlechter war als die unsrige, aber anders. Sie erzählen von Rosa Luxemburg, von Charlie Chaplin, von Picasso, von Onkel Edgar, einer arabischen Sängerin, also von Gott und Welt. Oder, genauer gesagt, von einer gottlosen Welt, in denen diese kleinen Stücke jenen Trost spenden können, den uns die Religion versagt. Es ist, kurz gesagt, ein kostbares Buch, das uns John Berger als ein Geschenk hinterlassen hat.

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erstellt am 12.6.2018

John Berger
Ein Geschenk für Rosa
Übersetzt und mit einer Nachbemerkung von
Hans Jürgen Balmes
Edition Akzente
Broschiert, mit farbigen Abbildungen, 133 Seiten
ISBN: 9783446258297
Hanser Verlag, München 2018

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