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Seit 1942 schafft es der Film „Casablanca“ stets aufs Neue, Zuschauer zu faszinieren. Noah Isenberg, Professor an der New School in New York, hat dem unüberschaubaren Stapel von Büchern über „Casablanca“ ein weiteres hinzugefügt, das die Tugenden und die Schattenseiten amerikanischer Filmliteratur in sich vereint. Thomas Rothschild hat es gelesen.

Buch zum Film »Casablanca«

Play It Again

Es ist schon ein Mysterium: Die Welt und der Film haben sich in den vergangenen 76 Jahren so sehr verändert, dass jüngeren Menschen das Jahr 1942 fast so entfernt scheinen muss wie die Napoleonischen Kriege. Und doch schafft es ein Film, schafft es „Casablanca“ stets aufs Neue, Zuschauerinnen und Zuschauer zu faszinieren, zu Tränen zu rühren, in den Bann zu schlagen. Man wird nur wenig Beispiele nennen können, für die das ebenfalls gilt. Selbst der ein Jahr davor entstandene „Citizen Kane“, der immer wieder die Listen der besten Filme aller Zeiten anführt, kann sich zwar bei Liebhabern der Filmkunst, nicht aber beim breiten Publikum solch eines Erfolgs erfreuen.

Woran liegt die anhaltende Popularität von „Casablanca“? Sie hat nicht einen einzigen Grund, sondern eine Vielzahl von Gründen, die in diesem Film zusammengetroffen sind. Und das ist schon ein Teil der Antwort. „Casablanca“ kann aus unterschiedlichen Gründen geliebt werden. Man kann sich aus der Story und ihrer filmischen Umsetzung ganz unterschiedliche Aspekte „herausholen“, sie goutieren, sich für sie begeistern. So einfach der Film auf den ersten Blick erscheinen mag, so komplex ist er in Wirklichkeit, freilich nicht im Sinn der Avantgarde, sondern als durchaus kommerzielles Produkt, das einerseits zur Zeit seiner Entstehung einen aktuellen Nerv traf, andererseits aber hinreichend allgemeingültig ist, um auch heute noch seine Wirkung zu zeigen. In „Casablanca“ kommt Hollywood dem Autorenfilm so nahe, wie er ihm damals, in den vierziger Jahren, kommen konnte.

Noah Isenberg, Professor an der New School in New York, hat dem längst unüberschaubaren Stapel von Büchern über „Casablanca“ ein weiteres hinzugefügt, das die Tugenden und die Schattenseiten amerikanischer Filmliteratur in sich vereint: Es liest sich süffig, wie ein Roman, und es gibt der Versuchung zum Anekdotischen bedenkenlos nach. Darin ähnelt es seinem Gegenstand: Es ist für den gebildeten Cinéasten und den sprichwörtlichen „interessierten Laien“ gleichermaßen interessant. Endnoten verweisen gewissenhaft auf die Quellen, aber auf das akademische Imponiergehabe deutschsprachiger Abhandlungen wird hier komplett verzichtet.

Ein multikultureller Film

Isenberg erzählt die Entstehungsgeschichte des Films, beginnend mit dem Theaterstück, auf dem er beruht, in chronologischer Anordnung. Ausführlich diskutiert er den Anteil einer ganzen Riege von Autoren am Drehbuch, minutiös beschreibt er das Profil der Darsteller. Uns Zuschauern fällt es heute schwer, die Schauspieler – Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid und die vielen „Nebendarsteller“ – von ihren Rollen zu trennen. Aber sie waren nicht alle von vornherein die erste Wahl, und sie mussten erst in die Aufgabe hineinwachsen, die keineswegs unbedingt ihrer vorausgegangenen Prägung entsprach.

Ein ganzes Kapitel widmet Isenberg der Frage, ob bzw. inwiefern „Casablanca“ ein politischer Film ist. Das zählt ja zu seinen Ambiguitäten. Wer politisch denkt, kann ihn in erster Linie als Anti-Nazi-Film verstehen. Wer mit Politik nichts im Sinn hat, extrahiert die sentimentale Liebesgeschichte, das Melodram. Und wer will, mag sich vorwiegend an den Schauspielern, ja an der Komik erfreuen.

„Casablanca“ ist, von seiner Besetzung her, ein multikultureller Film avant la lettre. Einen seiner (komischen) Effekte verdankt er den diversen Akzenten – ein hinreichender Grund, den Film im Original und nicht synchronisiert anzusehen. Isenberg erinnert daran, dass „Casablanca“ 1952 in Deutschland in einer von allen politischen Zusammenhängen gereinigten Fassung herauskam. Das ist zwar hanebüchen, aber selbst das hat dieses Meisterwerk überlebt.

Die Ausnahmestellung von „Casablanca“ erkennt man auch daran, dass dieser Film nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Nachgeschichte, ein „Afterlife“ hat. Bis heute wird er zitiert, imitiert, parodiert. Bis zu den „Simpsons“ und auf Facebook ist „Casablanca“ vorgedrungen. Isenberg nennt jede Menge Beispiele. Ohne marktschreierische Gesten, aber mit einem unverkennbaren Unterton der Befriedigung.

Filmtrailer „Casablanca“ (1942)

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erstellt am 12.6.2018

Noah Isenberg
We‘ll Always Have Casablanca
The Life, Legend and Afterlife of Hollywood‘s Most Beloved Movie
234 Seiten
ISBN: 978-0393355666
W.W. Norton & Company, New York/London 2017

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