Die künstlerische Verwandlung einer Statue in einen Menschen ist, seit der mythische Bildhauer Pygmalion auf Zypern dieses Wunderwerk vollführte, immer wieder imitiert und variiert worden. Der umgekehrte Weg, nämlich der in die mineralische Erstarrung, ist wegen geringerer Attraktivität nicht gerne beschritten worden. Axel Ruoff aber hat das in seinem Roman „Apatit“ mit guten zeitgenössischen Gründen gewagt, und Alban Nikolai Herbst ist davon beeindruckt.

Axel Ruoffs beklemmend-grandioser Roman »Apatit«

Stein aus Frau

… _sie war jetzt ein er, ein Zustand,
und war eine sie, eine Erschöpfung.
Und er und sie wollten es werden_ …
Apatit, 273

Hier ist alles, nahezu alles, enggeführt. Ein Paar – S und R genannt, für er und sie, dabei sie vermutlich nichteuropäischer Herkunft – reist flüchtend von Nordeuropa in den Süden, fluchthaft indes nicht. Sie wollen hinter sich lassen, sie einen schweren Mißbrauch, er man-weiß-nicht-was, und lassen sich dabei das, was zunehmend Zentrum des Romanes wird: Zeit. Dabei ist ihrer beider Nähe von vornherein provisorisch, lebt von einer Zukunft, die bereits in der Gegenwart Erinnerung ist, es jedenfalls immer mehr wird. Wobei sich die Zeit auch mehr in ihr als in ihm zusammenzieht, schon weil er, anders als sie, bis zum Ende des Buches menschliche Kontakte unterhält, mithin kommuniziert, was eben sie nicht mehr tun möchte – so wenig, daß sie sich als Zeit im Wortsinn schließlich feststellt. Das bitter erfahrene Trauma führt in die ewige Schmerzlosigkeit. In einer Art Traumsequenz wird diese überdies geheiligt, eine Szene, die einiges von erlangter Erlösung hat und eben zeigt, wie verloren alle die Bewohner des Wüstenortes sind, in den S und R schließlich gelangten:

Als sich vom Gehsteig die Treppe hinauf bis in Rs Zimmer eine Schlange von Menschen gebildet hatte, die sich anstellten, um die Steinfrau zu sehen, plötzlich Hoffnung hatten oder den Mut, ihre Wünsche auszusprechen, verwandelte sich das Hotelzimmer in ein Tempelgemach, in dem alles so zu belassen war, wie man es nach dem Wunder vorgefunden hatte, und das von den Kräften der Verwandlung aufgeladen war, und so wurde sie zu einer Bewohnerin der Ewigkeit, die mit den Göttern zeitlose Gefilde teilte, obwohl sie hatte beweisen wollen, dass auch Steine sich veränderten, wuchsen und keine bloßen Produkte ewigen Zerfalls, sondern ewigen Werdens waren (…)
Apatit 330

So auch wird das titelgebende Mineral als eines beschrieben, das dem Organismus Wachstum ermögliche, jedoch im Übermaß jede Entwicklung zum Stillstand bringe. Insofern ist dieser Text – zumindest gegen Ende – ein durch und durch religiöser, wenngleich nicht christlicher, insgesamt weniger monotheistischer (worauf die bisweiligen Kafka-Ankläge deuten könnten) als naturmythischer. Nur daß es keinerlei Verklärung von Natur gibt. Im Gegenteil, über diese (Heinrich Mann:) „kleine Stadt“ fällt die Natur unerbittlich her, ob es die wimmelnden Fliegen, ob Heerscharen von Schaben sind, ob es der allgegenwärtige Sand ist, ob der Staub oder die unablässige Hitze. Die Wahrnehmungen verschwimmen, besonders die in der Landschaft lösen sich auf und greifen eine/n aber dennoch an, und umso mehr. Es gibt keine Rettung außer Ergebung:

Landschaft und Klima standen in so enger Wechselwirkung, dass sie einen Raum bildeten, der in sich veränderlich war, sich weitete oder verengte, sich in die Länge zog oder so verzerrte, dass der Himmel bis zur Unkenntlichkeit nahekam, in sandgrauer Körnigkeit auf die Körper herabdrängte und alles unter Druck setzte, was sich aus der Horizontalen gewagt und aufgerichtet hatte, dieser Raum legte sich um alles, als wollte er es anfassen, abtasten und absuchen, aus göttlicher Willkür, Bosheit und parasitärer Lust zerdrücken, ein bedrohlich hinterhältiger Raum, der sich allem wie eine verschwitzte, abgeworfene Haut aufdrängte, als ob sie immer noch passen müsste und die Menschen in Erinnerungen eingeschlagen würden, die nicht die ihren waren.
Apatit, 143

Dabei sind Landschaft und menschliche – im Sinn von unmittelbarer Historie – Geschichte auf das engste verbunden, interdependent. Das namentlich nicht genannte Wüstenland war ausgebeutetes Kolonialgebiet und nun, nach dem Rückzug der Europäer, ist es vom Nachbarstaat besetzt und wird rücksichtslos weiter, seiner Bodenschätze wegen, ausgesogen. Es ist überdies außer von Norden nicht oder nur unter großen Risiken zugänglich, einseits sogar von einer endlosen, vermittels Forts überwachten Mauer von der Moderne weggetrennt und leidet schwer unter Kriegs- und Aufstandsfolgen.
Insofern befinden wir uns durchaus nicht in einem nur-literarischen, wenngleich zwar auch-allegorischen Raum, sondern mitten in der bittersten Konkretion wenn nicht unserer eigenen, so doch der augenblicklichen Gegenwart unseres halben Planeten. Und ebenso konkret ist die Traumatisierung der Frau durch den Mißbrauch, für den Ruoff geradezu ungeheure, durch Empathie, Formulierungen findet, die „Bilder“ zu nennen grob euphemistisch wäre:

Solange sie auf europäischem Boden gelebt habe, habe sie in der ständigen Angst gelebt, diesem Mann zufällig zu begegnen, von ihm ausfindig gemacht, trotz rasierten Kopfes wiedererkannt und aufs Neue misshandelt zu werden, dieser Mann müsse sie hassen, weil sie ihn ins Gefängnis gebracht habe, die Beweislage sei jedoch so eindeutig gewesen, dass nicht ihre Aussagen den Ausschlag gegeben hätten, sondern das medizinische Gutachten, die sichergestellten Sachbeweise und die Verhöre des Angeklagten, der jede Schuld von sich gewiesen und behauptet habe, ihren Annäherungsversuchen und ihrer sommerlichen Kleidung erlegen zu sein, er habe keineswegs schlechte Absichten verfolgt, sondern ihretwegen den Verstand verloren, der ihn von einer solchen Tat abgehalten hätte, wenn sie ihn nicht über die Maßen gereizt hätte. Bei der nächsten und letzten Begegnung werde S in seine höhnisch mitleidigen Augen blicken, die gierig darauf lauerten, die einzige Zeugin zu vernichten und seine Unschuld wiederherzustellen, um der Verführerin, die ihn erniedrigt habe, die Kehle zuzudrücken, nachdem er ihr mit Zigaretten das Geständnis aus dem Leib gebrannt hätte, dass sie gewollt habe, was passiert sei, um sie so auf eine Vergangenheit festzunageln, in der er ihr unterlegen, er verführt, nicht sie geschändet worden sei.
Apatit, 93/94

So gestaltet Ruoff sei's im Verhältnis der Menschen zu einer Landschaft außer Menschenmaß, sei's in S's unentwegter, im Wortsinn gestoßener Beklemmung die Innenlogik von Opfern, denen schließlich nichts als Affirmation, also die Ergebung bleibt. Ihrer will sich S, und mit ihr R, anfangs noch entziehen, schon das Verhältnis der beiden selbst ist eine Flucht. Bis sie beginnen, Steine zu sammeln. Das Motiv der Steinwerdung ist insofern sehr früh schon angelegt, und zwar ebenfalls über das Mißbrauchstrauma:

(…) sie leistete Widerstand, gab ihren leblosen Körper noch nicht an dieses Scheusal verloren, von Wut ergriffen, sank ihre Seele tiefer, ließ sich in einem Stein nieder, um ihren Verfolger zu zertrümmern, entmannte alles, was sich ihrer bemächtigen wollte, denn der Rachedurst hatte diesen Abstieg ins Mineralische überlebt, war im Stein nicht vergangen,

und jetzt die infame, das Opfer geradezu verdinglichende Conclusio dieser Logik:

(…) mineralischer Kräfte, der Kräfte der Erde bedurfte sie, sich von allem Menschlichen möglichst weit entfernt zu inkarnieren, um von den Erniedrigungen der Vergangenheit nicht mehr verfolgt zu werden (…).
Apatit, 102/103

Doch fängt es mit den Steinen schon auf der S. 27 an, der überall auf dem Boden verstreute Gesteinsbruch und der Abfall eines Kieswerks. Daß die beiden, S und R, in einer der atemberaubendsten Szenen dieses Romanes, die ganz spielerisch anhebt – wenn ausgerechnet ein Kind, ein scheinbar argloser Junge, ihnen zum Stadtführer wird – von sich zur Rotte ballenden anderen Kindern gesteinigt werden, bis ihnen, S an der Stirn getroffen, nur noch durch sich selbst gefährdendes Einschreiten einiger Eltern die panischste Flucht zurück in ihr Hotel gelingt – dies ist von furchtbarster Folgerichtigkeit der Parabel, nur eben nicht nur einer Parabel, sondern wiederum von konkreter Erfahrung, die der Reisende wohl kennt, der schon durch Slums der sogenannten Dritten Welt spaziert. Mich selbst hat einst in Mumbai der von einem Jungen aus einer Zwille abgeschossene Stein an der Stirn getroffen und, kurzfristig ohne Bewußtsein, zu Fall gebracht. Es ist gerade die Engführung von Konkretion und Parabel, was Axel Ruoffs „Apatit“ derart eindringlich macht und seinen Roman vor vielen anderen Büchern auszeichnet.
Vor allem aber ist es sein gleichermaßen kunstfertiger wie aber auch derart penibler Stil, daß sich von Ästhetizismus sprechen ließe, würde das Unheil nicht derart deutlich benannt. Kurz, es findet keine ästhetische Verklärung statt, selbst die Heiligung der am Ende zur Stein gewordenen Frau hebt Ruoff als falschen Traum wieder auf und überführt sie in eine mehr als minder hilflose kriminaltechnische Untersuchung:

(…) der Kommissar wolle nicht Autopsie sagen, weil er nicht wisse, ob dieser Stein lebe, aber für ihn sei aus beruflichen Gründen nicht statthaft, an wunderliche Verwandlungen zu glauben, und seien sie auch krankhafter Natur, für ihn sei es naheliegender, an Säure zu glauben, mit der R die Frau übergossen und in diesen Zustand gebracht habe und die er problemlos von dem säurekundigen Apotheker habe erhalten können, mit dem er regelmäßig in Gespräche, ja Wortgefechte vertieft gesehen worden sei (…)
Apatit, 333

Das eigentliche Geheimnis dieses Stils besteht aber darin, daß er selbst ein Ausdruck des titelgebenden Minerals ist, des Apatites also, dessen Name sich vom altgriechischen apatan herleitet: „täuschen“, „trügen“. Dies wird so auf der Rückseite des Buches zwar erklärt – und dennoch glauben wir ständig, sehr lange Sätze, eine geradezu kleistsche Abfolge von Hypotaxen zu lesen. Womit der Apatit uns narrt, ganz wie in der Erzählung der Landschaft die Konturen zerfließen, bzw. sich im Staub und Flirren unter der Sonne ineinander auflösen. Tatsächlich handelt es sich nämlich um aneinandergekettete, heißt: allein durch Kommata sowohl segmentierte wie aneinander enggeführte Parataxen, mithin um, je für sich genommen, bisweilen sogar recht kurze Hauptsätze. Doch bewirkt die Kommatrennung, daß man den folgenden sehr oft erst einmal als Nebensatz des vorherigen Hauptsatzes liest, bis wir merken, längst wieder in einem solchen zu sein – ein stilistisches Verfahren, daß aus der Chronologie des Erzählten, ja auch der Sukzession-selbst ein herrschendes, mehr noch: sich ballendes, sich erschreckend komprimierendes Kontinuum macht und die Organik, kurz: das Leben, so sehr verdichtet, bis es ist, was die Frau dann tatsächlich wird: Bewegungslosigkeit, Stein, Stille, Nullpunkt.

Darüber mehr sollte hier geschrieben nicht werden. Denn Dichtung läßt sich nicht referieren. Sie läßt sich nur erfahren.

ANH – Amelia/Umbrien, Juni 2018

Apatit von Axel Ruoff - Lesung: Anne Tismer - Dominik Bender (A und A Literaturpreis 2018) from Axel Ruoff on Vimeo.

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erstellt am 10.6.2018

Axel Ruoff
Apatit
Roman
344 Seiten, engl. Broschur
ISBN: 978-3-99028-418-6
Verlag Bibliothek der Provinz

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