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Die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern ist keine einfache und wäre ohne Wissen aus der Linguistik unbefriedigend. Manuela Klenke, die soeben den Roman Null Komma Irgendwas aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt hat, berichtet mit dem Blick einer Insiderin über die internationale Konferenz Writers und Translators 2018, die an der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu (Rumänien) stattgefunden hat.

Konferenz Writers and Translators in Sibiu

Zufriedenheit und Erfolg

Ein Zimmer in der achten Etage, ein Fenster, das nur 15 cm aufgeht und eine Tür, hinter der sich eine andere, verschlossene Tür versteckt. So beginnt das Abenteuer der internationalen Konferenz Writers and Translators 2018, organisiert von der Fakultät für Sprachwissenschaften der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu.

Gemeinsam mit der Autorin Lavinia Braniște begebe ich mich in einen Raum der Universität, wo zahlreiche Studenten auf uns warten. Begleitet von einigen Lehrkräften, versuchen wir einen Workshop auf Grundlage des Romans Null Komma Irgendwas (mikrotext Verlag) aufzubauen. Zur Eröffnung, nach kurzer Vorstellung, die Frage ans Publikum: „Welche Lieblingsschriftstellerin oder welchen -schriftsteller würdet ihr gerne übersetzen?“

Die in Mehrzahl anwesenden Studentinnen scheinen bei gefühlten 30 Grad erschöpft und ideenarm. Die Frage, warum man heutzutage noch Germanistik studiert, bleibt ebenfalls unbeantwortet.

Das Interesse im Klassenraum steigt allerdings, nachdem Lavinia die Entstehung des Romans Interior zero (Polirom Verlag) und seinen Weg zur deutschen Leserschaft und Leipziger Buchmesse beschreibt. Als Übersetzerin greife ich die Problematik des Übertragens ins Deutsche auf. Aus dem Publikum traut sich eine interessierte, jedoch schüchterne Studentin: „Hatten der Roman und dessen Übersetzung Erfolg?“ Die Frage wird bejaht und die nächsten Fragen lassen nicht lange auf sich warten: „Wie sehr wurden der Roman und die Übersetzung mediatisiert? Wie wurde darauf aufmerksam gemacht? Kann man die deutsche Fassung der Romane auch in Rumänien kaufen?“

Im Erasmus-Büchercafé findet am nächsten Tag die Lesung aus dem Roman Begegnung, von Gabriela Adameșteanu (Übersetzung: Georg Aescht), statt. Dort kann man deutsche Bücher erwerben. Begegnung (Wieser Verlag) beispielsweise für knapp 20 Euro. Die Inhaber des Cafés weisen aber darauf hin, dass jedes in Deutschland erschienene Buch durch Bestellung auch in Sibiu zur Verfügung gestellt werden kann, also auch Null Komma Irgendwas.

Georg Aescht, Gabriela Adamesteanu und Andrei Terian im Erasmus-Büchercafé

Nach dem Mittagsessen im Casa Frieda, einem urig eingerichteten Restaurant, machen wir mit einigen Masterstudenten und Doktoranden der Universität einen Spaziergang durch die Altstadt und setzen uns auf eine Terrasse. Ștefan Baghiu bereitet sich auf die Lesung mit Bogdan Ghiu, rumänischer konzeptualer Dichter, Theoretiker und Essayist, vor. Später geht es in die Humanitas-Bücherei, wo das 59-jährige Allroundtalent in Ko-Moderation mit Radu Vancu vorgestellt wird.

Stefan Baghiu, Bogdan Ghiu und Radu Vancu in der Libraria Humanitas

Andere Vorträge: unter anderem referiert Nadjib Sadikou von der Flensburger Universität über Interkulturalität und Wir-Phantasmen in Europa, während Johannes Teichmann aus Wien in seinem Vortrag über die Frage debattiert, ob Adolf Meschendörfer (1877 – 1963) ein Vorkämpfer der literarischen Moderne war. Ovio Olaru dagegen greift in seinem Vortrag über transnationale Literatur die rumänisch-deutsche, sowie auch die türkisch-deutsche Literatur auf.

Der letzte Tag, Freitag, beginnt nach vier Stunden Schlaf mit nur halb geöffneten Augen, Frühstück to go aus dem Hotel und der letzten Veranstaltung:

Ein Gespräch zwischen Übersetzern und Professoren über den Zwiespalt der Übersetzerinnen und Übersetzer, wenn es um die Übertragung von James Joyce, Mallarmé oder Ezra Pound in die Muttersprache geht. Bogdan Ghiu, Cristian Fulaș, Rareș Moldovan und Radu Vancu sind sich einig, dass die Aufgabe eines Literaturübersetzers nicht leicht ist, aber Zufriedenheit mit sich bringt, vor allem, wenn man zu neuartigen Mitteln und Wissen aus der Linguistik greift.

Bogdan Ghiu, Cristian Fulas, Rares Moldovan und Radu Vancu in der Fakultät für Sprachwissenschaften der Lucian Blaga-Universität in Sibiu

Abends geht es noch einmal ins Casa Frieda. Die internationale Konferenz ist somit offiziell und inoffiziell abgeschlossen.

„Kommst du mit ins Faust?“, werde ich gefragt.
„Ist das ein Kino oder ein Theater?“
„Das ist ein Club“, werde ich aufgeklärt.

Zurück in der achten Etage, im Hotelzimmer, schlafe ich mit dem Gedanken ein, ob aus der interessierten Studentin irgendwann wohl eine zufriedene Sprachwissenschaftlerin wird.

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erstellt am 07.6.2018

Lavinia Braniste
Null Komma Irgendwas
Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke

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