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Wie bei der Fahrt zur Endhaltestelle einer Straßenbahn, die „Desire“ heißt und dem Dramatiker Tennessee Williams zum Titel einer der erfolgreichsten Stücke der Nachkriegszeit verhalf, sind die dramaturgischen Gleise in „Endstation Sehnsucht“ gelegt, wenn das Spiel beginnt. Über die aktuelle Inszenierung des über 70-jährigen Dramas am Berliner Ensemble berichtet Walter H. Krämer.

Theater in Berlin

Zauber statt Realismus

„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams, uraufgeführt 1947 in New York unter der Regie von Elia Kazan, ist derzeit in einer beeindruckenden Inszenierung von Michael Thalheimer am Berliner Ensemble zu sehen. Im Bühnenbild von Olaf Altmann mühen sich elf Schauspieler*innen mit Bravour um Liebe, Anerkennung, Nähe und sozialen Aufstieg. Allen voran die großartig aufspielende Cordelia Wege als Blanche.

Blanche Du Bois, nervenkrank und dem Alkohol verfallen, flüchtet sich vor ihrer traurigen und anrüchigen Vergangenheit (Blanche wohnte zeitweise in einem zweifelhaften Etablissement – mehr Bordell als Hotel – und hatte eine Affäre mit einem ihrer minderjährigen Schüler) zu ihrer Schwester Stella (Sina Martens) nach New Orleans. Diese ist verheiratet mit dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski (Andreas Döhler), einem gewalttätigen Mannsbild, dem das vornehme und aristokratische Getue von Blanche merklich auf die Nerven geht. Nach und nach deckt er alle Ungereimtheiten und Lügen von Stellas Schwester auf. Er zerstört ihre Illusionswelt, die sich anbahnende Beziehung zu seinem Freund Mitch (Peter Moltzen) und vergewaltigt sie schließlich, während seine Frau in den Wehen liegt.
Das Bühnenbild von Olaf Altmann: ein steil nach unten abfallender Gang, der sich zu Gelegenheiten durch Lichteffekte nach hinten öffnet und einen dreieckigen Raum zeigt.

Bevor sie langsam den Abstieg beginnt, steht Blanche zu Beginn minutenlang am oberen Ende des Ganges. Eine Setzung des Regisseurs. Ein starkes Bild. Vielleicht überkommt die Figur schon hier eine Ahnung davon, dass es nur noch bergab geht. Unabhängig davon zeigt sie immer wieder eine starke Willenskraft und einen starken Überlebenswillen. Bäumt sich gegen ihr Schicksal auf. Will mit letzter Kraft und körperlicher Anstrengung da raus – doch vergebens. Wie Cordelia Wege hier mehrfach wie ein Fisch nach oben springt und doch immer wieder nach unten abrutscht, überträgt sich in der Intensität auf den Zuschauer. Ihre Anstrengung ist körperlich greifbar und zu spüren. Doch vergebens. Zum Schluss warten schon die von der Schwester herbeigerufenen Irrenhausärzte.

Vielleicht ist Blanche die letztlich Glücklichste von allen: Sie, die „keinen Realismus, sondern Zauber“ will, flüchtet sich am Ende bedingungslos in ihre Traumwelt. Vielleicht kann sie darin ohne weitere Beschädigungen leben. Was aber geschieht mit Stella und ihrem brutalen Ehemann? Kann Stella weiter mit Stanley zusammen sein? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Ein steil nach unten abfallender Gang: „Endstation Sehnsucht“, Berliner Ensemble, Foto: Matthias Horn

Nur wenn sie vergisst, verdrängt. Sich weiter etwas vormacht, sich selbst belügt und sich den Launen ihres Mannes unterwirft. Ein Frauenbild, das gerade in Zeiten von #MeToo als Aufreger dient. Was sind das für Frauen, die die Brutalität von Männern schönreden, ihnen ihr Verhalten verzeihen und noch zu deren Befriedigung bereit sind? Sina Martens spielt sich hier durch alle Facetten und zeigt gekonnt ihre Zerrissenheit und Verzweiflung. Doch auch ihre sexuelle Gier.

„Es wird gut. Es wird alles gut!“ Mantra artig wiederholt Andreas Köhler alias Stanley Kowalski diese beiden Sätze am Ende der Inszenierung. Ein eindringlicher Moment. Selbst in den schon dunklen Zuschauerraum hinein spricht er diese Worte noch. Doch man ahnt als Zuschauer*in, dass dem nicht so ist. Dem nicht so sein wird. Seine Versuche, sich durch Gewalt zu behaupten, werden allesamt fehlschlagen und zu Recht fehlschlagen.

Sekundenlange Stille – gottseidank!. Dann verdienter und lautstarker Beifall für alle Beteiligten. Allen voran Cordelia Wege für ihre wahrhaft grandiose und überzeugende Leistung als Blanche Du Bois.
„Endstation Sehnsucht“ wurde vom Regisseur der Uraufführung, Elia Kazan, 1951 auch verfilmt und wurde dadurch auch einem größeren Publikum bekannt. Mit Vivian Leigh als Blanche und Marlon Brando als Stanley Kowalski hatte er eine Starbesetzung, und der Film hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Zuschauer eingegraben.

Jeder Regisseur, der das Stück heute auf die Bühne bringt, ist daher auch aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen. Kay Voges hat das in seiner Inszenierung 2014 am Schauspiel Frankfurt dergestalt gelöst, dass er die Schauspieler*innen live filmen ließ und diese Bilder groß auf zwei Leinwände projiziert wurden. So wird die Erinnerung an die Verfilmung wach gehalten, während das Spiel eine psychologisch-naturalistische Deutung erfährt.

„Es wird gut. Es wird alles gut“: „Endstation Sehnsucht“, Berliner Ensemble, Foto: Matthias Horn

Die psychologische Dimension ist allerdings nur eine Seite unter vielen. Ramona Mosse, Theaterwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, äußert sich in einem Originalbeitrag für das Programmbuch zur Berliner Aufführung wie folgt dazu: „Blanche, ihre Schwester Stella und Stanley Kowalski stehen sich somit nicht nur in einem konstanten Machtkampf über die Deutungshoheit ihrer Situation gegenüber, sondern sie kämpfen auch mit dem Raum, ihrer Umwelt an sich, in der sie suspendiert sind und ohne Ausweg hängen bleiben.“
Von diesen Gedanken haben sich der Regisseur und der Bühnenbildner offensichtlich inspirieren lassen und ihn konsequent umgesetzt. In der Schräge und Enge des Bühnenraums ist kein Halten nirgends, und der Weg führt immer wieder nach unten. Kein Zeichen eines Aufstiegs in Sicht. Bleibt am Ende nur die vage Hoffnung: „Es wird gut. Es wird alles gut.“

Für mich ganz klar ein Zentrum der Inszenierung: Blanche und Mitsch. Den beiden Figuren / Spieler*innen gelingt die intimste und vertraulichste Szene fernab von jeglichem Geschrei und Gebrüll, was besonders die Figur des Stanley Kowalski auszeichnet.

Mitch, sehr schüchtern, fast linkisch und Blanche zugewandt, entfernt sich von der lautstarken Pokerrunde und nähert sich Blanche. Diese nimmt das Angebot begierig an und eine erste Konversation entsteht. Wie Peter Moltzen bei der Beantwortung ihrer Frage, welchen Beruf sie denn ausübe, zögert, überlegt, sich verlegen windet, das ist wunderbar anzuschauen.
Und bei beiden keimt die Hoffnung auf eine Beziehung auf. Später wird Stanley diese Beziehung hintertreiben, denn er kann es nicht dulden, dass sich jemand seinem Einfluss entzieht.

Dass er dies oft mit lautem Geschrei unterstreicht, ist aus meiner Sicht stark übertrieben und führt dazu, dass der Inhalt seiner Worte oft nicht zu verstehen ist. Ein Glück, dass zumindest die Vergewaltigungsszene zurückhaltend inszeniert ist. Stanley nähert sich Blanche, dreht sie zur Wand und – Licht aus. Für mich ein Beispiel dafür, dass Gewalt und Brutalität auf der Bühne nicht ausgelebt werden muss, um eindringlich zu sein.
Wäre an dieser Stelle einmal zu fragen, warum häufig so viel Geschrei und die Musik (Bert Wrede) oft ohrenbetäubend. Welche Absicht steckt dahinter? Verspricht es einen verstärkten Erkenntnisgewinn? Oder sollen über Lautstärke Gefühle transportiert, Gefühle beim Zuschauer mobilisiert werden?

Dass sich Michael Thalheimer jedem Realismus verweigert und auch Verweise auf den Film außen vorlässt, macht für mich die Qualität dieser Inszenierung aus. Er setzt andere starke Akzente und öffnet so für den Zuschauer neue Perspektiven auf das Stück und die Figuren.

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erstellt am 30.5.2018

„Endstation Sehnsucht“, Berliner Ensemble, Foto: Matthias Horn

Endstation Sehnsucht

von Tennessee Williams

Aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer

Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede

Mit: Cordelia Wege (Blanche), Sina Martens (Stella), Andreas Döhler (Stanley), Peter Moltzen (Mitch), Kathrin Wehlisch (Eunice), Henning Vogt (Steve), Sven Fleischmann (Pablo), Max Schimmelpfennig (Ein junger Kassierer), Rayk Hampel (Ein Arzt), Marie Benthin (Eine Krankenschwester)

Berliner Ensemble