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Beim 5. Schweizer Theatertreffen konnten nur Karin Henkels „Beute Frauen Krieg“ und „Grimmige Märchen“ von Herbert Fritsch überzeugen. Da kann man gleich ins Zürcher Operhaus gehen: Dort sah Thomas Rothschild Tatjana Gürbacas kluge, aber keineswegs revolutionäre Inszenierung von Jules Massenets „Werther“.

Oper und Theater in Zürich

Charlotte durch die rosa Brille

In Zürich findet das 5. Schweizer Theatertreffen statt. Nichts, kein Plakat in der Stadt, nicht einmal eine Ankündigung auf den beteiligten Theaterhäusern, deutet darauf hin. Man scheint auf Besucher keinen Wert zu legen. Neun Inszenierungen in deutscher, französischer und italienischer Sprache wurden von einem Kuratorium ausgewählt, zwei konnten „aus technischen oder dispositionellen Gründen“ nicht aufgeführt werden, blieben sieben. Zu den interessantesten gehörten zwei Inszenierungen, die nicht erst anreisen mussten. Sie waren aus Zürich: Karin Henkels „Beute Frauen Krieg“ und „Grimmige Märchen“ von Herbert Fritsch. Henkel und Fritsch sind zwar keine Schweizer, aber diese Produktionen wurden am Zürcher Schauspielhaus realisiert. Zugleich belegen die zwei Inszenierungen, dass die auffallenden Gegensätze nicht entlang den Sprachgrenzen verlaufen, sondern zwischen den einzelnen sprachübergreifenden Ästhetiken und Theaterauffassungen. Einem Theater der Sinnlichkeit steht ein (politisches) Theater der Botschaftsvermittlung gegenüber. Für ersteres kann Fritsch, für letzteres Henkel als Gewährsmann bzw. -frau gelten. Wobei die Verfechter des oft wortlastigen didaktischen Theaters und Verächter einer l'art pour l'art schon zufrieden sind, wenn belehrt wird. Sie fragen nicht danach, ob es tatsächlich einen Erkenntnisgewinn gibt, wenn beispielsweise erklärt wird, dass Kriege schlecht, Frauen in ihnen die ersten Opfer und die Geschichtsschreibung ihnen gegenüber ungerecht sei.

Zu sehen jedenfalls gibt es bei Fritsch mehr als bei Henkel. Er hat die Techniken wiederentdeckt, mit denen Theater Komik erzeugt – Henri Bergson hätte seine Freude daran –, und er bringt seine fabelhaften Schauspieler dazu, sie virtuos umzusetzen. Kein Regisseur beherrscht zurzeit die Mechanismen der Wiederholung, des Running Gag, des Stolperns und Fallens so perfekt wie Herbert Fritsch, und wer das für läppisch hält, hat nicht begriffen, was das (komische) Theater ausmacht. Der Output von Karin Henkels Zürcher Inszenierung ließe sich zur Not als gedruckter Essay wiedergeben. Der Output von „Grimmige Märchen“ nicht. Er ist Bühnenkunst und nur als solche zu erreichen.

„Grimmige Märchen“ von Herbert Fritsch, Schauspielhaus Zürich (Videotrailer)

Wenn aber ein Theatertreffen über die argumentative Intelligenz Karin Henkels und das Körpertheater eines Herbert Fritsch hinaus wenig Anregungen liefert, mag man gleich in die Zürcher Oper gehen. Deren Repertoire kann mit jedem Festival konkurrieren.

Tatjana Gürbaca gehört zu den zurzeit am meisten gefragten Opernregisseurinnen. 1973 geboren, hat sie noch bei Ruth Berghaus studiert. Seit ihrer Neuanordnung von Wagners „Ring des Nibelungen“ am Theater an der Wien gilt sie als wagemutige und respektlose Stückinterpretin. Dass man sie darauf nicht festlegen darf, beweist ihre kluge, aber keineswegs revolutionäre Inszenierung von Jules Massenets „Werther“ in Zürich, die teilweise umbesetzt auch von der Straßburger Oper übernommen wurde.

Es beginnt als Karikatur der bürgerlichen Idylle in Klaus Grünbergs Bühnenbild einer übergroßen Stube, die an den kürzlich verstorbenen Kerl-Ernst Herrmann denken lässt, und aus deren Möbeln und Türen Figuren wie Gespenster erscheinen. Dann gehen die Protagonisten der Einleitung nach Hause und sind am Schluss, zur Verneigung, nicht mehr zur Stelle. Die Bühne gehört nun dem Quartett – Piotr Beczala als Werther, Anaïk Morel als Charlotte, Andrei Bondarenko als Albert und Mélissa Petit als Sophie. Nichts engt die Strahlkraft ihres Gesangs ein. Da hat die Regisseurin leichtes Spiel, denn besser ließe sich diese Oper kaum besetzen. Selten wird so erkennbar wie hier, welche Bedeutung die Wahl der Stimmlage für die Charakterisierung der Figuren hat. Dem strahlenden Tenor Beczalas steht der fast noch kraftvollere Bariton Bondarenkos gegenüber. Einen Bass, also einen Bösewicht, gibt es in dieser Oper nicht. Und der reife Mezzosopran der Charlotte konkurriert mit dem Sopran der jüngeren Schwester Sophie, die, auch kompositorisch, fast noch ein Kind ist.

Wenn Werther und Charlotte einander begegnen, lässt Gürbaca die Bilder einfrieren zu dem Eindruck, der Werther bezaubert. Dann wird die Szene buchstäblich in rosa Licht getaucht. Gürbaca inszeniert nicht die objektive Realität, sondern Werthers Sicht darauf, wenngleich der Genrewechsel die extreme Subjektivität von Goethes Original relativiert. Der Höhepunkt – Werthers Selbstmord – findet hinter der Bühne und in der Musik statt. Es folgt die Apotheose. Fast ein wenig komisch schaut Werther vom Himmel aus auf die Erde herab, die den Hintergrund durchkreuzt. Spätestens hier muss auch dem glühendsten Goethe-Verehrer klar werden, dass die Fabel auf dem Weg vom Briefroman zum Libretto zu einer nicht sonderlich fesselnden Banalität nach dem Modell des Melodrams verkommen ist, eng und von der Außenwelt isoliert wie das Bühnenbild, ein Schreckensort für Klaustrophobe. Die Musik, zumal mit dieser Besetzung, rettet den Abend. Und kaum jemand wird, nach Hause zurückgekehrt, dem Beispiel Werthers folgen.

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erstellt am 30.5.2018

Jules Massenets „Werther“, Opernhaus Zürich, Foto: Herwig Prammer

Theater in Zürich

5. Schweizer Theatertreffen

Vom 23. bis 27. Mai 2018

rencontre-theatre-suisse.ch

Lyrisches Drama von Jules Massenet

Werther

Libretto nach dem Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe

Musikalische Leitung Cornelius Meister, Inszenierung Tatjana Gürbaca, Bühne und Lichtgestaltung Klaus Grünberg, Kostüme Silke Willrett

Opernhaus Zürich