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Wer Mia Couto begegnet, erlebt einen zurückhaltenden, die Stille suchenden Menschen, der Lesungen in großen Auditorien eher meidet. Während seiner Lesereise zu seinem neu auf Deutsch erschienenen Buch „Imani” war das Besucherinteresse jedoch außergewöhnlich. Der in Mosambik als Sohn portugiesischer Einwanderer geborene Autor zählt heute zu den bedeutendsten Schriftstellern der Lusophonie. Michael Kegler hat mit dem Autor über sein neues, als Trilogie geplantes Werk gesprochen.

Reihe: Lusophone Literatur

»Die Unsichtbarkeit der Besiegten«

Michael Kegler im Gespräch mit Mia Couto

Michael Kegler: In ihrem jüngst in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Imani“ erzählen Sie eine Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts. Erzählerin ist eine 15jährige, deren Dorf im heraufziehenden Krieg zwischen Portugal und dem afrikanischen Gaza-Reich zwischen die Fronten gerät.

Mia Couto: Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten die Nguni, ein Zulu-Volk, aus dem heutigen Südafrika nach Norden und ließen sich im Süden des heutigen Mosambik nieder. Es entstand das sogenannte Gaza-Reich. Es gab eine Art Koexistenz zwischen diesem afrikanischen Herrschaftsbereich und den von der portugiesischen Krone beanspruchten Gebieten. Auf der Kongo-Konferenz in Berlin wurde jedoch bestimmt, dass Kolonialmächte nur solche Gebiete formal beanspruchen durften, die sie auch tatsächlich kontrollierten. Also setzte Portugal – das eine sehr schwache Kolonialmacht war – eine Expedition in Gang, um das Gaza-Reich zu vernichten und das ganze Land in Besitz zu nehmen. Sonst hätte es England beansprucht.

Sie legen aber Wert darauf, dass es kein historischer Roman ist. Auch der Krieg macht sich bei aller Gewalt in dem Roman eher wie ein heraufziehendes Gewitter bemerkbar. Sie erzählen von dem Dazwischen und aus einer Perspektive der eher Machtlosen.

Ich will und kann keinen historischen Roman schreiben. Das Buch spielt zu einer bestimmten historischen Zeit in einer bestimmten Situation in der Geschichte Mosambiks, aber es geht um Probleme von heute. Es geht nicht um den Krieg, es geht um die Entmenschlichung durch den Krieg. Es geht um Angst, die Konstruktion des Anderen, die Begegnung mit dem Anderen.

Ist es einfacher, darüber aus der historischen Distanz zu schreiben?

Die Distanz ist nicht so groß, wie wir glauben. Die Situationen ähneln sich. Die patriarchale Gesellschaft überlebt weitgehend unangetastet bis heute, die Mechanismen, die zu Krieg führen, die Prozesse der Entmenschlichung, dass der jeweils andere zur Bedrohung, zur Gefahr stilisiert wird, all das ist leider zeitgemäß. Auch die Stellung der Ausgeschlossenen, die Unsichtbarkeit der Besiegten, das alles ist heute noch aktuell.

Ist es da für sie zwangsläufig, dies hauptsächlich von einer Frau erzählen zu lassen, als Bruch mit der tradierten, männlichen, europäischen Erzählung von Geschichte?

Frauen sind sicher oft doppelte Opfer in der Geschichte nicht nur Afrikas. Insofern war es mir wichtig, Frauenfiguren in den Mittelpunkt zu stellen. Aber ich sehe es nicht als meine Aufgabe, eine männliche Perspektive umzukehren. Eher glaube ich, dass eine weibliche Stimme die Wirklichkeit, die ich ja nicht beschreiben, sondern aufdecken und hinterfragen will, mit einer anderen Tiefe erfasst. Die Perspektive der Frau als Erzählerin ergibt sich natürlicherweise. Ich hätte das Buch nicht anders schreiben können.

Imani ist Übersetzerin, Vermittlerin, steht zwischen Kulturen, mit allen Konflikten, die das mit sich bringt. Auch diese Perspektive ist nicht zufällig gewählt …

Ich sehe mich selbst als Übersetzer. Ich bin mit zwei Kulturen geboren und aufgewachsen, zwischen zwei Logiken, zwischen der Mündlichkeit und dem Schriftlichen. Ich glaube, mein Schreiben kann eine Brücke sein. Die Welt auf dem Land wird fast immer mit „Tradition“ verwechselt. Aber das ist ein Irrtum. Diese Welt wird entweder übersehen, oder herabwürdigend als „magisch“ folklorisiert.

Ist die häufige Etikettierung Ihrer und anderer afrikanischer Literatur als „magisch“ oder gar „magisch realistisch“ also ein Missverständnis?

Geschichte hat immer unterschiedliche Versionen. Im Fall dieses Buchs sind das die geschriebene, in portugiesischen Archiven schriftlich dokumentierte und auf der anderen Seite die mosambikanische, die in der mündlich weitergegebenen Erzählung, in Tänzen und Liedern lebendig ist. Es ist faszinierend, wie Personen, die schon vor mehr als 100 Jahren gestorben sind, noch immer in den Gedanken der Leute lebendig sind. Sie sind weiterhin da. Das ist keine Magie, sondern Realität, die sich in der Diktion und Struktur des Romans widerspiegelt.

Wie gelingt es Ihnen, diese unterschiedlichen Vorstellungswelten literarisch zu verknüpfen?

Es gelingt mir, weil sich meine eigene Geschichte, mein Leben, über die unterschiedlichen Welten verteilt. In meiner von Portugiesen gegründete Geburtsstadt, in der ich zum 17. Lebensjahr gelebt habe, gelang es der Kolonialverwaltung nie, Afrika draußen zu halten. Als Kind sprach ich neben Portugiesisch auch fließend eine der zwei afrikanischen Sprachen meiner Stadt. Afrika war immer da, auf der anderen Straßenseite. Auf beiden Seiten der Straße waren Geschichten und Lieder. Meine Seele ist eine Mischlingsseele.

Ihre Familie stammt aus Portugal. Sie sind noch zu Kolonialzeiten geboren. Wie wurden Sie Mosambikaner?

Ich wurde in einem fast typisch portugiesischen Haushalt geboren. Aber draußen auf der Straße war Afrika. Also lebte ich in zwei Welten, wie Imani, nur andersherum. Mit einem Fuß in Portugal, mit dem anderen in Afrika. Das geografische Portugal habe ich allerdings erst als Erwachsener, lange nach der Unabhängigkeit kennengelernt. Vorher war es für mich in Geschichten präsent, in Erinnerungen und über meine Großeltern, die ich nie kennengelernt habe, die aber in dem, was man sich über sie erzählte, bei uns waren.

Mosambikaner zu sein war keine bewusste Entscheidung. Mosambik hat sich für mich entschieden. Als ich 17 war, schon zwei Jahre vor der Nelkenrevolution, schloss ich mich der Mosambikanischen Befreiungsfront an.

Ist es für Sie dabei ein Dilemma, Afrikaner europäischer Abstammung zu sein, Abkömmling von Kolonisten?

Das ist für mich kein Problem, sondern eher ein Vorteil. Ich kann die unterschiedlichen Ecken des Hauses sehen. Was ich in geschriebene Literatur übertrage, ist mir alles vertraut und zugleich fremd. Viele afrikanische Schriftsteller mit dunkler Hautfarbe sind übrigens genau wie ich kulturell gemischt, sie sind in der gleichen Situation wie ich, aber weil sie schwarz sind, fragt niemand danach.

Die zweite Erzählstimme in dem Roman „Imani“ ist ein portugiesischer Offizier, „der Flüssen lauscht“, wie es in einem Kapitel heißt. Eine ungewöhnliche Vorstellung eines Eroberers …

Der Offizier, ein „Sargento“, ist Repräsentant der portugiesischen Truppen, doch er ist auch ein Verbannter, der nach Mosambik geschickt wurde, weil er an einem Aufstand gegen die Monarchie beteiligt war. Ich wollte ihn bewusst anders anlegen als den stereotypen Kolonialisten. Er ist Kolonialist, befindet sich aber in einer sehr heiklen, unsicheren Lage …

Er hadert mit Portugal, seiner autoritären, gefühlskalten Familie, entdeckt in Afrika vieles, was ihn fasziniert und verstört, auch in seiner problematischen Beziehung zu Imani …

Auch hier versuche ich, dem Stereotyp des Kolonialsoldaten zu entkommen. Dieser Mann wird von Konflikten zerrissen, und leidet mehr noch als an seiner militärischen Mission am erzwungenen Exil. Er verliebt sich, weiß aber nicht, wie man liebt, er hat nie gelernt, sich der Seele einer (schwarzen) Frau zu nähern. Er muss lernen, ein anderer zu sein.

Mosambik saugt ihn von Anfang an auf. Auch die anderen Portugiesen in dem Roman werden schnell unwillkürlich „assimiliert“ …

Es gibt eben nicht nur den einen, einseitigen, linearen Prozess. Eine kleine afrikanische Elite versuchte sich zu „assimilieren“, den Werten und der Kultur der europäischen Kolonisatoren anzupassen. Aber auch diese konnten sich dem Einfluss afrikanischer Kulturen nicht entziehen und wurden durch sie verändert. Es gab einen Austausch, der natürlich trotzdem geprägt war von ungleichen Machtverhältnissen und Gewalt.

Seit ihrem ersten Buch „Das schlafwandelnde Land“ (von 1992, dem Jahr des Friedensschlusses) schreiben Sie über Traumata und Verletzungen vor allem im Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit. Ist der Rückgriff auf eine noch weiter zurückliegende Zeit nun für Sie auch ein neuer Anlauf auf der Suche nach einer mosambikanischen Identität?

Die jüngere Geschichte meines Landes ist ungeheuer dramatisch und aufsehenerregend. Ich habe das alles erlebt, von der Kolonialherrschaft bis zur Ausrufung der Unabhängigkeit, über den Aufbau des Sozialismus, den Bürgerkrieg, die Ermordung des Präsidenten Samora Machel bis zu den Friedensverhandlungen, die eigentlich immer noch andauern. Sich aus der Geschichte auszuklinken ist unmöglich, wo sie doch täglich an unsere Tür klopft. Meine Literatur folgt diesen Fortschritten und Rückschritten im Aufbau einer Nation. Und immer wieder zeigt sich, wie sehr Literatur an der Herausbildung sogenannter nationaler Identitäten beteiligt ist oder sie zumindest begleitet.

Noch ein Wort zu einem Bild, das mir in vielen Ihrer Bücher auffällt: In „Jesusalém“ (das am Ende des Bürgerkriegs spielt) werden Waffen gesät. In „Imani“ versucht einer, Waffen im großen Stil zu vergraben, doch überall in der Erde liegen schon welche. Das ist sehr symbolisch und nicht sehr optimistisch …

Ich weiß nicht, ob wir von Optimismus reden dürfen. Oder von Pessimismus. Kriege sind dazu da, ewig zu sein, sie säen Gewalt mit dem Ziel einer ewigen Konstruktion des Anderen als Feind.

An anderer Stelle in dem Roman graben sich Menschen ein, um nicht getötet zu werden, und die Erzählerin sagt halb ironisch, gereizt: „Wir säen uns … so entstehen die Menschen: Ihre Samen werden in der passenden Jahreszeit in die Erde geworfen”.

Jedenfalls ist diese Metaphorik der mosambikanischen Metaphysik, nach der Tote weiter leben und nur gestorben sind, um einen neuen Kreislauf zu beginnen, nicht explizit pessimistisch.

Redaktion: Andrea Pollmeier

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erstellt am 29.5.2018

Mia Couto im April 2018 in Frankfurt, Foto: Andrea Pollmeier

Mia Couto, geboren 1955 als Sohn portugiesischer Einwanderer in Beira, Mosambik, gehört zu den herausragenden Schriftstellern des portugiesischsprachigen Afrika. Mehrere Jahre war er als Journalist und Chefredakteur der Zeitungen Tempo und Notícias de Maputo tätig. Seit 1983 veröffentlicht er Romane, Erzählungen und Gedichte. Für sein Werk wurde Couto mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2013 mit dem Prémio Camões und mit dem renommierten Neustadt-Literaturpreis 2014. Mia Couto lebt in Maputo.

Mia Couto
Imani
Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner
ISBN 978-3-293-00522-8
Unionsverlag, 2017

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Mia Couto
Das schlafwandelnde Land
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