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Möglicherweise verhält es sich mit Gerd-Peter Eigner wie mit dem Mammut in seinem gleichnamigen Gedicht: Es ist weiter da, das Tier, nur entzieht es sich aus Sanftmut und Diskretion den schwachen menschlichen Blicken. Alban Nikolai Herbst hat dem streitbaren Schriftsteller ein Epitaph geschrieben.

Lyrik

Gerd-Peter Eigners nachgelassenes Mammut

schon weil das Ausmaß aus dem ich spreche
eines der Maßlosigkeit ist
Wen ansprechen, 95

Es war der letzte Brachialakt Gerd-Peter Eigners, wie fast all seine Bücher gewesen sind: Monatelanges Schweigen (: wörtlich zu nehmen), dann der Durchbruch des Gedankens in die Schreibtat. Schon Eigners Romane entstanden im Strömen des Stroms, nicht im Absetzen, Abwägen, neuem Ansetzen. Es war, als wäre die Form ihm gegeben, hätte sich vorbereitet mit dem durchdachten Text zugleich, war wohl schon Form im Bedenken.

Dass er elend im Koma starb, mag, so die Hoffnung, die Vorbereitung auf einen Roman gewesen sein, den er nun im Jenseits verfasst – an das er, wohlgemerkt, nicht glaubte. In seinem Nachlass ein 800-seiter, für den es schon Verlage gab, die kurz vor der Vertragsunterzeichnung – erbärmlich in der Plötzlichkeit – zurückzuschrecken schienen; den nachlassgewordenen Vorlass betreut ein „Gerd-Peter Eigner–Archiv” der Berliner Akademie der Künste. Dafür gab sie dem lebenslang finanziell nur knappen Mann das Drittelmonatsgehalt eines Sparkassenleiters, nicht monatlich, nein, einmalig. Doch Scham ist heutzutage kein Zeichen der Zeit mehr, geschweige denn Kategorie, und der Wert eines Kunstwerks bemisst sich nach Quote, nicht mehr Gehalt – ein Verhängnis, das auch von denen bedient wird, die es ändern oder sich dagegen anstemmen könnten. So hat es für Eigners, sagen wir, Nachlass zu Lebzeiten sage und schreibe eine einzige Rezension gegeben, verfasst von Hans Christoph Buch für die Frankfurter Anthologie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Bedeutung, die vor allem das Romanwerk Gerd-Peter Eigners ästhetisch für unsere Gegenwart hat oder haben hätte doch können, zerfällt mit ihm, seinem Körper.

Ganz „unschuldig” ist er selbst daran nicht. Er mischte sich – nach seinen literarischen Aufbruchszeiten in seinerzeit Bremen – nicht mehr gern ein, sondern zog sich südlich Roms in die Berge zurück. Nicht, dass es ihm an Kraft gemangelt hätte! Von der hatte er eher zuviel, hatte sie in solchem Ausmaß, das sie ihn schnell anecken ließ, und nahezu immer heftig. Seine Forderungen nach exakter Formulierung streiften nicht selten die Intoleranz, waren jedenfalls in keiner Weise geeignet, auch nur annähernd die pseudofamiliären Verhältnisse zu bedienen, die der Betrieb gern hat, geschweige eine Atmosphäre herzustellen, in der es sich überhaupt wohlfühlen ließ. Statt dessen war er in nahezu allem radikal und dabei durchaus aggressiv. Erst in seinen letzten Lebensjahren wurde er, auch weil gesundheitlich stark angeschlagen, ein wenig ruhiger.

Also er hat ein freies wildes, auf seine Weise leidenschaftliches Denkerleben geführt, eines der Fragen und Verwerfungen und immer wieder Neuansätze. Davon zeugen nicht nur seine wenn auch fiktional verstellt, so doch fast durchweg auf eigenes Erleben zurückgehenden, das reale Erleben verwandelnden Romane, sondern nun ganz besonders wird es von seinem grad noch zur Lebzeit erschienenen Gedichtband „Mammut” dokumentiert. Hand in Hand mit dem Lyriker Thomas Kunst hat Eigner ihn für den mutigen Berliner Verlag PalmArtPress zusammengestellt. In dem umfangreichen Band finden sich über Jahre, ja Jahrzehnte hin entstandene Gedichte – vor allem aber auch völlig neue. Eigner scheint sie geradezu stoßweise aus sich herausschießen gelassen zu haben, „mitunter”, so schreibt er direkt ins Gedicht, „sieben am Tag“, eines nach dem anderen – so, als hätte er seinen nahenden Tod schon gespürt und liefe mit ihm um die Wette.

Es sind schlicht die Gedichte
die ich verfaßte am heutigen Tag
ich hab zusammengekniffen das Auge
und habe gezählt

Entsprechend persönlich sind nahezu alle geraten. „Ich habe diese Fiktionsscheiße satt!” soll Nabokov, eines der wichtigsten Vorbilder Eigners, im Alter ausgerufen haben. Entsprechend geht Eigner jetzt unverstellt auf seine Lebensgeschichte zurück, gleich im zweiten Gedicht auf seine Jugend, die ihn vor die Wahl stellt.

Ich will zur Schule gehen
will lesen schreiben und schwimmen lernen
will dabei sein bei allem
was nützlich und gut

heißt es in der ersten Strophe der Nr.1, gegen die die erste der Nr.2 aber sagt:

Ich will nicht zur Schule gehen
will nicht lesen schreiben und schwimmen
will nicht dabei sein bei allem
was nützlich und gut

so dass Nr. 1 mit

meinen starken Charakter
mein täglich Brot

endet, Nr. 2 hingegen so:

hab keinen Charakter
sonst wär ich tot

So stemmt sich hier jemand schon sehr früh gegen das, was Adorno Verdinglichung genannt hat.

Zum Teufel
Wehmut und Schwermut
die Frau
die jeweils letzte
das Fallrohr
durch das Erinnerung rauscht
der Nachbar
mit dem Hüftschaden
der mir zu nahe tritt
und vor allem die Zwerge
die Riesen verspeisen
zum Nachtisch
und nachhaltig schrumpfen

Riesen sind nicht mehr gewollt. Die Volte ist pfiffig: Indem die „Zwerge” die Riesen verstoffwechseln, schrumpfen sie noch. Wohin denn sollen sie nun auch hinaufsehen, an was anderem sich orientieren als an ihrer Kleinheit, woran nun selber wachsen können?

Wie sieht‛s mit dir aus
hast du dich arrangiert
bist diesseitig hier

(…)

Wir haben uns nichts zu sagen
Du nicht mir
und ich vor allem

So verharrte Eigner beharrend lebenslang, ein Nichtdazugehörender aus eigenem Willen. Zwar reicht die Kunst dieser Gedichte nicht an den Rang seiner großen Romane, namentlich Brandigs, heran, zu willkürlich erscheinen die Verse oft gebaut, zu sehr an Prosa erinnert die Rhythmik. Doch liest man das Buch am Stück, wird, was es sei, zunehmend ohne Bedeutung. Vielmehr ersteht das Bild eines Mannes, schlicht- und mithin Menschen von unverwechselbarer Statur, dessen kämpferisches Wesen – ihrerzeit wies ihn die griechische Militärjunta aus – angesichts des unumkehrbar falschen Weltenlaufs sich zunehmend zurückgezogen hat.

Insofern wird kein Verlust sein
das im Netz Zappeln die Feuerwerke und Budenzauber
die schönen Aussichten die Atemnot
das ganze Lametta mithin zurück in den Karton

Stattdessen Bei den Dingen bleiben:

Dem Glas mit den Kugelschreibern
dem Zedernholz in Form eines Kamels
dem Flaum im Nacken einer Person
deren Gesicht du nicht siehst
eine Gitterferne,

um zu schließen:

Was du anfaßt
was du sein läßt
was weder Hund noch Katze
was ein Dübel
und die Schraube
die Schraube

Und er fiktionalisiert den Schmerz nicht mehr, auf Nabokov hörend, der sich freilich leisten konnte, was gegenüber Eigner zu nur noch vermehrter Abwehr führte und was er, dieser, sehr wohl wusste. Es schürte indes nur seinen Grimm; ein Frieden war mit ihm nicht zu machen. Wer aber schluckte nicht, der und die die folgenden Verse liest?

Was hab ich getan
Kind
daß Du fortgingst
und nicht mehr kamst

(…)

Dich nicht meldetest
als ich Dir schrieb
ungerührt bliebst
auf mein Flehn

(…)

Du bist längst groß
und ich weiß nicht
wie Du heut aussiehst
es ist eine Not

Du meine Tochter
die sich mir hart entzieht
wisse und bin und bleibe
Dein Vater

Aber auch eine große innere Sehnsucht findet in dem Band ihren Ausdruck – etwa dem wirklich erstaunenden, weil formal höchst auffälligen Gedicht „An eine ferne Unbekannte”, in dem Eigner unübersehbar mit antikem Versmaß spielt, ohne es doch, für ihn typisch, widerstandslos zu kopieren:

Du einzig Wirkliche traumentfachte Gebieterin stolze
Schöpferin der Kleeblattfelder und indianischen Reiche
Priesterin hell erhobener Häupter die zwischen Tafeln
aus geweihtem Stroh und ermatteten Steinen stehen

(…)

Und vor allem trink trink Dich satt wenn nicht an mir so doch an
den eigenen Quellspalten und Vergangenheiten die in den hohen
Anden wie Schwerter teilten den Fels und denen Du in Deinem
Beginnen mit kühner Geste und gerichtetem Blick entsprangst
wie konnte ich nur Dich nicht finden und binden wie konntest
Du an mir vorüberwehen und schweben über die Zonen die Weite der
Sümpfe Urwäler Wüsten die nicht die meinen und doch wie jene
uralten Niederungen und Moore sind in denen die versinken
die gespannt vor den Karren des Scheiterns aufrecht gehen während
die Angst und Verderben schieben wie Torf ich lade Dich ein heim-
und zurück- und (ich fürchte es nicht) wieder einzukehren bei mir.

Eigners Grabplatte, Foto Alban Nikolai Herbst
Eigners Grabplatte, Foto Alban Nikolai Herbst

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erstellt am 28.5.2018

Gerd-Peter Eigner
Mammut
Gedichte
Halbledereinband, 220 Seiten
ISBN: 9783941524767
PalmArtPress, Berlin 2016

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