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Erlösung ist ein religiöser Begriff. „Es ist offensichtlich unerträglich, unser Dasein.“, schreibt der Schweizer Komponist, Kulturwissenschaftler, Philosoph und Soziologe Patrick Frank. Deshalb realisierte er das Projekt „Und was erlöst uns heute?“ in der Gessnerallee Zürich. Rumora Mottenfrass schildert ihre Eindrücke.

Theater

Die Crew gibt keine Antwort

Von Rumora Mottenfrass

Erlösung! Oh tonnenschwerer Begriff. Meine chronischen Rückenschmerzen können nicht gemeint sein. Es geht um Höheres. Mutmaßlich im Angebot: Kapitalismus, Krise Mensch, das Böse und das ewige Wohin im Jammertal. Doch, angekommen im Schwebezustand zwischen dem Ende der Geschichte und dem Ende der Menschheit, brauchen wir da Erlösung überhaupt noch?
Jetzt noch mal alle die Luft anhalten und dann erledigt sich das von selbst. Mit ein wenig Glück, wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, erleben wir den großen Knall nicht persönlich. Manche krallen sich, um apokalyptisch ganz vorne mit dabei sein zu dürfen, an ihre metaphysischen Versicherungspolicen mit Treuebon. Andere etiquettieren jetzt Menschenjagd als kollektive Selbstfindung. Ewiggestrige nennen sich nationalbesoffen „konservative Revolutionäre“, um am Heil anzuknüpfen, das, wie in guten alten Zeiten ihnen Erlösung verspricht. Wer heute die Frage nach der Erlösung gestellt bekommt, muss mit allem rechnen.

Im Zwinglijahr, hieß es, würden „die Inhalte der Reformation der Bevölkerung mit verschiedenen Aktivitäten verdeutlicht“. Klang nach Nachsitzen. Repetition als Kollektivstrafe. Was hat mich bloß in diese Aufführung getrieben? Ich sitze im Dunkeln. Im Jahr 1 nach dem Zwinglijahr, mitten in der Zwinglistadt. Schon klar, mit sola fide, sola gratia kommen wir, glaube ich, nicht mehr weiter. Auch auf den Verstand ist selbstverständlich schon länger kein Verlass. Derweil verhökern Mentalcoaches, Ablasshändler in Konferenzsaalwüsten, in grellstes Scheinwerferlicht getaucht, Effizienzsteigerung als erschwinglichen Ersatz für Gottesnähe. Und alles rennt in Städtemarathons um das Seelenheil an Ort. Die Massenflucht vor sich selbst, ein Trainingsprogramm für den Ernstfall, der schon eingetreten ist. Statisten, aber mit Aussicht auf massenmedialen Influence. Das Theater könnte nicht größer sein.

Fiat Video. Das Gegenüber Johannes Kreidler als Depp unter blendend weißer Perücke. Zerknittert, unausgeschlafen, unrasiert. Sofort der Gedanke: Ei, das muss jetzt der Zwingli sein! Steht ja auch: 95 Themen. In Anlehnung an die 95 Thesen gegen den Ablasshandel, jene frühkapitalistische Erlösungstechnik, die unausrottbar ihre immer bizarreren Blüten treibt. Also doch eher Luther. Aber wo steckt dann Zwingli? Aus dem Deppenmund orgelt es ungehemmt, purzeln die Akkorde, wummern die Bässe. Schnitt Kostümwechsel. Kreidler als Nietzsche mit Nietzschebildchen als Nietzscheschnauz unter Kreidlernase ergeht sich in wüstem Abwettern gegen … Bach. Die Gallenblase hat das Wort. Dionysisches Dampf ablassen soll innere Spannungen lösen. Die Fehlgeburt der Wahrheit aus dem Staccato des Anschnauzens. Aber wo steckt Wagner? Der Sitznachbar verbittet sich jede Frage. Er lauscht verzückt und querverwiesen dem Gezeter.

Der Raum gibt sich preis

Gerade noch rechtzeitig, bevor die Zumutung das Publikum vertreibt, entschwebt die Leinwand in den Schnürboden. Der Raum gibt sich preis. Zwei schwarze Stellwände rahmen symmetrisch viel Leere, im Hintergrund besetzt eine Art Altarmöbel in weiß das Zentrum. Schmucklos, spröde, protestantisch. Bilderstürmern gewiss ein Augenschmaus. Aufritt des Ensembles Tzara von rechts. Wir hören (McCormack: ‚your body is a volume’) ein langanhaltendes Knarzen, Knirschen, durchmischt mit Knarren, Quietschen, Sirren. Bedrohlich anschwellend. Abklingend. Vereinzelt spucken die Saiten Töne dazwischen aus. Halbtöne irren durch den Raum. Das Gehör halluziniert Halt suchend Stimmen herbei. Jemand hustet im Publikum. Die Frage, ob das Kratzen übertragbar ist, beantwortet der Griff zum Asthmaspray in der Handtasche.

Zur Linken nehmen die drei Redner hinter drei Tischchen Platz, separiert, damit sie sich nichts abschreiben, so der Quellenschutz, vielleicht auch nur, damit sich die Temperamente nicht ins Gehege kommen. Zuvorderst Jim Igor Kallenberg, dahinter Fahim Amir, zuhinterst Patrick Frank, der gleich wuchtig einen Bogen von Zwingli über Hegel zu Nietzsche schlägt, die „Wahrheit“ durch die Jahrhunderte treibt, die Generationen, die ihr folgen, in Erinnerung rufend, von links nach rechts, drunter und drüber, gehauen oder gestochen, kaum ist man der „Wahrheit“ habhaftig, schon zerbröselt sie einem zwischen den Gänsefüßchen, und siehe da, die Welt ein Scherbenhaufen und die nächste Sau steht schon am Dorfrand bereit und Lösungsansätze immer wieder Lösungsansätze.

Jim Igor Kallenberg, ich wünsch ihn mir ganz in Sepiatönen, zumindest seinen Bart, original aus dem Jahr 1918, versetzt dem aufgeklärten Geist einen weiteren Stoß, führt ihn vor in seiner Unfähigkeit, in der „Realpräsenz Gottes“ „Gegenwahrheit“ zu erkennen, dem naseweisen Lächeln schalle ein Hohngelächter aus versunkenen Jahrhunderten herüber. Ich denke in Klammern, den unbotmäßigen Gesellen der Hostienbäckereien muss als ersten irgendwann mal was aufgefallen sein. Mit einem blasphemischen Vers im Hostienmehl, das die Erdscheibe bedeckte, meldete sich die Moderne an. Schon treibt Kallenberg weiter im Text. Re-formation und Re-volution setzten an, Hand in Hand, zum großen Sprung zurück. Wieder und wieder. Und auch Lenin, ja auch er, nur ein Nostalgiker mit Blick in eine Zukunft zurück. Restaurator des Niedagewesenen, im Ringelreihen mit Luther, Zwingli, Luxemburg, und wie sie alle hießen. Immer dieses Anbinden, dieses Fortschreiten an den imaginären Ursprung. Das absolut Reine stets wie unreife Pflaumen vor Augen. Zurück an den Anfang allen Beginnens. Zurück zum Atemholen vor dem Wort, dem der Urtext folgte und die sich fortsetzenden Kommentare. Zurück, bevor alles aus dem Ruder lief und zu Untext verschwamm, sich verstrickend, verwickelnd, verheddernd, den Wunsch nach einem Haudrauf wachrief, der die Verknotung doch endlich löse, einen doch endlich wieder Atem schöpfen, zur Ruhe kommen ließe.
Aber nein, nichts da, Patrick Frank entsorgt die Wahrheitssuche kategorisch auf dem Müllhaufen der Geschichte, umschwirrt von uns Fruchtfliegen, unbedeutenden Kreaturen, aus dem Nichts Geborenen, auf Müll ausgesetzt, keine Ahnung woher und wohin und kaum auf der Welt, schon wieder entsunken im Nichts, auftauchend, sich vermehrend, vergehend, das war´s, für Erlösung reicht es leider nicht und eine Popcornpause wird schon gar nicht geboten, es gibt ja politisch Vergorenes zu Hauf, zu Tisch, denn von der Fruchtfliegenwahrheit spricht sich´s leichter mit vollem Mund.

Schon brummt der Schädel, schon schwirren die Gedanken. Wie war das nochmal? Was steht in Frage? Hat sich was untergejubelt? Und was geht mich das an? Es wäre Zeit, aufzustehen, in den Saal zu rufen: Haben Sie das ernst gemeint, meine Herren? Aber nein, das Streichquartett (Müller-Siemens ‚Subsong 2’ und Frank: ‚geschafft’) macht einen Strich durch die Rechnung, ein Hack aus Klängen, Reminiszenz an Hitchcocks Psycho, die Proklamation von durchnummerierten Teilen und Abschnitten, Exceltabellen klirren durch den Kopf, und wieder Langanhaltendes, Fädenziehendes, Nichtendenwollendes. Nachschleifend, ins Leere stolpernd, abbrechend, unterbrochen, ineinander verschachtelt. Und jemand ruft, er suche! Und jemand verspricht, es gleich zu finden! Und ich frage mich, was denn nun? Erlösung? Die Wahrheit? Den roten Faden? Und man wüsste nur allzu gern, warum Einzelne um Himmels willen jetzt das Publikum verlassen, aus enttäuschtem Zwinglianismus, aus Rücksicht aufs Trommelfell, auf der Suche nach wahrerer Wahrheit als geboten oder einer Regieanweisung folgend, die die Erlösung auf das Stück rückkoppelt und die Notausgänge zumindest für den Moment offenhält.

Hannah Arendt steh uns bei

Im weiteren Verlauf wechseln sich die Musik von McCormack, Frank und Müller-Siemens streng symmetrisch aufgebaut, so das Programmheft, und die erratischen Textblöcke paritätisch ab. Da endlich kommt auch Fahim Amir zu Wort. Ein Brillengestell so fett und schwarz, rahmt seinen Scharfblick. Er, ein okzidentalorientalischer Geschichtenerzähler, mit feinem Gehör für Gelächter aus toten Winkeln. Ein Zerpflücker liebgewonnener Gewissheiten, der das Biofleisch in die Pfanne bourgeoiser Sehnsucht nach einem Paradies auf Erden haut, Majakowskis Katze aus dem Ärmel eines „Sozialismus mit nicht-menschlichem Antlitz“ schüttelt, im Gesicht der neuen CIA-Chefin dann nicht nur die reanimierte Inquisition, sondern auch die Fratze eines führungspositionsfixierten Feminismus erkennt, der sich von seiner ursprünglichen Systemkritik abgemeldet hat. Fallen wir nur andauernd auf uns selbst zurück oder kommen wir rasend nicht vom Fleck? Und das alles nur, weil die Wahrheit uns nicht in die Utopie der Lüge entlassen mag, wie Patrick Frank in einem weiteren Salto mortale andeutet, als Sehnsuchtsort der Freiheit, wenn die Lüge als unsere Bedingung verstanden würde, Wahrheit nicht „sagen“ zu können. Dabei fällt auf, dass unter dem Vordersitz definitiv die Schwimmwesten fehlen, Hannah Arendt steh uns bei, die Flughöhe ist beträchtlich und die Crew gibt keine Antwort mehr.

Spätestens aber jetzt fächelt sich das theorieuntrainierte Gehirn beim Durchblättern seiner angelesenen Bestände Luft zu. Muss es die Bruchstücke in Zusammenhang bringen? Genügt es, sie unter dem suspekt gewordenen Wahrheitsbegriff zu sammeln? Eine Verschnaufpause täte not, da melden sich neue Klänge, neues Gesäge, Quietschen und Fisteln, Abschnittproklamationen überstürzen sich, Quieken und Stammeln. Auch Kallenberg meldet sich zurück, der Gott, von dem es heißt, er sei das Licht, flackert aus den Verhörslampen, unter denen der Abglanz abgeklärter Aufklärung die Wahrheit hervorzerrt, und der, der von sich gesagt haben soll, „Ich bin, der Ich bin“, soll, genauer gesagt, gesagt haben, „Ich werde sein, der Ich sein werde“. Also alles ein großes Missverständnis nur. Denn nicht Identität, sondern Differenz treibt die Geschichte weiter. Spiralförmig fortwirbelnd. Durch 1000 und eine Dekonstruktion und folgende. Die Wahrheit ist, wir baden die Übersetzungsfehler der Vorfahren im Eingemachten aus. Und selig sind die, die am Ende des Anthropozän auf ein Exklusivinterview bei einem Sprachroboter setzen.

Noch bevor sich das Gehirn vor lauter offenen Fragen, ungelösten Problemen, sich aufdrängenden Verdachtsmomenten und Widersprüchen aus der Affaire schwindeln kann, bricht wieder Akustik aus. Wind pfeift, Alarmbögen schwellen an, die Instrumente heulen und zähneklappern, was das Zeug hält. Beruhige Dich, spricht sich das gebeutelte Bewusstsein zu, Violinen im Stresstest sind kein Grund auszuflippen, und rettet sich mit Amirs Sarkasmus, dass Gott just dann für tot erklärt worden sei, als die Macht über den Lichtschalter den Strompreiskonsumenten übergeben wurde. Da fließt sie nun, die Wahrheit aus der Dose, erst die Nacht zum Tag kehrend, dann massenmedial die Wohnzimmer ins Fehlfarbenspiel des Infotainments tauchend. Doch, zu früh gefreut. In Wahrheit sei die Wahrheit keine mehr. Auch die Realität bloß zerronnen. Das Geld pulverisiert. Die Demokratie ein Treppenwitz. Wie von Sinnen flüstert das Ensemble Tzara seinen Abgesang. Patrick Frank reicht einen Strohhalm mit Aufschrift „Wahrheit als ein flüchtiges Gefühl, fokussiert und offen zugleich“, und wir sinken zurück ins vergeigte Knarzen, Knirschen, Kratzen. Das Dunkel hat uns wieder. Der letzte Ton verklingt. Die Pupillen weiten sich. Stille. Nacht. Die Spannung weicht.

Der letzte Akt. Eine Lampe erglimmt. Der Vokalchor Larynx stimmt an. Ein Lied so alt (Gesualdo: tenebrae factae sunt), so wehmütig, so versöhnlich, aus Zwinglis Zeit herübergeweht, um Gnade flehend, voll Wonne, Demut und Schmerz. Die Silhouetten erscheinen, drei Frauen links, drei Männer rechts, sich zugekehrt, erst schimmernd bloß, dann Gesichter, Hände erkennbar jetzt im Widerschein. Das Licht, an die weiße Projektionsfläche geworfen, zeichnet einen fragilen Tunnel an die Wand. Erleuchtet den Altar. Mehr Licht! Illusion. Erleuchtung nicht. Aber tröstlich doch. Wortlos schön. Die Leere füllt sich mit Gesang. Der warme Applaus hält lange an. Wir sind verloren. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wir können uns am Kopf kratzen, bis Rettung naht. Und dann erst recht.

Siehe auch die Website der Autorin

http://senffabrik.ch

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erstellt am 28.5.2018

Szenenfoto „Und was erlöst uns heute?“ © Patrick Frank

Aus verwirbelter Erinnerung an einen vielstimmigen Theaterabend in der Gessnerallee Zürich unter dem Titel „Und was erlöst uns heute?“ von Patrick Frank (künstlerische Leitung, Text, Komposition), Fahim Amir (Text), Jim Igor Kallenberg (Text), Tomothy McCormack (Komposition), Detlev Müller-Siemens (Komposition), dem Ensemble Tzara und dem Vokalensemble Larynx vom 23. März 2018.

Violinen im Stresstest: „Und was erlöst uns heute?“ in Zürich
© Patrick Frank