Buchbesprechung

Vom Würdepopo und titanischen Däumling

In seiner Porträtsammlung „Überlebenskünstler – 99 literarischen Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“ staubt und bürstet Hans Magnus Enzensberger Galionsfiguren ab. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Ohne Adolf Hitler wäre Bertolt Brecht eine Gestalt von mittlerer Größe geblieben – ein Baal und poetischer Baader für das Berliner Ballhausgeschehen. Ein Zampano der Weimarer Kulturelite. Monumental in den Einfällen, rabiat in Zuspitzungen, klein vor der Geschichte. Dreißig Jahre nach seinem Tod hätte sein Denkmal einen weitgehend Unbekannten präsentiert.

Der Faschismus lieferte Brecht die Welt als Bühne. Der große Feind machte den Dramatiker groß. Als Staatsschriftsteller der DDR fiel Brecht zurück. Leute, die ihm das Wasser nicht reichen konnten, ließen ihn an den Tränken der Macht ihre Vorrechte spüren. Brecht starb, sagt Heiner Müller, „um sich nicht länger verhalten zu müssen“. Verhalten im Sinne von taktieren, lavieren, kungeln und mauscheln. Der sozialistische Realismus verlangte, bei Stalin zu übersehen, was Hitler zum Verbrecher machte. („Gegen Hitler sein hieß, über Stalin zu schweigen.“ Heiner Müller) Ideologischer Gehorsam verträgt sich nicht mit Grandiosität. Oder um es mit Gottfried Benn zu sagen: „Was nicht ins KZ führt, ist albern. Mit Papier kommt man Bestien nicht bei.“

Das Grandiose ist ein Cover. Es klappt den Witz des produktiven Überlebens ein. Während genug Greise der Literatur, von ihrer Konstitution um die Gnade des rechtzeitigen Abgangs gebracht, ihrem Ende entgegenwalsern, bleibt Hans Magnus Enzensberger auf seinem Gipfel erratisch souverän. Ihm fehlt „das Mulmige, ohne das“, nach Benn, „die Deutschen den Geist nicht ertragen“. Die Leistung besteht daran, den persönlichen Verfall nicht mit einem Ressentiment gegen die überholende Zeit zu beantworten. Philosophie und Geschichte sind Fluchtwege der Seniorität. In „Überlebenskünstler – 99 literarischen Vignetten aus dem 20. Jahrhundert “ staubt und bürstet Enzensberger Galionsfiguren ab. „Rätselhaft, wie es diesem kleinwüchsigen, hässlichen Mannequin gelungen ist, sich zu einer europäischen Größe aufzuplustern!“ Enzensberger über Gabriele D‘Annunzio. Er schildert Einbahnstraßen „vom Titanen zum Würdepopo“ (Albert Ehrenstein über Gerhart Hauptmann). Er nennt die Geister, die ihn riefen. Knut Hamsun baut er eine Lade mit genug Platz für Landstreicherei und Landesverrat. Er beschreibt einen Prozess der Selbstdemontage in der Heraufbeschwörung eines Hasssturms, den Hamsun vermutlich absichtlich auf sich zog, indem er 1945 Hitler (den er verachtete) öffentlich ehrte.

Der Titel hat nicht viel zu sagen. Enzensberger trägt zusammen, was ihn noch interessiert. Er teilt seine Lesefrüchte mit dem Leser.

Hamsun steht an erster Stelle im Vignetten-Kabinett. Ismail Kadare findet zuletzt Erwähnung. Er ist der einzige, der noch lebt. Enzensberger widmet Kadare einen Nachtrag, der Erinnerungen an Joseph Brodsky und an das Mäzenatentum der Sechziger folgt. Brodsky füllte erst seine Dissidenten- und dann seine Emigrantenrolle mit „frappantem Selbstbewusstsein“ aus. Er lernte die Kunst der Verachtung und des Hochmuts als Staatsfeind der Sowjetunion vor Gericht. Er vollendete sich als eisiger Pate der Poesie auf Empfängen jener Superreichen, die mit Künstlern ihre Umgebung veredelten. Brodskys „Gott war die Sprache“. Dem jungen Enzensberger erschien Benn göttlich. „Gewisse Verse von ihm waren wie eine Droge.“

Hans Magnus Enzensberger, Überlebenskünstler – 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert. Suhrkamp, 366 Seiten

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erstellt am 25.5.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.