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Im Deutschland und im Ausland galt er einst als Autor von Rang. 1912 erhielt Gerhart Hauptmann (1862-1946) den Literaturnobelpreis. Später verblasste sein Ruhm. Hans Pleschinski macht Hauptmann zum Protagonisten seines im letzten Kriegsjahr spielenden Romans „Wiesenstein“. Otto A. Böhmer empfiehlt das Buch.

Buchkritik

Der Dichter geht am Stock

Gerhart Hauptmann, Foto: Charles Scolik / Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv Austria
Gerhart Hauptmann, Foto: Charles Scolik

Eine Zeitlang war er der wohl berühmteste Dichter in Deutschland, ein Mann von Stand und repräsentativem Auftreten, der seine Außenwirkung, folgerichtig, dann auch über seine äußere Erscheinung bezog, den bemerkenswerten Kopf und das prächtig abstehende, weiße Haupthaar. So stellt man sich einen Dichter und Denker vor, der es im Leben zu etwas gebracht hat. Auch im Ausland galt Gerhart Hauptmann als deutscher Autor von Rang: 1912 wurde ihm der Nobelpreis überreicht. Mehr konnte danach nicht mehr kommen, und tatsächlich ist der Ruhm dieses Dichters in der Folge zurückgegangen – nicht auf die Schnelle, sondern bedächtig, Schritt für Schritt, woran die politischen Umstände ihren Anteil hatten und ein kritisches Denken, das auf eine entschiedene Neubewertung der deutschen Vergangenheit drängte.

Hauptmann ist der Sohn eines Gastwirts. Er besucht die Realschule, wird Praktikant in der Landwirtschaft und will Bildhauer werden. 1882 beginnt er mit einem Studium; Geschichte und Kunstgeschichte interessieren ihn, in Maßen auch die Philosophie, die ihm aber von vornherein etwas zu abstrakt vorkommt. Sein finanzielles Glück macht er in der Ehe mit einer begüterten Kaufmannstochter, die ihm zu gesichertem Wohlstand verhilft, in der Liebe jedoch nur zweite Wahl bleibt. Hauptmann ist auf der Suche, er möchte ans Ziel kommen, weiß aber noch nicht, wo und wie. Er reist viel (u.a. nach Italien, in die Schweiz, sogar nach Amerika); seinen Hauptwohnsitz verlegt er nach Berlin, wo er Anschluss an die dortigen Dichterkreise findet. Mit seinem Drama Vor Sonnenaufgang (1889), das einen Theaterskandal verursacht, gelingt ihm der Durchbruch. Hauptmann gilt schon bald als führender deutscher Bühnenautor. Obwohl er einen großbürgerlichen Lebensstil pflegt, hält man ihn für einen Anwalt der kleinen Leute, die in der Industrialisierung zu kurz gekommen sind. Sein bekanntestes Stück Die Weber (1892), ursprünglich in schlesischem Dialekt geschrieben, wird vom Berliner Polizeipräsidenten persönlich verboten, was dem Erfolg keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Ähnlich erfolgreich wird seine „Diebeskomödie“ Der Biberpelz (1893). Dass man ihn für einen Sozialisten hält, ist ihm nicht recht: „Ich stand der Sozialdemokratie nie besonders nahe“, erklärt er und fügt hinzu: „In die Tagespolitik wollte ich mich prinzipiell nicht einmischen“. So geht er einen eigenartig unentschlossenen Weg; seine Theaterstücke lassen sich fast alle politisch (miss?)verstehen, ihr Autor indes, dem nationale Bestrebungen nicht fremd sind, möchte lieber seine Ruhe haben und allenfalls durch Ehrungen aufgestört werden. Von Widerstand oder auch nur handfester Oppositionspolitik will er nichts wissen: „(…) Daß wir gegen die Regierung, der wir unterstehen, nicht frondieren dürfen, ist eine Selbstverständlichkeit. Übrigens habe ich das auch als freier Schriftsteller niemals irgendeiner Regierung gegenüber getan. Dazu ist mein Wesen zu positiv eingestellt. Nicht im Gegenwirken sieht es das Heil, sondern im Mitwirken.“

Zurück zur Vergangenheit

Ein solcher Kurs lässt sich nur in geordneten Zeitläuften durchhalten; wenn die Dinge jedoch aus dem Ruder laufen, wenn Terror und Menschenverachtung die Oberhand gewinnen, muss auch der unpolitische Autor Farbe bekennen. Entsprechend schwer tut sich Hauptmann mit dem Nationalsozialismus und dem Nazi-Regime: Er geht auf Distanz, aber so vorsichtig, dass es kaum einer merkt. Seinen pompösen Lebensstil behält er weitgehend bei. Abwechselnd wohnt er im schlesischen Agnetendorf, wo er sich die repräsentative Villa Wiesenstein bauen lässt, und auf der Insel Hiddensee. Von seinen naturalistischen, sozialkritischen Themen möchte er wegkommen und stattdessen das Bleibende zum Gegenstand der Dichtung machen. Was aber bleibt, wenn Krieg und Willkür herrschen? Einen beliebten Ausweg, den auch Hauptmann wählt, bietet die Rückwendung zur Vergangenheit – sie lässt sich, abgeschirmt von der Gegenwart, zum Unterstand des einstmals Guten, Wahren und Schönen ausbauen. Zwischen 1940 und 1944, als der Krieg immer vernichtender wird, taucht Hauptmann in die Antike ab; er schreibt die Stücke Iphigenie in Delphi, Iphigenie in Aulis, Agamemnons Tod und Elektra. Mit seinem Leben hat er aber, wie es scheint, vorher schon abgeschlossen: 1937 erscheint seine Autobiographie Das Abenteuer meiner Jugend. Sie erklärt nicht nur die Jugend für beendet, sondern auch die daran hängenden Träume, Hoffnungen und Illusionen. 1945 wird Schlesien von den Sowjets besetzt, die sich noch an Hauptmanns sozialkritische Anfänge erinnern: Sie behandeln den greisen Dichter, der ein Jahr später stirbt, mit ausgesuchter Höflichkeit und lassen ihm, im Rahmen gegebener Möglichkeiten, eine Sonderbehandlung zukommen.

Es kann nicht schaden, wenn man bei der Lektüre von Hans Pleschinskis Roman Wiesenstein über einige Vorinformationen verfügt. Worum geht es? Im letzten Kriegsjahr hat sich Gerhart („Gert“) Hauptmann mit seiner (zweiten) Frau Margarete („Grete“), einer einstmals gefeierten Geigerin, zur Kur in ein Dresdner Privatsanatorium begeben. Dort bemüht man sich um den noch immer berühmten Dichter, kann ihm aber nicht wirklich helfen, so wie auch den Deutschen nicht mehr zu helfen ist, die den Krieg verloren haben, ohne es an verantwortlicher Stelle wahrhaben zu wollen. Dresden liegt in Schutt und Asche; die Rückfahrt nach Wiesenstein gestaltet sich schwierig. Immerhin aber kommt man an; Wiesenstein scheint unversehrt zu sein, und das frühere Leben, in dem der schöne Schein eine Rolle spielte und diverse Hilfskräfte sich als unverzichtbar erwiesen haben, kann, zumindest in eingeschränkter Form, wieder aufgenommen werden. Grete Hauptmann versucht denn auch gleich den alten Geist von Wiesenstein zu beschwören: „Hier ist alles heil, reinlich, warm, ein einziges Behagen. Die Fenster sind geputzt … In der Küche wird wie stets das Mittagsmahl zubereitet. Hier kann nichts Schlimmes, nichts Blutiges geschehen. Wir sind in einem schönen Land und tief in Europa.“ Das ist, höflich gesagt, nicht mehr ganz die Wahrheit, aber war nicht auch Wiesenstein, als es erbaut wurde, schon nicht mehr ganz die Wahrheit; ein auffälliges, an privater Ästhetik orientiertes Bauwerk in Hanglage, die es erlaubte, über manches Unangenehme hinwegzuschauen: „Dann war der gefeierte junge Dramatiker mit Ingenieuren und Bauunternehmern gekommen, hatte die Kuppe inspiziert und in wehender Pelerine, mit künstlerischem Schlapphut, seine Aufträge erteilt. Das meiste, vom Grundriss bis zur Turmhaube, hatte Gerhart Hauptmann selbst ersonnen. Die Erträge“ seiner Werke „verwandelten sich in einen Palazzo“.

Es geht zu Ende

Auf Dauer aber hält der Geist von Wiesenstein, der mit ansehen muss, wie die Hauptmanns an Leib und Seele immer hinfälliger werden, nicht stand: Es geht zu Ende. Grete Hauptmann, die ihrem Mann fast immer eine verlässliche, zu hartnäckiger Bewunderung befähigte Stütze war, hat ein Augenleiden, das sie fast blind macht; den noch sichtbaren Rest beglänzt sie mit wohlfeilen Erinnerungen, die beizeiten aus dem persönlichen Wahrheitsdienst entlassen wurden, um nur noch freischaffend tätig zu sein. Und der Dichter selbst, dem es eine Genugtuung war, dass der Literaturnobelpreis erst ihm zugesprochen wurde, bevor er dann, Jahre später, aus unerfindlichen Gründen auch an den wenig geschätzten Kollegen Thomas Mann („Dr. Spitz“) ging? Gert Hauptmann geht am Stock, bemüht sich aber noch, wenn es sein Zustand erlaubt und assistiert von tüchtigen Stichwortgebern, letzte Hand an sein Schriftgut anzulegen. Eigentlich gibt es da ja noch viel zu tun, aber was zählt der Feinschliff eines hochbedeutenden Werkes im Angesicht von Tod und Verwüstung. Als der Krieg vorbei ist und im Wiesenstein noch einmal Gäste bewirtet werden, darunter ein hochrangiger russischer Exoffizier, der sich als Hauptmann-Verehrer zu erkennen gegeben hat, kommt, wie zum Abgewöhnen, Stimmung auf. Grete Hauptmann ergreift das Wort: „'Trink einen Schluck, Gert. – Doktor Spitz, müssen Sie wissen', wandte sich die Gattin dorthin,wo sie den Russen vermutete, 'ist der Spitzname für Thomas Mann … Der Name Spitz steht für das arg Verkniffene dieses Kollegen. Dr. Spitz beharrt auf exakter Bildung. Er zwirbelt Sätze von einem halben Kilometer Länge. Er wollte immer vermögender sein als du. Dr. Spitz vergöttert Jünglinge, hat sich jedoch zur Ehe durchgerungen. Er verlautbart beständig das korrekte Gewissen.'“

Hans Pleschinskis Wiesenstein ist ein ungewöhnlicher, sehr zu empfehlender Roman, der, gern auch mit feiner Ironie, an einen Dichter erinnert, den der Ruhm nicht bevor bewahrte, in Richtung voreiliger Vergessenheit abgedrängt zu werden. Das war den Zeitläuften geschuldet, hatte aber auch mit Hauptmann selbst zu tun, der sich an Regularien und Vorgaben nur dann hielt, wenn sie ihm etwas bedeuteten. Von dieser ins Genialische aufgedeuteten Spontaneität sind wir heute, aus überwiegend einsehbaren Gründen, abgekommen; es schadet uns nicht, macht aber den Lebensstil, in dem sich das literarische Personal eingehaust hat, deutlich unansehnlicher. Auch sprachlich ist dieses Buch zu loben, da es dem Autor gelingt, zeitbedingte Wahrnehmungen so zu vereinzeln, dass sie, im Rückblick, nachträglich an Wucht gewinnen und sich im gewöhnlichen Bewusstseinsstrom nicht mehr halten lassen. Letztlich hat allerdings auch Dr. Spitz Recht behalten, der über Gerhart Hauptmann sagte: „Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann.“

Hans Pleschinski liest aus seinem Roman „Wiesenstein“

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erstellt am 25.5.2018

Hans Pleschinski
Wiesenstein
Roman
Gebunden, 552 Seiten
ISBN: 978-3-406-70061-3
C.H. Beck, München 2018

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