Die Musikgeschichte ist ungerecht. Werke, die die Tür zu neuen ästhetischen Entwicklungen öffneten, selbst aber vor der Schwelle verblieben, versetzt sie gerne und bestenfalls in die Fußnoten. Hans-Klaus Jungheinrich hat sich daraufhin auf CD veröffentlichte Musik von Arvo Pärt, Louis Glass und Erich Wolfgang Korngold, aber auch von Franz Schubert angehört.

CD-Neuheiten mit Schubert, Pärt, Louis Glass und Korngold

Symphonie – Hauptsache, Nebensache?

Beginnen wir mit Schubert, da sind wir mittendrin. Schubert steht an einem historischen Ort, den man als spät und früh bezeichnen kann. Schubert, der Späte, baut auf den „Klassikern“ Haydn, Mozart und Beethoven auf. Schubert, der Frühe, markiert als Romantiker den beginnenden Zerfall der Formen, deren Durchtränkt-und Überwuchertwerden von Subjektivität, wogegen Schumann und Brahms sich mutig und vergeblich aufbäumten. Schubert hat im Grunde nur eine einzige „große“ Symphonie geschrieben (dieser C-Dur-Symphonie wird denn auch das Adjektiv „groß“ ausdrücklich zugewiesen); sechs frühere sind als Vorstufen oder –studien zu sehen, die dem an Beethoven orientierten Anspruch des jungen Wiener Genies noch nicht genügten. Anders und rätselhafter die „Unvollendete“, deren überlieferte zwei Sätze die klassisch-abrundende „Beglaubigung“ der Form auf sozusagen romantisch-moderne Weise verweigern und (wie manches andere von Schuberts Hand) durch ihren Fragmentstatus so etwas wie produktive Kompositionskritik leisten, indem sie einer „großen Erzählung“ zu misstrauen scheinen. (Die banale Erklärung, dass zwei Sätze der Symphonie schlicht verloren gingen, ist nicht völlig abwegig. Schade wär’s dann um eine schöne Aura wie im Falle des Schubert’schen „Lazarus“-Oratorientorso, der in der erhaltenen Partiturfassung die Trauer um den Tod der Hauptfigur zwar lebhaft ausmalt, vor dessen Erweckung durch Wunderheilung aber „aufgeklärt“ zurückschreckt).

Schuberts „Neunte“ in C-Dur also (die jetzt übliche Zählung berücksichtigt noch ein nur andeutungsweise-skizzenhaft vorhandenes mysteriöses Werk, um dessen Rekonstruktion sich Peter Gülke wissenschaftlich und dirigentisch bemühte) ist rezipierbar als Summe von Haydn, Mozart und Beethoven. Und obendrein noch Schubert. Ein Glücksfall! Eine Sonntagssymphonie! Und laut Adorno das letzte Mal, dass C-Dur legitim figuriert als Tonart der Festlichkeit und Schattenlosigkeit – später signalisiert C-Dur dann immer mehr Problematisierung und angestrengte Positivität (Schumann, Brahms), wenn nicht den Einbruch tumultuarischer Reckenhaftigkeit ( Sibelius, Pfitzner, Mahlers Finale der Siebten), und ganz froh wird man natürlich auch der C-Dur-Sphäre der „Meistersinger“ nicht. Enoch zu Guttenbergs Wiedergabe mit dem Orchester KlangVerwaltung gibt der Großen C-Dur-Symphonie nun volle erzählerische Grandeur, ohne sich in Detailausmalung zu verlieren. Ein frischer Zug weht durch dieses so oft und so verschiedenartig schon interpretierte Stück. Die Tempi sind zügig, aber auch wuchtig. Klischees der deutschen Aufführungstradition (Furtwängler) werden gemieden, und so gibt es auch am Ende des Kopfsatzes (bei der gesteigerten Wiederholung des einleitenden Hornmotivs) keinen Ritardando-Drücker. Das schöne Motto braucht nicht eingepaukt zu werden. Mit grandios romantischer Empfindung verläuft dann der langsame Satz zur atemberaubenden Generalpause hin, nach der die Musik fast unhörbar-erstickt wieder anhebt. Den vielen Wiederholsamkeiten im Scherzo weicht Guttenberg etwas aus; er ist wohl der Meinung, dass dieser Satz im Gesamtgefüge deutlich kürzer zu sein hätte als die anderen. Elegant und spritzig das Finale, auch mit der rhythmisiert-„spitzigen“ Streichersekundanz beim Seitenthema. Zur Charakteristik der auf glücklichste Weise die integrale Vielfalt dieses symphonischen Solitärs vermittelnden Darstellung gehört die Unumwegigkeit der klanglichen Realisierung – da werden die Klänge selbstverständlich nicht bürokratisch-seelenlos „verwaltet“, aber es gibt auch kein selbstzweckhaft-genüssliches Exzellieren in schwelgerischen Soli oder apart sich vordrängenden Farbgebungen. Im gespannt-entspannten, ruhig-stürmischen Duktus rechtfertigt sich allemal ein Besonderes bei Guttenbergs Umgang mit Großwerken der Musikliteratur; ohne Oxymora kann man’s wohl nicht erfassen.

Arvo Pärt, Foto: Woesinger / Wikimedia Commons
Arvo Pärt, Foto: Woesinger / Wikimedia

Ein Paradox: Die Symphonie war für Schubert (der rund 1000 Vokalkompositionen in seinem kurzen Leben schrieb) zwar nur ein Nebenschauplatz, und doch komponierte er mit der Großen C-Dur-Symphonie eines der Hauptwerke der Gattung. Das lässt sich von einem anderen Nicht-Primärsymphoniker, unserem Zeitgenossen Arvo Pärt, beim besten Willen nicht behaupten. Der mit mönchisch-asketischen Werken von meist geistlichem Zuschnitt berühmt gewordene Tonsetzer aus Estland (Jahrgang 1935) beschäftigte sich nur peripher mit dem Genre der repräsentativen Orchesternarration. Zwei atonale Frühsymphonien von 1964 und 1966 sind von Knappheit und Verdichtung gekennzeichnet, Tugenden der Schönbergschule und insbesondere Weberns, die denn auch im damaligen sowjetischen Kontext für gehörigen Anstoß sorgten. Die um 1970 ansetzenden Vereinfachungstendenzen kündigen sich in der etwas ausgedehnteren 3. Symphonie von 1971 an. Eine 4. und bislang letzte Symphonie entstand dann 2008 für die Los Angeles-Philharmoniker; der Untertitel „Los Angeles“ meint aber nicht nur Geographisches, sondern umreißt auch die „Engelhaftigkeit“ des halbstündigen Werkinhalts. Nach dem etwas gravitätischen, deutlich archaisierenden Kopfsatz sind die beiden folgenden Sätze gleichsam leise, subtile, in mystischem Dämmer eintauchende Abgesänge, konfliktfrei und in lichten Farben. Auch hier korrespondiert Pärt mit durchaus aktuellen künstlerischen Tendenzen der Zurücknahme und Bescheidenheit, auch einer Suche nach Unschuld und neuer Naivität, was, wie die „Entdeckung der Langsamkeit“, zu den machtvoll-ohnmächtigen Versuchen gehört, dem ansonsten kaum aufzuhaltenden Zerstörungs- und Geschwindigkeitssteigerungs-Furor zu begegnen. Rettungs-Vorschein oder illusionäre Insel der Seligen, das bleibe dahingestellt. Für Manfred Eichers ECM-Label war Pärt immer Herzenssache und ökonomisches Zugpferd zugleich. Die Aufnahme der Symphonien mit dem NFM Wroclav Philharmonic-Orchester unter der Leitung von Tonu Kaljuste wirkt mustergültig, und informativ und unbestechlich liest sich Wolfgang Sandners Booklettext.

Wenn man Pärts Symphonien zu den Überflüssigkeiten zählen will, so muss damit keinerlei Boshaftigkeit gemeint sein. Schließlich verstecken sich im vermeintlich Überflüssigen immer auch Entdeckungswürdigkeiten, denen man dankbar begegnet. Das ist, wie an dieser Stelle schon des öfteren bemerkt, eines der Veröffentlichungsprinzipien des Labels cpo. Nach der „Forest Symphony“ (Nr.3) ediert die Firma nun mit der 5. Symphonie eine weitere des angelsächsischen Komponisten Louis Glass (er ist nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen minimal music-Verfertiger Philip Glass), die Interesse verdient. Sie hat den Zusatztitel „Svastica“, beruft sich also auf das altindisch-„arische“ Symbol, das als nationalsozialistisches Hakenkreuz zu den abscheulichsten Zeichen des 20. Jahrhunderts wurde. Die Svastica spielte zuvor aber auch als theosophisches Symbol bereits eine prominente Rolle, und so ist es bei Glass gemeint. Er komponierte mit seiner Fünften mithin „Weltanschauungsmusik“, und das bleibt auch dem unkundigen Hörer nicht verborgen, denn vor allem die Ecksätze driften auffällig ins Verkündende, ja Pompöse. Am frappierendsten ist der scherzoartige dritte Satz, der die „Schattenwelt“ heraufbeschwört, also gerade die Gegenmächte des mystisch Erhabenen und des feierlichen clair obscure. In der Musikgeschichte hat das Zeitalter des Symbolismus um die vorletzte Jahrhundertwende deutlich weniger Spuren hinterlassen als in der Malerei; umso reizvoller diese profunde, in all ihrem nachromantischen Eklektizismus doch auch sehr persönlich gefärbte symphonische Auseinandersetzung mit der Sphäre Gurdjews, Skrjabins, Hodlers, Segantinis, aber auch Rudolf Steiners. Eine ebenfalls grundsolide Wiedergabe der Rheinischen Philharmonie und des Dirigenten Daniel Raiskin gilt auch Glass‘ Klavierfantasie op. 47 mit der Pianistin Marianna Shirinyan, wo man auch bereits einen theosophischen Anhauch verspürt.

Und wo im symphonischen Kosmos sollte man Erich Wolfgang Korngold verorten, das vielleicht virtuoseste Äquivalent zum Wiener Jugendstil eines Klimt oder Schiele? Korngold war, neben Mozart, Mendelssohn und Saint-Saens, eines der erstaunlichsten kompositorischen Wunderkinder. Er hatte das Glück oder Pech, Sohn eines weithin gefürchteten, unsympathischen Wiener Musikkritikers zu sein – allein deshalb machte ihn Karl Kraus in seiner zeitdiagnostischen „Fackel“ nach Kräften fertig. Ohne sein Ausnahmegenie zu erkennen – es kam leuchtend zum Ausbruch in den Opern „Die tote Stadt“ und „Das Wunder der Heliane“. Zu den Meisterwerken des amerikanischen Exils gehört Korngolds groß angelegte Fis-Dur-Symphonie, eine „Landschaftssymphonie“ wie Dvoraks „Aus der Neuen Welt“, aber zerrissener in ihrer untergründig omnipräsenten Österreich-Nostalgie. Korngold machte es sich mit seinem Talent nicht bequem. Einen Absprung in die Atonalität Schönberg suchte er zwar nicht. Aber er betrieb die satztechnisch äquilibrierte Tonalitätsausweitung mit durchaus Schönberg’scher Intensität. Ablesbar vor allem an der Symphonischen Serenade für Streicher opus 39, die gleichrangig neben den Kammersymphonien Schönbergs und Schrekers steht. Hier überwiegen die „schönen“ Sprödigkeiten, während sich das frühere Streichersextett op. 10 (auf der CD in Streichorchesterfassung vorgelegt) noch mehr in „klimtisch“ voluptuösen Bahnen bewegt. Diese „symphonischen“ Seitenwege sind auch dank des polnischen Leopoldinum Orchestra aus Wroclav/Breslau (Leitung: Hartmut Rohde) ein intelligentes Hörvergnügen.

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erstellt am 25.5.2018

Franz Schubert
Große Symphonie in C-Dur
Orchester KlangVerwaltung, Dirigent: Enoch zu Guttenberg
Farao Classics S168097

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Arvo Pärt
The Symphonies
NFM Wroclaw Philharmonic, Leitung: Tonu Kaljuste
ECM New Series 2600

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Louis Glass
Symphony No.5, Fantasy for Piano & Orchestra
Staatsorchester Rheinische Philharmonie, Marianna Shirinyan, Klavier
Daniel Raiskin, Dirigent
cpo 777 494-2

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Erich Wolfgang Korngold
Symphonic Serenade for string orchestra op.39, Sextet op.10
NFM Leopoldinum Orchestra, Leitung: Hartmut Rohde
cpo 555 138-2

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