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Er war assimiliert, aber nicht angepasst. Seine Herkunft kam ihm wie eine vorprogrammierte Entfremdung vor, die ihm einen kritischen Blick auf die amerikanische genauso wie die jüdische Welt ermöglichte. Am 22. Mai 2018 ist der Schriftsteller Philip Roth im Alter von 85 Jahren gestorben. Stefana Sabin erinnert an Roths Leben und Werk.

Die Realität der Literatur

Zum Tod von Philip Roth und Nathan Zuckerman

Schon mit seinem ersten Erzählband „Goodbye Columbus“, der 1960 erschien, schockierte Philip Roth die literarische Öffentlichkeit, indem er die althergebrachte Jiddischkeit der Lächerlichkeit überführte und die amerikanischen Juden karikierte. Roths komischer Realismus unterschied sich von der herrschenden Haltung der jüdisch-amerikanischen Literatur, die immer wieder eine Leidens-, Emigrations- und Anpassungsgeschichte erzählte, weil er von Anfang an das schon amerikanisierte Judentum anvisierte und entgegen der liberalen Verklärung das antisemitische Potential im modernen Amerika entlarvte. Die Mischung aus überzogener Komik und verbrämter Sozialkritik, die in den ersten Erzählungen erkennbar war, blieb auch den folgenden Werken beibehalten und die stilistische Frische, mit der Roth über Verhältnisse innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinschaften an der Ostküste erzählte, etablierte ihn als eine der wichtigen Stimmen in der amerikanischen Literatur.

Mit „Goodbye Columbus“ begann Roths beispiellose Schriftstellerkarriere: Denn nach dem renommierten National Book Award, mit dem schon dieser erste Band ausgezeichnet wurde, erhielten seine Romane in den folgenden Jahrzehnten alle Preise und Auszeichnungen, die das literarische Amerika zu vergeben hatte, und wurde der 1933 in der New Jersey-Provinz geborene Roth zu einem ebenso zurückgezogenen wie leuchtenden Star der Literaturszene in der Metropole New York. 1969 erschien jener Roman, der „jeder jüdische Autor in Amerika hätte schreiben wollen“, wie es in der New York Times hieß: „Portnoy’s Complaint“ (dt. „Portnoys Beschwerden“, Plural!, 1970), eine existentielle Klage gegen die jiddische Mamme, die Alexander Portnoy für den Besuch beim Psychoanalytiker vorbereitet. Die monologische Erzählung hatte die Atemlosigkeit und die Direktheit einer Beichte, die aus Verzweiflung ausgesprochen wird und Hoffnung auf Reinigung und Befreiung verspricht – Roth entdeckte die psychoanalytische Couch als jüdischen Beichtstuhl. Hatte Bernard Malamud die Juden zur Metapher für die leidende Menschheit gemacht, so machte sie Philip Roth zum neurotischen Jedermann. Für diesen Roman, der Streit‑ und Kultbuch und ein Bestseller wurde, steckte Roth ebenso viel Tadel wie Lob ein; man tadelte ihn, die Juden verspottet zu haben, und man lobte ihn, die jüdische Familie mit Witz und Ironie beschrieben zu haben. Und er musste erfahren, dass man ihn selbst für seine Figur Portnoy hielt und seinen Roman wie eine Autobiographie behandelte. Von da an war ständiges, wenn auch unterschwelliges Thema des Schriftstellers Philip Roth die Interferenz zwischen Autor und Figur, zwischen Leben und Literatur.

Brechungen und Spiegelungen

In den folgenden Jahren veröffentlichte Roth eine Essaysammlung („Reading Myself and Others“, 1975), eine politische und eine literarische Satire („Our Gang“, 1971, bzw. „The Great American Novel“, 1973), ein Auswahlband („A Philip Roth Reader“, 1980); verfasste einige Dramatisierungen für seine damalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Claire Bloom; diente als Herausgeber für eine Reihe osteuropäischer Texte, durch die so bekannte Autoren wie Milan Kundera in Amerika verlegt wurden; unterrichtete an verschiedenen Universitäten – und schrieb an einer breitangelegten Geschichte über einen jüdisch-amerikanischen Autor, der über die amerikanischen Juden schreibt.

In immer neuen Brechungen und Spiegelungen streckte Philip Roth die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen und testete die Möglichkeiten der Durchdringung von Leben und Literatur. In mehreren Romanen, die ab 1979 erschienen, entwickelte Roth die Geschichte des Nathan Zuckerman, eines Schriftstellers jüdischer Abstammung, der unter der Verwechslung mit seiner, Zuckermans, Kopfgeburt Carnovsky litt: Carnovsky trug die Züge Zuckermans, und diesem wiederum hatte Roth eigene Züge verliehen. In der Tat: wie Roth stammt Zuckerman aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie aus Newark, New Jersey, einer kleinen kulturlosen Stadt in der Nähe der Metropole New York; wie Roth studierte Zuckerman in Chicago und zog schließlich nach New York; wie Roth wurde Zuckerman mit einem Roman über jüdisches Familienleben berühmt und musste erfahren, dass ihn Leser und Kritiker mit seiner Figur Carnovsky verwechselten.

Dabei war Zuckerman kein einfacher alter ego, sondern auch die archetypische Figur eines amerikanischen Intellektuellen jüdischer Herkunft. Wie die schwarzamerikanische Autorin Toni Morrison, der chinesischamerikanische Autor Gus Lee oder die indianischamerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich machte Roth seine Ethnie zum literarischen Vorwurf und ging von der individuellen Erfahrung aus, um eine kollektive Geschichte zu rekonstruieren. Assimiliert, aber nicht angepasst, kam ihm seine Herkunft wie eine vorprogrammierte Entfremdung vor, die ihm einen kritischen Blick auf seine amerikanische Makrowelt genauso wie auf seine jüdische Mikrowelt ermöglichte. So war das Thema der Zuckerman‑Romane immer auch Amerika: sich als Jude zu erfinden und zum jüdisch‑amerikanischen Schriftsteller zu werden, ist Teil einer individuellen und sozialen Freiheit, die der American experience zugrunde liegt. Die Entwicklungs‑ und Emanzipationsgeschichte eines amerikanischen Juden, der die geistige Provinz von Newark für die Weltläufigkeit von New York eintauschte, war zugleich die Erfolgsgeschichte eines jüdischen Jungen aus der Kleinstadt, der in die Welt zog, um ein amerikanischer Schriftsteller zu werden. Indem er Elemente aus seinem eigenen Leben mit solchen aus seinen Romanen verknüpfte, stellte Roth implizit immer auch die Frage nach der Authentizität der Fiktion. Wie ein Schriftsteller die langweilige Wirklichkeit des Alltags in die aufregende Wirklichkeit der Literatur verwandelt und aus der Trivialität seines eigenen Lebens die Originalität eines erfundenen Lebens destilliert, ist die bestimmende Erfahrung einer Dichterexistenz – und das implizite Thema von Philip Roth.

Die Wahrheit der Fiktion

So war Roth nur vordergründig ein realistischer Erzähler: Indem er stets Elemente aus seiner realen Biographie mit solchen aus der fiktiven Existenz seines Helden Zuckerman verküpfte, legte er nicht nur die Fiktionsleistung bloß, sondern stellte auch die Frage nach der Wahrheit der Literatur. In „Tatsachen“ (1988) ließ er einen fiktionalen Philip Roth mit der Figur Nathan Zuckerman über seine Autobiographie korrespondieren: den pseudoautobiographischen Roman nannte er „Autobiographie eines Schriftstellers“ (Zuckermans? Roths?). Zuckerman argumentierte gegen den autobiographischen Diskurs von Roth und plädierte damit für die Realität der Literatur und die Wahrheit der Fiktion: Die akkurate Wiedergabe zwinge zur Vorsicht und werde damit unaufrichtig, während die Fiktion ehrlicher und wahrer sei als die Wirklichkeit. Geschichten, hinter denen Tatsachen stehen (Zuckermans Geschichte), seien wahrer als Tatsachen, die Geschichten verbergen (Roths Tatsachen). Die Verwechslung von Autor und Figur führte der Erzähler Philip Roth immer weiter: In „Täuschung“ gab er dem Helden den eigenen Namen und ließ ihn an einem Roman über Nathan Zuckerman arbeiten. Die verworrenen Liebes‑ und Familiengeschichten der ersten Zuckerman-Romane machten einem metafiktionalen Spiel über den schöpferischen Akt Platz, durch den die Wirklichkeit zum Buch und das Leben zur Romanhandlung werden.

Wie kein anderer amerikanischer Schriftsteller hat Philip Roth fiktive Realität und reale Fiktion in immer neuen Mischverhältnissen zum erzählerischen Siedepunkt gebracht und die realistische Spirale immer weiter gedreht, dem Realismus stets neue ironische Dimensionen abgerungen. Hinter der offensichtlichen Oberfläche als Satire, Entwicklungsgeschichte, Beziehungskiste war Roth’ Zuckerman-Zyklus auch ein tour de force in narrativer Erfindungskraft. Die Verwechslungsmöglichkeiten zwischen Realität und Erfindung hat Roth immer aufs Neue genährt, um dann vor der Realismusfalle zu warnen und jede Ähnlichkeit als literarischen Trick aufzudecken.

Die erzähltechnischen Tricks schienen in „Mein Leben als Sohn“ (1991) zum ersten Mal hinter die genuine Darstellung einer Vater-Sohn-Beziehung zu geraten. Die Geschichte über Krankheit und Tod des Vaters ist bis heute Roths persönlichstes Buch, in dem er aus dem privaten Schmerz ein literarisches Dokument der Trauer gestaltete. Das Buch, mit dem National Critics Circle Award ausgezeichnet, stand am Anfang einer auch für einen „senior novelist“, der Roth inzwischen war, seltenen Erfolgssträhne: „Operation Shylock“ (1993), eine Spionagekomödie, die das Verhältnis Amerikas und des amerikanischen Judentums zu Israel behandelte, erhielt den Faulkner Award; „Sabbaths Theater“ (1995), ein rasender Seniorenporno, der über geschmackliche und ästhetische Grenzen hinausschoss, bekam den National Book Award; „Amerikanisches Idyll“, ein Sozialgemälde Amerikas in den 50er, 60er und 70er Jahren, das dem alltäglichen Wohlstand den politischen Extremismus entgegenstellte, wurde mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet.

Philip Roth und Philip Roth

In „Operation Shylock“ schien das fiktive Leben die reale Fiktion einzuholen, wenn es gleich zwei Figuren gab, die Philip Roth hießen: Als der „wirkliche“ Philip Roth von dem „falschen“ erfährt, ist er ebenso entsetzt wie amüsiert: „Das ist Zuckerman, dachte ich,… das ist Portnoy ‑ das sind alle zusammen in einem, sie sind von der gedruckten Seite ausgebrochen und haben sich spöttisch als ein einziges satirisches Faksimile meiner selbst wieder zusammengesetzt. Mit anderen Worten,… wenn es kein Traum ist, dann muss es eben Literatur sein.“ Und Literatur bedeutete: ein – als handlungsreiche Agentenkomödie getarntes – ausgeklügeltes Spiel mit der Fiktion.

Nach immer kühneren Versuchen, Fakten und Fiktion in einem feinmaschigen Gewebe miteinander zu verknüpfen und die realistische Erzählung an ihre Grenzen zu treiben, kehrte Roth zum prototypischen amerikanischen Realismus zurück: „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) war eine zweistimmige, dennoch durchgängig erzählte Geschichte, die die Kommunistenjagd der 50er Jahre aufrollte. Dem politischen Sittengemälde gab Roth eine psychologische Grundierung und versetzte es mit satirischen Elementen, die Gesellschaftskritik setzte er in einen dramatischen Rahmen aus Liebe, Verrat und Rache und gelangte so über die erzählte Zeit hinaus. Der Roman ist ebenso politik- wie gesellschaftskritisch, wenn er die Angewohnheit anprangert, Privates öffentlich zu machen und die Öffentlichkeit für private Abrechnungen zu benutzen – Parallelen zwischen dem Enthüllungsbuch im Roman und dem realen Enthüllungsbuch, das Roths Ex-Ehefrau Claire Bloom über ihre Ehe veröffentlichte, beherrschten zeitweise das New Yorker „talk of the town“ und nährte die subtile Osmose zwischen Leben und Literatur.

Die National Medal of Arts, die ihm 1998 im Weißen Haus verliehen wurde, war nicht nur eine literarische Auszeichnung, sondern bestätigte einmal mehr seine Bedeutung in der amerikanischen Geistesrepublik. Eher interviewscheu und zurückgezogen, höhlte Roth auch in den folgenden Romanen die amerikanische Wirklichkeit aus, indem er das prekäre Verhältnis zwischen öffentlicher Moral und privater Anpassung untersuchte: In dem Roman „Der menschliche Makel“ (2000), der mit Starbesetzung (Nicole Kidman, Gary Senese, Anthony Hopkins, Ed Harris) verfilmt wurde, ließ er Nathan Zuckerman als Erzähler auftreten und die Geschichte einer tragisch missglückten Selbsterfindung rekonstruieren: Diesmal beschrieb er, der Spezialist für jüdische Identitätskrisen, die seelische Zerrissenheit eines schwarzen Intellektuellen, der sich für weiß und jüdisch gibt und in die politischkorrekte Falle gerät.

Kanonisierung zu Lebzeiten

Obwohl der Roman „Verschwörung gegen Amerika“ (2005), der die Fantasie eines faschistischen Amerika entwirft, nicht nur politisch, sondern auch literarisch eine Gratwanderung zwischen realistischer Satire und absurder Verfremdung war und von der Kritik und der Roth-Leserschaft mit gemischter Sympathie aufgenommen wurde, riss die Erfolgsträhne nicht ab. Man verlieh ihm die Goldmedaille der American Academy of Arts and Letters und nahm sein Werk in die Library of America auf, was einer Kanonisierung zu Lebzeiten gleichkommt, denn in dieser elitären Reihe werden normalerweise die Werke verstorbener Dichter aufgenommen. Deshalb vielleicht wirkte es geradezu ironisch, dass der Erzähler in „Jedermann“ (2006) aus dem Jenseits über die letzten erotischen Aufregungen berichtet.

Aber erst „Exit Ghost“ (2007) markierte den endgültigen Abschied von Nathan Zuckerman, der sich nach einer kurzen Eskapade in New York auf der Suche nach der verlorenen Vitalität sich auf seine Waldhütte zurückzieht – und an seinem nächsten Buch schreibt. Denn wenn die erotische Energie die dichterische Vorstellungskraft des jungen Zuckerman nährte, so ist ihm jetzt nur noch das Schreiben als Täuschung und Trost geblieben. Der Geist, der in diesem Roman ausgetrieben wurde, ist der Geist Zuckermans, jenes jüdisch-amerikanischen Schriftstellers, dessen Leben und Werk ein Reflex des Lebens und des Werks von Philip Roth war.

Als er von der New Yorker Public Library gebeten wurde, für eine Textsammlung eine exemplarische Stelle aus seinem Werk auszusuchen, wählte Philip Roth einen Absatz aus seinem Roman „Zuckermans Befreiung“ von 1983: „Anfangs, wenn jemand auf der Strasse nach ihm rief, winkte er freundlich, um zu zeigen, wie umgänglich er sei. Das war das Einfachste, was er tun konnte, und das tat er. Dann wurde das Einfachste, so zu tun, als hörte er Dinge, zu begreifen, dass sie in einer Welt passierten, die es nicht gab. Man hatte Darstellung mit Geständnis verwechselt und rief nach einer Figur, die in einem Buch existierte. Zuckerman versuchte, es als Lob anzusehen – er hatte wirkliche Leute überzeugt, dass Carnovsky wirklich war – , aber schließlich tat er so, als wäre er bloß er selbst und mit schnellen, kleinen Schritten eilte er fort.“

Philip Roth hat stets auf die Differenz zwischen Leben und Literatur beharrt und zugleich die Interdependenz von Fakten und Fiktionen vorgeführt. Sein Werk ist von einer programmatischen ästhetischen Anstrengung geprägt: dass zur Wirklichkeit des Lebens die Wirklichkeit der Literatur gehört.

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Kommentare


Theodor Novakovic - ( 24-05-2018 09:04:13 )
Phil told me (on record) on January 10, 2015 that he fully kept his Jewish identity. He fought the rumours that he became an assimilated Jew. He cionsidered himself as descending from the house and spirit of David

Detlev Claussen - ( 24-05-2018 12:02:13 )
Ein vorzüglicher Nachruf. Comme il faut....

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erstellt am 23.5.2018