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Junge Interpreten prägten den Auftakt der Ludwigsburger Schlossfestspiele 2018. Der 30-jährige Pianist Dmitry Masleev riss das Publikum zu Standing Ovations hin. Noch in ihren Zwanzigern sind die Musiker Max Volbers, Juri Schmahl und Elina Albach, die Stücke des Barock spielten, sowie die Sängerin und Mandolinenspielerin Sierra Hull. Thomas Rothschild hat ihre Auftritte besucht.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2018, Teil 1

Junge Meister

Russland ist nicht nur Putin oder Gazprom. Russland ist – und war übrigens auch als Teil der Sowjetunion – das Land mit dem wahrscheinlich dichtesten Netz von Musikschulen. Die große Zahl russischer Solisten und Orchestermusiker, die im Inland und im Ausland für Begeisterung sorgen, verdankt sich wohl auch der schlichten Tatsache, dass Russland das mit Abstand bevölkerungsreichste Land Europas ist. Aber nicht nur in absoluten Zahlen, auch prozentual fällt Russland durch herausragende Talente auf.

Das Forum am Schlosspark riss nun in Kooperation mit den Ludwigsburger Schlossfestspielen ein vorwiegend über das Alter hemmungsloser Selbstdarstellung hinausgewachsenes Publikum zu Standing Ovations hin. Anlass war der dreißigjährige Pianist Dmitry Masleev. Nicht nur bewältigte er die enormen technischen Herausforderungen von Rachmaninows 3. Klavierkonzert mit Bravour – er verlieh ihm zusammen mit dem formidablen Ural Philharmonic Orchestra unter seinem Leiter Dmitry Liss (wir halten uns an die kuriose Transkription des Programmhefts) eine musikalische Tiefe und Ausdrucksstärke, die nicht alltäglich ist. Die lyrischen Stellen spielte er mit verführerischer Innigkeit, aber völlig ohne Schmalz, ohne Sentimentalität, die dramatischen Partien hingegen kontrastierend kraftvoll, aber wiederum nicht übersteigert, triumphal. Bis zum Finale sparte er sich die Reserven auf, die dieses als das markieren, was es eben ist: ein Finale.

Dem wirkungsvollen Klavierkonzert ging in dem rein russischen Konzert Mussorgskis „Nacht auf dem kahlen Berge“ voraus, nach der Pause folgte Prokofjews 5. Sinfonie. Die drei Werke des Abends, entstanden in zwei fast gleich großen zeitlichen Schritten in einer Spanne von knapp acht Jahrzehnten, verbinden die unüberhörbaren Anklänge an die Folklore des Herkunftslandes. So verwandt sie westeuropäischen Ohren klingen mögen, so sehr zeigen sie doch ein individuelles Profil, so dass man sich eine stärkere Präsenz russischer Musik über Tschaikowsky hinaus in der üblichen Konzertprogrammierung wünschen möchte.

Noch in seinen Zwanzigern: Der Musiker Maximilian Volbers, Foto: © André Hinderlich
Noch in seinen Zwanzigern: Der Musiker Maximilian Volbers, Foto: © Andre Hinderlich

Noch jünger als Dmitry Masleev, nämlich in ihren Zwanzigern, sind die Musiker Max Volbers, Juri Schmahl und Elina Albach. Auf einer ganzen Sammlung von Blockflöten, einer Oboe und einem Cembalo spielten die drei virtuose Stücke des Barock, darunter eine Anthologie der beliebten „Folia“, dazwischen auch eine zeitgenössische Komposition und Variationen über ein Thema von Frank Zappa. Insbesondere in der Diminution – einer spezifischen Spielart der Variation – eines Madrigals von Palestrina wurde vor der Kulisse der intimen Ludwigsburger Schlosskirche deutlich, wie sehr Musik und Architektur des Barock sich im Kult der Verzierung, des Ornaments mit ihren je eigenen Mitteln ähneln. Leitgedanke des Konzerts unter dem Titel „Fremde Federn“ war das Plagiat, das in früheren Epochen keinen so schlechten Ruf hatte wie seit der Verabsolutierung der Originalität im späten 18. und im 19. Jahrhundert.

Noch keine 30 ist auch Sierra Hull, eine Sängerin und Mandolinenspielerin aus der Hauptstadt der Country Music Nashville, Tennessee. Als Sängerin erinnert sie an Trisha Yearwood, als Mandolinistin ist sie einzigartig. Zusammen mit dem Kontrabassisten Ethan Jodziewicz schwankt sie zwischen Jazz, Blue Grass, eigenen Songs und Barock. Ihr Auftritt ist unprätentiös, ihr Spiel virtuos und ihr Programm frei von Anbiederung. Die historische Kelter in Bietigheim gibt für sie den idealen Rahmen ab wie die Schlosskirche in Ludwigsburg für das Trio um Max Volbers.

Wer nun meint, die Dramaturgie der Ludwigsburger Schlossfestspiele würde es seinem Publikum allzu leicht machen, irrt. Ehe das hochqualifizierte Ensemble um den ersten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker Daishin Kashimoto und den Cellisten Claudio Bohórquez – auch unter ihnen drei Russen – bei Schuberts kulinarischem „Forellenquintett“ anlangte, führte es auf eine Entdeckungsreise zu Schostakowitsch, dem wenig bekannten dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade, zu Alfred Schnittke und zu drei fast aphoristischen Stücken von Jörg Widmann, die Thomas Wördehoff in ein Quiz kleidete, das der vielseitige Meisterkoch Vincent Klink launig kommentierte. Man kann nur hoffen, dass diese ungewöhnliche Pausenverzögerung dem Intendanten eine Einladung in Klinks Wielandshöhe eingebracht hat.

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erstellt am 23.5.2018

Der Pianist Dmitry Masleev © Alikhan Photography
Der Pianist Dmitry Masleev © Alikhan Photography

Ludwigsburger Schlossfestspiele

www.schlossfestspiele.de