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Dunkelglühendes Rot, Lila, Orange und düsteres Blau, Blumenbilder, verhangene Sonnenuntergänge am Meer. Daran erkennen wir die Arbeit des Expressionisten Emil Nolde. Doch dann offenbarte eine Ausstellung in Wiesbaden eine ganz andere Seite des Malers, die Johannes Winter zur Hallig Hooge führte und zu den Gespenstern.

Hallig Hooge oder: der Maler und seine »Grotesken Bilder«

Wo Emil Nolde Gespenster sah

Emil Nolde (1867-1956)
Emil Nolde (1867-1956)

Unsere Unterkunft lag eine Etage über den Wiesen, auf der Backenswarft, hoch genug, um beruhigt einschlafen zu können. Einem Maulwurfshügel ähnlich, erhob sich die Warft aus dem grasigen Halligboden, der von Prielen durchzogen war, mäandernden Wasserwegen, gekreuzt von Trittpfaden und Asphaltadern. Acht Meter galten als Sicherheitsgarantie im stetigen Kampf mit dem Blanken Hans, gleichsam der Duz-Name der Nordsee für den Fall, dass sie sich in ein tobendes Wogenchaos verwandelte.

Einst, als der Maler zu Gast war, nutzte man das Boot, um Heu zu transportieren, die Oma zu besuchen, zur Schule zu fahren. Den Weg zu Fuß fortzusetzen, um über einen Holzsteg, „Stock“ genannt, der nur auf einer Seite ein Geländer trug, ans andere Ufer zu gelangen, mußte man sich schon gut anstellen. Zum Fortkommen nahmen wir ein Fahrrad, Hunderte von Drahteseln warteten ja an der Anlegestelle der Fähre auf Besucher. Außerdem im Angebot der Hallig: der Pferdebus, einem Planwagen nicht unähnlich. Die Handvoll Autos zählte nicht.

Im Café „Blauer Pesel“ servierte Karen Tiemann ihre unübertroffene Friesentorte. Sie reichte Tee und nahm sich Zeit für Auskünfte über den Besucher, der ein Künstler war. Beim Pastor drüben auf der Kirchwarft habe er gewohnt, schon länger her, in kühlen Ostertagen. Emil Nolde anno 1919 auf Hallig Hooge: ein stilles Eiland, das den Maler in seinen Bann zog. Vom benachbarten Föhr war er mit dem Segler übers Wattenmeer gekommen.

Zeiten waren das, als der Pastor den „Branntweinteufel“ bekämpfte und von der Kanzel herunter donnerte, die Seelen aller Schluckspechte würden verdorren wie Gras. Als er gegen ihren Aberglauben wetterte, der allerlei heidnischen Spukgestalten einen Platz im Hallig-Leben sicherte. Gut möglich, dass Nolde, dessen bewußt, gekommen war, um seine Vorliebe für Unheimliches aufzuwärmen. Oder um nachzusehen, ob es in den Wiesen mit rechten Dingen zuging?

Hatte er doch als junger Maler in der Schweiz entdeckt, dass die Idee, Runzel-Gesichter mythischer Gestalten auf Alpengipfel zu projizieren, mit dem Mittel der „Bergpostkarte“ rasch marktgängig zu machen war. Die Hallig, dem heimatlichen Nordfriesland nah, würde, so mochte er sich erhofft haben, für sein Faible reichhaltig Stoff bereithalten, Bilder von Bären und Schweinsköpfen im Sinn, denen er neue Fabelwesen zugesellen würde.

Äpfel, Rosen und ein Reiher

Die Kirchwarft, einen kurzen Entenflug von unserer Bleibe entfernt, hatte ein kreisrunder Priel fast zur Insel gemacht. Darüber ein „Stock“ als Hallig-Inventar für Touristen-Fotos, gediegenes Zimmererhandwerk, das sich übers Wasser wölbte, eine beliebte Selfie-Kulisse.

So vergessen Noldes Hallig-Besuch war, mit Tutje von Holdts Hilfe ließ sich das Anwesen in Augenschein nehmen. Die Prädikantin, in Ermangelung eines Pastors amtierend, führte uns unter den Giebel des prächtigen Reetdachhauses, wo Noldes Zimmer, nackt wie das Watt, so gar keine Andachtsgefühle für den Maler aufkommen lassen wollte. Die Stube wartete auf einen neuen Mieter.

Erster Eindruck: wenn nicht im Freien, so dürfte Nolde seine Staffelei im Wintergarten aufgebaut haben. Der helle Raum im Parterre war wie geschaffen für ein Atelier. Unser Blick fiel auf einen Apfelbaum voll rotbackiger Früchte, ein eiserner Reiher starrte vor sich hin, Stockrosen wucherten ins Fenster, ein leichter Wind ließ den Feigenbaum rascheln, die uralten Grabsteine im Kirchhof waren in sanftes Licht getaucht. Mit einem Blick in die Runde war die Hallig zu erfassen.

Kirchwarft auf Hallig Hooge, Foto: Johannes Winter

Was er sah, hatte Nolde kurz und bündig notiert: „Die alte Mühle, die Halligkinder und die sich schlängelnden Priele mit ihren schwankenden Brücken“ – ein Eindruck, der sich hundert Jahre später auch uns bot. Ohne Mühle. Die Hallig war Weite, wir konnten sie atmen, sie lag da wie eine grüne Sandbank, knapp über dem Wasserspiegel, in dem sich die Bewohner erkannten. Um auf ihr zu leben, hatten sie Hügel aufgeworfen, Weiler, in denen sich ihr Dasein abspielte und das der Gäste. Es roch nach Gras, nach frischem Gras, und nach Seewind, salzigem Wind.

Wie in guter Obhut duckte sich das Backsteingebäude der St. Johannis-Kirche (von 1642) an das mächtige Pastorat. Die Kirche, inwendig ein in Holz und den Friesenfarben blau-rot-gelb bzw. golden gehaltenes Schmuckstück, recycelt aus zerstörten Gotteshäusern, die die Burchardi-Flut, in den Annalen als „Große Manntränke“ verzeichnet, auf dem Gewissen hatte, von der zahllose Halligen, Inseln und Dörfer der friesischen Westküste zerstört, wenn nicht verschluckt wurden.

Unter den Bänken kein Fundament, sondern ein sanft knirschender Boden aus Muscheln und Sand – so konnte das Wasser, drang es bei Landunter in den Kirchenraum ein, zügig abfließen, um dorthin zurückzukehren, wohin es gehörte, ins Watt. Dem Nachbarn Emil Nolde wird das Gotteshaus mit seinen bunten Kirchenbänken vertraut gewesen sein. Auf dem uralten geschnitzten Taufbecken lag ein Sonnenstrahl, die Kanzel über der Walfischtür wartete auf den nächsten Auftritt von Prädikantin Tutje von Holdt.

Wie eh und je hatte ihr Lieblingsbild aus Kinderzeiten, der „gute Hirte“, seinen Platz neben dem Altar. Mit ihrer plattdeutschen Sonntagspredigt war die Emerita eine Attraktion geworden. Während der Borderterrier „Störtebeker“ leise schnarchte, bemühte sie sich, im Kirchenbuch einen Eintrag zu finden. Vergeblich. In der handgeschriebenen Chronik fand sich nicht eine Zeile über den Aufenthalt des Malers.

Es schien, als verspürten die Hooger wenig Lust, sich an ihn zu erinnern. Man war mit dem Seinen ausgelastet, als dass sich noch ein Quäntchen Aufmerksamkeit hätte abzweigen lassen. Dass Nolde überhaupt unter ihnen gewesen war, hatte sich als mündliche Kunde erhalten. Mehr war da nicht. Mehr war da nicht?

Liliencron, ein Hardesvogt, ein Lyriker

Tutje von Holdt, geboren auf Pellworm, der Insel nebenan, hatte so einiges zu erzählen aus unvergesslichen Jahren, als sie im Hause der Großeltern ihre Schulferien verbrachte. Vor ihrer Zeit war es, da hatte dort ein Schriftsteller gelebt und als Hardesvogt seines Amtes gewaltet. Detlef von Liliencron versah die Pflichten, die heutzutage einem Bürgermeister aufgetragen sind. Zu denen gehörte, dass er auch auf Hallig Hooge nach dem Rechten sah.

Es war nicht überliefert, wie oft sich der dichtende Freiherr bei Ebbe zu Fuß oder mit dem Boot bei Flut aufmachte, um Hooge einen Besuch abzustatten. Auf Pellworm, so ging die Rede, habe er sich jedenfalls als „Tanzbär“ einen Namen gemacht, indem er sowohl Sperrstunde als auch Polizei abschaffte und Grog trinkend das Leben und das Klavierspiel genoss. Neben seiner berühmten Ballade „Trutz, Blanke Hans“ hinterließ Liliencron auch gereimte Zeilen, die sich einem Arbeitsbesuch auf Hooge verdanken mochten:

„Um mich liegen Akten und Schwarten. / Im Vorzimmer die Bauern warten. / Hans Paulsen und Paul Hansen. / Paul Hansen hat seine Nachtmütze / Auf die Hecke von Hans Paulsen gehängt. / Unerhört.“

Literarischer Stoff erster Güte – wir brachen auf, radelten in einer grasgrünen Landschaft ohne Busch, ohne Strauch. Bäume gediehen nur dort, wo Menschen ihre Häuser bauten, auf den Warften, wo sie sich und den Bewohnern Schutz boten. Es brauchte einige Tage, bis wir bemerkten: die Luft war von einer beneidenswerten, ja beseligenden Reinheit, Kopfschmerzen oder Halskratzen wie in der Stadt bald nur noch ferne Menetekel.

Ob Backens-, Ockens- oder Hanswarft – Mittelpunkt der überschaubaren Welt eines Weilers mit seinen Häusern und Hütten und Scheunen war der Fething, einst als (Regen-) Wasserreservoir fürs Vieh genutzt, heute der Entenpfuhl inmitten eines Labyrinths von Gässchen und Wegen und blühenden Gärten, von Bäumen und Büschen und Gebäuden mit und ohne Reetdach, gefällig fürs Auge. Wir fragten hier, wir fragten dort und lernten bald, uns zurechtzufinden im Leben unserer Warft. Jede der Zehn für sich allein, wie sie da in der tellerebenen Landschaft lagen, bei Sonne und Sturm, bei Nebel oder Landunter. Fünfmal im Jahr, meist im Winter, kam die große Flut, aber nicht mehr als Heimsuchung.

Nis Puk und der Blanke Hans

Unverzichtbar von alters her: Gespenster und Kobolde, Theodor Storms „Geister der Ertrunkenen“, geheimnisvolle Wesen, die den Menschen gut dafür waren, sich durchzubringen, den Unbilden der Natur zu trotzen. Bevor man sich von allen guten Geistern verlassen fühlte, war es ihr Schabernack, mit dem man das Leben nicht nur aushalten, sondern auch genießen konnte.

Gestalten wie Nis Puk, ein Bruder des Elfen „Puck“ aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, Nis Puk also, der, wenn er sich gastfreundlich behandelt fühlte, den „guten Hausgeist“ abgab. Oder Ekke Nekkepenn, schon Emil Noldes Vertrauter in Kindertagen, das Rumpelstilzchen des Nordens, dem wir, die Hallig erradelnd, nicht zufällig begegneten. Saß neben der Brücke zur Westerwarft im Gras, sah vor sich hin, hielt wohl Wache, gleich dort, wo es in die offene See hinausging. Passte auch auf, dass in den Salzwiesen vor seiner Nase alles seinen Gang ging, mit einer Flora, die jedem Botaniker das Herz hüpfen ließ.

Ekke Nekkepenn auf Hallig Hooge, Foto: Johannes Winter
Ekke Nekkepenn auf Hallig Hooge, Foto: Johannes Winter

Da wuchs nicht nur Strandwermut, auch asiatischer Absinth oder Tschernobilik genannt, es fühlten sich auch Halligflieder und Andelgras wohl, die spießblättrige Melde und das Milchkraut, der Strandrotschwingel und die Dünenquecke, von Pfauenaugen umgaukelt.

Wer Geduld und ein Fernglas dabeihatte, konnte irgendwann einen Austernfischer vor die Augen bekommen, seiner roten Beine wegen „Hallig-Storch“ mit Beinamen, den tirilierenden Rotschenkel alias „Tüter“ oder einen stolzen Sandregenpfeifer. Eine Bank lud ein zum Beobachten, nebenan eine Fenne, auf Hallig-Deutsch eine Weide für die sommerlichen Pensions-Kühe und -Schafe, für Scharen von Staren und Möwen und Ringelenten in ihrer Eigenschaft als Exkremente-Produzenten, nur in Tonnen zu beziffern, die das Millionenvolk der Zugvögel den Halligleuten geradezu verhaßt machte. Schon dem römischen Reise-Autor Plinius (dem Älteren) fiel – vor 2000 Jahren – die besondere Siedlungsweise der Wattbewohner auf. Bei Flut, notierte er, wenn der Wind zum Orkan wird, lebten die Menschen gleichsam auf Schiffen; gehe sie zurück – wie Schiffbrüchige. Flut, das war, wenn der „Blanke Hans“ an den Warften leckte, weil das Meer, den Menschen im Norden vertraut als „Hans“, die Hallig überflutet hatte. Dann war sie „unter Seewasser gekommen“, wie Theodor Storm („Eine Halligfahrt“) bemerkte. War der Sturm vorüber, wurde die Oberfläche platt, sie wurde „blank“, das Wasser glatt wie ein Spiegel. Die Hallig war im Wasser verschwunden. Weshalb sie nicht als Insel gilt.

Die Warften aber lagen trocken, unter allen Umständen, auch wenn „Landunter“ gemeldet wurde. Bett und Fernseher, Haustiere, Vorräte und auch Füße blieben verschont, die Füße der Halligleute, denen es zur Gewohnheit geworden und ins Bewußtsein gesickert war, den Elementen, dem Wind, dem Wasser, aber auch den Besuchern das Notwendige fürs Leben abzutrotzen. Hinterm Schutz des Sommerdeichs, der sie seit etlichen Jahren ruhig schlafen ließ. Hellwach aber, wenn die Tagesgäste einfielen, was zur Folge hatte, dass in Cafés und Restaurants Hektik ausbrach. Die Besucher hatten ihre Besichtigungspflicht per Pferdebus absolviert: zuerst die Kirchwarft, dann der Königspesel auf der Hanswarft, Prunkstück eines friesischen Wohnzimmers, tapeziert mit weiß-blauen Delfter Kacheln, ausgestattet mit einem Bilegger-Ofen und dem berühmten Alkoven, in dem einst der dänische König sein Nachtlager fand. Danach die Kür fürs leibliche Wohl, eine gute Portion heimischer Speisen und Getränke. Hungrig wie verabredungsgemäß ging es zur Krabbensuppe mit einem Klecks Sahne, zum Backfisch mit Pommes, zur Friesentorte, zum Pharisäer, dem Geheimtipp aller Liebhaber von Kaffee mit Schnaps. Das alles wollte bewältigt sein, in knappen drei Stunden.

Vielleicht um die Flüchtigkeit der Kontakte, den Service-Stress auszuhalten, gaben sich einige Hooger, vor allem Hoogerinnen, dem Theaterspiel hin. Lebten ihre Liebe zur plattdeutschen Komödie aus. Der Herrin über das Café „Blauer Pesel“ oder der Pensionswirtin oder der Angestellten aus dem Touristenbüro merkte man an, welche Lust es ihnen bereitete, sich auf der Bühne im Hallig Hus auszutoben. Wenn „Rosendagg un klaute Juwelen“ (Rosentag und geklaute Juwelen) auf dem Programm stand, gehörte es zum Spiel, dass auch die Kassiererin aus dem Kaufmannsladen mitmachte. Als Souffleuse – plattdeutsch „Topuuster“, hochdeutsch Zuflüsterer – genierte es sie nicht, sich, wenn der Vorhang gefallen war, gemeinsam mit den Akteuren den Beifall des Publikums abzuholen.

Der Maler und seine Spukgestalten

Die Dämmerung fiel, welche im Norden später eintritt als gewohnt, anmutige Stille, die Hallig vor der Nacht. Dem Horizont angeschmiegt ein Wolkenkrokodil. Nichts bewegte sich schneller als die Schemen grasender Tiere, das Tuckern eines späten Traktors drang ins Ohr. Wir konnten nicht anders, als, das Farbspiel der untergehenden Sonne bewundernd, vom Rad zu steigen, innezuhalten, während die Vögel, schon unsichtbar, allmählich verstummten. Die Stille war zu hören.

Man spürte, das Meer war nah, schien in sich zu ruhen. Es hielt das kleine Universum der Hallig umschlungen – über uns ein Kondensstreifen, der eine Ahnung von fernen Gegenden an den blau-blau-rötlichen Himmel zeichnete.

Aufbruch zur Nachtwanderung, hinein in die laut- und lichtlose Hallig-Welt, wo Noldes wilde Geschöpfe ihr Unwesen treiben mochten. Den „grotesken“ Bildern seiner seltsamen Gestalten waren wir weit weg in einer Ausstellung in Wiesbaden begegnet, die uns gelehrt hatte, dass etliche von ihnen auf Hooge entstanden seien.

Am Firmament funkelte das andere Meer, das Meer der Sterne, darin ein Mond schwamm, schmal wie eine Sichel. Man blieb besser auf dem Weg. Am Wegesrand der schwache Umriss einer wiederkäuenden Kuh, der Wollhügel eines Schafes, eine flügelschlagende Ente, im Wasser des Priels ein leises Klatschen, das einer Ratte zu verdanken sein mochte. Gebilde tauchten auf, Geräusche erwachten, verwandelten sich in eine Geisterwelt, wie sie der Knabe Hans Emil Hansen, so sein ursprünglicher Name, auf dem Bauernhof der Eltern in Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet in mancher gruseligen Stunde erlebt hatte. Auf der Hallig begegnete er ihnen wieder, nahm sie auf in den Vorrat an Eingebungen.

Geisterte Ekke Nekkepenn in den schwarzen Wiesen umher, hockte Nis Puk kichernd auf dem Weidezaun, Noldes Geister, ohne die die unüberhörbare Stille für ihn nicht vorstellbar war? Ohne die er nicht zur Staffelei im Wintergarten zurückgekehrt wäre, um bei Tag die nächtliche Beute mit Wasserfarben, Rohrfeder und Tusche aufs Papier zu werfen oder irgendwann, wenn ihm danach war, auf die Leinwand – wie den „Frühmorgenflug“ der beiden blauen Kobolde mit ihren gelbem Haarwuchs, knallrot die Augen, Münder, Hände, weiß die Füße.

Ob der Maler Lust hatte, seiner Kindheit einen Besuch abzustatten, um den „Affenmenschen“ zu wiederzufinden? Um dem satanischen Trio aus „Teufel“, „Teufel und Geistlicher“ und „Teufel und Weib“ zu begegnen? Den „Bösen Geist“ und den „Wilddieb“ zu treffen? In der Hooge-Parade seiner so unheimlichen wie menschlichen Figuren fehlte auch nicht die „Tänzerin“, die er später als „Tolles Weib“ in Öl baden ließ. Es fehlte nicht sein „Paar“, das erotisch aufgeladene Bild einer Knienden mit Ziegenbock, es fehlten auch nicht die „Spukgestalten“, die sich in bunte, zipfelmützige „Ahnen“ verwandeln sollten. Lautlose Boten, die Verbindung zur anderen Welt hielten.

Unübersehbar: Hooge war wie eine Sucht, die Hallig hatte Folgen, wirkte nach in der „Begegnung am Strand“, lebte weiter im düster-verrückten „Meerweib“. Noldes Schatz an Absonderlichkeiten war unerschöpflich. Und verkaufen ließen sie sich auch. In seinen „Ungemalten Bildern“ würden sie Renaissance feiern, wiederkehren als verschmitzte Tiergestalten, als Bären-, Wald- und Baumgeister. Der Maler bekannte sich immer wieder gern zu seinen „Figuren der Sagen- und Märchenwelt, grausig, drollig und lustig, böse, gut und lieb – eine köstliche, seltsam reiche Wunderwelt“. Er schuf einen Zoo der Fabelwesen, ein Panoptikum unheimlicher Geister. Allegorische Zwitter mit wilden Fratzen, Wesen, die sein Gefühl, seine Vorstellung vom Bösen abbildeten. Die Welt des Rationalen, des Realen, sie war nicht seine. Oder nahm er bloß eine Auszeit?

Als habe er seine Nachtgestalten wie im Rausch zur Welt kommen lassen, um ihnen auf Papier und Leinwand ein Zuhause zu geben, hauchte er ihnen Lebendigkeit ein, indem er sie mit Farben fütterte, ließ sie sprechen wie im „Klatsch“ oder als „Lump“. Schloss damit aus, dass sie, Dämonen gleich, Macht über ihn gewinnen könnten.

Sie beschäftigten ihn sein Malerleben lang. Er kam damit nie zu Ende. Sah er sich doch, wie er einmal bemerkte, von „unendlich vielen Gesichten“ umgeben, sah „Gestalten, die mich in Begeisterung versetzten und auch plagend nach Verbildlichung riefen.“ – Seine Neigung fürs Vage, Wilde, Krude – um den Mühsamkeiten der Wirklichkeit zu entkommen? Seine Ausflüge ins Phantastische, wenn alle seine Blumen und Blüten verblüht, wenn alle Wolken verschwunden waren?

»Leb wohl, kleine Insel«

Auch auf Hooge, erinnerte er sich, sei es um ihn geschehen: „Während der Stille der Nächte, wenn nur das Rauschen des Meeres hörbar war, entstanden viele und ganz merkwürdige kleine Skizzen und Bilder in magischer Phantastik, den Maler selbst überraschend. Die merkwürdigsten Wesen mit ihren Tollheiten belebten seine Stube, und sie gingen mit ihm auf seinen Halliggängen, ihn fast sicht-bar umschwirrend.“

Wir hatten uns der Dunkelheit überlassen, die sich anfühlte, als befänden sich Noldes diabolische Wesen unterwegs auf ihrem nächtlichen Rundflug, als hockten sie im Verborgenen, tauchten auf, huschten lautlos vorüber. Gut für eine Prise Gänsehaut. Von den Konturen der Kirchwarft sicher geleitet, entließ uns die Nacht – die Geisterstunde war nicht fern – ins Zimmer unterm Reetdach, wo Noldes Erinnerungen an „Mein Leben“ warteten.

Zum Abschied von Hooge ein schwärmerischer Maler-Satz: „Auf Wiedersehen, Du Meer und Hallig. Weltferne Vereinsamung kann reichstes Leben enthalten, rauschende Vielfältigkeit zerstreut alle geistige Sammlung. Leb wohl, Du kleine stolze Insel.“ Und ab ging es mit dem Segler übers Wattenmeer nach Föhr, zurück zu Frau Ada.

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Kommentare


Detlev Claussen - ( 24-05-2018 12:27:37 )
Der Artikel liest sich gut; die Küste kommt dem Leser sehr nahe. Dennoch kann ich bei Noldes Bildern nicht mehr von den Gespenstern des Nationalsozialismus abstrahieren. Die NS-Zeit war bei ihm kein temporärer Sündenfall. Er sah sich als Exponent einer Nordischen Kunst. Sein grober Antisemitismus ist in seinen Briefen dokumentiert. Er trat früh der NSDAP bei. Ihm war es unverständlich, warum Bilder von ihm bei der NS-Ausstellung "Entartete Kunst" zu sehen waren. Goebbels und Hitler lehnten ihn ab; andere Nazis protegierten ihn. Bei Nolde handelt es sich um eine bisher wenig untersuchte intellektuelle, politische und ästhetische Gemengelage. Aus seinem Umkreis (Schwiegervater, Schmidt-Isserstedt) schafften es einige, auf die Gottbegnadetenliste der Nazis zu kommen. Umso unheimlicher wird es, wenn man an die Opferlegenden dieses Personenkreises nach 1945 denkt.Bei einem Besuch im Noldemuseum in Seebüll bekommt der Nachgeborene ein flaues Gefühl im Magen.

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erstellt am 21.5.2018

Das Patronats oder auch Pfarrhaus auf der Kirchwarft, in dem Emil Nolde wohnte: im 1. Stock über dem Erker, in dem sich sein Atelier befand, Foto: Johannes Winter