Die Geschichte, die zwei Psychotherapeuten sich und uns in Gert Heidenreichs neuem Roman „Schweigekind“ erzählen, handelt von einer Generation, die auf Schatten gewachsen ist, ohne zu wissen, wer sie geworfen hatte. Das Buch ist ein Krimi, zugleich ein Gesellschaftsroman des gehobenen Kunst- und Kulturbetriebs. Harry Oberländer findet es lesenswert.

Buchbesprechung

Auf Schatten gewachsen

Gert Heidenreich, Foto: privat
Gert Heidenreich, Foto: privat

Zwei Psychoanalytiker im Winter: Schnee ist gefallen auf das gefrorene Eis des Sees. Beide Herren sind nicht mehr jung. Hans Sahlfeldt (67) ist Anhänger der Familientherapie nach Virginia Satir, Bruno Tiefenbach (85) ein treuer Jünger Sigmund Freuds, seiner Theorie und seiner Methode. Sahlfeldt ist Tiefenbachs Patient, der Ort ist eine Klinik am See in einem alpinen Kurbad.

Sahlfeldt hat einen Mord gestanden, den er gar nicht begehen konnte, weil das Opfer, ein alter Mann, schon tot war, als das Haus, in dem er sich befand in Brand gesetzt wurde. Sahlfeldt besteht darauf, ein gefährlicher Täter zu sein. Die Frage, mit der Tiefenbach seine Gesprächsverweigerung aufbricht, lautet: „Wohin geht das Glück, wenn es verschwindet?“

Sahlfeldt hat eine amour fou hinter sich, er spielt den Verrückten, um seine verflossene Geliebte zu schützen.

So beginnt Gert Heidenreich seinen neuen Roman „Schweigekind“. Die Dialoge der beiden Therapeuten sind anspielungsreich und in feiner, subtiler Komik gehalten, während das Thema des Buches eher eine Tragödie ist, die Tragödie eines missbrauchten Kindes. Diese Geschichte beginnt, als Sahlfeldt sich erinnert wie er an einem zweiten Oktober (dem World Smile Day) die schöne Lenja kennenlernte, die in seine Praxis kam, um ihn um Hilfe für ihre Tochter Hanna zu bitten. Hanna hatte an ihrem achten Geburtstag aufgehört zu sprechen. Damit ist ein dunkles Geheimnis gesetzt. Sahlfeldt behauptet im Therapiegespräch, er habe Lenja keineswegs auf den ersten Blick geliebt, er sei gerade zu abweisend gewesen. „Eben“ murmelte Tiefenbach, „eben. Ich werde jetzt das Licht einschalten.“

Es ist durchaus das Licht der Aufklärung, mit dem auch der Autor Gert Heidenreich die Szenen dieses Romans ausleuchtet. Lenja, die Tochter von russischen Emigranten, ist eine international erfolgreiche bildende Künstlerin, die im Museum für Modern Art in New York oder der Tate Gallery in London ausgestellt hat und auch die Kunsthalle der provinziellen Kurstadt beglückt, wo im Roman eine ihrer Vernissagen stattfindet. Deren spöttische Beschreibung ist einer der grotesken Höhepunkte des Romans oder, um mit den Worten des Kulturreferenten Ohm zu sprechen: „absoluteste Kunst in ihrer radikalstmöglichen Form“. Es ist Welt der rich and famous, in der die Romanhandlung angesiedelt ist. Heidenreich beschreibt sie souverän als einer, der sie kennt und sie aus der ironischen Distanz dessen beschreibt, der sie nicht ernster nimmt, als unbedingt nötig. Im Restaurant „Bocca da la Verità“ (wo das Lügen mehr Spaß macht als anderswo und ein Patrone namens Ettore dafür sorgt, dass Klatsch und Tratsch die Runde machen) gibt es Tagliatelle mit weißen Trüffeln, zum Dessert Zuppa Inglese und Zitronensorbet. Danach geht man in die Bar Only4theRich.

Anders die Beschreibung von Lenjas durch Missbrauch zerstörte Kindheit, die Erzählung der Genese ihres Traumas, vor dem sie sich mit ihrer Puppe Nele schützt und das sich in ihren Gemälden und Skulpturen spiegelt. Zuerst von ihrem leiblichen Vater missbraucht, einem unglücklichen Vater, der den Tod seiner Frau nicht verwinden konnte und sich erhängte, wird sie danach von einem Pfarrer und ihrem Pflegevater, einem Rektor immer wieder vergewaltigt. Der Rektor lässt dabei seine Frau eine Platte mit Offenbachs Barcarole auflegen und in höchstmöglicher Lautstärke abspielen. Da hält Sprache des Erzählers kalt und schnörkellos den zynischen Mechanismus fest, der das Verhältnis von Täter und Opfer umkehrt.

„In der Nacht kam er, ich sollte knien und mit ihm für die Seele meines Vaters beten. Als ich wieder im Bett lag, deckte er mich auf und sagte, ich weiß was du für eine bist du machst es, du machst es mit mir wie mit deinem Vater, ich hätte meinen Vater verführt und in den Tod getrieben. Und als er dann müde war und aus dem Zimmer ging, sagte er noch, kein Wort zu irgendwem, sonst würde er in der Predigt am Sonntag allen sagen, was ich für eine bin. So einer wie du eine bist, glaubt niemand, sagte er. Und ich lag da, und habe mich geschämt, ich hatte Angst, und ich wollte ein Baum sein.“

Der Spannungsbogen dieses raffiniert erzählten Romans, lässt es zu, ihn einen Krimi zu nennen. Doch darüber hinaus ist er viel mehr. Nicht nur ein Gesellschaftsroman des gehobenen Kunst- und Kulturbetriebs, sondern einer, der auch zurückweist auf die deutschen Verhältnisse des vergangenen Jahrhunderts, in die Dunkelheit einer Diktatur, deren verborgene Wirkung auf das Verhältnis der Geschlechter noch lange nachwirkte. Die Geschichte, die die Psychotherapeuten sich und uns erzählen, handelt von einer Generation, die auf Schatten gewachsen ist, ohne zu wissen, wer sie geworfen hatte.

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erstellt am 20.5.2018

Gert Heidenreich
Schweigekind
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten
ISBN 978-3-88747-361-7
Transit Buchverlag, Berlin 2018

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