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In seinem neuen Buch „Der Fortführer“ äußert sich Botho Strauß zum Großen und Ganzen und auch zu Kleinkram, den er bedenklich oder gerade noch erträglich findet. Der Titel ist Programm: Strauß führt fort, was die großen Alten einmal begonnen haben, ehe man ihnen das Wort entzog. Otto A. Böhmer hat das Buch mit Gewinn gelesen.

Buchbesprechung

Die alten Töne

Botho Strauß, Foto: © Ruth Walz
Botho Strauß, Foto: © Ruth Walz

„Leben ist immer lebensgefährlich“, wusste schon Erich Kästner, und wir wissen es auch. Diese Einsicht ist schlagend, und je länger ein Leben währt, in dem man sich als letztlich wohl doch nur zufällig anwesende Person einzurichten hatte, desto mehr stimmungsdämpfende Gedanken lassen sich daraus beziehen. Befördert vom Alter, auch vom Altersstress wird man zunehmend ungnädig und bekommt eine Vermutung eingespielt, die durchaus traditionsreich ist: Alles schon mal dagewesen, lautet sie in frei formulierter Fassung und weist damit, ausgehend von schlechter Gegenwart, auf eine Zukunft voraus, die man besser nicht mehr erleben möchte. Wertstoffhaltiger mutet da eher noch die Vergangenheit an, die sich meist nur über Erinnerungen zugänglich macht, denen jedoch, auch das wissen wir längst, nie ganz zu trauen ist. Wer sich aus solch dürregefährdetem Umland aufmacht, um als verdienter, überwiegend nicht mehr ganz junger Autor seine Gedanken zur Zeit aufzuschreiben, wird nicht überrascht sein, wenn man ihn ein weiteres Mal anstrengend findet und bereitwillig missversteht.

Mit seinem neuen Buch „Der Fortführer“ gelingt dies Botho Strauß auf beträchtlichem Niveau; er äußert sich zum Großen und Ganzen, und, locker mit eingestreut, auch zu Kleinkram, den er bedenklich oder gerade noch erträglich findet. Der Titel des Buches ist Programm: Strauß führt fort, was die großen Alten einmal begonnen haben, ehe man ihnen, enthusiasmiert von den neuesten Influencern, das Wort entzog; dennoch oder gerade deswegen sind die Mühen des Weitermachens unverzichtbar: „Man ist Fort-Führer – oder es gibt einen gar nicht. Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort. Der Dichter führt aber auch Leser fort, entfernt sie aus ihren Umständen, Belangen und Geschäften. – Macht ist Vermächtnis. Es lebe die Herrschaft, die dies ausruft und befolgt.“ Dass der Dichter Strauß auch den Leser mit fortführen will, ist löblich; ob es gelingt, kann indes keineswegs als ausgemacht gelten. Dazu gibt es zu viel Behauptungsprosa in diesem Buch, dessen Tonfall sich am besseren Wissen ausrichtet und keine Verständigungsangebote zur Güte macht. Der Dichter hat Recht, daran lässt er, bis auf einige feinsinnige, fast heiter zu nennende Ausflüchte, die er uns gönnt, keinen Zweifel. Die Kunst des Durchschauens, die Strauß betreibt, ist nur wenigen zugänglich; das bringt ihm keine Freundschaftsanfragen ein, was ihn aber nicht stören muss – geht es doch um die Sache des Denkens und ein Verstehen, das auf tiefergelegten, letztlich nicht einsehbaren Gründen beruht, für die sich die Mehrheiten, in denen unzählige Schlaumeier unterwegs sind, kaum mehr interessieren: „Es ist wohl eine Illusion, dass dem 'neuen Menschen', dem digital Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium entstünde für dicht verwobene Beziehungen und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam auf 'analoger' Stufe zurückblieb, niemals zugänglich sind. Im Gegenteil, ringsum die Komplexitätsvirtuosen sind mit den geringsten Abkürzungen und Andeutungen so schnell verständigt, dass Verstehen gar nicht aufkommen kann. Jener aber empfängt aus den alten Tönen neue verführerische Andeutungen. Ja, seine Sirenen, das sind die 'alten' Töne. Er hat versäumt, sich an den Mast seiner Tage, an dem er lange Zeit so lässig lehnte, rechtzeitig fesseln zu lassen.“

Die alten Töne also, sie kommen von weit her und ihre Urheber, bekämen sie es denn mit, wären sicher überrascht, dass man sie von höherer Warte aus noch wahrnimmt. Das dazugehörige Denken setzte seinerzeit auf eine Weltsicht, die den Menschen als Empfänger, nicht aber, wie es heutzutage wohl der Fall ist, als aufdringlichen, immer verkaufsbereiten Agenten seiner selbst wahrnahm. „Es ereignet sich aber das Wahre“, schrieb Hölderlin, Rilke hielt sich zur Neugier an auf „die Stimmen, die da kommen sollen“, und Heidegger wurde auf seiner „Lichtung“, eher beiläufig, vom „verborgenen Heimweh“ angerührt. In einem dem Unvordenklichen zugewandten Wissensstrom zu stehen kann anstrengender sein, als sich im Strudel selbstausgeheckter Aktivitäten abzuarbeiten; am Ende fühlt man sich, so oder so, wie sich Nietzsche fühlte, als es langsam zu Ende ging, er war „des Tages müde, krank vom Licht“.

„Der Fortführer“ ist, wie könnte es anders sein, keine erbauliche Lektüre; wer aber durchhält, wird mit einigen frappierenden Einsichten belohnt, die aus dem exponierten Widerstandsbereich stammen und immer dann gelungen anmuten, wenn man meint, dass der Autor womöglich ein klein wenig undiszipliniert war oder sich sogar hat gehen lassen.

Wir dürfen froh sein, dass es, in Zeiten, da nicht wenige Autoren sich an eigens für sie in Betrieb gehaltenen Schreibschulen ausbilden lassen, um anschließend literarischen Dienst nach Vorschrift zu schieben, noch einen Dichter wie Botho Strauß gibt; er macht es uns nicht leicht, aber für leichte Verköstigungen gibt es ja genügend andere Dienstleister.

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erstellt am 18.5.2018

Botho Strauß
Der Fortführer
Hardcover, 208 Seiten
ISBN: 978-3-498-06553-9
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018

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