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Thomas Ostermeier machte mit dem Stück Furore: „Rückkehr nach Reims“ ist die massiv reduzierte Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Buchs von Didier Eribon. Thomas Rothschild hat die erfolgreiche Inszenierung an der Berliner Schaubühne gesehen, ebenso Susanne Kennedys „Selbstmord-Schwestern“ an der Volksbühne.

Theater in Berlin

Echte und synthetische Menschen

In der sich dem Ende zuneigenden Spielzeit hat eine Inszenierung Furore gemacht, die noch im Juli 2017 in Manchester ihre Uraufführung erlebt hat und dann im Herbst nach Berlin, an die Schaubühne zog, deren Leiter Thomas Ostermeier zugleich der Regisseur ist. Sie wurde ebenda zum Theatertreffen eingeladen, was in einer Zeit, in der, was man gemeinhin Öffentlichkeit nennt, ihr Urteil Juroren und Bestenlisten überlässt, so etwas wie eine Nobilitierung bedeutet. „Rückkehr nach Reims“ ist die massiv reduzierte Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Buchs von Didier Eribon, einer außergewöhnlichen Mischung aus Autobiographie, Auseinandersetzung mit dem Vater und politisch-soziologischer Analyse. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum – speziell in Frankreich – so viele, die einst überzeugte und kämpferische Kommunisten waren, heute die radikale Rechte, also Marine Le Pen wählen. Auf deutsche oder internationale Verhältnisse lässt sich dies nur bedingt übertragen. Eine kommunistische Partei von der Größe und der Bedeutung der KPF hat es in keinem anderen westeuropäischen Land gegeben, und die heutigen rechtsextremen Parteien dieser Länder unterscheiden sich signifikant vom Front National.

Ihr Vater war Kommunist: Nina Hoss in „Rückkehr nach Reims“, Foto: Arno Declair

Der Grundeinfall besteht darin, Eribons Text als Voiceover zu einem vorproduzierten Film sprechen zu lassen. Nina Wetzel hat ein hyperrealistisches Tonstudio auf die Bühne gebaut, in dem Nina Hoss, unterstützt von Sebastian Schwarz als Regisseur und Ali Gadema als Toningenieur, den Synchrontext liest. In der zweiten Hälfte entwickelt sich zwischen der Sprecherin und dem Regisseur ein Gespräch, in das mehr und mehr Realien aus dem Umfeld der Schauspielerin Nina Hoss, also nicht der Figur, die sie spielt, einfließen, insbesondere die Lebensgeschichte ihres Vaters Willi Hoss, der, wie Eribons Vater, aus einer Arbeiterfamilie stammte, Kommunist war, bei Daimler-Benz mit einer Gruppe Gleichgesinnter im Konflikt mit der Gewerkschaft erfolgreich für den Betriebsrat kandidierte, später in diversen Funktionen bei den Grünen mitarbeitete, schließlich in Lateinamerika an sozialen Projekten beteiligt, niemals aber der Verführung durch die Rechte auch nur ansatzweise zu erliegen bedroht war. Das ist ein Thema, das zu fesseln vermag, wenn es sich auch nicht gerade im Zentrum deutscher Mediendiskurse und wohl auch nicht der Interessen des typischen Schaubühne-Publikums befindet.

Totale Künstlichkeit

Das diametrale Gegenstück trifft man in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz an, in einer sehr freien Bearbeitung des auch verfilmten Romans „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides, einer Koproduktion der unrühmlich in die Schlagzeilen geratenen Volksbühne mit den Münchner Kammerspielen. Susanne Kennedy hat mit Realismus nichts im Sinn. Sie setzt auf totale Künstlichkeit. In ihrer Inszenierung spielt ein Avatar eine entscheidende Rolle, aber auch die fünf Schauspieler ließen sich verlustlos durch synthetische Menschen ersetzen.

Der Gag des Abends besteht darin, dass sich hinter den Frauenmasken, die von Anfang bis Ende die Gesichter verdecken, Männer befinden. Das führt zwar zu einer Verblüffung, wenn sie beim Verneigen die Masken abnehmen, ist aber nichts weniger als neu. Die Verhüllung der wahren Identität und des Geschlechts von Schauspielern durch Masken ist so alt wie das europäische oder asiatische Theater selbst. Und auch die Verzerrung der Sprache mit technischen Vorrichtungen hat schon, zumal im Hörspiel, ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. So wird Theater zum Vorweis technischer Machbarkeit wie der computergenerierte Film. Darin verliert sich, was der Programmzettel in einem Gespräch mit der Regisseurin als thematisches Interesse formuliert. Der Mensch ist in Kennedys eher räumlich als zeitlich strukturierter „Installation“ allenfalls Vorwand, an dem Reste des Narrativen aufgehängt werden. Das muss nicht uninteressant sein, kann einem gefallen, aber es bedeutet den Verzicht auf das Alleinstellungsmerkmal des Theaters, auf jene Eigenheiten, die Theater von anderen Künsten unterscheiden. Davon erfährt man bei jeder hochgezogenen Augenbraue der Nina Hoss mehr.

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erstellt am 18.5.2018

Hans-Jochen Wagner und Nina Hoss in „Rückkehr nach Reims“, Foto: Arno Declair

Theater in Berlin

Rückkehr nach Reims

Nach Didier Eribon

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel

Mit: Nina Hoss, Hans-Jochen Wagner, Ali Gadema / Renato Schuch

Schaubühne

Die Selbstmord-Schwestern

Nach Motiven des Romans von Jeffrey Eugenides

Regie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Teresa Vergho

Mit: Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber, Damian Rebgetz, Ingmar Thilo

Volksbühne