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Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Riesenerfolg. Manche Arie ist zum Schlager, manche Zeile aus dem Libretto zum geflügelten Wort geworden, so die Lebensweisheit des Grafen Danilo: „Verlieb' dich oft, verlob' dich selten, heirate nie!“ Nun wird Lehárs Operette an der Oper Frankfurt auf ihre Wirkung im 21. Jahrhundert getestet. Stefana Sabin sah die Premiere der neuen Inszenierung.

Lehárs Operette über Geld und Liebe an der Oper Frankfurt

Ein zwiespältiges Happy End

Am Anfang sitzt die Sopranistin im Negligé in ihrer Garderobe am Klavier – am Ende sitzt sie dort wieder, allerdings in Abendrobe. Dazwischen hat sie, so die Suggestion der neuen Frankfurter Inszenierung der „Lustigen Witwe“, in einer Inszenierung, genauer: in einer Verfilmung der „Lustigen Witwe“, die weibliche Hauptrolle gespielt. Vor allem zu Beginn werden Bildzitate aus den berühmten Verfilmungen der dreißiger Jahre eingestreut. Denn Claus Guth und seine Mannschaft haben der Wirkung von Lehárs Operette wohl nicht ganz getraut und sie auf eine Metaebene gehoben. Sie zeigen also nicht das Musikstück, sondern die Verfilmung eines Musikstücks um eine reiche junge Witwe, die den Geliebten, der sie einmal verschmähte und sie dennoch nie vergessen konnte, wiedertrifft und nach einigem Hin und Her schließlich heiratet. So sollen also die Salon- und Tanzszenen ein Stück-im-Stück sein, sie werden scheinbar gefilmt, weswegen Kamera- und Tonmänner (eher hilflos) auf der Bühne hantieren und ein Regisseur die Schauspieler herumkommandiert. Die Garderoben-Szenen dagegen sind nur das Stück – sie geschehen hinter der Kulisse der laufenden Verfilmung. Der Regisseur ist gewissermaßen die Verbindungsfigur der beiden Spielebenen – mal nennt er den Tenor Iurii, wie er tatsächlich heißt (Iurii Samoilov), mal nennt er ihn Danilo, wie er im Stück, das verfilmt wird, heißt.

Diese inszenatorische Verkomplizierung der Handlung liefert keine neuen Erkenntnisse über den Stoff und keine neue Deutung der Figuren – sie erlaubt aber, die Operette „so wie sie ist, transparent wider ihren Willen“ zu retten, wie Adorno gemeint hat. Und so dreht und dreht sich die Frankfurter Bühne, vor und zurück, und zeigt abwechselnd den Pariser Salon, in dem gefeiert und getanzt wird, einen Garten, in dem geflirtet und gekungelt wird, oder aber die Garderoben, in denen die Sopranistin und der Tenor mit ihren Rollen – und ihrer Beziehung zueinander – hadern.

„Die lustige Witwe“ an der Oper Frankfurt: Iurii Samoilov (Danilo) und Marlis Petersen (Hanna), Foto: Monika Rittershaus

Die einfache Handlung lässt sich nachvollziehen, auch wenn die Dialoge nicht immer verständlich sind – und dass dabei verschiedene Akzente hörbar sind, verleiht der Inszenierung einen Hauch des als K-und-K-Weltstadt imaginierten Paris des ursprünglichen Librettos. Die Ensemble- und Tanzszenen (Chor Tilman Michael, Choreographie Ramses Sigl) akzentuieren die Unterhaltungsdimension der Operette – und verlangen vor allem von den Hauptsängern einen außerordentlichen Einsatz. Die Sopranistin Elisabeth Reiter, erst kurz vor der Premiere in die Rolle der Valencienne eingewechselt, bringt eine glanzvolle Leistung: sie singt und spielt und tanzt gleichermaßen gekonnt und entfaltet eine bezaubernde Bühnenpräsenz. Marlis Petersen gibt eine eher melancholische lustige Witwe, was dem Regiekonzept ebenso entspricht wie ihrer Stimme.

Als Graf Danilo brilliert Iurii Samoilov, der den betrunkenen Schauspieler in seiner Garderobe genauso überzeugend gibt wie den eleganten Grafen im Festsaal, den zurückhaltenden Verliebten genauso wie den frechen Draufgänger. Samoilov spielt nicht nur die Hauptfigur im Stück – er ist auch die Hauptfigur dieser Inszenierung.

Dass das gattungstypische Happy End zwiespältig gerät, ist Teil des Regiekonzepts. Denn das Stück im Stück endet, wie eben die Operette, mit der angekündigten Heirat der lustigen Witwe und des Grafen – im Stück aber ist die Sopranistin, die die Witwe gespielt hat, in ihrer Garderobe wieder allein, nachdem der Tenor ihre Avancen ignoriert hat. So haftet dieser Inszenierung trotz der vielen, revueartigen Szenen, trotz der üppigen Kostüme und des geschickten Bühnenbildes (beides von Christian Schmidt) eine schwermütige Note an. Das hat das Premierenpublikum keineswegs daran gehindert, enthusiastisch sowohl dem Ensemble als auch der Dirigentin und also dem Orchester zu applaudieren, ja zuzujubeln.

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erstellt am 16.5.2018

Marlis Petersen (Hanna) und Iurii Samoilov (Danilo), Foto: Monika Rittershaus

Operette in drei Akten

Die lustige Witwe

Von Franz Lehár (1870-1948), Text von Victor Léon und Leo Stein

Musikalische Leitung Joana Mallwitz
Regie Claus Guth
Bühnenbild und Kostüme Christian Schmidt

Graf Danilo Danilowitsch Iurii Samoilov
Hanna Glawari Marlis Petersen

Oper Frankfurt