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Jean-Michel Basquiat gehört zu den herausragendsten Zeichnern der zeitgenössischen Kunstwelt. Seine charakteristische Linienführung sei einzigartig, heißt es auch unter Kunsthistorikern. Zugleich ist er der erste Künstler mit afroamerikanischen Wurzeln, der sich im umkämpften Kunstmarkt New Yorks in den 80er Jahren behaupten konnte. Von 1000 Werken, die Basquiat in seiner kurzen Lebenszeit geschaffen hat, entstanden 150 Arbeiten gemeinsam mit Andy Warhol. Nach wegweisenden Ausstellungen in New York, Paris und London gab die Austellungshalle Schirn im Frühjahr 2018 unter dem Titel Boom for real Einblick in Leben und Werk des Künstlers.

Ausstellung

Das “Schwarze” ist mein Protagonist

Der Weg des New Yorker Künstlers Jean-Michel Basquiat begann bewusst geheimnisvoll. Auf Hauswänden und Mauern tauchten 1977 in New York plötzlich rätselhafte, poetisch konzeptuelle Graffiti auf, die immer mit dem Pseudonym SAMO© gekennzeichnet waren. Die Graffitis waren stets an Orten zu sehen, an denen wenig später einflussreiche Events der Szene stattfinden sollten. „Viele dachten damals, es handelt sich um einen weißen Konzeptkünstler“, erzählt der Kunsthistoriker Dieter Buchhart bei einer Führung durch die Schirn-Ausstellung Basquiat. Boom for real, die er zusammen mit Eleanor Nairne kuratiert hat.
Erst als Ende 1978 im Magazin Village Voice ein Gespräch mit dem Künstler-Duo Basquiat und Al Diaz über das Konzept von SAMO© publiziert wurde, klärte sich auf, wer hinter den rätselhaften Graffitis gestanden hatte. Heute, dreißig Jahre nach seinem frühen Tod, zählt Jean-Michel Basquiat (1960–1988) zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts.

Blick in die Ausstellung. Foto: Andrea Pollmeier

Gelebte Linie

Die Frankfurter Ausstellung folgt einem Parcours durch Basquiats Leben. Ihr Anspruch ist es zu zeigen, wer dieser junge, zum Mythos gewordene Mann war, der die New Yorker Kunstszene in den 80er Jahren so sehr fasziniert und irritiert hat. Sie beginnt mit den Abbildungen der Graffitis der späten 70er Jahre. Dort ist auch das Wortspiel zu lesen, das der Ausstellung und dem dazu entwickelten Katalog den Titel gab: Boom for Real. Die Phrase findet man – anders als TAR, SALT oder die dreizackige Krone – in Basquiats Werken nur an wenigen Stellen. Sie reflektiert jedoch, so der Kurator, die Eigenart seiner Vorgehensweise besonders anschaulich. „ Boom for real wirkt wie gesprochene Sprache“, meint Buchhart. Die Phrase beschreibt einen explosiven Moment, der alles in Stücke reißt. So entstehen gleichwertige Informationsfragmente, die anschließend nach Basquiats Vorstellungen wieder zusammengeführt werden. Es entsteht ein Wissensraum, der Inhalte auf ganz eigene Weise miteinander in Beziehung setzt und die Denkweise des Künstlers widerspiegelt.

Mit dieser Vorgehensweise war Basquiat seiner Zeit weit voraus. „Wissensraum“ ist ein Terminus, der erst in den letzten zehn Jahren eine besondere Aktualität erhalten hat. Er beschreibt, wie man beim Navigieren im Internet dreidimensional agieren kann, Informationen über- und nebeneinander legt, heranzoomt und Informationen verbindet, die auf dem Bildschirm manchmal nur ganz zufällig gemeinsam erscheinen. In dieser Art hat Basquiat bereits gearbeitet, bevor die digitale Welt in den Lebensalltag Eingang fand.

Kurator Dieter Buchhart erläutert das Selbstporträt (Untitled, 1982) von Jean-Michel Basquiat in der Schirn-Ausstellung. Foto: Andrea Pollmeier

Explosiver Moment

Basquiat war Performer, Schauspieler, Musiker und Poet. Eine Fotogalerie verweist auf diese vielfältigen Aktivitäten und die prekären Umstände, die diese künstlerische Phase prägten. Die Zeit, die Basquiat zuvor in Kindheit und Jugend erlebt hat, bleibt hingegen unsichtbar. Sie lässt sich jedoch aus einzelnen Katalogbeiträgen und der dort sorgfältig ausgearbeiteten Chronologie ableiten und dürfte für dessen künstlerische Positionierung ebenfalls bedeutsam sein.

Basquiat ist am 22. Dezember 1960 als Kind eines fünf Jahre zuvor eingewanderten Haitianers und einer Amerikanerin in Brooklyn, New York geboren worden. Er wuchs in einem intellektuellen Umfeld auf, besuchte eine katholische Privatschule und lernte früh spanische, französische und englische Texte lesen. Mit seiner Mutter, die selbst puerto-ricanische Wurzeln hatte, ging er regelmäßig in die großen Kunstmuseen der Stadt. Diese Phase privater, bürgerlicher Stabilität währte bis in sein achtes Lebensjahr. 1968 wurde zu einem Schicksalsjahr. Damals überlebte Jean Michel Basquiat zwar einen schweren Autounfall, doch trennten sich in diesem Jahr auch seine Eltern. Mit seinen beiden jüngeren Schwestern blieb Basquiat bei seinem Vater in Brooklyn und zog als Dreizehnjähriger mit ihm für zwei Jahre nach Puerto Rico. Dort versucht Basquiat zunächst vergeblich, sein Zuhause zu verlassen. Er kehrt mit seiner Familie zurück nach Brooklyn. In der Schule in Brooklyn befreundet sich Basquiat mit dem Graffiti-Künstler Al Diaz und schreibt in der Schulzeitung Geschichten über die von ihm entwickelte Kunstfigur SAMO. Zusammen mit Al Diaz wird er später unter dem Decknamen SAMO© die bereits erwähnten geheimnisvollen Sprüche an Hauswände sprühen.

Während Basquiat in Brooklyn heranwächst, ändert sich die politische Lage in den USA entscheidend. Nachdem Martin Luther King 1963 seinen Traum von einer freien, gleichberechtigten, an den Menschenrechten orientierten Gesellschaft formuliert hatte, wird zwar 1964 die Rassentrennung in den USA offiziell abgeschafft, doch das politische Klima bleibt unruhig. 1965 wird Malcolm X ermordet, drei Jahre später erfolgen Attentate auf Martin Luther King (1968) und Robert Kennedy. Die Studentenunruhen gegen den Vietnamkrieg nehmen bis zum Ende des US-Kriegseinsatzes 1973 stetig zu.

Parallel wächst die soziale Armut in der Mega-City New York. Basquiat, der 1978 die Schule ohne Abschluss verlässt und von zuhause auszieht, hält sich mit kleinen Gelegenheitsarbeiten über Wasser und wohnt bei Künstlerfreunden. Die Lebensstimmung dieser Zeit hat Jennifer Clement in ihrem Buch Widow Basquiat, in dem sie das Leben von Suzanne Mallouk mit Basquiat anhand vieler Originalzitate erinnert, herausragend beschrieben. „Man ahnt heute nicht mehr, wie arm wir waren,“ erzählt auch Jennifer Stein, die 1979 mit Basquiat Postkarten gestaltet und für wenig Geld auf der Straße verkauft hatte. Ziel war und blieb es, ein großer Künstler zu werden.

Verhandeln zwischen Linie, Wissen und Wort

Immer wieder wird das frühe Werk Basquiats mit dem Neoexpressionismus in Verbindung gebracht. Seine Arbeiten prägen impulsive, gestische Züge. Vieles wirkt roh. Alles, was ihn umgibt, wird einbezogen. Er sprayt auf Schaumstoff, nimmt irgendein Möbelteil und malt, zeichnet oder collagiert darauf. Trotz dieser rohen Ästhetik lehnt es Kurator Dieter Buchhart explizit ab, Basquiats Werk dem Neoexpressionismus zuzuordnen. In New York hat sich der wissbegierige junge Künstler nicht willkürlich spontan in der Szene von Downtown Manhatten bewegt, sondern zielstrebig an seiner Entwicklung gearbeitet und beispielsweise am Unterricht des Konzeptkünstlers Joseph Kosuth teilgenommen. „Basquiat war ein Künstler, der zwischen der Linie, dem Wissen und dem Wort verhandelt hat“, sagt Buchhart. So sei sein Werk geprägt von einer konzeptuellen Auseinandersetzung mit der Idee der Verschneidung von Wort, Poesie und Bild.

Wie stark sich Basquiat Textwelten verbunden fühlte, zeigen die riesigen Flächen, die er mit sorgfältig gezeichneten Buchstabenfolgen und Worten ausgefüllt hat. Er liebte deren Bedeutung, Klang und Aussehen und benutzte “Wörter wie Pinselstriche” heißt es (nach Klaus Kertess) im Katalog Boom for real. Auch seine Art, in einem Interview das Sujet seiner Werke, „das Schwarze”, als „Protagonist” zu bezeichnen”, verweist auf diese narrative Idee, in den Bildern eigene Geschichten zu erzählen. Basquiat hatte zwar kein Studium der Kunst oder Kunstgeschichte absolviert, dennoch verfügte er über ein komplexes, autodidaktisch erworbenes, geschichtliches und kunsthistorisches Wissen. Er nahm alles auf wie ein Schwamm, erzählt Suzanne Mallouk in ihren Erinnerungen.

Die erste Ausstellung, in der Basquiat erstmals seine Werke auf einer Wand öffentlich in New York gezeigt hat, ist in der Ausstellung in Frankfurt rekonstruiert worden. Konzeptuelle Kennzeichen seiner Arbeit sind hier, so Buchhart, bereits erkennbar: Es gibt eine für Basquiat charakteristische, vom Körper ausgehende, „gelebte Linie!“ Diese ist bereits verbunden mit Buchstabensetzungen oder auch –löschungen, mit bedeutungsfreien Zeichen und Zeichnungen. In das Bild eingearbeitete Buchstabenfolgen sollen, so die Empfehlung eines engen Freundes und Hip-Hop-Musikers, innerlich laut ausgesprochen werden. Erst dann werde spürbar, dass Basquiats Lautfolgen die Qualität von Lautgedichten besitzen und so auf Werke wie die „Ursonate“ von Kurt Schwitters verweisen.

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erstellt am 15.5.2018

Jean-Michel Basquiat, Glenn, 1984. Foto: Andrea Pollmeier

Ausstellung

Basquiat. Boom for Real

16. Februar – 27. Mai 2018

Schirn Kunsthalle Frankfurt