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Die 1981 geborene Schriftstellerin Ekaterine Togonidze hat mit ihrem Debütroman „Einsame Schwestern“ das in Georgien bis heute verdrängte Thema Behinderung poetisch verarbeitet. Der Roman ist jüngst auf Deutsch erschienen, Alban Nikolai Herbst hatte Freude an der Lektüre.

Buchkritik

Zweie, aber ach! doch eins.

Das Richtungsschild der Frankfurter Buchmesse steht auf Georgien, ihr Gastland dieses Jahres, und so, wie das alte Land Medeas, deren Namen viele moderne Georgierinnen heute noch tragen, ein kleines ist – die Einwohnerzahl entspricht etwa der von Berlin – haben dort die Dichterinnen und Dichter schon gelinderer Konkurrenz halber unvergleichlich bessere Chancen als in bevölkerungsreichen Ländern wie etwa Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen. Umso größer die Chancen nun auf ein Weltpublikum – zumal der georgische Staat rege daran beteiligt ist, auch mit finanzieller Unterstützung der Übersetzungen, es ihnen zu verschaffen.

Das haben passenderweise auch kleine Verlage vermerkt, früh schon etwa Arco, der bereits im vergangenen Jahr gleich zwei Klassiker der georgischen Literatur vorgelegt hat: Nikolos Barataschwilis „Gedanken am Flusse Mtkvari“ und Grigol Robakidses „Magische Quellen“ – quasi Grundlagentexte zum Verständnis der Literatur des unter sowjetischer Knute ziemlich gebeutelten Landes. So bedeutet eine internationale Aufmerksamkeit für georgische Literatur eben auch für diese kleinen Verlage erhöhte Aufmerksamkeit – zumal für sie, also jene, die Rechte erheblich preisgünstiger zu erwerben sind als etwa aus den USA. Da kann es für beide Seiten zu wirklichen Glücksfällen kommen.

Ekaterine Togonidze, Foto: Teona Dolenjashvili
Ekaterine Togonidze, Foto: Teona Dolenjashvili

Ganz sicherlich ein solcher ist das Debüt Ekaterine Togonidzes, deren Romanerstling die grad einunddreißigjährige Autorin sofort in die erste Reihe der jungen georgischen Literatur katapultiert hat. Im Wiener Verlag Septime ist er unter dem Titel „Einsame Schwestern“ jüngst auf Deutsch herausgekommen. Das schmale Buch ist in der Tat schon einmal deshalb beachtlich, weil es ein in Georgien bis heute verdrängtes Thema poetisch behandelt, Behinderung nämlich. Und es tut dies geschickt, indem er, dass Behinderte quasi versteckt werden – im Straßenbild gibt es sie schlichtweg nicht – zum Ausgangspunkt der Erzählung macht, und zwar einerseits introspektiv, andererseits aber auch auktorial.

Im selben Körper

Das ist in doppeltem Sinne pfiffig. Zum einen, weil alleine die wechselweise Nennung „Dianas Tagebuch“ zu „Linas Tagebuch“ die gewählte Form auch realistisch legitimiert, zum anderen weil die gewählte Behinderung eine durchaus exklusive ist: Erzählt wird von zwei Schwestern in demselben Körper; sie teilen ihn sich unterhalb des Bauchnabels, haben dennoch nur zwei Arme, die sie auch personal zuordnen („Linas Hand“, „Dianas Arm“), allerdings zwei Köpfe. Deshalb sind die Mädchen faktisch auch operativ nicht teilbar, so verschieden sie doch gleichzeitig sind, geradezu charakterlich gespalten: Hier die Verträumte, da die Pragmatische, sind sie einander durchaus nicht immer hold. Schreibt die eine in ihr Tagebuch, soll es die andere nicht lesen.

Die Mädchen werden fernab der Stadt von ihrer zunehmend vergreisenden, schließlich versterbenden Großmutter versteckt, „bewahrt“ muss ich sagen, und von ihrem – was sich allerdings erst gegen Ende des Buches herausstellt – älteren Bruder verproviantiert. Dass es sie überhaupt gibt, ist gegenüber der Gesellschaft, aber auch ihrem Vater verschwiegen. Den trifft später die Schuld – eine Wendung, in der das Buch unversehens kitschig wird, leider – oder so herum: Die ihr Material bislang höchst geschickt organisierende Autorin wird zum jungen Mädchen selbst. Aber solche Stellen sind rar.

Ein Naturereignis schwemmt – : wortwörtlich – die nach dem Tod der Großmutter alleinverbliebenen Geschwister in die Stadt, wo sie aufgefischt werden und nun das Schicksal vieler „Verwachsener“ teilen, die öffentlich geworden sind. Sie landen im Zirkus, der für die kleinen Mädchen zwar einmal Sehnsuchtsort gewesen, sich aber nun als eine Hölle erweist, in der ihnen einer der seelisch schlimmsten Missbräuche geschehen wird, der mir bislang zu Ohren gekommen. Togonidze lässt ihn die pragmatische Schwester in einem Tagebucheintrag erzählen: auch dies von der Autorin höchst geschickt gemacht, weil nur der Pragmatismus eine Objektivierung erlaubt, die der Schmerz selber verweigert.

In schlichtem Deutsch

Insgesamt wird in klaren, zuzeiten auch – dem Alter der Mädchen entsprechend – naiven Sätzen erzählt; die Konstruktion ist nicht komplex und darf es auch nicht sein. In ein entsprechend schlichtes Deutsch haben Nino Osepashvili und Eva Profousová es deshalb gebracht. Ja selbst die Naivität der Gedichte ist angemessen, die Lina bisweilen in ihr Tagebuch notiert. Der restringierte Code erzeugt eine Art mitfühlende Rührung. Außerdem kommt es zuzeiten zu altklug zwar anmutenden, tatsächlich aber im Wortsinn merkwürdigen Einsichten: Vielleicht kann man nur dann Liebe empfinden, etwa, wenn man sich der eigenen Bedeutung bewusst geworden ist. Oder zu, hier der geschlechtlich erwachenden Lina, Irritationen innerer Impulse: Vorne an seinem Hals wölbt sich etwas, und wenn er spricht, hüpft es hoch und nieder. Ich möchte es anfassen.

Poetisch sind es tatsächlich die – von den Mädchen anfangs als irritierend erlebten – ersten Sexualgefühle, was von dem Buch in Erinnerung bleibt. Denn Togonidze weiß sie so unmittelbar zu erzählen, dass der Eindruck innigster Echtheit entsteht – und zwar, weil, was an sich schambesetzt wäre, bei in- und miteinander verwachsenen Geschwistern mit Scham besetzt werden nicht kann; ein jeder Versuch zu verbergen, muss ja scheitern. Hier zeigt sich Togonidzes eigentliche Kunst, denn tatsächlich ist die Geschichte rein konstruiert – nach einem „Fall“ aus den USA übrigens, den die Autorin bei Youtube dokumentiert sah. Dass sie darüber ganz freimütig berichtet, unterstreicht zurecht ihren poetischen Stolz. Allerdings wird es nun Zeit, den naiven Stil zu verlassen, der von Togonidze in diesem Roman nur nebenbei konterkariert wird, als Subtext quasi: etwa in den russischen Lehnwörtern, die meist der Beschimpfung, wenigstens Demütigung der mit ihnen Benannten dienen – etwas, das sich wahrscheinlich nicht oder nur ungefähr ins Deutsche übertragen ließe; es müssten denn Fußnoten unter den Text, die „einfache“ Leserinnen und Leser unklug abschrecken würden. Das nun wäre diesem schönen kleinen Buch wirklich nicht zu wünschen.

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erstellt am 07.5.2018

Ekaterine Togonidze
Einsame Schwestern
Roman
Aus dem Georgischen von Nino Osepashvili und Eva Profousová
Gebunden mit Schutzumschlag, 180 Seiten
ISBN 978-3-902711-74-8
Septime Verlag, Wien 2018

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