Ralf Nestmeyer, Vize-Präsident des PEN-Zentrum Deutschland, hat sich mit einem offenen Brief an den Trierer Oberbürgermeister gewandt, um gegen die Einweihung eines Karl-Marx-Denkmals zu protestieren. Thomas Rothschild findet Nestmeyers Anliegen inkonsequent.

Kontrapunkt

Ein Schritt nach Links, zwei Schritte nach rechts

Der neue Vizepräsident des deutschen PEN hat – mit Wissen oder gar im Auftrag der Präsidentin Regula Venske oder im Alleingang – kurz nach seiner Bestellung seine Visitenkarte abgegeben:

Sehr geehrter Oberbürgermeister Leibe,

als Vize-Präsident und Writers-in-Prison-Beauftragter des deutschen PEN bitte ich Sie eindringlich, den Termin für die Einweihung des – von der Volksrepublik China geschenkten – Karl-Marx-Denkmals so lange zu verschieben, bis unser Ehrenmitglied, die Dichterin Liu Xia, aus dem 2010 verhängten Hausarrest entlassen und ihr die Ausreise ermöglicht worden ist.

Ich bin mir sicher, dass dies auch im Sinne von Karl Marx gewesen wäre. „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein“, ist ein bekanntes Zitat von ihm. Als Redakteur der Rheinischen Zeitung trat er wiederholt entschieden für die Freiheit des Wortes ein. Pressefreiheit sah Marx als Ausdruck einer liberalen demokratischen Gesellschaftsform. Paradoxerweise wird gerade diese Freiheit in China seit Jahren extrem eingeschränkt.

Es wäre ein deutliches Signal, wenn Sie sich mit unserem gesundheitlich schwer angeschlagenen Ehrenmitglied Liu Xia solidarisieren würden, um damit ein Zeichen für Meinungsfreiheit zu setzen, das weit über die Stadt Trier hinausstrahlen könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Ralf Nestmeyer
PEN-Vizepräsident, Writers-in-Prison-Beauftragter

Wir dürfen nun neugierig sein, ob Herr Nestmeyer die Entfernung aller Denkmäler und Bilder von Personen fordert, in deren Namen die Meinungsfreiheit eingeschränkt und Menschen nicht bloß inhaftiert, sondern, wenn es gerade opportun erschien, gefoltert und ermordet wurden. Das beginnt bei Jesus Christus und reicht weit über Bismarck und Hindenburg hinaus.

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Kommentare


jutta himmelreich - ( 10-05-2018 01:47:08 )
hat herr ralf nestmeyer die entfernung
des geschenkten denkmals gefordert?
dem offenen brief nach jedenfalls nicht.

... weshalb steht also zu erwarten, dass er
die entfernung anderer denkmäler fordert?

die aufforderung scheint mir angemessen:
"denk[t]_mal an verfolgte rund um die welt."

den einweihungstermin verschieben?
nicht der schlechteste kompromissvorschlag.
[auch wenn china ihn nicht annehmen muss.]

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erstellt am 07.5.2018

Ralf Nestmeyer, Foto: © Stefanie Silber
Ralf Nestmeyer, Foto: © Stefanie Silber