Buchkritik

Limitierter Exzess

In „So enden wir“ erzählt der brasilianische Autor Daniel Galera mit den Stimmen seiner Protagonisten Geschichten der Ernüchterung. Jamal Tuschick hat den Roman gelesen.

Sie nannten ihn Duke. Auf der Beerdigung des ermordeten Schriftstellers Andrei Dukelsky treffen sich 2014 Veteranen einer Avantgarde von 1999 in Porto Alegre. Zu den Madeleines ihrer verlorenen Zeit gehören die Verbindungsaufbaugewitter der Modems, Lieder von Portishead und eine doppelköpfige Ästhetik im Geist von Gus van Sant und Pier Paolo Pasolini. Antero, Aurora und Emiliano heißen die Überlebenden einer Weltuntergangseuphorie in Daniel Galeras Roman „So enden wir“. Der Autor erzählt mit den Stimmen seiner Protagonisten Geschichten der depressiven Ernüchterung.

Antero, Emiliano und Aurora erinnern sich an alte Räusche. „Wir tranken, vögelten und schoben jede Art von beruflicher Verpflichtung hinaus, als läge uns die Zukunft zu Füßen.“ Überall stinkt es nach Müll und Schwellbrand. Das politische Klima ist aufgeraut. Die Busfahrer streiken. Eine Aufstandsbereitschaft greift um sich. Actiongeil beteiligte sich Antero im Vorjahr der Handlungsgegenwart an einem Antifa-Intifada-Durchmarsch. Der einigermaßen glücklich verheiratete Unternehmer mit finnischen Vorfahren warf vermummt einen Stein in die Auslage seines Geschäfts (in einer von Überwachungskameras aufgezeichneten Inszenierung). Den Vorgang überliefert Antero als „Simulation“. Daheim erschafft er Kompositionen aus Online-Pornografie in „algorithmischer“ Erzählmanier. Aus Versehen schwängert er Aurora. Die Biologin wollte als Kind Kryptozoologin werden und den Fortbestand vermeintlich ausgestorbener Arten nachweisen. Die Fauna fasziniert sie von jeher „mehr als das Okkulte, die Literatur oder das Fernsehen“. Sie ist wissenschaftlich am Biorhythmus von Pflanzen hängengeblieben. Ab und zu zieht sie sich vor der Kamera ihres Notebooks aus. Ihre Netzpersönlichkeit firmiert als janehendersonlove in Anspielung auf eine von Nastassja Kinski verkörperte Filmfigur.

Aurora unterhält sich mit Leuten, die Sadomaso-Kostüme „so tragen als wären es Pyjamas“. Emiliano, der Duke besonders nah gekommen ist, soll schnellfertig eine Biografie über den Ermordeten schreiben. Er besucht die letzte Vertraute des fremden Freunds. Francine überlässt ihm eine Sammlung apokalyptischer Vorschauen. Sie gibt noch mehr Informationen aus einer publizistischen Unterwelt weiter, die eine digitale Geheimschrift andeuten.

Daniel Galera, So enden wir, Roman, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner, Suhrkamp, 231 Seiten

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Kommentare


F. Schmidt-Mechau - ( 10-05-2018 10:30:53 )
Einige knallbunte Episoden aus einem Roman gepflückt und ohne Zusammenhang aneinander gereiht - ist das eine Buchbesprechung? Das ist nichtssagendes Gestammel und man kann es sich sparen.

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erstellt am 04.5.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Daniel Galera in der brasilianischen Botschaft, 2013, Foto: Jamal Tuschick
Daniel Galera, Foto: Jamal Tuschick