Mit seinen Sozialreportagen aus der Wiener Unterwelt wurde Max Winter (1870-1937) vor gut hundert Jahren berühmt. Kürzlich wurde er wiederentdeckt. Nun ist ein Buch mit ausgewählten Reportagen Winters erschienen, und Martin Lüdke empfiehlt es.

Lüdkes liederliche Liste

Ein Wallraff in Wien

Wer schlau ist, schläft nackt. Das lernt man schnell in diesen Unterkünften, in denen Max Winter so manche Nacht verbracht hat. Denn dann können die kleinen, lästigen Mitbewohner, Läuse, Flöhe, Wanzen, die nachts ihrer blutsaugenden Arbeit nachgehen und den Schlaf zur Tortur machen, sich nicht noch in der Kleidung fest- und so auch am Tage ihre Arbeit fortsetzen.

Max Winter, den Verhältnissen entsprechend angepasst, unrasiert, in schäbiger Kleidung, hat solche Erfahrungen am eigenen Leib gemacht und oft mit einer Intensität beschrieben, die auch auf seiner nüchternen Genauigkeit beruhte – und dem Leser auch heute noch buchstäblich den Atem rauben kann.

Max Winter, verkleidet als Obdachloser, im Zuge seiner Reportage für die Arbeiter-Zeitung über „Strotter“ im Jahre 1902
Max Winter, verkleidet als Obdachloser, 1902

Als ich, es war zugegeben bereits etwas später am Abend geworden, seine Reportage über einen „’Strottgang’ durch die Wiener Unterwelt“ las, so zwischen eins und zwei, der Text ist gerade einmal achtzehn Seiten, hatte ich plötzlich mit Atemnot zu kämpfen. Mein Atem ging schneller, ich japste nach Luft. Winter bekennt gleich eingangs, dass so ein „Strottgang“ eine „harte körperliche Plage“ sei, doppelt hart für einen „Schreibtischmenschen“, der (damals, anders als heute) seine sitzende Tätigkeit selten mit sportlicher Aktivität kompensierte. Strotter – das waren sozusagen Goldsucher, nicht in den Weiten Alaskas oder dem Westen der USA, sondern in den Kanal- und Abwassersystemen der österreichischen Hauptstadt Wien. Schatzgräber – in den Jauchegruben der Großstadt.

Der Strotter sucht nach den Schätzen, die von der städtischen Bevölkerung, meist versehentlich, in diesen Untergrund versenkt worden sind. Mit einem kleinen Rechen durchfurcht er den sandigen Boden, findet zuweilen Münzen, oft abgerissene Knöpfe, Messerklingen und Blechlöffel, manchmal aber auch Silberbesteck, also Gegenstände, die meist über den Abwasch ins Abwasser geraten waren.

In den Untergrund

Harte Arbeit, die über einen langen Zeitraum ein verlässliches Einkommen sicherte, doch durch den technischen Fortschritt, die Modernisierung der sanitären Anlagen immer weniger einbrachte. Der Strotter, den Winter auf seiner mühsamen Tour begleitete, hofft immer noch auf den großen, glücklichen Fund, doch immer öfter vergeblich Mit ihm macht er sich nun auf den Weg in den Untergrund.

Der Einstieg ist eng. Die Luft scheint knapp. „Der Oberkörper ist in der waagrechten, die Beine sind etwas gebeugt. In der Rechten trage ich das Lämpchen, dessen offene Flamme bei jedem Schritt nach vorwärts einen schwarzen Rauchschwall meinen Lungen sendet. Die linke Hand gleitet, für den gebeugten Körper Stützen suchend, an der nassen, stellenweise glitschigen Kanalwand dahin.“ Die Gänge, vom Abwasser durchströmt, sind selten einmal mannshoch, sodass man in sich einer Haltung vorwärtsbewegen muss, die erst einmal gelernt werden will. „Der Atem, den es mir zuerst ganz verschlagen hatte, geht kurz. Meine Beine zittern.“ Der Schritt stockt. Der Strotterer, sein Führer, war schon weit voraus gegangen. Und Winter, schweißtriefend, bereut es, gerade inbrünstig, dass er sich überhaupt auf dieses Abenteuer eingelassen hat.

Mit solchen Reportagen ist Max Winter seinerzeit, vor gut hundert Jahren, bekannt, ja berühmt geworden.

Winter wurde 1870 in der Nähe von Budapest geboren, mit drei Jahren bereits nach Wien gekommen, hatte das Gymnasium abgebrochen, eine kaufmännische Lehre absolviert, aber bald schon zu schreiben begonnen. 1895 holte ihn der österreichische Sozialistenführer Victor Adler in den Redaktion der Arbeiter-Zeitung, für die er, bis zu ihrem Verbot, 1934, mehr als tausendfünfhundert Reportagen schrieb.

Alfred Polgar bemerkte anlässlich eines Buches von Winter, freundlich-ironisch, dass sich der Journalist endlich „zum Schriftsteller summiert“ habe. Er habe sich unter die tristesten Großstadtbewohner gemischt, die Obdachlosen, Trockenwohner, habe ihre Sprache gesprochen, ihr Leben, zeitweise, geteilt, mitgelebt. „Von all diesen Erfahrungen und Beobachtungen“, schreibt Polgar, „erzählt er sehr ruhig, trocken, einfach, objektiv, ohne ‚rote Drastik’, mit Verzicht auf Pointen und effektvolle Kapitelschlüsse.“ Aber mit der „starken Wirkung“, die sich seinem „persönlichen Erleben“ verdankt.

Aus eigener Erfahrung

Winter hat vorgemacht, was später einmal ein Günter Wallraff vielleicht nicht nachgemacht, doch fortgesetzt hat. Das Leiden aus eigener Erfahrung beschrieben.

Winter verbringt eine Nacht auf einem Polizeirevier. Er mischt sich unter die Obdachlosen, die in Asylen Unterschlupf suchen. Er beobachtet die Arbeitsbedingungen von Menschen, die unter unmenschlichen Verhältnissen arbeiten müssen. Er verdingt sich allerdings auch als Statist im Burgtheater und Kulissenschieber an der Staatsoper. Seine Reportagen hatten ihn berühmt gemacht. Und Feinde sie hatten ihm auch gebracht. Winter klagt nicht an, er deckt nur auf, klärt auf, zeigt, was sich häufig im Verborgenen abspielt.

Winter war 1934, noch rechtzeitig, in die USA emigriert. Er wurde von dem Dollfuß-Regime „ausgebürgert“, und kämpfte dann allerdings vergeblich darum, in Amerika Fuß zu fassen. Bereits 1937 starb er in Hollywood.

Vor einigen Jahren wurde er glücklicherweise wiederentdeckt. Glücklicherweise deshalb, weil uns seine Reportagen zeigen, dass sich in den vergangenen hundert Jahren viel, sehr viel und auch entscheidendes verändert hat. Doch sie zeigen uns ebenfalls, das etwas gleich geblieben ist: die Profitgier des Kapitals, die Absurditäten eines unermesslichen Reichtums auf Kosten der Verarmung immer größerer Teile der Bevölkerung. Was Friedrich Engels in seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieben hatte, findet man heute in Sri Lanka wieder. Was Winter beschreibt, findet sich immer noch in den sog. Problemzonen unserer Vorstädte.

Max Winters Reportagen zeichnen sich durch eine klare Beweisführung und die Überprüfbarkeit seiner Fakten aus. Er hat seine Leser eindringlich auf den, wie Polgar es nannte, „Gestank der Fakten“ hingewiesen. Wir heute dürfen uns fragen, ob es bei uns besser riecht.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.5.2018

Max Winter
Expeditionen ins dunkelste Wien
Meisterwerke der Sozialreportage
Herausgeber: Hannes Haas
Gebunden, 282 Seiten
ISBN: 9783854524939
Picus Verlag, Wien 2018

Buch bestellen