1915, Richard Strauss komponiert die Alpensinfonie, es ist Krieg, und selbst die meisten Komponisten sind davon begeistert. Und in Frankreich beziehen Claude Debussy und Reynaldo Hahn mit Hilfe von zwei Pianisten Stellung. Hans-Klaus Jungheinrich hat die vom Duo Tal & Groethuysen eingespielte und auf CD erschienene Weltkriegsmusik gehört.

Weltkriegsmusik von Debussy und Hahn

Zauber der Zweieinsamkeit

Claude Debussy, ca. 1908, Foto: Félix Nadar
Claude Debussy, Foto: Félix Nadar

Das schöne alte, nahezu vergessene Wort „selbander“ drückt am besten aus, was auch mit dem artifiziellen Begriff „Zweieinsamkeit“ umschrieben werden kann – ein dialogisches Miteinander, in dem das Monologische eines Selbstgesprächs noch mitklingt. „Selbander“ wandeln zwei Menschen durch die Mondnacht und freuen sich, im Austausch der Worte und Blicke und wie für sich meditierend, am Gleichklang ihrer Gefühle und Eindrücke. Mehr als zwei, das ist auf jeden Fall die verstärkte Möglichkeit von Debatte und Streit. (Immerhin gibt es in der sakralen Ikonographie, wohl angeregt durch das Dogma der Trinität, die Konstellation “selbdritt“ mit Maria als Zentralfigur). Zwei, die sich nicht als „Parteien“ gegeneinander aufstellen, können agieren wie eine kräftigere Eins. Bei einem „gemischten“ Duo (etwa dem Miteinander von Klavier und Violine) ist wohl die Verschiedenstimmigkeit Prinzip. Anders noch beim verdoppelten Klavier, wo sich tatsächlich die konzeptionelle Frage stellt: Soll hier die Einheit oder die Zweiheit der beteiligten „Stimmen“ und Individualitäten hervortreten? Beim vierhändigen Klavierspiel auf einem Instrument ist sicher ersteres angelegt, verbunden mit der traditionellen Anrüchigkeit, dass der Klavierlehrer im Ineinandergreifen der Hände die Chance einer scheinbar unbedenklichen Annäherung an eine hübsche Schülerin wittern konnte. Zwei Pianisten oder Pianistinnen an zwei verschiedenen Klavieren deuten auf mehr Autarkie (indem sie jeweils eine ganze Klaviatur zur Verfügung haben, die sie nicht mit einem eng platzierten Mitspieler zu teilen brauchen), können aber immer noch die Illusion einer mächtigen klavieristischen Einzelaktion erwecken. Vor der Erfindung technischer Tonträger war für die Reproduktion von Symphonien die Bearbeitung für zwei Klaviere das bevorzugte Medium. Die Vielheit als verdoppelte Einheit.

Claude Debussys „Six épigraphes antiques, pour piano à quatre mains“ geben sich auch durch die poetisierenden Vergangenheits-Anspielungen als ein sparsames, ausgedünntes Stück von „monologisierendem“ Charakter – eine vom Komponisten geplante Orchestrierung hätte die gläsern-transparente Faktur dieser zart konturierten Klangchiffren eher verstärkt als eliminiert. Viel „rauschender“ ist dagegen das Triptychon „En blanc et noir“ geraten, hinter dessen nüchterner Berufung auf Klanggestalten „in Schwarz und Weiß“ sich eine dramatische Tondichtung mit lebhaften Anspielungen auf die bedrängende Situation der Entstehungszeit verbirgt. Debussy komponierte das Stück für zwei Klaviere während des ersten Weltkrieges, zu dessen Beginn er gleichermaßen euphorisch-patriotisch den nationalen Waffengang begrüßte wie leider die meisten Künstler Europas (zu den wenigen rühmlichen Ausnahmen gehörten Stefan Zweig und Karl Kraus). So bringt das Stück einen ähnlich symbolischen Kampf zweier national gefärbter Melodien wie Schostakowitschs „Leningrad“-Symphonie. Hier wird ein ordinäres, impertinent aufgeblasenes Zitat aus der „Lustigen Witwe“ aus dem Feld geschlagen; bei Debussy ist es der französisch bezwungene deutsche Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Debussys Insistieren auf seine „französischen“ Wurzeln war aber auch ein künstlerischer Reflex auf die teilweise noch beherrschende Rolle, die der Wagner-Einfluss in seinem früheren Œuvre ausgeübt hatte.

Die beiden Debussy-Werke von 1914 bzw. 1915 werden Stücken für zwei Klaviere von Reinaldo Hahn aus derselben Zeit gegenübergestellt, die noch unmittelbarer aus dem Kriegsgeschehen hervorgingen, wenn sie auch „leichter“ anmuten und mit feuilletonistisch-anekdotischen, fast an Erik Saties Wunderlichkeiten erinnernden Titeln und Satzbezeichnungen („Der einbalsamierte Halbschlaf“, „Der offene Käfig“, „Des Glücksspiels gleichgültige Verfügung“) aufwarten. Mit sieben mondän-melancholischen Walzern unter der Überschrift „Das entknotete Band“ („Le ruban dénoué“) vertrieb sich Reinaldo Hahn die Langeweile des Stellungskrieges, und mit den drei Miniaturen „Um einen Genesenden zu wiegen“ („Pour bercer un convalescent“) gab er einem verletzten Kameraden während des Lazarettaufenthaltes Trost und neuen Lebensmut. Hahn, ein gebürtiger Venezolaner, der seit seinem fünften Lebensjahr in Paris lebte und sich dort der modernen französischen Musikrichtung anschloss, changiert in vielen Hervorbringungen – die meisten sind heute vergessen – zwischen minutiös ausziseliertem musikalischen Impressionismus und subtilen Abmischungen populärer Pariser Unterhaltungsmusik. Sein Klaviersatz ist etwas weniger „aufgelöst“ als derjenige von Debussy, lässt auch noch vollgriffiger Liszt’scher Brillanz Raum. Verwandtschaft und Kontrast zu Debussy ergeben ein apartes Spannungsfeld.

Unter dem Titel „1915“ macht die neue CD des Duos Yaara Tal & Andreas Groethuysen also auf ernste Motivhintergründe einer Kunst aufmerksam, die das noch ganz andere Potential einer vergrößerten darstellerischen Personalität enthält – und gleichsam naturgemäß zielt das perfekte Zusammenspiel dieser hochtrainierten vier Klavierhände hier zu einer idealtypischen Vereinheitlichung, zu einer tatsächlich staunenswert „monologischen“ Zweieinsamkeit.

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erstellt am 02.5.2018

Claude Debussy, Reynaldo Hahn
1915
Duo Tal & Groethuysen
CD, Sony 88875108322

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