Vom 26. bis 28. April 2018 fand in Berlin ein Festival von und für afrikanische Autoren statt. Das „African Book Festival Berlin“ wurde von der deutsch-nigerianischen Schriftstellerin Olumide Popoola kuratiert. Jamal Tuschick hat es besucht.

Die Schauspielerin Linda Gabriel im Babylon, Foto: Jamal Tuschick
Linda Gabriel im Babylon, Foto: Tuschick

30. April 2018

African Book Festival Berlin

Wie freiwillig ist freiwillig?

Call me Netsy – Die Schauspielerin Linda Gabriel trank dienstlich. Sie hatte als Solistin ein Full House im Babylon. „You think you know me“ wurde am letzten Abend des Festivals aufgeführt.

Ihren bürgerlichen Namen streift sie ab, bevor der erste Kunde kommt. Der Konsument sexueller Dienstleistungen trifft eine Frau, die sich Netsy nennt, zwischen Ständern voller Unterwäsche. Das beschreibt den Auftakt und Aufbau einer Inszenierung von Zaza Muchemwa – und eines Höhepunkts des ersten Berliner African Book Festivals.

Linda Gabriel schrieb sich die Rolle der Netsy selbst auf den Leib. Sie spielt nach ihrem eigenen Text. Für die in Malawi geborene und in Johannesburg lebende, auf Englisch, Chewa und Shona performende Spoken Word-Künstlerin „ist Lyrik wie die Luft zum Atmen“. Ihre Kunst steht in der Tradition mündlicher Überlieferungen. Sie geht zurück auf rituelle Verabreichungsformen des Nahrungsmittels Geschichten. Die Geschichten wurden mit alternativen Darstellungen kombiniert und konserviert und so vor dem Rost der Zeit bewahrt.

„You think you know me“ ist eine Anklage. „Stell dir vor, du würdest deine Tochter an meiner Stelle treffen“, heißt es einmal. Netsy hat kein arrangiertes Verhältnis zu ihrer Beschäftigung. Sie schämt sich vor ihren Kindern und badet ihren Kummer in Wein. Sie wundert sich über die Stärke der Riegel, die sie in einer Unterwelt der Gesellschaft einschließen. Ihr fehlt die Luft zum Atmen, die ihre Freier haben. Geistliche, Spitzensportler, Unternehmer und Politiker treten als Stammkunden auf. Mit Geschenken stehlen sie sich aus der Verantwortung. Netsy erscheint ebenso stolz wie hilflos, wenn sie das Smartphone präsentiert, das ihr ein Honoratior überließ. Was trennt sie von seiner Freiheit? Das ist eine Frage, der Gabriel in ihrem Stück nachgeht. Sie zeichnet die Demarkationslinien einer klandestinen Apartheid. In ihrer Laufhauskammer wirken bürgerliche Schutzmechanismen selten zu ihren Gunsten. Das Gesetz der Straße garantiert das nackte Überleben, solange Netsy den Profit aufstockt. Was ihr bleibt, ist die Verbergung des Selbst in einem Bunker der Phantasie.

„You think you know me“, aber da hast du dich geschnitten. Ihr kennt mich alle nicht. Mit diesem moribunden Fazit endet die Abrechnung auf der Bühne. Damit beginnt das Nachdenken beim Zuschauer. Wie freiwillig ist freiwillig? Reicht es, Freiwilligkeit anzunehmen, sobald kein körperlicher Zwang erkennbar ist?

29. April 2018

African Book Festival Berlin

Sprache und Herrschaft

Minna Salami sagte: „Die Dekolonisierung des Denkens ist ein Prozess, an dem die multinationalen Konzerne als die Erben der Kolonialmächte kein Interesse haben.“

1986 veröffentlichte der kenianische Schriftsteller und ewige Nobelpreiskandidat Ngũgĩ wa Thiong‘o unter dem Titel „Decolonising the Mind“ eine Essaysammlung. Die deutsche Übersetzung erschien mit dramatischer Verspätung 2017. Ngũgĩ wa Thiong‘o untersucht in dem Band Folgen des kolonialen Fallouts. Er zeigt, wie kulturelle Enteignung das Bewusstsein deformiert. Die weiße Suprematie zerstört Leben. Ngũgĩ wa Thiong‘o lässt den Leser begreifen, wie zentral afrikanische Sprachen für die Anschlussmontagen an die ursprünglichen gesellschaftlichen Temperamente sind. Gleichwohl ist Englisch die Lingua franca der schwarzen Kritik im und am Jetzt geblieben. Zweifelhaft erscheint manchen, ob man in einer Usurpatorensprache überhaupt zum Beat des Eigenen findet. Die Frage stellt Andreas Bohne als Moderator der feministisch aktivistisch bloggenden Minna Salami sowie dem Literaturprofessor, Journalisten und Schriftsteller Mũkoma wa Ngũgĩ. Der in Amerika als Sohn eines Weltberühmten geborene Kenianer betonte die Relevanz von „Decolonising the Mind“. Er verlegt für das Begreifen einen Steg. „Stellt euch vor, die deutsche Literatur gäbe es nur auf Französisch.“

Solange Poesie ein aristokratisches Vergnügen und dem Volk entzogen war, galt das in deutschen Ländern. Dichtung war ein höfisches Privileg und der Hof sprach Französisch. Das Beispiel beleuchtet das Verhältnis von Sprache und Herrschaft. Mũkoma wa Ngũgĩ führt dem Sinn nach aus: Die physische Potenz des Empires hat sich verflüchtigt, aber der metaphysische Griff in den Völkernacken wurde nicht gelockert. Wir sprechen, also denken wir in einem kontaminierten Kontext. Die Kolonisierung des Bewusstseins geht weiter, auch wenn Gegenkräfte spürbar sind. Die Infarkte des Ursprünglichen schwächen weiter die Emanzipation.

Die Sprache gehört zur Geschichte mehr als zur Kultur. Afrikaner haben keinen Zugang zu der weißbritischen Geschichte. Folglich sind sie von der Sprache ausgeschlossen, die ihren Alltag gesetzlich regelt.

Minna Salami wurde in Finnland geboren. Ein nigerianischer Vater spendete die Differenz. Ihr Blog „MsAfropolitan“ bekam einen Preis.

Die Aktivistin findet, dass „Decolonising the Mind“ jede Menge Punkte auf der aktuellsten Gegenwartskarte trifft. Sie hält Sprache zwar für determinierend, findet aber die Fragen, die man auch auf Englisch stellen kann, wichtiger als die Sprache selbst. Minna Salami erklärt: „Die Dekolonisierung des Denkens ist ein Prozess, an dem die multinationalen Konzerne als die Erben der Kolonialmächte kein Interesse haben – egal in welcher Sprache.“

Sie fährt ungefähr so fort: Internationale Unternehmen haben nur eine Geschäftsidee. Die Idee heißt Ausbeutung. Sie führen das koloniale Projekt fort. Sich dagegen mit intellektueller Aufrüstung zu wehren, ist nicht leicht. „Man kann nicht einfach eine Pille schlucken und schon ist man dekolonialisiert.“

Minna Salami sieht eine positive Kontinuität im Kampf um die Deutungshoheit über die schwarze(n) Geschichte(n). Sie verbindet Dekolonisierung mit Feminismus.

„Ohne Feminismus findet Dekolonisierung überhaupt nicht statt.“

John Eichler, Foto: Jamal Tuschick
John Eichler, Foto: Jamal Tuschick

28. April 2018

African Book Festival Berlin

We Should All Be Feminists

Clementine Burnley sagte: „Wir haben uns auf der Strecke vom Kolonialismus zum Nationalismus nicht verbessert.“

„Ein Schneemann für Afrika“ – John Eichler war fünf, als er für den Film als Komparse ausgewählt wurde. Eine Sprechrolle kam nicht in Frage, weil der DDR-Leipziger so stark sächselte. In den Babelsberger DEFA-Studios traf Eichler zum ersten Mal schwarze Deutsche, mit denen er nicht verwandt war. Er verliebte sich in eine Elfjährige, die zu seinem Glück auch aus Leipzig kam. Der Autor vermutet in der tagelangen Enteisung unter einander Ähnlichen eine Art Initiation. Er habe sich rundherum wohl gefühlt.

Unter der Überschrift „Immer in Bewegung“ unterhält sich Eichler im Babylon nahe der Volksbühne und dem Rosa Luxemburg Platz mit Clementine Burnley, Leye Adenle und der moderierenden Sarah Ladipo Manyika über das Verhältnis von „Afrikanischer Identität und Afrikanischem Schreiben“. Keiner wurde weiter vom Schuss der Vorgabe entfernt sozialisiert als Eichler, dem die Hautfarbe in seiner Herkunftsgegend einfach nur ein paradoxes Schicksal beschert hat. Seine Auskünfte transportieren Essenzen. Die Abweichung fand auf Bildungspolstern statt; der Vater hatte die Zugangscodes für Academia.

Auch Burnley beschreibt sich als „nahezu komplett britisch“.

„Literarisch bin ich Angelsächsin.“

Burnley wuchs aber in der ehemals deutschen Kolonie Kamerun auf und pendelt zwischen Berlin und Limbe in Kamerun. Sich selbst bezeichnet sie als Schriftstellerin, Aktivistin und Mutter. Sie liest eine Geschichte, die in Treptow spielt und von einer Völkerschau handelt. Eichlers Gemeinschaftserlebnis in Babelsberg kam aus dem Geist der Völkerschauen. Siehe https://www.youtube.com/watch?v=zcXvJ1hmTXI

Burnley singt „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, das gehört zu ihrer Geschichte. „Nein“, sagt sie, „ich repräsentiere nicht Afrika“. Die Autorin erinnert daran, dass die Grenzen Kameruns kolonialeigenmächtig gezogen wurden. Anderenfalls wäre Burnley eine britische Nigerianerin in Berlin.

„Ich denke nicht oft über Identität (via Herkunft) nach. Wir haben uns auf der Strecke vom Kolonialismus zum Nationalismus nicht verbessert.“

Das Schwarzsein ist jedenfalls gut für Afrofeminismus. „We Should All Be Feminists“ heißt ein Buch von Chimamanda Ngozi Adichie. Olumide Popoola, die Kuratorin des ersten Berliner African Book Festivals, zitierte den Titel in der Überschrift einer Gesprächsrunde. Bereits in der Auftaktansprache hatte der Schriftsteller Chris Abani „noch versenkte Schätze feministischer Literatur in Nordnigeria“ erwähnt und festgestellt, dass Imagination grundsätzlich weiblich ist.

„Die Stimmen der Frauen sind die Stimmen der Welt.“

Abani behauptet: „Frauen schreiben besser als Männer, weil sie besser zuhören. Er suchte die idealen Produktionsvoraussetzungen in der ersten Prägung. Literatur entsteht unter beinah antinomischen Bedingungen. Sie beweist Dominanz, indem sie Deutungshoheit beansprucht. Zugleich funktioniert sie als Ausweichmanöver. Sie ist eine soziale 1B-Lösung und eine 1A-Lösung in den Prozessen der zweiten Evolution. Auch Leye Adenle, Enkel eines Königs und Krimibestsellerautor („Easy Motion Tourist“), erklärt: „Ich sehe amerikanisches Fernsehen und lese britische Bücher.“

Seine Identität ergibt sich aus seiner Profession.

„Ich bin Schriftsteller.“

27. April 2018

African Book Festival Berlin

Literatur als fluider Sprengstoff

Der nigerianische Schriftsteller Chris Abani sagte am Eröffnungsabend: „Migration ist das Hauptwort unserer Zeit.“

Überfallen von Gespenstern der Anwandlungen und den Geheimräten eines schwallartigen Offenbarungsfiebers gerät ein Festredner aus dem Tritt der Routine. Er verhaspelt sich, mixt Sprachen und wirbt für sein Chaos. Er versagt als Namensgeber einer großen Stunde und reüssiert als Versager. Auch wenn das Spiel angekündigt wurde, wirkt der Anfang wie das Desaster einer zur Ansage auf die Bühne bestellten Fehlbesetzung. Jerry Hoffmann verkörpert den Entgleisten beim theatralischen Auftakt des ersten African Book Festivals – Writing in Migration.

Seiner Performance ging die erste Diskussion des von Olumide Popoola künstlerisch und vom InterKontinentalteam Karla Kutzner/Stefanie Hirsbrunner organisatorisch geleiteten Festivals voran.

Hoffmann leiht einem Exaltierten mit rheinländischer Großmutter seine Statur. Oma emigrierte nach Bayern und ließ sich da als Fremde mundartlich bis zum bitteren Ende vernehmen. Sie spielte Klavier und fühlte sich von Schumann besonders angesprochen. Jeder Schwarze mit deutscher Mutter hat so eine Oma, die ihn so lieb hatte wie jedes weiße Baby. Sie erschien nur ein bisschen steifnackig, wenn sie den Kinderwagen über den Bürgersteig der Bahnhofsstraße schob; innerlich gut gewappnet gegen grobe Bemerkungen zum Themenkreis Rassenschande.

Die German person of color Hoffmann schildert eine deutsche Person von Farbe, die auf dem Empowerment Ticket von Großveranstaltung zu Großveranstaltung reist und bei jeder Gelegenheit mit dem gleichen als Seelennahrung in den Gemeinden kursierenden Text aufwartet.

Ich verpasse die (selbst)kritischen Punkte der Performance, an der Christiana Burcea, Marcus Peter Tesch, Thorbjørn Uldam randläufig beteiligt sind. An einer Stelle sagt Hoffmann als Mr. G-Poc: „Entscheidend ist der Pass, den du besitzt.“

Wie wahr.

Literatur ist das Nitroglycerin der Kunst – ein fluider Sprengstoff.

Olumide Popoola, die Kuratorin des Festivals, begrüßt den wahren Festredner Chris Abani. Sie sagt: „Da ist nichts neu unter den Monden des Exils.“ Die Exilierten sind auf ewigen Bahnen verbunden mit ihren Vorgänger*innen. Olumide Popoola beschwört die Kraft der Imagination als Impfstoff gegen den Fatalismus.

Der nigerianische Schriftsteller Chris Abani bezeichnet Literatur als die „flüssigste (fließende) Kulturform“. Albani sagt fluid. Ich sage euch, das Wort hat Zukunft. Die Migration schafft fluide Charaktere. Wir sind wie das Wasser, unfassbar und überall.

Abani sagt: „Migration ist das Hauptwort unserer Zeit.“

Entweder drehen sich politische Nachrichten um Kriege, drohende Kriege oder um Migration. Migration ist eine Kriegsfolge. Der Kolonialismus war ein Krieg der Europäer gegen Afrika nicht zuletzt. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so Patrick Chamoiseau in seinem Essay „Migranten“, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Gewohnheitsverbrecher die ersten Weißen, die Schwarze zu sehen bekamen. Diese Lichtgestalten brachten das große Projekt der Zivilisation, das von hinten durch die Faust ins Auge heute gern wieder als positives Kolonialerbe beschworen wird. Der europäische Standpunkt formuliert sich auf einem Berg von Leichen. Die Migranten geraten aus afrikanischen Metropolen in ewignächtliche Randgebiete. Sie siedeln in den Wüsten von Europa. Der in Calais planierte „Dschungel“ bricht durch den Asphalt der Anti-Boulevards.

Jede Auswanderin steht auf den Schultern ihrer Vorgänger*innen.

In einem luzid-fluiden Séance- und Trance-Style erklärt Abani, wie der Westen in Afrika zur Welt kam. Alle Poesie wurden zuerst in der Bibliothek von Timbuktu gesichert. Einige Familien in Mali wirkten als Wärterklans des Weltwissens.

In der Migration fließt der afrikanische Text durch die Zeitzonen des Transits. Seltene Sprachen transportieren geheime Botschaften. Sie haben Infiltrationskraft. Sie markieren die porösen Stellen der weißen Mauern. Sie informieren.

Noch einmal Chamoiseau: „Die Mondialität ist eine Ahnung, von der die gesamte Menschheit in ihrer Diversität ergriffen wird, und die über die Erde in ihrer Weite und Tiefe hinweg alle miteinander verbindet.“

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Foto: Jamal Tuschick
Ayobami Adebayo, Foto: Jamal Tuschick

26. April 2018

African Book Festival Berlin

Schwarz auf Weiß

Das erste, von Olumide Popoola kuratierte African Book Festival Berlin hat begonnen.

Eine Heldin in Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s Roman „Stay with Me“ trifft Entscheidungen am Limit ihrer Persönlichkeit. Oft nutzt sie Chancen, die in der Schmiede ihrer Phantasie real wurden. Ist das Afrika: das Unmögliche (L)leben? Die nigerianische Schriftstellerin liest in der ersten Stunde des ersten Berliner African Book Festivals – „Writing in Migration“. In einem Veranstaltungsmarathon zwischen dem 26. und 28. April präsentieren sich im Berliner Kino Babylon zweiundzwanzig Schriftsteller*innen, Performerinnen und Aktivistinnen, die, so steht es auf dem Waschzettel, „mit ihrer Kunst u.a. gegen ein antiquiertes Frauenbild anschreiben.“ Die Leitung obliegt den InterKontinental Agentinnen Karla Kutzner und Stefanie Hirsbrunner.

Kuratiert wird das Festival von der deutsch-nigerianischen Autorin Olumide Popoola. Sie „greift Themen der Transnationalität und Transkulturalität auf und widmet sich der Migration im Sinne des „In-Bewegung-Seins“. Thematisiert wird mit Hilfe der Fiktion, Poesie, in Vorträgen und auf Podiumsdiskussionen afrikanische Lebensrealität. Wie lebt und schreibt es sich, nach einem erzwungenen oder freiwilligen Schritt nach Europa/den USA? Wie verarbeiten afrikanische Schriftsteller*innen konstante identitäre und räumliche Bewegung? Gibt es eine Verpflichtung gegenüber der Tradition, einer „afrikanischen Identität“ etwa? Writing in Migration bringt Autor*innen über die Kontinente hinweg nach Berlin, deren Bücher literarische Visionen sind und international Trends setzen.“

Im Gespräch mit Stefanie Hirsbrunner fand die Feministin Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s nicht aus der Feststellung, dass das größte Prestige einer Frau ihrer Heimat an die Mutterschaft geknüpft ist. Die Klippe wurde nicht umschifft. Die Realität nahm einem utopischen Denken kurz die Luft – und weiter ging es in der großen Eröffnungsrunde mit den Autor*innen Olumide Popoola, Jude Dibia, Yewande Omotoso und Chika Unigwe. Olumide Popoola moderierte. Sie nannte Sprache Heimat.
„In der Sprache können Migranten in ihrer Heimat bleiben.“

Einig war man sich, dass Sprache nie „neutral“ und „unschuldig“ ist. Sie ist ein Zurichtungsinstrument. Sprache macht uns zu etwas auf unheimliche Weise. Die Zwangsmittel der Segregationen stecken in Formulierungen. Die einen sind davon betroffen und die anderen treffen damit. Die auf Barbados geborene, in Nigeria herangewachsene und nun in Südafrika beheimate Yewande Omotoso sagte: „Keine Gesellschaft ist komplett ohne den Fremden.“

Der Fremde spiegelt das ideale Selbst des Autochthonen im Verkehrtherum eines angenommenen Gegenteils.

Im Weiteren ging es darum, dass man sich als in Europa migrantisch sozialisierte Person of color gern falschen Vorstellungen von echten Afrikaner*innen hingibt. Ein in Schweden aufgewachsener Schwarzer kann mit seinen afrikanischen Erwartungen genauso daneben liegen wie ein weißer Schwede. Wir mutieren sozial an weißen Orten und verinnerlichen den Herrschaftstext und die kolonialen Perspektiven. Wir konkurrieren mit anderen Minderheiten auf der Ebene des besseren Sprechens. Das Phänomen des Weißredens beschrieb die nigerianische Autorin Chika Unigwe, die heute in den Vereinigten Staaten lebt, ihre Migrationserfahrungen aber vor allem in Belgien gesammelt hat.
Olumide Popoola fragte Yewande Omotoso, ob sie in Südafrika angekommen sei. Yewande Omotoso erklärte ihre Zugehörigkeit. Vielleicht kommt man schließlich überall an, wenn man die Migration selbst als Kontinent begriffen hat und das Leben ein Transitraum geworden ist.

African Book Festival Berlin

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erstellt am 01.5.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

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