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Im Jahr 2009 konnte man der wohl berühmtesten deutschen Prostituierten, Rosemarie Nitribitt, in ihrer Wohnung begegnen. Sie, die seit 1957 tot ist, wurde von Regisseur Bernhard Mikeska und den Dramaturgen Alexandra Althoff und Lothar Kittstein in einer szenischen Installation in Frankfurt am Main heraufbeschworen: Walter H. Krämer stellt das Kollektiv RAUM+ZEIT vor.

Theaterkollektiv RAUM+ZEIT

Die Suche nach Nähe

Stiftstraße 36 in Frankfurt / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.5
Stiftstraße 36 in Frankfurt, Foto: Eva Kröcher

Es war im Dezember 2009. Oliver Reese hatte gerade das Schauspiel Frankfurt übernommen und ein Regisseur der ersten Spielzeit war auch Bernhard Mikeska. Seine erste szenische Installation für je einen Zuschauer / eine Zuschauerin in der Mainmetropole war „Remake::Rosemarie“ – ein gut recherchiertes Projekt über die Edelprostituierte der 50iger Jahre und dem bis heute nicht aufgeklärten Mord an ihr. Man betrat einzeln die nachgebaute Wohnung der Rosemarie Nitribitt und begegnete beim Durchwandern der Räume an der Realität orientierten Personen. Zuletzt der Prostituierten selbst. Ein Theaterabend der einem nicht unberührt ließ und durch die intime Nähe zu den Spieler*innen neue und andere Erfahrungsräume öffnete als herkömmliches Theater mit Guckkastenprinzip. Ausgehend von recherchiertem Material entwarf Regisseur Bernhard Mikeska ein subjektives und widersprüchliches Bild von Rosemarie Nitribitt, die am 1. November 1957 tot in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main in der Stiftstraße 36 aufgefunden wurde.

Seit diesem ersten gemeinsamen Projekt („Remake::Rosemarie“ 2009 am Schauspiel Frankfurt) arbeiten die Dramaturgin Alexandra Althoff, der Autor Lothar Kittstein und der Regisseur Bernhard Mikeska unter dem Label RAUM+ZEIT regelmäßig zusammen.

In ihren Arbeiten geht es Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff und Lothar Kittstein sowohl um Erinnerungen und Informationen zu Ereignissen aus der Vergangenheit als auch um den aktuellen Moment und Istzustand des Zuschauers. Daher brechen die drei in ihren Inszenierungen mit konventionellen Erzählweisen. Nicht gradlinig wird erzählt, sondern es werden immer neue Spuren gelegt, Blickachsen verändert und Perspektiven gewechselt.

Konstruierte Erlebniswelt

Der Zuschauer ist dabei in den Eins-zu-Eins-Inszenierungen wahrlich auf sich alleine gestellt. Er durchwandert entweder fiktive Bühnenräume, die extra für eine Inszenierung hergestellt wurden, oder er bewegt sich durch reale Gebäude oder manchmal auch durch ganze Stadtviertel. Befindet sich also gleichzeitig in einer konstruierten Erlebniswelt, die mittels Kopfhörer an sein Ohr dringt, als auch im Hier und Jetzt des Parcours. Oft verschwinden dabei die Grenzen für die Teilnehmer*innen: Sind sie noch Zuschauer*innen oder Teil einer Inszenierung? Eine Erfahrung, die uns Zuschauer*innen immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, da wir ungeschützt ohne die vierte Wand des Theaterraumes Schauspieler*innen an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Situationen begegnen.

Szenenfoto „Remake::Rosemarie“ © Heinz Holzmann
Szenenfoto „Remake::Rosemarie“ © Heinz Holzmann

Eine andere Form, die das Trio entwickelt hat, ist die, dass die Zuschauer*innen in verschiedene Gruppen aufgeteilt sind – durch die Informationen / Anweisungen mittels Kopfhörer getrennt. Alle bewegen sich im gleichen Raum. Richten allerdings Auge und Ohr – gelenkt durch die Anweisungen mittels Kopfhörer – auf unterschiedliche Situationen und Personen im Raum. Auch dies eine Erfahrung der eher seltenen Art – allerdings aus meiner Sicht weitaus weniger spektakulär und erlebnisreich als die Eins-zu Eins-Arbeiten.

Für den in München geborenen Theatermacher Mikeska, der zunächst einmal theoretische Physik in Heidelberg und Hamburg studierte, ist der Zuschauer / die Zuschauerin das Wichtigste im Theater. Näher an den Spieler*innen dran sein wollen – eine Sehnsucht, die ihn, seit er selbst Zuschauer im Theater war, umtreibt. Und das spürt man bei all seinen Eins-zu-Eins-Arbeiten, die er mittlerweile an vielen Theatern der Republik umsetzt.

Es ist nicht nur die Suche nach Nähe, die die Arbeiten des Regisseurs beflügeln. Es sind auch grundsätzliche Fragen wie die nach dem Aufbau der Welt, dem Funktionieren des Universums und unserem Begriff von Zeit, die ihn beschäftigen. Und er ist der Meinung, dass sich Wissenschaft und Kunst gegenseitig ergänzen und inspirieren können. Als Physiker habe er sich immer gefreut, wenn am Ende einer Berechnung eine ästhetisch schöne Formel stand. Und als Theatermacher suche er in seinen Arbeiten auch nach einer in sich geschlossenen Form, die eine bestimmte Ästhetik schon in sich trage.

Wirksam und eindringlich

Mikeskas Arbeiten fordern viel von den Zuschauer*innen. Es geht um Aufmerksamkeit und Konzentration. Und immer wieder um den Wechsel der Perspektiven. Alle Beteiligten sollen zu ihrem Recht kommen. Und wir als Zuschauer*innen müssen unsere eigene Sicht auf die Dinge, die Situationen, die Geschichten finden. Und dabei auch erfahren, dass unsere Wahrnehmung sich im Laufe der Zeit verändert. Erinnerungen unsere Sicht auf die Gegenwart beeinflussen.

Kommen wir noch einmal zurück zu „Remake::Rosemarie“: Nachdem man die Wohnung der Edelprostituierten verlassen hatte, befand man sich fast alleine im Foyer des Theaters. Hier konnte man sich sammeln und wieder in die Realität zurückkehren. Wenn man das Bedürfnis nach Austausch hatte, konnte man seine Gedanken und Gefühle in ein ausliegendes Gästebuch schreiben.

Wie wirksam und eindringlich diese Arbeiten sind, konnte ich in einer Situation selbst erfahren. Eine Teilnehmerin kam mit verklärten Augen zurück, ging zum Gästebuch und schrieb etwas hinein. Ihr Ehemann, neugierig geworden, fragte, was sie denn geschrieben habe. „Sage ich nicht!“ war ihre Antwort. Neugierig geworden schauten sowohl der Ehemann als auch ich in das Gästebuch, und besonders der Ehemann schüttelt verwundert den Kopf, als er lesen musste: „Ich muss dich unbedingt wiedersehen. Du riechst so gut!“

Was aus dem Paar geworden ist, weiß ich nicht. Die Geschichte aber zeigt, wie wirkungsvoll und erlebnisreich solche Installationen und Arbeiten des Trios sind / sein können und welche Gefühle dabei entstehen können.

So sind die drei eine wirkliche Bereicherung für uns Zuschauer*innen mit sehr eigener Handschrift. Mittlerweile von vielen Theatern angefragt, kann ich daher nur empfehlen, sich solchen Eins-zu-Eins-Arbeiten auszusetzen. Man wird es nicht bereuen. Ab dem 5. Mai 2018 ist ihre neuste Arbeit „Playing::Karlstadt“ in München zu erleben.

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erstellt am 01.5.2018

Szenenfoto „Remake::Rosemarie“ © Heinz Holzmann

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