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In Stuttgart werden die Kurzopern „Der Gefangene“ von Luigi Dallapiccola und „Das Gehege“ von Wolfgang Rihm zu einem zweistündigen Abend zusammengefasst, an dem Andrea Breth Regie führt. Die Junge Oper zeigt das dystopische Stück „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ von Marius Felix Lange. Thomas Rothschild hat beide Inszenierungen besucht.

Oper

Eine Welt hinter Gittern

Musikalisch haben der Italiener Luigi Dallapiccola und der 48 Jahre jüngere Wolfgang Rihm, der mit breitem Konsens als der bedeutendste lebende deutsche Komponist eingeschätzt wird, nicht so arg viel gemeinsam. Das gilt freilich auch für Béla Bartók und Arnold Schönberg, deren „Herzog Blaubarts Burg“ und „Erwartung“ auf der Bühne gerne gekoppelt werden. Es ist offenbar die Thematik der Libretti, welche die Oper Stuttgart in ihrer Koproduktion mit dem Brüsseler Théâtre de la Monnaie die Einakter „Der Gefangene“ und „Das Gehege“ an einem Abend zusammen bringen ließ. Dallapiccolas „Gefangener“ von 1949 folgt der Novelle „Folter durch Hoffnung“ des französischen Symbolisten Auguste de Villiers de l’Isle-Adam, die der Komponist andeutungsweise in die Welt von Charles De Costers Ulenspiegel-Roman transferiert hat. Wolfgang Rihm wiederum hat sich für seine Einpersonenoper „Das Gehege“ von 2005 – Rihm nennt sie eine „Nachtszene für Sopran und Orchester“ – einen Auszug aus dem Theaterstück „Schlusschor“ von Botho Strauß geliehen. „Das Gehege“ ist im Auftrag der Bayerischen Staatsoper, als Vorspiel zur „Salome“ von Richard Strauss, entstanden und wurde mittlerweile in unterschiedlichen Kombinationen aufgeführt.

In beiden Kurzopern geht es um die Dialektik von Freiheit und Unterdrückung. Es handelt sich um eine Problematik, die wohl wegen ihrer Nähe zu realen Erfahrungen – modernes Stichwort: Stockholm-Syndrom – durch die Literaturgeschichte geistert, von Dostojewski und Kafka bis zu Camus und zu Dallapiccolas Altersgenossen Sartre.

Verbunden werden die beiden Werke in Stuttgart wie in Brüssel durch die spanische Sopranistin Ángeles Blancas Gulin, deren Eltern beide bereits berühmte Opernsänger waren. 2010 sagte sie in einem Interview: „Ich kann nicht leugnen, dass es mir natürlich gefallen würde, in Theatern zu singen, wo ich es noch nicht getan habe, wie der Metropolitan in New York oder der Opéra Bastille in Paris.“ Jetzt war sie am Stuttgarter Eckensee zu sehen und zu hören, und es wurde zu einer Sternstunde der zu Ende gehenden Intendanz Jossi Wielers, zu einem Bekenntnis auch zur Oper als szenisch anspruchsvollem, nicht aber unbedingt üppigem Unternehmen.

Regie führt an diesem zweistündigen Opernabend Andrea Breth, die vor dreieinhalb Jahren mit Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“, ebenfalls einer Koproduktion mit La Monnaie und mit dem für die aktuelle Produktion nach Stuttgart zurückkehrenden französischen Dirigenten Franck Ollu, auf allgemeine Begeisterung traf. In der Rolle des Gefangenen begegnet man Georg Nigl, dem gefeierten Stuttgarter Lenz und dem Aschenbach aus Benjamin Brittens „Tod in Venedig“, wieder, und auch er sorgte, zusammen mit Ángeles Blancas Gulin, für ein kaum überbietbares musikalisches Niveau. Das Bühnenbild stammt einmal mehr vom Favoriten der Regisseurin, von Martin Zehetgruber. Er hat für Dallapiccola einen von innen erleuchteten Käfig auf die verdunkelte Bühne gestellt, der sich bei Rihm vervielfacht.

Bühnenbild von Martin Zehetgruber: „Der Gefangene“ an der Oper Stuttgart, Foto: Bernd Uhlig

Dieses Bühnenbild fügt sich kongenial in Andrea Breths minimalistische Konzeption. Ihre legendäre Inszenierung von Schillers „Don Karlos“ im Jahr 2004 – Don Carlos kommt auch in Dallapiccolas „Gefangenem“ vor – oder von John Hopkins‘ „Diese Geschichte von Ihnen“ erst kürzlich prädestiniert sie für die düsteren, gewiss nicht erbaulichen Sujets von Dallapiccola und Rihm. Ihre Ernsthaftigkeit und Genauigkeit passen auch optimal in die der intellektuellen Herausforderung niemals ausweichende Stuttgarter Dramaturgie. Andrea Breth besteht zwar darauf und hat bewiesen, dass sie auch das komische Fache beherrscht, aber ihre Stärke sind ohne Zweifel die beklemmenden Stoffe.

In ihrer Ankündigung zitiert die Oper die These, Dallapiccolas früher häufig aufgeführter „Gefangener“ reagiere auf den zur Zeit der Entstehung sich verschärfenden Kalten Krieg, wie Rihm oder vielmehr Botho Strauß das Ende des Kalten Kriegs im Auge gehabt habe, als er seinen Monolog in der Nacht der Berliner Maueröffnung ansiedelte. Andrea Breth hat beide Stücke, wie zu erwarten, nicht als Rückblick auf eine historische Vergangenheit inszeniert. Dafür sind sie zu allgemeingültig – wie die Werke von Dostojewski und Kafka, von Camus und Sartre. Ganz offensichtlich gilt für die Regisseurin, die in der Oper mittlerweile nicht weniger zu Hause ist als im Sprechtheater, der Grundsatz „prima la musica“, allerdings nicht „poi le parole“ – die Worte nimmt sie bei Dallapiccola wie bei Rihm ebenso ernst wie die Musik –, aber poi la scena. Insbesondere beim „Gefangenen“ gliedert sie den Ablauf durch Blackouts in eine Bilderfolge, die an Darstellungen des Kreuzwegs denken lässt. Diese Kurzoper gleicht, auch durch den unsichtbaren Chor, einer existenzialistischen Messe. Am Schluss wird „die Freiheit“ gefesselt abgeführt.

„Das Gehege“ macht es der Regie durch seinen solistischen Charakter schwerer. Andrea Breth stellt der Frau fünf stumme Figuren zur Seite, die, multipliziert, den Adler verkörpern, mit dem sich die Frau auseinanderzusetzen hat. Auch hier lenkt das Visuelle nicht von der Musik ab. Es schafft eher eine Stimmung als ein Geschehen.

Nicht zu Ende gedacht

Ein Maschendrahtzaun mit einer Stacheldrahtkrone dominiert auch am nächsten Abend, bei der Jungen Oper, die Bühne. Das Auftragswerk „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ von Marius Felix Lange nach dem Buch der Dänin Janne Teller, ergänzt mit „Gedichtinseln“ von Nora Gomringer, wird für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen. Ob deren Deutschunterricht ausreicht, um die hochverschlüsselten, mit Metaphern überfrachteten Texte zu verstehen, die an die Rückwand projiziert werden, beispielsweise: „drum schreibt sich fort, was in den Seiten Nebel ist/ in stets veränderlichem Jetzt, in einem ständig andren Hier“, bleibt eine offene Frage.

Gewiss, man sollte Jugendliche weder musikalisch, noch sprachlich, noch inhaltlich unterfordern, aber wenn man verstanden werden will, muss man sich schon ein paar Gedanken machen. In der Inszenierung von Elena Tzavara wirkt vieles nicht zu Ende gedacht, unentschlossen. Da beamt man die Texte an die Wand, weil man, zu Recht, nicht darauf vertraut, dass sie, gesungen, verständlich sind, achtet aber nicht darauf, dass sie teilweise vom Gitterzaun verdeckt und von der Lichtregie in den Schatten gedrängt werden. Da engagiert man einen Schauspieler – Matthias Jahrmärker –, der für die Story zuständig ist, Artikulation aber für einen verzichtbaren Luxus zu halten scheint. Da stülpt man den Sängern – hervorragend: Aïsha Tümmler und Ipča Ramanoviċć – sowie dem stummen Jungen kurz überdimensionale Ganzkopfmasken über, die man gleich darauf vergisst: ein Gag ohne Folgen. Auch die Kostüme von Elisabeth Vogetseder mögen sich nicht so recht zwischen der Knalligkeit von Comics, kitschigen Tüllkleidern wie aus einem surrealistischen Film und realistischen Andeutungen entscheiden. Neben eine Mutter mit zerfetzter Fahne und einen Mann mit Krücke stellt die Inszenierung das Kind als Mickymaus mit Gasmaske. Dix plus Heartfield plus Walt Disney. Uff.

„Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“, Junge Oper Stuttgart, Foto: Christoph Kalscheuer

Wolfgang Neuss hat in einem seiner Programme die rhetorische Frage gestellt, in welche Richtung die Flüchtlingsströme zögen, wenn in der DDR Milch und Honig flösse. Janne Tellers Geschichte folgt dem gleichen Muster der Umkehrung. Nicht in Syrien, sondern in Deutschland herrscht Krieg, und eine Familie flüchtet nach Ägypten, um dort all das zu erfahren, was Flüchtlinge erleben, die in der Realität zu uns kommen. Es ist ein schlichtes, aber durchaus aufklärerisches Modell.

Das Schreckensszenario, das die Aufführung gleich zu Beginn entwirft, ist geeignet, auch bei Erwachsenen Alpträume auszulösen. Drastisch wird das Flüchtlingselend ausgemalt, und doch ist es die bessere Alternative angesichts des Kriegs in Europa. Nach dessen Ende existieren in Tellers Dystopie Teilstaaten in einem autokratischen Europa unter französischer Oberherrschaft. An der Prämisse, dass der Zerfall der EU zu einem Krieg führen würde und die Franzosen, der Erzfeind von einst, die Vormachtstellung anstrebten, wird kein Zweifel zugelassen. Der Erzähler spinnt auf offener Bühne rosa Zuckerwatte und röstet Popcorn, das er in einer kleinen Tüte unter den Zuschauern verteilt. Seine Alltagssprache kontrastiert zu den poetischen Liedtexten. Er spricht ein „Du“ an, das mit sechzehn Jahren Kuchen verkaufen muss, statt ins Gymnasium zu gehen. Der Vater war Professor für Geschichte, die Mutter im Umweltministerium beschäftigt. (Ob das das Milieu ist, mit dem sich die Mehrheit der Jugendlichen im Publikum identifizieren können, oder nicht doch eher das Milieu der Autorin?)

Kinder wachsen in dieser spiegelverkehrten Wirklichkeit im Exil als Ägypter auf und kennen den Koran besser als die Bibel. Was würde Markus Söder wohl davon halten? Der personifizierte Krieg zitiert Clausewitz: „Ich bin der Vater aller Din…“ Und dann die wenig ermutigende Pointe: Der Krieg ist unbesiegbar. Er ist „ein altes, zähes, unverdaulich‘ Tier“. „Für alle ab 14 Jahren.“

Die Musik für ein Streichquartett, bei der Premiere vom für seine Kinder- und Familienopern bekannten Komponisten dirigiert, ist stilistisch schwer einzuordnen, aber wohl kaum, wie es eine Besprechung anlässlich Langes Kinderoper „Die Schneekönigin“ formulierte, „kindgerecht“ (was immer das sein mag). Sie kommt über längere Strecken atonal daher, zitiert aber auch das Deutschlandlied oder eine Fuge, imitiert eine stehengebliebene Uhr mit gezupften Saiten. Damit hatte das Publikum keine Probleme. Heftiger Uraufführungsapplaus für alle.

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Kommentare


Marius Felix Lange - ( 03-05-2018 09:46:01 )
Sehr geehrter Herr Rothschild,
das Zitat, der Krieg sei der Vater aller Dinge stammt von Heraklit. Von Clausewitz stammt der Ausspruch, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
MfG Marius Felix Lange

Matthias Jahrmärker - ( 03-05-2018 12:32:10 )
Sehr geehrter Herr Rothschild!
Es freut mich außerordentlich, daß Sie als Mann der Bibliotheken ins Theater gehen, zudem auch ins Jugendtheater.
Vielen Dank auch, daß Sie sich die Mühe machten, sich mit Musik, Regie und gesprochenem Wort zu befassen. Das ist für Literaturwissenschaftler nicht selbstverständlich und verdient Anerkennung. Etwas überrascht bin ich (und natürlich muß ich darauf Bezug nehmen - Sie sind der erste Kritiker überhaupt,der Antwort erhält) ob Ihrer Äußerung bezüglich meiner Textverständlichkeit und schlechter Artikulation. Heißt es doch, Sie seien Experte im Bereich des politischen Liedes. Man stelle sich vor, ein Text dieser inhaltlichen Kraft und Brisanz, in all seinen zum Teil recht drastischen Schilderungen von Krieg, Verlust, Zerstörung wäre mit erhobenem Zeigefinger und überdeutlicher Artikulation proklamiert worden... Niemand hielte das aus. Fakt. Weiterhin muß ich mit einem Schmunzeln feststellen, wie irre es wäre, wenn John Lennon, Bob Dylan, Joan Baez, Konstantin Wecker, Billy Bragg, Hans-Eckhard Wenzel (um nur einige zu nennen) dieses täten....verwirrende Vorstellung. Die Sprachwissenschaftler, die ich kenne, wissen um die vielen Ebenen der Sprache. Da ich für gewöhnlich eben genau wegen meiner überaus großen Textverständlichkeit gebucht werde, liegt die Vermutung nahe, es könne sich um Absicht in der sprachlichen Handhabung und Gestaltung des Textes handeln. Es gibt ja glücklicherweise einige Schauspieler, die sich dieser Mechanismen bewußt sind und selbige einsetzen. Unterhalten Sie sich doch mal mit einem, das könnte aufschlußreich für zukünftige Kritiken sein...
Mit freundlichen Grüßen, Jahrmärker

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erstellt am 30.4.2018

„Der Gefangene“ an der Oper Stuttgart, Foto: Bernd Uhlig

Ein Musiktheaterabend

Der Gefangene / Das Gehege

Opern von Luigi Dallapiccola und Wolfgang Rihm
in italienischer und deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Franck Ollu, Regie: Andrea Breth, Bühne: Martin Zehetgruber

Oper Stuttgart

Kammeroper für alle ab 14 Jahren

Krieg. Stell dir vor, er wäre hier

von Marius Felix Lange
nach dem gleichnamigen Buch von Janne Teller und mit Gedichtinseln von Nora Gomringer

Musikalische Leitung: Marius Felix Lange, Benjamin Hartmann, Regie: Elena Tzavara, Ausstattung: Elisabeth Vogetseder

Junge Oper Stuttgart