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Nava Ebrahimi hat 2017 für „Sechzehn Wörter“ den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt bekommen. In ihrem Erstling schickt die Wahl-Grazerin ihre Erzählerin Mona auf eine Reise zwischen Köln und Iran. Warum der Roman mehr ist als eine Homecoming-Story und trotz einiger gängiger Iran-Motive keine Klischees reproduziert, beleuchtet Maryam Aras.

Postmigrantisches Erzählen

Der Pferdeschwanz der Anderen

'Nava Ebrahimi nimmt uns mit auf eine melancholisch-poetische Reise durch ein unbekanntes Land, dessen Bewohner keineswegs von Angst und Resignation beherrscht werden, sondern dem alltäglichen Wahnsinn mit anarchischer Improvisationskunst und abgründigem Humor begegnen.' – der Teil der Leseempfehlung des Schriftstellers Christoph Peters, den der Verlag für den Buchrücken von Nava Ebrahimis Roman ausgesucht hat, ist irreführend, zum Glück. Nein, dieser Roman ist kein Fiktion gewordener 'Blick hinter den Schleier'. Stattdessen erzählt er die Geschichte eines ganz normalen Lebens im Dazwischen – zwischen Köln und Teheran, zwischen Deutsch und Persisch, zwischen kindlichem Im-Moment-Sein und Selbstzweifel.

Mona Nazemi ist 34, geboren in Teheran, aufgewachsen in Köln. Ehemalige Journalistin, mittlerweile Ghostwriterin eines Ghostwriters für Celebrity-Autobiographien. Als ihre Großmutter im Iran stirbt, reist sie mit ihrer Mutter zur Beerdigung nach Maschhad, dann nach Teheran, und schließlich in die Wüstenstadt Bam. Aus der Distanz nimmt die Fragilität ihres Kölner Lebens Kontur an:

„Glück? Nach drei Bier auf der Tanzfläche, über mir viel Raum, durch mich hindurch ein Bass, der alles in Schwingung versetzt, um mich herum Menschen, deren Gesichter mir bekannt vorkommen, die ich manchmal zufällig streife, die genau wie ich darauf warten, dass der DJ sein Versprechen einlöst, dass er aufhört, sich und uns zu zügeln und dann ist es endlich so weit, der Damm bricht, und uns erfasst eine riesige Welle. Ich erinnere mich, dass das so etwas wie Glück für mich war, bevor ich vor knapp einer Woche in das Flugzeug nach Teheran gestiegen bin.“

Ein Leben auf leisen Sohlen

Als 4-Jährige kommt Mona mit ihrer Mutter nach Deutschland. Die roten Lackschuhe, die ihr die Großmutter zum Abschied geschenkt hat, sind im Flugzeug verschwunden. So geht sie auf Strümpfen in ihr neues Leben. Das hat in Ebrahimis Metaphorik nichts mit Bodenhaftung zu tun, im Gegenteil: Es steht für ein ewiges Provisorium, ein Leben auf leisen Sohlen. Mona macht es sich zur Aufgabe, keine Spuren zu hinterlassen – unterstützt die Mutter, ist gut in der Schule, bleibt, so wie ihr Teint, aschfahl. Ghostwriterin eines Ghostwriters. Dazu gehört auch, Unaussprechliches wegzuschließen. Wie die Erinnerungen an seltene Momente der Geborgenheit, in denen ihr Vater sie liebevoll Dschudschu, Kücken, nannte. An deutsche Liebschaften, die nicht wirklich an ihr interessiert waren und an einen iranischen Freund, den sie nicht ertragen konnte. Erinnerungen daran wie es war, als dunkles Kind im Deutschland der 1980er Jahre groß zu werden. Neben Monas Reise sind diese Erinnerungsfetzen Teil des Romans, der sich um sechzehn persische Wörter oder Begriffe herum entfaltet, die Mona sich zum ersten Mal zu übersetzen traut. Es sind Wörter Wie Anar (Granatapfel), Narmkonande (Haarspülung, wörtlich Weichmacher), Gharibe-Dust (Fremdenfreund) oder Kos (Fotze). Jedes Wort schlägt seine Umlaufbahn in Monas Lebensgeschichte und ergänzt in Flashbacks die Rahmenhandlung der Reise. So gesehen ist der Roman ein klassisches Roadmovie – eine Reise, die zur Reise ins Innere der Protagonistin wird. Doch die besondere Ästhetik der Geschichte wird weniger durch diese Form bestimmt, als durch aufglimmende Szenen, in denen es Ebrahimi gelingt, die Verletzlichkeit ihrer Figuren mal sprachgewaltig mal subtil einzufangen.

Darüber hinaus hat Nava Ebrahimi eine Erzählung für Bindestrich-Identitäten geschaffen. Vor allem für uns Brown Girls, die in einer Umgebung aufgewachsen sind, in die sie nicht zu gehören schienen. In den 1980ern und 90ern in Vorstadtdeutschland ein Child of Color zu sein war kein Vergnügen. Ob hier geboren oder früh eingewandert, wir teilen ähnliche Erfahrungen: Das vage Gefühl, dass etwas nicht stimmt, mit mir. Nie ganz so zu sein wie die anderen, warum auch immer. Zu früh erwachsen zu werden, weil das dumpfe Gefühl, sich selbst von außen beobachten zu müssen um nicht aufzufallen, das nun mal mit einem macht. Bei Beamtengängen der ständige Kampf der Eltern, ihre und damit auch unsere Würde nicht zu verlieren. All das schildert Ebrahimi eindringlich und plastisch, erträglich macht es ihr Humor.

Eine der größten Stärken des Romans ist es, den frühen Verlust der kindlichen Unbeschwertheit erzählerisch so zu verdichten, dass es manchmal weh tut. Die Verheißung einer rosaroten Kindheit bündelt sie in dem Bild des fröhlich wippenden blonden Pferdeschwanzes der Sandkastenfreundin Clara. Wie haben wir diese Pferdeschwänze beneidet! So leicht und dynamisch. „Mein Haar“, schreibt Ebrahimi, „hatte wie eine Betondecke auf den Schultern gelegen und sich nie von selbst bewegt. Wenn ich es zu einem Pferdeschwanz zusammenband, fühlte es sich an, als zöge eine dunkle Kraft meinen Kopf nach hinten. Manchmal bekam ich Kopfschmerzen davon. Und an der Stelle, an der das Haargummi saß, so etwas wie Haarmuskelkater.“ Überhaupt ist das körperliche Erleben von Fremdheit und Verlorensein in Sechzehn Wörter von immenser Kraft. Im Kapitel „Narmkonande“ erinnert Mona sich, wie sie mit neun Jahren in der Badewanne des Vaters sitzt und versucht, beim Waschen ihr Haar zu bändigen. Aber es gibt nur den Narmkonande für dünne Haare von Swantje, der Freundin des Vaters. Die wird vor der Tür nervös. Monas Frösteln während der Kämmversuche, die Störrigkeit des Haars, das in Büscheln ausgerissen wird. Die Unbeteiligtheit des Vaters, Swantjes Überforderung mit dem für sie Fremden. So bleibt Mona meist allein in ihrer Welt. Zum Abendessen gibt es nur Butterbrot. Der Tee, das einzig Wärmende, ist längst kalt.

Kein Zurück zum Vorstadtdeutschland

Eigentlich hat sie nicht vorgehabt, etwas zu der aktuellen Whiteness-Debatte zu schreiben, sagt Ebrahimi. Sie habe von Emigration und wie es war, als iranisches Kind in Deutschland aufzuwachen schreiben wollen. Doch ihr Buch macht deutlich, was sich alles hinter diesen scheinbar abgrenzbaren Stationen verbirgt. Das macht Stimmen wie die von ihr oder Fatma Aydemir so wichtig. Ein Zurück zum weißen Vorstadtdeutschland gibt es nicht, alte Heimatphantasien einiger, die ihre Privilegien davonschwimmen sehen, zum Trotz. Der englischsprachige intersektionale Feminismus, der den Kampf gegen Race-, Class- und Gender-Diskriminierung gleichstellt, zeigt hier, wohin es geht.

Sechzehn Wörter ist jedoch nicht nur die äußerst gelungene Fiktionalisierung einer postmigrantischen Biographie, sondern auch ein virtuos komponierter Roman, dessen Spannungsbogen die Autorin gekonnt aufbaut. Ihr Buch ist fesselnd, witzig und – so viel darf verraten werden – endet mit einem Urknall von Pointe.

Was ist Glück? Diese Frage ist untrennbar mit der Frage nach der eigenen Identität verbunden, die in Ebrahimis Roman im Mittelpunkt steht. „In der Vagheit fühle ich mich geborgen“, schreibt sie an einer Stelle. Als Mona aus dem Iran zurückkehrt, fällt ihr, zu Hause in Köln angekommen, das Gedicht „Wiedergeburt“ von Forugh Farrokhzᾱd ein:

Das Leben ist vielleicht
Eine lange Straße, die eine Frau mit einem Korb
täglich entlanggeht
Das Leben ist vielleicht
Ein Strick, mit dem ein Mann sich
an einem Ast erhängt
Das Leben ist vielleicht ein Kind,
das aus der Schule heimkehrt

Eine Auflösung gibt es selbstverständlich nicht. Mona streift weder ihre Herkunft ab, noch macht sie sich daran, eine andere zu werden. Das Leben ist vielleicht eben ein Kind, das aus der Schule heimkehrt.

Nava Ebrahimi liest aus ihrem Roman „Sechzehn Wörter“

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erstellt am 27.4.2018

Nava Ebrahimi
Sechzehn Wörter
Roman
Gebunden, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-75679-7
btb Verlag, München 2017

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